Eva Holzmair

Der Verdrüssliche


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      Eva Holzmair

      Der Verdrüssliche

      Roman

      Impressum

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      Alle Rechte vorbehalten

      Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

      Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

      Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

      unter Verwendung eines Bildes von: Digital image courtesy of the Getty's Open Content Program.

      Franz Xaver Messerschmidt (German, 1736-1783)

      The Vexed Man, 1771–1783, Alabaster

      39.4 × 27.3 × 26 cm (15 1/2 × 10 3/4 × 10 1/4 in.), 2008.4

      The J. Paul Getty Museum, Los Angeles

      ISBN 978-3-8392-6722-6

      Zitat

      Der Stein der Weisen sieht dem Stein der Narren zum Verwechseln ähnlich.

      Joachim Ringelnatz

      Widmung

      Für Elke und Meinhard,

      die mich mit dem Verdrüsslichen zusammenbrachten

      Prolog

      An einem heißen Frühsommertag des Jahres 1781 schaut ein in zerschlissenen Beinkleidern und fleckigem Schurz gekleideter Mann mit flackerndem Blick hoch zur Decke seines Hauses im Preßburger Vorort Zuckermandel und flucht:

      »Ihr Flöhbeutel, ihr erbärmlichen! Aus dem Hinterhalt dalcken, das könnt ihr gar bald, aber aufrecht kämpfen, nein. Zur Höll mit euch Galgenschwengel, vermaledeites Gesindel!«

      Seine Stirnadern treten hervor, er reckt das Kinn, zieht am Strick, den er um seinen Hals gezurrt hat. Die Haut wund gescheuert, blutig. Krämpfe durchzucken sein Gesicht. Der Adamsapfel rast auf und ab. Schlucken. Er muss schlucken. Itzo.

      »Ahhh.«

      Der Schlund ist frei. Bis dorthin sind die Geister noch nicht vorgedrungen, nur im Gesicht, im Nacken, da toben sie sich aus. Er schließt die Augen, reißt sie aber sofort wieder auf. Er darf nicht erlahmen. Das wäre fatal. Die Luft erzittert, Blitze blenden ihn. Wer ist dareingefahren? Etwa gar die Affengesichter? Dort drüben am Fenster hocken sie. Wie höhnisch sie lachen.

      »Wartet nur, ihr Schandmäuler!«

      Er fasst nach winzigen Stöckchen und versucht, sie zwischen die Unter- und Oberlider zu klemmen. Immer wieder rutscht er ab, weil das Holz so fein abgerundet ist, die Hände gar wüst zittern und die Lider zucken. Sie wollen nicht festgehalten werden. Endlich hat er es geschafft.

      »Ich werde die Herren im Auge behalten. Mich cujonieren, das täte euch Spitzbuben so passen!«

      Sein Blick fällt auf eine halboffene Lade, aus der Perücken und Bänder hervorquellen. Hastig betastet er da einen Zopf, zerwühlt dort eine Locke und zieht zu guter Letzt ein blaues Tuch hervor, das er um Stirn und Hinterkopf windet. Er stutzt.

      »Meine Köpf! Falsch die Formation. So wird daraus kein Bataillon.«

      Schon stürzt er sich auf seine Werkstücke, stößt und stemmt die Misslaunigen nach hinten, schiebt und schleppt die Spötter nach vorn.

      »Lacht nur mit den Affengesichtern um die Wette! Was für ein Fracas, was für ein Schlachtenlärm!«

      Schweiß rinnt unterm Tuch hervor, nässt Haar und Brauen, tröpfelt in seinen Nacken, seine Augen. Er spürt das Brennen kaum, so sehr ist er mit der Umstellung beschäftigt. Die rotunterlaufenen Augen zwischen den aufgespreizten Lidern suchen den Raum ab. Mit gerecktem Zeigefinger weist er zur Rückwand.

      »Dort ist er, der Hundsfütt. Hinfort mit ihm!«

      Er packt einen Reisigbesen. Die Hände krampfen. Er muss den Besen loslassen. Hilfesuchend schaut er zu seinen Kopfstücken.

      »Ach, was seid ihr doch für Bärenhäuter.«

      Sie taugen nicht. Er braucht einen neuen Kopf. Den ihren. Akkurat den ihren. Hat er doch gespürt, wie gut sich ihr Samthaar anfühlt. Es wird die Nackenbeißer vertreiben. Mit ihm wird er den Spuk bezwingen, den Schmerz kurieren, Ruhe finden. Doch schon zuckt er erneut zusammen.

      »Ist das itzund eine Trud, die an den Ohren zwackt?«

      Er zerrt den Strick vom Hals, schlägt damit um sich, stolpert und stürzt vornüber zu Boden. Erschöpft bleibt er liegen. Staub dringt in die Nase, in den offenen Mund. Unter Niesen und Husten setzt er sich auf, wischt mit dem Handrücken Rotz und Speichel ab, befühlt die Lider, die Holzstifte sind noch da, greift nach den Ohrmuscheln, sie schmerzen nicht mehr.

      »Meine Köpf, sie haben die Trud vertrieben. Ach, was seyn sie doch für brave Soldaten!«

      Vorsichtig steht er auf und geht zum Spiegel, aus dem ihm sein verzerrtes Gesicht entgegenglotzt. Er ist bereit. Der Mann greift nach Blatt und Stift. Hinter ihm die Kopfstücke. Sie halten die Reihen dicht, damit die Kobolde nicht durchkommen. Der Mann strichelt die ersten Linien: die hohe Stirn, die zwei Wülste zwischen den Augenbrauen, die griesgrämig gekräuselte Nase, den verkniffenen Mund, das abweisende Kinn, in dem Überdruss und Anspannung eine eigenwillige Alliance eingegangen sind, und die Halsfalten, die von den langen Zangen der Dämonen straff überdehnt seinen Adamsapfel umrahmen.

      Auweh, nun hat doch ein Plagegeist die Phalanx durchbrochen. Der Mann lässt sich nicht beirren. Er wird weiterzeichnen, die Lippen aufeinandergepresst. Keinen Laut wird er von sich geben, nur schauen und festhalten, bis der letzte Spießgeselle den Rückzug angetreten hat und er wieder sein eigener Herr, der Meister über Kopf, Hände und Füße, der Befehlshaber in Haus, Hof und Werkstatt ist.

      I.

      Carola Broggiato kramt umständlich nach dem Tablet. Schon wieder hat es sich verheddert. Weil sie immer alles ins gleiche Fach geben muss! Energisch schüttelt sie den kleinen PC, bis der Schlüsselbund runter und zurück in die Tasche fällt. Schön pomali, Frau Hofrat, hat der Arzt gesagt. Der hat gut reden. Viel Zeit bleibt ihr nicht. Doch so hektisch braucht sie auch wieder nicht zu sein. Was macht sie überhaupt hier? Antworten auf die Fragen, die sie seit heute Morgen bedrängen, wird sie keine finden, aber Hilfe beim Ordnen der Gedanken. Carola atmet tief durch und streicht kreisend über die unangenehm spannenden Operationsnarben, ehe sie zu den Plastiken im