Christian Dobler

UNHEILBAR GESUND


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Bremskraft auf meine Motivation ausübt. Wofür lebe ich jetzt, was will ich, wie soll es weiter gehen? Denn, entgegen aller Erwartung und medizinischer Prognose, lebe ich ja immer noch.

      Na gut, der nächste Schritt ist dann wohl, jeden einzelnen Tag, der noch bleibt, zu genießen und zu leben, als gäbe es kein Morgen mehr, denn wer weiß schon, wie lange mir noch bleibt? Und wie lebt man am besten so, als ob es kein Morgen gäbe? Natürlich, die Antwort kennt jeder, ob „krank“ oder nicht: Feiern, feiern, feiern. Und das nehme ich leider etwas zu wörtlich.

      Das Ende meiner Berufslehre naht. Die Abschlussprüfung schließe ich mit einem Minimum an Lernaufwand ab. Und irgendwie habe ich es sogar geschafft, mich zwischen meinen ersten Alkoholexzessen und nächtlichen Streichen auf der Straße noch um meine kurzfristigen Zukunftspläne zu kümmern.

      Und wie meine Laune so spielt, kommt mir die glorreiche Idee, eine zweijährige Zusatzlehre zum Maurer in Angriff zu nehmen. Unschwer vorzustellen, wie mein Umfeld nach dieser Verkündung reagiert. Verständlicherweise schütteln so ziemlich alle ihren Kopf und fragen mich, was denn in mich gefahren sei. Wie wolle ich das mit meiner Krankheit in Einklang bringen? Man ist sich einig, eine Talfahrt meiner Gesundheit sei auf diesem Weg vorprogrammiert. Ich mache es trotzdem.

      Und meine Eltern unterstützen mich auch darin. Sie kennen mich genau und wissen, wie wichtig es für mich ist, meinen eigenen Kopf zu haben. Bei einem Gespräch teilen sie mir mit, ich solle meinen Weg gehen, wenn ich der Ansicht sei, dass es das Richtige ist. Und glücklicher- und auch ein bisschen überraschenderweise unterstützt mich sogar mein Arzt, jedoch unter der Bedingung und in gegenseitigem Einverständnis, dass ich, sollte sich mein Gesundheitszustand drastisch verschlechtern, die Zusatzlehre umgehend abbreche. Damit ist der geschmiedete Plan besiegelt. Im besten Fall werde ich diese Berufsausbildung sogar abschließen, um anschließend wieder einen Bürojob anzunehmen und eigenes Geld zu verdienen.

      Aber wie sagt man so schön, erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Ich bin definitiv gefordert und durchlebe weniger gute Zeiten während diesen zwei Jahren. Zwar sind die Bewegung und die frische Luft ein positiver Aspekt in Bezug auf meine Gesundheit, zugleich stellt jedoch die körperliche Anstrengung in Verbindung mit den Witterungsverhältnissen die bisher wohl größte Herausforderung dar.

      Natürlich will ich nicht wahrhaben, dass es mir gesundheitlich nicht sonderlich gut geht. In vielen Diskussionen, auf die ich mich nur widerwillig einlasse, wird mir nahegelegt, dass es vielleicht doch besser sei, dem nun ein Ende zu setzen. Ich denke nicht daran. Selbst wenn ich manchmal nächtelang durchhuste und oft mehr tot als lebendig zur Arbeit erscheine, gebe ich nicht so schnell auf. Ich bin es bereits gewöhnt zu kämpfen und habe auch nichts anderes erwartet, da ich seit Geburt an krank bin und der Verlauf in etwa der Norm entspricht.

      Mehr noch, gegen Ende meiner zweijährigen Zusatz-Berufsausbildung übernehme ich die verantwortungsvolle Aufgabe, das neue Eigenheim meines Onkels zu erbauen. Ich bin wohlverstanden süße einundzwanzig Jahre alt zu diesem Zeitpunkt. Es handelt sich um den Neubau eines Zweifamilienhauses, bei welchem ich sämtliche Architektur- und Bauleitungsaufgaben auf mich nehme. Von der Projektierung über die Einreichung des Baugesuchs bei den Bewilligungsbehörden, der Ausführungsplanung bis hin zur eigentlichen Bauausführung mit den dazugehörigen Ausschreibungen und Vergabe der Arbeiten, sowie der örtlichen Bauleitung, bin ich verantwortlich und zuständig. Ich führe also alle Arbeitsgattungen an, vom Verlegen der Kanalisationsrohre bis hin zur Montage der Vorhangschienen. Ein paar Tage nehme ich mir dazu unbezahlten Urlaub bei meinem Arbeitgeber, um in der intensivsten Planungsphase die notwendigen Arbeiten innerhalb der Frist abliefern zu können. Den Rest erledige ich jedoch so nebenher und dies beinhaltet dann doch auch noch ein paar Nacht- und Wochenendschichten - schlaflose Nächte natürlich inklusive, weil ich ständig befürchte, dass ich dieser Aufgabe nicht gewachsen bin.

