Arno Boes

Rudern


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erleben kann. Mancher möchte seinen Sport betreiben ohne Verantwortung für andere – ein anderer findet im Engagement für die Gemeinschaft seine Erfüllung, in die er sich mit seinem Wissen und Können einbringen kann. Mancher möchte mit seiner Familie oder seinem Freundeskreis in der Freizeit spontan etwas unternehmen – ein anderer fühlt sich in einem längerfristig geplanten und zielorientierten Ablauf mit Training und Wettkampf am wohlsten.

      Diese Aufzählung kann man sicher noch um viele Aspekte des Sporttreibens erweitern. Aber auch so wird schnell klar, dass nicht viele Sportarten all diese Wünsche erfüllen können. Es soll nicht überbewertet werden, aber die Sportart Rudern kommt einem solchen Profil sicher sehr nah. Sie bietet viele Facetten, individuell im Einer bis zum Mannschaftserlebnis im Großboot, von der entspannten Ausfahrt bis zum Wettkampfsport in vielen Alters- und Leistungsklassen, von der Fahrt über ein paar Stunden oder gar Tage bis hin zum regelmäßigen, zielgerichteten Training mehrmals die Woche mit der Teilnahme an Regatten. Dieses Buch stellt viele Möglichkeiten vor, die der Rudersport bietet, um den individuellen Wünschen an die eigene sportliche Aktivität gerecht zu werden.

      Fragt man den sportlich interessierten Laien, was ihm zur Sportart Rudern einfällt, dann werden sicher die Begriffe „Deutschlandachter“, „olympische Medaillen“, „Einerduelle“ oder vielleicht auch noch „Oxford-Cambridge“ genannt. Das sind die Schlaglichter, die vor allem über die Medien immer wieder in die Öffentlichkeit getragen werden und die zu Recht als Synonyme für die Sportart Rudern bekannt sind.

      Dass aber Rudern schon seit Tausenden von Jahren von den Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen betrieben wird und als Sportart auf eine weit über 200 Jahre alte Tradition zurückblicken kann, ist dann doch eher nur den Experten bekannt. Auch darauf blicken wir in diesem Buch und stellen das Rudern als eine der ältesten betriebenen Sportarten der Welt vor.

      Gerade während der Entstehung dieses Buchs gerieten die Olympischen Spiele durch die Corona-Pandemie in schweres Fahrwasser. Ob wir sie tatsächlich noch um ein Jahr verschoben in Tokio erleben werden, wurde beim Schreiben des letzten Kapitels noch intensiv diskutiert. Vielleicht werden wir erst 2024 wieder eine olympische Regatta um Gold, Silber und Bronze verfolgen können. Dennoch, die Olympischen Spiele sind für die Sportart Rudern die wichtigste Bühne, auf der sie sich seit 1896 präsentieren kann. Und sie haben das Bild des Ruderns und seiner Aktiven in der Öffentlichkeit geprägt. Die Bilder von quälend harten Rennen über eine 2.000 Meter lange Strecke bis zur völligen körperlichen Erschöpfung werden auch von Nichtruderern mindestens alle vier Jahre mit Spannung verfolgt.

      Wenn deutsche Mannschaften mit Medaillenaussichten bei den Weltmeisterschaften in den nicht olympischen Jahren am Start sind, schauen viele Sportfans ebenfalls zu und fiebern bei den Rennen mit. Doch Rudern ist viel mehr, als diese Wettkämpfe der gut trainierten und auf die körperlichen Strapazen vorbereiteten Aktiven vermitteln. Auch wer über weit weniger körperliche Physis und Kondition verfügt, kann ins Bootsteigen und im Rudern seine sportlichen Grenzen stecken und erreichen. Das gilt sowohl für den Leistungssport, viel mehr aber noch für das Freizeit- und Breitensportangebot, das die Sportart Rudern bereithält.

      Rudern ist seit jeher eine vom Mannschaftsgedanken geprägte Sportart, die vor allem eine Menge an Boots- und Sportmaterial erfordert. Das wird in Deutschland fast ausnahmslos von Vereinen bereitgestellt. Das bringt für den Einsteiger den Vorteil, dass der Start in den Rudersport relativ einfach ist und vor allem keine persönlich kostspielige Investition für Kleidung, Sportgerät oder individuelle Trainer erfordert. Auch auf diese Aspekte des Rudersports geht dieses Buch ein durch die Erklärung von Grundbegriffen, die Vorstellung von Ausbildungswegen und durch das Aufzeigen von sportlichen Entwicklungen. Getreu dem Untertitel vermittelt es dem Laien alles, was er als Aktiver oder auch ambitionierter Betrachter der Sportart wissen sollte.

      Zum besseren Verständnis sei hier noch erwähnt, dass der Begriff der „Mannschaft“ je nach Kontext bei der Beschreibung von Trainings- oder Rennsituationen auch für den Einer in diesem Buch angewendet ist. Auch wenn Rudern ausdrücklich eine Sportart für alle Geschlechter ist, wird in diesem Buch überwiegend die männliche Schreibweise genutzt, um einen durchgehenden Lesefluss zu ermöglichen.

