Holm Schneider

"Was soll aus diesem Kind bloß werden?"


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ein Häuschen mit Garten und großem Kinderzimmer. Herr Lailach, der als Ingenieur beim Fernmeldeamt arbeitete, stellte im Garten eine Schaukel auf und zimmerte ein Doppelstockbett für Anita und ihren anderthalb Jahre älteren Adoptivbruder. Gelegentlich kam nun eine Mitarbeiterin der Lebenshilfe mit einem Koffer voller Spielsachen ins Haus, um dem Mädchen so etwas wie Frühförderung zu bieten. Auf erneutes Drängen von Erika Lailach erhielt Anita schließlich ab 1982 angemessene Frühförderung an der Schule für Körperbehinderte in Altdorf. Dazu gehörten logopädische Übungen, Krankengymnastik, Ergotherapie und viele gute Tipps für den Alltag.

      Nicht jeder bemerkte, welche Fortschritte Anita in ihrer Entwicklung machte. So wurde Heiko von einer Nachbarin gefragt: »Wann lernt deine Schwester denn endlich laufen?« Bei solchen Fragen war der Junge nie um eine Antwort verlegen: »Hat Papa dir doch schon erklärt: Die braucht halt ein bissel länger.«

      Im Alter von knapp drei Jahren wurde Anita zusammen mit ihrem Bruder in der evangelischen Kirche in Winkelhaid getauft. Auf der anschließenden Familienfeier tapste sie allein von Gast zu Gast und strahlte jeden an.

      Ab Herbst 1983 besuchte sie eine Kindergruppe in Altdorf, im ersten Jahr noch gemeinsam mit Heiko. Obwohl das, was Anita sagte, von manchen nicht gleich verstanden wurde, gab es keine Probleme, denn Heiko war ihr Dolmetscher. Sie fügte sich gut ein und nahm Anteil an vielem, was in der Gruppe geschah. Mit sechs Jahren durfte sie an die Schulvorbereitende Einrichtung des Altdorfer Wichernhauses wechseln.

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       Anita und Heiko

      Anita fuhr gern ihre Puppen im Wagen spazieren und interessierte sich sehr für Babys, die es im Bekanntenkreis immer wieder zu bestaunen gab. Einmal erzählte Heiko, dass er und Anita »bei einer anderen Frau im Bauch« gewesen seien.

      »Aber an deiner Brust hab ich getrunkt?«, wollte Anita von Erika Lailach wissen.

      »Nein … Das geht nur, wenn das Baby vorher in Mamas Bauch war«, begann diese zu erklären.

      Anita stutzte, dann sagte sie: »Na ja, meine Flasche hat auch geschmeckt.«

      Die Großeltern, die anfangs nur Einwände gegen Anitas Aufnahme in die Familie vorgebracht hatten, nahmen inzwischen sehr genau wahr, dass Heiko nicht etwa unter seiner Schwester litt, sondern – im Gegenteil – von ihr profitierte. Anita war zum Ruhepol der Familie geworden, an dem der eher hyperaktiv veranlagte Junge immer wieder zur Besinnung fand. Wenn er sich mit den Eltern gestritten hatte, tröstete die kleine Schwester ihn und sorgte für rasche Versöhnung. Und Streit gab es nicht selten, seit Heiko in die Schule ging, meistens wegen unerledigter Hausaufgaben. Als der Großvater eine solche Debatte einmal miterlebte, lobte er Anita für ihr Geschick, zwischen den Fronten zu vermitteln. Irgendwann war Erika Lailach bereit zu vergessen, dass ihr Vater gesagt hatte: »Wir lassen uns kein behindertes Enkelkind vor die Nase setzen.«

      Lange diskutierte das Ehepaar Lailach darüber, welche Schule Anita besuchen sollte. Für ein Kind mit Down-Syndrom kam eine normale Grundschule damals nicht in Frage. Am liebsten wäre es ihnen gewesen, Anita hätte in die Schule für Körperbehinderte im nahen Altdorf gehen dürfen, die zum Wichernhaus gehörte. Doch dort verwies man sie an die »zuständige Einrichtung für geistig Behinderte«, eine Sonderschule der Lebenshilfe mit obligatorischer Ganztagsbetreuung. Das hätte bedeutet, Anita morgens daheim abholen und erst am späten Nachmittag zurückbringen zu lassen. Dieses Angebot gefiel den Lailachs nicht. Auch als Schulkind sollte Anita so aufwachsen können wie andere Kinder: zum Mittagessen nach Hause kommen, nachmittags mit ihrem Bruder und den Nachbarskindern spielen. Schließlich zeigte sich die anthroposophische Karl-König-Schule für »seelenpflegebedürftige Kinder« in Nürnberg bereit, diesen Wunsch zu akzeptieren.

      Schon bald nach der Einschulung war Anita unglücklich darüber, das einzige Kind in ihrer Klasse zu sein, das überhaupt ein paar Worte sprach. Sie durfte eine Klassenstufe überspringen. Ein Jahr darauf hatte sie das Alphabet gelernt und konnte Texte abschreiben. Sie lernte schwimmen und Rad fahren, was den Eltern viel Geduld abverlangte. Doch immer, wenn Anitas motorische Fähigkeiten gefördert wurden, schien auch ihre geistige Entwicklung einen Sprung zu machen.

