Kontakt mehr zu ihm gehabt. Es war ein Kodex unter Freunden, die bei konkurrierenden Unternehmen arbeiteten, keinen Kontakt zu halten, denn das hätte den Vertrauensstatus belastet. Aber Mel würde sofort aussteigen und mitmachen, da war er sich sicher. Sie hatten sich bestens verstanden und immer die richtigen Ideen im richtigen Moment gehabt.
Clarks Versuch, mit Mel in Kontakt zu treten, endete in Ernüchterung. Mel Thomsen gab es bei Allsa nicht mehr. Er war seit über vier Jahren spurlos verschwunden und mit ihm seine Tochter Sarah. Bei allen Nachfragen traf er auf betretenes Schweigen. Er wollte sich verändern, hieß es nur. Fast hatte er ihn schon abgeschrieben, irgendwo zurückgezogen auf einem Formaten vermutet, als sich ein gewisser Dave aus einem Camp bei ihm meldete, der dringende, wichtige Informationen anzubieten hatte.
Dr. Mel Eli Thomsen
»Er ist da, ich bin mir sicher.« Clark griff nach dem Gürtel mit seiner Grundausrüstung. Er konnte es kaum erwarten, die Station zu betreten. Als er versuchte, den nur schwach durch ein paar Sterne angeleuchteten Schriftzug zu entziffern, stellte sich die Station mit einer Ansage selbst vor. »Sie befinden sich in der Identifikationszone der Conestar 64 von Conestar Limited. Schalten Sie ihre Kennung ein. Identifizieren Sie sich.« Clark musste lachen. Er war es nicht gewohnt, mit Schrottplätzen zu diskutieren und nahm die Kommunikation nicht ganz ernst.
»Ja, Conestar 64, hier ist das Alien vom Orion.«
»Schalten Sie bitte ihre Transponderkennung ein.«
»Und was ist, wenn nicht?«
Er besann sich auf einen alten Grundsatz. Diskutiere nicht mit Rechnern. Da lief wohl irgendeine Schleife ab, die längst nicht mehr relevant war. Nur Daisy nahm die Sache noch ernst. »Das ist nicht zulässig. Stillgelegte Stationen müssen immer zugänglich bleiben.«
»Ich glaube das interessiert hier niemanden. Kannst du dem Stationssystem irgendwie klarmachen, dass wir Einlass begehren? Tor 1 gefällt mir richtig gut.« Es rührte sich nichts, bis auf eine weitere Ansage. »Für die Schleusenöffnung sind Ihre Identifizierung und Ihr Code erforderlich.« Für Notfälle gab es vier Minitorpedos an Bord. Gelassen tippte Clark auf seinem Display und nahm das Tor 1 ins Visier. »Hier ist das Alien vom Orion und hier kommt mein Code.« Es war nur eine kleine Druckwelle und ein schwacher Blitz. Tor 1 war gesprengt. Dahinter befand sich die Schleuse.
»Daisy, können wir das äußere Schleusentor von hier öffnen?«
»Nein, nur manuell.«
»Dann schick den Bot raus.«
Nach drei Minuten öffnete sich die Schleuse und Clark flog ein. »Atmosphäre ist normal, die Schleuse ist aber instabil, durch den Schuss auf das Tor. Hohes Risiko«, meldete Daisy. »Der Weltraum war noch nie ohne Risiken. Ich zieh die Notweste an und gehe raus. Halte die Systeme auf Blitzstart, Daisy. Lass den Bot eine Funksteuerung herstellen und schicke ihn mir dann nach.«
Die Innenbeleuchtung der Schleuse lieferte nur ein fahles Notlicht. Als sich das Schleusentor schloss, schaltete Clark die Triebwerke ab. »Gravitation und Atmosphäre normal«, meldete Daisy.
Die Schiffsluke öffnete sich und Clark schritt langsam die Treppe hinab. Dann öffnete er manuell das Innentor der Schleuse und betrat die Station. Die Luft war muffig und roch nach Schwefel. Seine Schritte hallten durch den hohen, grau-grünen Raum, von dem drei Gänge zu den ersten Fertigungshallen führten. Es war der typische Anblick jener trostlosen, nur auf Funktionalität gebauten Fabriken. Noch nie hatte Clark eine solche Station erlebt, wie sie menschenleer und ohne jegliche Aktivität war. In der schummrigen Notbeleuchtung wirkte alles unwahr. Aus der Ferne konnte Clark das Dröhnen der Gravitations- und Klimaaggregate hören. Ihre Vibrationen spürte man überall auf der Station.
