nahm ihre Mutterrolle im jungen Alter von zwanzig sehr ernst und steckte ihr ganzes Herzblut hinein. Liebevoll und einfühlsam schaffte sie mir ein harmonisches Heim, in dem ich geschützt wachsen und gedeihen durfte. In ihren Armen habe ich Kraft getankt für die große, weite Welt. Sie war mir Anker, Nest und Hafen. Ich war ihr persönlicher Fingerabdruck der Liebe.
Eine Bilderbuchmama.
Drei Jahre lang durfte ich die Welt unter ihrem Schutz erkunden. Eine Seltenheit zu dieser Zeit, zumal in der DDR. Meist gingen die Frauen nach knapp einem Jahr wieder arbeiten und die Kinder kamen in die Kinderkrippen. Aus der süßen Nacht gerissen. Morgens halb sechs im Fahrradkörbchen, Plastikvisier vor dem Gesicht, taumelnd. Das blieb mir erspart. Ich schlief selig, hatte Mama ganz für mich alleine. Zeiten der Ruhe, Wonnestunden, Gelegenheiten für Liebe. Wir haben gelacht und gekuschelt und unser Glück geteilt.
Heute, wenn der Schmerz übermächtig ist, sehne ich mich in meinem ganzen Sein in diesen mütterlichen Schutzraum zurück, eingehüllt in eine weiche Wolke aus Liebe und Verständnis. Besser noch zurück in den Mutterbauch, in die wohlbehütete Höhle mit bombensicherer Plazenta. Dann rolle ich mich auf der Couch zusammen wie ein Embryo, lege eine schwere dunkle Decke über mich und tauche ab in meinen hermetischen Unterschlupf. In diesem geschützten Raum erinnere ich mich an die ersten Jahre meines Lebens und meinen unerschütterlichen Glauben, die Welt sei ein guter Ort. Ich habe diesem Leben vertraut. Ich habe darauf vertraut, von meiner Mutter, meinem Vater und Gott beschützt zu werden. Ich war mir so sicher, dass es das Leben gut mit mir meint. Ich war ein Kind der Sonne. Ihr Schatten war groß. Mein stärkster Schutzschild war mein Vater.
War.
Ich war die Prinzessin meiner Eltern.
Wundervoller Eltern.
ICH GLÜCKSKIND
Eine Wohnung mit Fernheizung und Balkon in einer Neubausiedlung zu bewohnen war zu DDR-Zeiten ein Glücksgriff. Ein Sechser im Lotto. Meine Eltern hatten diese Chance und wir richteten uns gemütlich auf zweiundsechzig Quadratmetern Stahlbetonplatten ein. Sechs Stockwerke mit jeweils zwei Wohneinheiten und acht Eingängen. Fünfundneunzig Klingelschilder.
Gemeinsam teilten wir uns den Blick auf den gegenüberliegenden Betonkasten. Eine große Rasenfläche, ein Sandspielkasten und mehrere Wäscheplätze waren unser äußerer Lebensraum. Kastanien und Pappeln ergänzten den Neubaucharme. Grünflächen mit Sträuchern und Büschen waren liebevoll angelegt und harmonisierten das steinerne Grau. Wir Kinder brachten Farbe in diese Architektur. Die asphaltierten Straßen wurden mit bunten Zeichnungen überzogen: Hüpfevierecke. Wilde Tiere. Ferne Landschaften. Kreide machte uns Kinder zu kleinen Künstlern, sie war das einfachste Mittel, um uns auszudrücken. Und das taten wir viel, ständig und großflächig. Die gesamte Siedlung war ein großer Kinderabenteuerspielplatz. Wir tummelten und tobten überall. Es gab kein Fleckchen Erde, dass nicht von uns erobert und eingenommen wurde. Wir regierten die Neubausiedlung. Kinder an der Macht.
Hier war die Welt noch in Ordnung.
Die geringe Auswahl an Spielgeräten machte uns erfinderisch und schweißte uns eng zusammen. Jedes Kind hatte eine besondere Fähigkeit. Gemeinsam erschufen wir Abenteuer und erfanden kreative Freizeitbeschäftigungen. Wir bauten Rennkisten aus allen verfügbaren Materialien, pilgerten in den nahe gelegenen Wald und bildeten Banden – jede mit eigener Räuberhöhle und Anführer.
Einer der Anführer war ich.
Selbst die wildesten Jungs unterstanden meinem Kommando. Ein weiblicher Napoleon, der es verstand, sich durchzusetzen. Mit Charme oder Bestimmtheit, je nachdem. Außerhalb des eroberten Waldes waren wir friedliche Kameraden, genossen unser Beisammensein und unseren Zusammenhalt. Wir waren ein dynamischer Kinderhaufen, der sich die Zeit mit Tischtennis, Seilspringen, Federball, Versteckenspielen, Klingelsturm und allerhand Unfug vertrieb. Beliebt bei den Erwachsenen, die auch selbst wieder Kind sein durften.
Was mich betrifft, so wirbelte ich vergnügt über die bunten Asphaltstraßen, laut, wild und voller Tatendrang.
Unbeirrbar positiv.