      Anita und Heiko verstanden sich gut. Was ihr von den Erwachsenen nicht vermittelt wurde, das brachte er ihr bei. Aber auch Heiko konnte manches von seiner Schwester lernen. Einmal hatte er auf dem Altdorfer Trödelmarkt ein Buch entdeckt, das er unbedingt haben wollte, weil es herrliche Bilder von Polizeiautos enthielt. Er zog die Mutter zum Tisch des Händlers, um sie zum Kauf zu überreden.

      »Das geht leider nicht, wir haben nicht mehr genug Bargeld dabei«, erklärte Frau Lailach.

      »Ich will es aber!«, rief Heiko und schlug mit der Faust auf den Tisch.

      Seine Mutter schüttelte den Kopf.

      »Darf ich’s mal anschauen?«, bat Anita den Händler.

      Sie blätterte eine Weile darin, gab es mit einem strahlenden Lächeln zurück und sagte: »So ein schönes Buch! Nur haben wir kein Geld mehr. Leider. Wo gibt’s das denn zu kaufen?«

      Der Händler schmunzelte und schenkte ihr das Buch. Anita verstand es eben, die meisten Leute um den Finger zu wickeln.

      Heiko maulte: »Warum bekommt die immer alles, was sie will?«

      »Schau mal genau hin, wie Anita das macht«, antwortete die Mutter.

      Im Herbst 1991 stand für Anita der Wechsel an die regionale Sonderschule an, die keine Ausnahme von der üblichen Ganztagsbetreuung machen wollte. Am Miteinander von Schule und Tagesstätte müsse festgehalten werden, um »die Leistungsfähigkeit des behinderten Kindes optimal zu fördern«. Das Ehepaar Lailach dagegen war überzeugt, Anita könne im Umgang mit ihrer Familie und mit Freundinnen aus der Nachbarschaft mehr fürs Leben lernen als in einer geschlossenen Behinderteneinrichtung. Als die Bezirksregierung entschied, dass für Anita keine andere Schule in Frage komme, die Eltern aber den verpflichtenden Besuch der Tagesstätte am Nachmittag ablehnten, spitzte der Streit sich zu. Die Lailachs blieben hartnäckig: Der Nachmittag gehöre der Familie. Sie entschlossen sich zu einem Schulstreik und riefen das Kultusministerium als Schlichter an. Ein ganzes Jahr lang ging Anita gar nicht zur Schule.

      „Die hat es gut«, meinte Heiko, der jeden Morgen um sieben Uhr das Haus verlassen musste. Erst als die Süddeutsche Zeitung ausführlich über den Fall berichtete, lenkte die Schule ein und gestattete Anita, gleich nach dem Unterricht nach Hause zu gehen.

      Eine andere Institution ermöglichte Anita ohne äußeren Druck einen individuellen Weg: Zwar fragte die Pfarrsekretärin bei der Anmeldung zur Konfirmation noch einmal nach: »Aber nur für Heiko?« Doch da Erika Lailach klarstellte, dass beide Kinder zusammen konfirmiert werden sollten, so wie sie auch zusammen getauft worden waren, fand sich für jedes Problem eine Lösung. Während des Jahres, in dem Anita nicht in der Schule war, erhielt sie vom Vikar daheim Extra-Konfirmandenunterricht, damit sie ohne Schwierigkeiten an den regulären Konfirmandenstunden teilnehmen konnte. Gemeinsam gestalteten sie eine Bibelzeitung, zu der Anita die Bilder beitrug und die anderen Konfirmanden den Text. Wenn sie abends die Bilder in ihrer Kinderbibel anschaute, fielen ihr nun auch die Geschichten dazu ein.

      Intensiver als erwartet setzte sie sich mit der Taufe auseinander, die sie als Kind empfangen hatte. Sie lernte neben dem Vaterunser mehrere Lieder auswendig, bereitete sich voller Aufregung auf ihre erste Teilnahme am Abendmahl vor und sagte schließlich ein klares »Ja« zum christlichen Glauben. Im April 1992 feierten Anita und Heiko mit der ganzen Familie ihre Konfirmation.

      Zu Hause half Anita gern in der Küche, weil es dort meistens etwas zu naschen gab. Sie ging allein einkaufen und erledigte zuverlässig ihre Hausaufgaben. War sie bei Freunden zu Besuch, kam sie zur vereinbarten Zeit zurück.

      Heikos Entwicklung verlief nicht ganz so geradlinig. Seine zunehmende Unaufmerksamkeit und sein leichtfertiges Verhalten bereiteten den Eltern Kopfzerbrechen. Auch in der Schule gab es Probleme, die Heiko allein nicht zu lösen vermochte. Trotz seiner vielfältigen Begabungen stand der Junge sich oft selbst im Weg. Das Ehepaar Lailach