Ivor Heller hat Angst um sein junges Baby. „Wenn wir es verpasst hätten, direkt zur nächsten Saison zu starten, wäre das Projekt gestorben“, sagt er. „Es wäre alles auseinandergedriftet.“ Er und Kris Stewart sind es vor allem, die in jenem Sommer die Dinge in die Hand nehmen. „Wir mussten hart zupacken“, so formuliert es Heller. Hart zupacken heißt auch: Dinge so zu machen, wie sie die beiden für richtig halten. „Wenn wir alles mit dem Trust Board abgestimmt hätten, hätten wir es nie geschafft“, sagt Heller heute. „Man kann nicht jeden Tag ein Meeting abhalten.“
Damit machen sich die beiden nicht überall Freunde. Im neuen Klub gibt es Machtstreitigkeiten in den ersten Wochen. Dass zwei Kumpels vieles allein entscheiden, enttäuscht manche in ihren Vorstellungen von einem fangeführten Verein. „Einige Leute haben geglaubt, sie sollten mehr Einfluss haben. Aber ihr Einfluss hätte alles nur verlangsamt.“ Sie diskutieren. Und dann? Machen sie eben irgendwann. Und als die Sache läuft und der AFC Wimbledon mit Spielfeld, Sponsor und allem Brimborium pünktlich in die erste Saison startet, flaut der Ärger ab. Die Rolle der Fanbasis ändert sich. Zu den Generalversammlungen, die mittlerweile dreimal im Jahr stattfinden, kommen 60 bis 70 Leute. Bei den besser besuchten Versammlungen sind es um die 100. In einem Klub, wo theoretisch 2.500 Menschen abstimmen könnten, ist das eine kleine Zahl. „Wir geben uns Mühe, interessante Themen auszusuchen, damit mehr Leute kommen“, sagt Erik Samuelson. „Vielleicht denken sie, dass schon alles super läuft, oder vielleicht interessiert es sie nicht. Jedenfalls lassen sie uns auf der Führungsebene meistens einfach machen.“
Kritik kommt schon ab und an. „Es gibt manche Anhänger, die sagen: Wir haben den Verein nicht gegründet, damit dies oder das passiert. Aber dabei haben sie den Verein überhaupt nicht gegründet. Der Verein wurde von vier Leuten gegründet, die einen Fußballklub haben wollten, und wir wollten einfach Fußball gucken.“ Das Wort Amateur empfindet Erik Samuelson als Beleidigung; professionell soll es sein, ambitioniert. Und erfolgreich. Der AFC Wimbledon ist ein Fanverein mit so wandelbarem Antlitz, dass er jedes Ideal verkörpern kann und keines.
Der FC Chelsea der unteren Ligen
In der Geschäftsstelle des AFC Wimbledon steht ein weißes Board im Sekretariat. Darauf stehen mit wasserlöslichem Edding die Namen der Freiwilligen, die unentgeltlich für den Verein arbeiten, inklusive Anwesenheitszeiten. Es ist eine Liste von der Oberkante bis zur Unterkante der Tafel. Das sind nur die Leute in der Geschäftsstelle. Wimbledon wird bis heute von Hunderten freiwilliger Helfer getragen. Sie packen Dauerkarten in Briefumschläge, und dann kommt der Trainer vorbei und redet zehn Minuten mit ihnen. Das kriegen sie nicht bei anderen Vereinen. Das ist ihr Lohn. Sie kommen dem Klub nahe und fühlen sich als Teil davon. Es ist ein mächtiger Bonus für Fanvereine und einer, den Kritiker unterschätzt haben: Nähe. Wertschätzung. Bis heute geht Erik Samuelson vor jedem Heimspiel zu Fuß ums Stadion über den Parkplatz. Wer Kritik oder Wünsche hat, kann ihn ansprechen; wer Ärger loswerden will, auch. „Ich denke, das nimmt vielen Problemen den Wind aus den Segeln“, sagt Samuelson. „Unsere Fans sind unglaublich geduldig. Sie wissen, dass wir ihnen zuhören. Und sie wissen auch: Wenn sie mehr Erfolg wollen, dann müssen sie eben mehr zahlen, weil wir keinen reichen Besitzer haben.“
Wer sich respektiert und geachtet fühlt, gibt Achtung zurück. Und opfert sich auf. Die Liebe der Anhänger ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Wimbledon: Sie zahlen oft mehr, als sie müssten. Und erfahren dafür ein Gemeinschaftsgefühl und eine Dankbarkeit, die es in vielen Klubs der Premier League nicht gibt. „Fans im Fanverein haben das Gefühl, dass man sie ernst nimmt“, sagt Jim Keoghan. „Natürlich führen nicht alle Fans den Verein, aber wenn sie nicht zufrieden sind, können sie was unternehmen.“ Eine kleine englische Studie, die Keoghan in seinem Buch zitiert, verglich die Zufriedenheit von Anhängern bei Fanvereinen mit der bei konventionell geführten Klubs. Die Fans fühlten sich involvierter, glücklicher, ernst genommener und verbundener mit dem Verein. Gerade in den unteren Ligen, wo das Geld vor allem aus dem Ticketverkauf kommt, ist das ein enormer Vorteil. In der Combined Counties League, in der der Verein 2002 neu startet, liegt der Zuschauerschnitt damals bei 30 bis 50 Fans. Wimbledon bringt 4.600 Anhänger zum ersten Spiel mit.