      Für alle Leser, die schon selbst Erfahrungen im Rudern gesammelt haben, sei die Anmerkung erlaubt, dass in diesem Buch sicher viele, aber längst nicht alle vorhandenen und denkbaren Aspekte des Rudersports aufgeführt sind. Dafür beschert jede Fahrt im Boot, jede Regatta und jedes Rennen den Protagonisten ganz eigene Erlebnisse und Erfahrungen, auf die sie in ihrem Sportlerleben zurückblicken können. Und auch nicht alle Details aus Bootsbau und Technik, Wettkampfklassen und Training, Sportorganisation sowie Freizeit- und Breitensport können hier genannt und erklärt werden.

      Aber wer mit dem Wissen aus diesem Buch in die Sportart Rudern einsteigt, wird schnell mit ihr vertraut und lernt dann auch viele weitere Quellen kennen, aus denen er sein Wissen um den Rudersport erweitern kann. Vielleicht hilft dieses Buch ja auch dem erfahrenen Ruderer, seine Freunde, Bekannten oder Familienmitglieder für diese Sportart zu interessieren und zu gewinnen.

      In diesem Sinne steigen wir also ein in die komplexe, aber auch faszinierende Welt des Ruderns!

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      URSPRUNG, HISTORIE UND ENTWICKLUNG

      Blickt man auf die Sportszene unserer Tage, dann finden sich viele Sportarten, deren Ursprung in der reinen Freude an der Bewegung, der Verwendung von Alltagsgegenständen für die Freizeit, in der Lust auf Spiel und Spaß und natürlich auch im Wettbewerb mit anderen liegen. Etwas anders sieht es bei den Wassersportarten aus, deren Ursprünge meist schon tausende Jahre zurückliegen und wohl ursprünglich so gar nichts mit Freizeitvergnügen zu tun hatten. Spätestens als die Menschen der Frühzeit erkannten, dass Pflanzen und Bäume auf dem Wasser schwimmen und man sich sogar daraufsetzen konnte, ohne unterzugehen, war die Fortbewegung auf dem nassen Element erfunden.

      Mit einfachen Paddelschlägen mit den Händen kam man vorwärts und lange, bevor in der Antike der Grieche Archimedes die physikalischen Hebelgesetze definierte, hatten die Menschen erkannt, dass sie mit Hilfsmitteln wie Ästen und Stämmen von Bäumen diese Vorwärtsbewegung beschleunigen und erleichtern konnten. Die Grundlagen der Ruderbewegung beruhen also auf diesen Erfahrungen der Urmenschen und wenn man heute bei Wikipedia sich über die Hebelgesetze informiert, findet man eben das Rudern als anschauliches Beispiel, wie Physik hier wirkt:

      „Beim Rudern findet das Hebelgesetz Anwendung, indem die Sportler durch eine große Kraft am kurzen Ende einen weiten Weg am langen Ende des Ruders zurücklegen, was zu einer großen Geschwindigkeit führt. Auch wenn es auf den ersten Blick anders erscheint: Das Ruder ist ein einseitiger Hebel. Last und Kraft greifen auf der gleichen Seite an. Der Drehpunkt, hier auch Stützpunkt genannt (der Punkt, an dem sich der Hebel abstützt), liegt am Ruderblatt. Weil die Bewegung des Bootes der eigentliche Zweck ist, kann das eingetauchte Ruderblatt als Drehpunkt betrachtet werden, um den sich das Boot bewegt, also in die Wirkrichtung der angreifenden Kraft geschoben wird. Das Ruder ist an der sogenannten Dolle am Boot befestigt; sie ist lediglich der Angriffspunkt der Last, nicht der Drehpunkt des Hebels. Die genaue Lage des Drehpunktes hängt davon ab, wie stark das Ruder im Verhältnis zum Boot verankert ist: Stützt sich das Ruderblatt von einem Felsen ab, liegt dort der Drehpunkt; beim Rudern in der Luft ist die Dolle der Drehpunkt.“

      Klingt kompliziert, ist aber in der Praxis ohne große Mühen anwendbar und nachvollziehbar.

      Das wussten wohl auch schon die Erbauer von sehr alten Bauwerken, wie den Steinkreisen im englischen Stonehenge, deren Entstehungszeit irgendwo zwischen 10.000 und 5.000 Jahren vor Christus von Wissenschaftlern zugeordnet wird. Die dort im Süden der britischen Insel aufgestellten Steine stammen aus einer Region weiter nördlich und sind nach Funden von Bootsresten offenbar rudernd oder paddelnd aus der Region des heutigen Wales küstennah über die Irische See in die Nähe ihres Aufstellungsorts gebracht worden. Auch wenn all das noch nichts mit dem Rudern als Sport zu tun hatte, so kann man dennoch diese Epoche der frühzeitlichen