Die Conestar Stationen waren alle gleich aufgebaut. Drei sternförmig angeordnete Tore, von denen es durch ein endlos erscheinendes Gewirr an Fertigungshallen, Lagern, Büros, Kontrollräumen und Gängen ins Zentrum ging. Dort befanden sich die Energiequellen und der zentrale Schaltraum. Daisy hielt ständig Kontakt zu Clark. »Dein Körper verhält sich normal, etwas erhöhter Puls.«
»Hier steht die Luft wie in einem alten Bergwerk.« Clark lief mit langsamen Schritten in den ersten Gang hinein. »Hallo, ist hier wer? ... Mel bist du da?« Mit seinem Handscheinwerfer leuchtete er die Wände ab. »Es ist zu dunkel hier. Daisy, kannst du irgendwo eine Schaltzen-trale ausmachen?«
»Zwanzig Meter rechts vor dir ist ein Sektorblock« Clark schaltete die Beleuchtung ein. Der ganze Sektor stand nun in hellem Licht. Vor ihm lag die erste Fertigungshalle. Alles wirkte recht aufgeräumt, so als würden jeden Augenblick die Bots und Stationsleiter ihre Arbeit wieder aufnehmen. »Clark, ich schicke jetzt den Bot zu dir«, meldete Daisy.
In der Fertigungshalle befanden sich die Verpackungsstraßen, getrennt von einem Labyrinth mit Gängen aus meterhohen Regalwänden. Trotz der Sektorbeleuchtung war es zwischen ihnen etwas schummrig. Sie waren etwa 30 Meter lang und Clark leuchtete mit seinem Scheinwerfer in jeden Gang rein. »Mel? … Mellie? … Mel, bist du hier? Ich muss mit dir reden.«
Plötzlich glaubte er, ein Geräusch gehört zu haben und leuchtete in die entsprechende Richtung. »Ist hier jemand? Daisy, kannst du was orten?«
»Keine organischen Lebenszeichen.«
»Mel, ich weiß, dass du hier bist.« Sein Rufen hallte aus den Gängen. »Clark, irgendetwas bewegt sich in den Gängen. Es ist nicht genau zu orten, aber da ist etwas. Etwa 30 Meter vor dir, 10 Uhr Position.« Wieder hörte er Geräusche. Es war ein leises, kurzes Surren. »Das ist vielleicht ein alter Bot, der sich nicht abgeschaltet hat, Daisy.«
»Nein, der würde sich identifizieren. Es ist etwas anderes.« Clark lief in zügigen Schritten auf den Gang zu, wo er die Geräusche vermutete und leuchtete mit dem Scheinwerfer rein. »Mel, bist du hier drin? Mel?« Wieder diese Geräusche. Diesmal etwas lauter und in kurzen Intervallen. »Wo ist es jetzt Daisy?«
»Ich kann es nicht genau orten. Es müsste etwa 10 Meter rechts von dir sein.« Entschlossen lief Clark auf die Position zu. Es müsste der zweite Gang rechts vor ihm sein. Gerade wollte er in den Gang hineinleuchten, als ein seltsames Vehikel auf Rädern aus dem Gang hervorschoss und direkt vor ihm zum stehen kam. Clark erschrak.
»Was ist denn das hier?«
Wie versteinert stand er vor dem Gerät, das er bisher noch nie gesehen hatte. Es sah aus wie ein überdimensionaler Mistkäfer auf Rädern, circa ein Meter fünfzig lang und achtzig Zentimeter breit. »Bist du erfreut, mich zu sehen?« Clark erkannte seine Stimme. »Mel Thomsen?« Langsam rollte das Vehikel bis auf 10 Zentimeter an Clark heran und hob seinen insektenartigen Kopf an. Mels Stimme klang gedemütigt. »Ein grauenvoller Anblick, nicht?«
»Was, ... was ist mit dir geschehen?« Verwirrt schaute Clark in alle Richtungen der Fertigungshalle. »Mel, wo bist du? Komm raus und lass den Blödsinn mit diesem Vehikel, oder was das hier ist«.
Er schaute nach oben auf die zahlreichen Brücken und scannte jede einzelne Scheibe der Kontrollräume. Warum zeigte er sich nicht? Gerade glaubte er einen Schatten gesehen zu haben, als er bemerkte, dass der metallene Insektenkopf leise Atemgeräusche abgab. Erst jetzt begann Clark ihn genauer zu studieren und schaute in die wie Augen angeordneten kleinen Kameralinsen. Wie versteinert begriff er so langsam, was er sah. »Ich stehe vor dir Clark, oder besser das, was von mir übrig geblieben ist. Schau dir diesen Insektenkopf an. Siehst du die beiden Gläser? Was siehst du darin?« Clark schluckte.
»Ein Gehirn«
»Nicht ein Gehirn, mein Gehirn. Dieses Vehikel hier enthält die Langzeiterhaltungssysteme« Clarks entsetzen verwandelte sich in Wut. »Wenn ich mir dieses ekelhafte Design anschaue, kann das nur einer gewesen sein ...«
»Ja, so widerwärtig kann nur ein Broke Castello sein. Er hat mir zwei Greifzangen und ein paar Räder zur Vorwärtsbewegung gelassen. Per Lautsprecher kann ich sogar sprechen. Ist das nicht großzügig?« Clark setzte sich auf einen leeren Regalboden.