Im Vergleich zur Konkurrenz sind die Rebellen ein reicher Großklub. Ironie der Geschichte. Sie überrollen alles, was auf ihrem Weg liegt. Sie haben das größte Budget, die besten Spieler, den größten Zulauf. Bis 2017 steigt der AFC Wimbledon von der neunten Liga bis in die dritte Liga auf. „Sie haben da unten nicht hingehört“, sagt Jim Keoghan. „Sie sind regelrecht die Pyramide hoch gedonnert. Und niemand konnte dagegen an. Auf ihrem Level waren sie der FC Chelsea.“
Erik Samuelson sitzt in seinem stickigen Büro und denkt über Erfolg nach. In diesem Mai 2017, fünfzehn Jahre nach der Gründung, sind neue Fanvereine den Weg des AFC Wimbledon gegangen. Supporters Direct vertritt mittlerweile über 200 Trusts, die teilweise einen ganzen Verein besitzen, teilweise Anteile halten und manchmal nur um Einfluss kämpfen. Über die letzten fünfzehn Jahre sind Muster sichtbar geworden: Der große Durchmarsch am Anfang ist eine Konstante der meisten Projekte. Der Fanverein marschiert und marschiert. Bis es irgendwann nicht mehr reicht. Geldreserven der Fans und lokalen Sponsoren haben ein Limit erreicht. Die meisten englischen Fanvereine, die durchhalten, pendeln sich irgendwo im oberen Amateurfußball ein. Fast alle. Außer Wimbledon. Im Oktober 2016 überholt der Klub in der dritten Liga erstmals den großen, alten Erzfeind Milton Keynes. Wieder gibt es internationale Schlagzeilen.
„Ja, es ist seltsam“, sagt Erik Samuelson, „Kein englischer Fanverein ist je so weit gekommen wie wir.“ Er klingt ein wenig überrascht. „Was unser Geheimnis ist? Ich weiß es nicht.“ Eines, natürlich, ist der komplette Neustart. Die Fans, die auf einmal Präsidenten oder Vorstände sind, können in der Combined Counties League langsam lernen. Sie können bei Null anfangen, ohne Schulden. „Die Fälle von Fanführung, wo es beinahe mit Sicherheit nicht funktioniert, sind die, wo Trusts einen bestehenden Verein übernehmen“, sagt Erik Samuelson. „Denn mit fast hundertprozentiger Gewissheit erbt man massive Schulden. Und dann gibt es kaum eine Chance. Erfolgreich sind eher die kleinen Fanvereine, die von ganz unten auf Graswurzelniveau anfangen.“
Aber natürlich hat es viele Fanvereine gegeben, die ganz unten anfingen. Niemand war annähernd so erfolgreich wie Wimbledon. Doch, Samuelson hat schon auch darüber nachgedacht. „Es ist wie bei jedem kleinen Unternehmen“, sagt er. „Geld ist das Wichtigste. Ich könnte jeden Tag auswendig unseren Kontostand sagen.“ Der AFC Wimbledon hat einen scheinbar banalen Vorteil: eine umsichtige, kompetente Führung. Eine Führung, die sorgfältig abwägt und Stabilität schätzt. Die spektakulär erfolgreiche Personalentscheidungen trifft. Dabei geht der Fanverein durchaus finanzielle Risiken. Das Stadion Kingsmeadow war eines. Und das neue Stadion, das an der alten Heimstätte Plough Lane gebaut wird, wird ein deutlich größeres werden; es soll hundert Millionen Pfund kosten. Aber das Projekt nicht wagen? Wäre Stillstand, wäre Absturz in diesem System, wo auch die Marke Wimbledon von Aufstiegen lebt.
Nach Angaben von Samuelson liegt der AFC Wimbledon in der dritten Liga 2017 auf Platz 19 von 24 in puncto Budget. Auch deshalb brauchen sie das neue Stadion, das eines Tages 20.000 Zuschauer fassen soll. Und sie hoffen auch dann auf eine Basis, auf die sie sich bislang immer verlassen konnten, weil sie vielleicht ein bisschen anders ist als an anderen Orten. Hingebungsvoller, spendabler, geduldiger. Und auch: wohlhabender. Es ist etwas, was sie in Wimbledon nicht ganz so gern hören, aber von anderen Fanvereinen kriegen sie das öfters zu hören, mit einer Mischung aus Lob und einer Spur Neid. Ein Fanverein hängt an der Wirtschaftskraft seiner Basis, und der AFC Wimbledon hat eine gute Basis. Und einen guten Standort. „Es ist Süd-London“, sagt Jim Keoghan. „Es ist immer Geld da.“ Auch wenn Ivor Heller darauf verweist, dass es auch viele Arbeiter beim AFC Wimbledon gebe und dass es in London selbst viel Konkurrenz durch andere Klubs gebe – es ist auch viel Fanpotenzial da.
Wimbledon gibt den Menschen eine Alternative zu Arsenal oder Chelsea. Hier werden sie immer Underdogs sein. Und vielleicht funktioniert die Erzählung von der kleinen Rebellion auch deshalb so gut, weil sie nun mal die Ersten sind. Wie viele Che Guevaras kann es geben? Das Märchen vom AFC Wimbledon ist das Original, alles andere kann nur noch Sequel sein. Die Intuition für den richtigen Auftritt, das richtige Risiko trägt die Rebellen. „Vielleicht“, sagt Erik Samuelson, „machen wir irgendwas richtig, was wir selbst nicht merken.“