Dietrich Novak

Thalia


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wenn er außerordentlich gut bestückt ist.«

      »Woher weißt du? Wann hast du deinen Sohn zuletzt nackt gesehen?«, hakte Hinnerk nach.

      »Als er nach seinem WG-Auszug vorüber-gehend wieder bei uns gewohnt hat. Und unter Hemmungen hat er noch nie gelitten. Jedenfalls, was das Nacktsein betrifft.«

      »Ihr könnt euch wieder abregen. Ich werde nicht damit herumwedeln. Es ist auch keine Sexszene. Die Dramaturgie erfordert einfach in jenem Moment Hüllenlosigkeit.«

      »Na, wenn die Dramaturgie es erfordert … Das scheint ja jetzt dein Thema zu sein, nachdem du dich entschlossen hast, Film- und Theaterwissenschaft zu studieren«, sagte Valerie. »Woher dieser Sinneswandel kommt, habe ich immer noch nicht begriffen. Wo einst Psychologie oder Geschichte im Gespräch waren.«

      »Ich habe schnell gemerkt, dass mich die Geisteswissenschaften besonders interessieren. Vor allem aber die Film- und Theaterwissenschaft. Du weißt ja, wie gerne ich Filme gucke, und jetzt sind auch die Theaterstücke hinzugekommen. Jedenfalls habe ich mich für einen Kombi Bachelor Studiengang entschieden. Der beinhaltet Filmanalyse, Film- und Theatergeschichte, Gegenwartstheater, Theorie und Ästhetik.«

      »Und wie lange wird das Studium dauern?«, wollte Valerie wissen.

      »Die Regelstudienzeit beträgt vier Semester. Es gibt eine Grundlagenphase, eine Aufbau- und eine Vertiefungsphase. Danach erfolgt die Bachelorarbeit.«

      »Und welchen Beruf kannst du anschließend ergreifen?«, fragte Hinnerk.

      »Ich kann am Theater, an der Oper, beim Film, Fernsehen oder Rundfunk arbeiten. Aber auch in Bibliotheken, Archiven, Kunstvereinen oder anderen kulturellen Einrichtungen wie Verlagen und in der öffentlichen oder privaten Verwaltung. Ich könnte zum Beispiel Dramaturg, Redakteur, Lektor, Regisseur, Produzent oder freier Publizist werden. Sogar Intendant von Festspielhäusern. Aber zunächst will ich lieber kleine Brötchen backen.«

      »Aber dass man als Hospitant selber mitspielt, ist wohl eher die Ausnahme, oder?«, fragte Valerie.

      »Natürlich, das geht auch nur bei freien Theatergruppen, wie ich sie jetzt gefunden habe. Und auch nur, weil jemand ausgefallen ist und ich seinem Typ zufällig sehr nahe komme. Ein weiterer Glückumstand ist, dass es sich fast um eine stumme Rolle handelt, bis auf ein, zwei Sätze.«

      »Also bessere Statisterie. Dann wird es wohl vorerst nichts mit der großen Schauspielkarriere«, witzelte Hinnerk.

      »Es war nie meine Intension, Schauspieler zu werden …«

      »Und dir macht es nichts aus, dass dein Freund sich im Adamskostüm präsentiert, Lena?«

      »Äh, nö. Es ist ja sein Körper. Kussszenen würde ich heikler finden.«

      »Schatz, das wären allenfalls Filmküsse.«

      »Demnach kommt so eine Szene vor?«

      »Nein, bisher jedenfalls nicht. Süß bist du, wenn du eifersüchtig bist.«

       Einige Zeit zuvor

      Cosima Deter und Myron Bick waren in ihrem angeheiterten Zustand bester Laune. Auf dem Weg zu ihren Zimmern kamen sie an der Tür von ihrem Kollegen, Janto Fehr vorbei. Ehe Myron sich versah, klopfte Cosima an Jantos Tür.

      »Hallo, schläfst du schon? Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da«, kicherte Cosima und strich sich eine dunkle Locke aus dem Gesicht.

      »Jetzt lass doch! Wahrscheinlich hat er wieder mit seiner Allergie zu tun«, sagte Myron, ein gutaussehender Enddreißiger mit blonden, kurzen Haaren und kleinen Lachfältchen um die hellen Augen.