      So gibt es auch und vor allem zu dieser Zeit meines Lebens einige Höhen und Tiefen. Gleichzeitig erhalten gerade diese Tätigkeiten mich am Leben. Tja und so will es geschehen, dass ich nach sehr erfolgreichem Abschluss dieser zweijährigen Zusatzlehre zum Maurer weiterhin als Vorarbeiter auf dem Bau arbeite und das für die nächsten fünf Jahre.

      Ohne dass ich etwas ahne, steht die nächste schwierige Zeit in meinem Leben bereits vor der Tür, sowohl psychisch wie auch physisch.

KAP 3 Ich bin immer noch am Leben, und jetzt?

      Wo stehe ich inzwischen? Ich bin etwa 21 Jahre alt und stehe jetzt, nun ja, mitten im Leben. Bei mir heißt das jedoch nicht, dass ich mich niedergelassen und gemütlich häuslich eingerichtet habe. Sondern ich stehe da, lebe wider Erwarten noch immer und habe weder irgendwelche Ziele noch Pläne, nicht in beruflicher Hinsicht und nicht auf der Beziehungsebene. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, aufgrund des erwarteten frühen Todes musste ich mich um solche Gedanken nie kümmern, was definitiv auch seine Vorteile hat. Ich ging einfach davon aus, dass ich in dem nun erreichten Alter ungefähr sterben würde und bis dahin allein mit der Bewältigung meiner Krankheit mehr als genug zu tun hätte.

      So hatte ich bis hierher zumindest genug Zeit, mich auch um den Reiz des anderen Geschlechts zu kümmern und habe inzwischen mit 23 Jahren meine zweite Freundin. Sie ist zugleich meine erste große Liebe. Wir sind nun schon vier Jahre zusammen. Es steht mir jedoch eine Zeit der Veränderungen bevor, und zwar so ziemlich in jeder Hinsicht.

      Alles fängt mit einem Artikel an, den mir meine Mutter zeigt. Er handelt davon, dass in Gran Canaria für CF-Betroffene eine sogenannte Klima-Kur angeboten wird. Ich kann mir zu diesem Zeitpunkt überhaupt kein Bild davon machen und rufe kurzerhand den Leiter der Kur an, der selbst CF hat, um mich genauer zu informieren. Die erteilten Auskünfte und das Telefongespräch wirken auf mich sehr sympathisch. Ich entscheide ohne lang zu überlegen, an diesem dreiwöchigen Trip am Meer teilzunehmen. Wie sich später herausstellt, scheine ich zu Gran Canaria sowieso eine besondere Beziehung zu haben. Sicher kein Zufall, dass dort auch bereits meine ersten wirklichen Ferien mit meinen Eltern waren.

      Am Flughafen angekommen und von meiner Freundin verabschiedet, warte ich nun also beim Treffpunkt auf die anderen Teilnehmer und das ganze Betreuungsteam. Dieses setzt sich zusammen aus einem Arzt, drei Physiotherapeuten und dem Leiter. Ich bemerke allerdings nicht, dass bereits andere Leute beim Treffpunkt sind. Schließlich kenne ich noch niemanden und bis zu diesem Zeitpunkt habe ich auch noch keinen Kontakt zu anderen Menschen mit CF gehabt, geschweige denn viel über meine Krankheit selbst gewusst.

      Wie sich aber herausstellt, sind die anderen Wartenden alles CF-Betroffene, die auf den Beginn derselben Kur warten. Ich kann es kaum besser ausdrücken, als zu sagen, dass ich etwas schockiert bin von der kranken Ausstrahlung, die mir da entgegenstrahlt. Es sind aber alles sehr nette Menschen.

      Noch viel lustiger ist jedoch, dass keiner der Anwesenden realisiert, dass ich ein CF-ler bin, da man mir dies auf den ersten Blick überhaupt nicht ansieht. Normalerweise sind die Betroffenen dünn und in der Haltung nach vorne etwas eingeknickt, oft bleich im Gesicht. Naja, wie soll ich sagen, man sieht es vielen einfach an, dass sie diese Krankheit mit sich tragen. Ich aber habe zu diesem Zeitpunkt ordentlich etwas auf den Rippen, und zwar an Muskelmasse. So wiege ich 85 kg bei einer Körpergröße von 1.85 m und das mit einem Körperfettanteil von knapp 10 Prozent. Dies ist das Ergebnis aus jahrelangem disziplinierten Krafttraining. Entsprechend strahle ich auch nicht gerade „den Kranken“ aus.

      Jetzt erst fällt mir das aber auf, vorher habe ich mich aufgrund fehlender Kontakte zu anderen Erkrankten immer mit den Gesunden verglichen. Jetzt weiß ich aber auch, weshalb mich ehemalige Schulkollegen nicht mehr wiedererkennen. Ich habe kaum bemerkt, dass ich zum Mann herangereift bin und mich zudem körperlich sehr stark verändert habe.

      Ich gehe auf die Person zu, bei welcher ich in der Zwischenzeit beim genaueren Beobachten feststellen konnte, dass es sich um den Leiter der Kur handelt, und stelle mich vor. Der Empfang ist sehr herzlich und die ersten Gesprächspartner schnell gefunden. Zwei etwa gleich alte Jungs, die bereits gut miteinander befreundet sind, laden mich direkt nach dem Einchecken des Gepäcks auf ein Bier ein. Ich nehme die Einladung gerne an, und so fühle ich mich