Meine Spielkameraden folgten gerne meinen Visionen. Ich wusste, wo es langgeht, und an mir haftete ein treues Gefolge. Die kleine Königin des Plattenbaus. Schon als Kind hatte ich geniale Einfälle und Ideen und wurde so zur Spielführerin unserer Freizeitgestaltung. Ein Improvisationstalent, wie es den DDR-lern gerne zugesprochen wird. Wir hatten nichts und haben trotzdem das Beste daraus gemacht. Wir klagten nicht und kannten kein Mangelbewusstsein, sondern sahen die Welt mit kreativem Blick. Als Kinder hatten wir alles, was wir zum Glücklichsein brauchten. Die Welt außerhalb unserer Betonplatten kannten wir nicht, also vermissten wir auch nichts. Im Gegenteil. Für mich waren unsere Möglichkeiten endlos und die Zeit immer zu kurz. Aktivitäten fanden zum Großteil im Freien statt: Wir stromerten durch Wald und Flur, flitzten mit den Zweirädern zwischen den Wohnblöcken hin und her, spielten mit dem Ball, dem Seil, mit Murmeln. Stundenlang. Bei Schlechtwetter strapazierten wir Karten- und Brettspiele. Benötigten wir Abwechslung, kreierten wir einfach selbst ein neues Spiel oder bauten die Klassiker aus dem Westen nach. Kreatives Talent musste nicht extra gefördert werden. Wir übten tagelang Sketche ein oder probten Theaterstücke. Die ganze Siedlung war ein Spiel und wir Kinder führten Regie.
Einsamkeit war ein Fremdwort. Jeder kannte jeden. Alle wussten über alle Bescheid. Die Plattenbausiedlung war ein großes Familiennest. Eine Big-Family. Ich war glücklich.
Zum Abendessen wurden wir Kinder kollektiv an die Esstische gerufen. Von den Balkonen aus. Neunzehn Uhr war Abendbrotzeit und draußen wurde es für eine Stunde ganz still. Das Getuschel an den Küchentischen umso lauter: „Familie Bock hat sich nach achtzehn Jahren Wartezeit einen neuen Trabant 1.1 gekauft. Hellblau. Das neueste Modell, mit Viertaktmotor. Eine Sensation. Schräg gegenüber im dritten Stock gab es letzte Nacht lautes Geschrei. Mal wieder. Herr Richter hat einen Schluck Goldkrone zu viel getrunken.“ Die halbe Siedlung hatte aufrecht im Bett gesessen. Gespannt hatten alle Anwohner seine nächtlichen Ausführungen über unsere Genossen und Genossinnen verfolgt – lautstark hinausgeschrien in die sozialistische Nacht. „Im ersten Aufgang sind neue Nachbarn aus Asien eingezogen. Eine vietnamesische Familie mit zwei Kindern.“ Nichts ungewöhnliches, ausländische Werktätige waren keine Seltenheit. Die Menschen aus Russland, Polen, Ungarn, Kuba und Jugoslawien brachten Farbe und Abwechslung in unser Plattengrau. So gab es Abend um Abend viel zu berichten aus der Neubaugemeinde. Jeder guckte und horchte, selbst wenn er es vermeiden wollte.
„Stasi“ im harmlosen provinzbürgerlichen Sinne.
In der Neubaugemeinde standen die Türen für alle Kinder offen, aber jeder wusste, wo er hingehörte, wo sein fester Platz war. Ein paradiesischer Zustand für mein Kinderherz. Eine entspannte Obhut der natürlichen Ordnung. Nichts konnte hier die Illusion der heilen Familie erschüttern. Es wurde gestritten, geschrien und gezankt. Aber es gab eine Verlässlichkeit: Beim „Abendmahl“ waren alle Plätze in ihrer festen Verteilung belegt. Dieser Garant war eine Ladung geballter und zentrierter Kraft. Solche Abendessenszenarios haben mich nachhaltig geprägt: eine gedeckte Tafel in der Gesellschaft meiner geliebten Familie. Momente höchster Wunscherfüllung.
Die natürliche Synthese – nach diesem „Vorbild“ – ist wie eine seelische Rettungsinsel für mich. Heute noch. Ich installiere sie immer wieder aufs Neue und rufe sie herbei, um die Substanz zu wahren. Ein Tick. Ein Überlebenstick. Eine neurotische Macke, wie ich sie zahlreich besitze. Geringste Abweichungen im Prozedere machen mich mal traurig, mal zornig. Sie bringen mein Drachenblut zum Rauschen.
Viele Freunde meiner Eltern waren ebenfalls seltene Fernheizungsglückspilze wie wir, und oft war es ein wildes Kindsdurcheinander in den Familien. Manche Nächte verbrachte ich bei Tante Ines oder bei Tante Ute und deren Kindern. Auch unser Kinderzimmer bot genügend Platz für Auswärtsschlaflustige. Fast könnte man meinen, Patchwork sei genau hier in den Siebzigern entstanden – eine ständig wechselnde Mischung verschiedenster Familienmitglieder auf kleinstem Raum. Aufsicht und Verköstigung leiblicher und unleiblicher Kinder. Ein weitläufiges Netz mehrerer Elternteile. Zerstreute Erziehungsmandate. Ungeklärtes Umgangsrecht, bis jedes Kind wieder in den Schoß