      »Ach, der soll nicht so langweilig sein. Schlafen kann er noch, wenn er tot ist.«

      »Wir könnten noch einen Drink auf meinem Zimmer nehmen. Dazu brauchen wir Janto nicht.«

      »Das könnte dir so passen, du Charmeur. Auch wenn sich die meisten Frauen deiner unwiderstehlichen Ausstrahlung nicht entziehen können, ich bin die Ausnahme von der Regel. Ein Techtelmechtel unter Kollegen bringt nur Komplikationen. Altersmäßig passt Janto eh besser zu mir.«

      »Das Greenhorn? Du brauchst einen Mann mit Erfahrung. Da bin ich mir ziemlich sicher.«

      »Schon möglich, aber bestimmt nicht dich.«

      Cosima drückte die Klinke herunter, und die Tür gab tatsächlich nach. Auf leisen Sohlen schlich sie sich ins Zimmer.

      »Hey, du Schlafmütze. Aufwachen!«

      Kurz darauf stieß Cosima einen gellenden Schrei aus und rettete sich in die Arme von Myron, der noch immer auf dem Flur stand. Nebenan wurde eine Tür geöffnet, und eine nur leicht bekleidete Rothaarige namens Berlind, die mehr zu Myrons Altersgruppe passte, machte ein böses Gesicht.

      »Mach nicht solchen Krach. Andere wollen nicht um ihre Nachtruhe gebracht werden.«

      »Da, da … stimmt was nicht«, stotterte Cosima. »Janto liegt bewegungslos in seinem Bett und sieht so seltsam aus.«

      »Das liegt daran, dass er tot ist, meine Liebe«, sagte Myron, der inzwischen im Zimmer nachgesehen hatte.

      »Waaas?« Cosima fing wieder an zu schreien, woraufhin Berlind ihr eine Ohrfeige verpasste.

      »Spinnst du?«, beschwerte sich Cosima und hielt sich die Wange.

      »Ich wollte nur verhindern, dass du das ganze Haus wachmachst.«

      Mittlerweile waren noch mehr Pensionsgäste auf den Flur getreten. Unter ihnen der junge Frieder Dilger, der mit seinen Sommersprossen und den strohblonden Haaren seine nordische Herkunft nicht verbergen konnte. Weiterhin Marlit Calmer, eine überschlanke Frau mit vom Schlafen verstrubbelten, brünetten Haaren und dunkelbraunen, kalten Augen, Irmine Rade, jenseits der vierzig, vollschlank mit dünnen, blonden Löckchen, Anselm Epke, ein blasser Endvierziger mit gehetztem Gesichtsausdruck und Apollo Tomkins, der mit seinen blondierten Haaren beinahe geschlechtsneutral wirkte.

      »Seid ihr jetzt völlig durchgeknallt, mitten in der Nacht so einen Lärm zu veranstalten?«, fragte Anselm übergangslos.

      »Cosima hat so geschrien, weil Janto etwas passiert ist«, verteidigte Myron seine Kollegin.

      »Dann ruft einen Arzt oder die Feuerwehr, aber steht hier nicht untätig herum«, sagte Irmine.

      »Ein Arzt wird da kaum noch etwas ausrichten können. Janto ist offensichtlich tot.«

      Die Frauen pressten die Hände vor den Mund, und die Männer sahen sich ratlos an.

      »Dann müssen wir die Polizei rufen«, brach Anselm das Schweigen.

      »Schon geschehen«, sagte die rundliche Wanda Kubaschewski, ihres Zeichens Wirtin der Pension. »Bis die Leute eintreffen, geht bitte auf eure Zimmer, meine Lieben. Und haltet euch von Jantos Zimmer fern. Auf keinen Fall darf jemand etwas anfassen.«

      »Du bist gut, Wanda. Du glaubst doch nicht, dass einer von uns heute Nacht noch Ruhe findet«, sagte Erko Baringhaus, der mit seiner sonoren Stimme und den eisgrauen Haaren gerne den Typ des reifen Gentlemans verkörperte.

      »Also gut. Wer will, versammelt sich im Frühstücksraum. Ich koche einige Kannen Kaffee. Aber tut mir den Gefallen und verhaltet euch ruhig. Hysterie bringt uns im Moment nicht weiter.« Wanda drehte sich auf dem Absatz um, und die meisten folgten ihr.

      Als Valerie und Hinnerk später eintrafen, war die Spurensicherung schon mitten in der Arbeit. Manfred Hoger begrüßte Valerie und Hinnerk.

      »Hallo, männliche Leiche, Name: Janto Fehr, zweiundzwanzig Jahre alt, wohnhaft in Düsseldorf Oberkassel. Das Zimmer war unverschlossen, und es gibt keine Kampfspuren. Handy und Laptop haben wir schon sichergestellt. Leider sind beide passwortgeschützt. Aber wir haben ja unsere Experten. Dauert nur etwas länger.«

      Auch die Rechtsmediziner Knud Habich und Stella Kern waren schon aktiv.

      »Puh, der sieht ja zum Fürchten aus«, sagte Valerie.