aus.
Zum nächsten Schritt, dem hin zum Abgrund, kam es nie. Ich bin nie gesprungen, aber bin dennoch gestorben. Mein Schmerz war das Transportmittel in die Freiheit. Das erkenne ich heute klar, und ich bin ihm dankbar. Mein damaliges Ich musste sterben, damit ich mich aus dem Sumpf des Alten befreien und wie neugeboren sein konnte.
Damals wog alles so schwer. Mein Geist hatte nichts, an dem er sich festhalten konnte, keine Orientierung. Aber ein Mensch braucht im Inneren klare Antworten auf seine Fragen – oder die Waage des Lebens neigt sich in die falsche Richtung. Heute blicke ich zurück und das Vergangene erscheint mir wie ein Traum, wie eine Schauergeschichte, die ich erzähle und die mit mir nichts mehr zu tun hat. Ich habe keinen Zugang mehr zu den Emotionen, die mich damals vereinnahmten und lähmten. Dies verdeutlicht mir, wie vergänglich alles ist und wie unbedeutend Gedanken und das Klammern an einen Schmerz sein können.
Ich hätte mir damals nie erträumt, dass ich heute dort stehe, wo ich jetzt bin. Nie hätte ich geglaubt, die Stärke zu haben, alles zu meistern.
Ich möchte dich gern an deine Stärke erinnern. Du brauchst niemanden, der dich hält, keinen Zuspruch, keine Liebe von außen. Das, was wahrhaft befreiend wirkt, ist, dass du dich wieder selbst spürst.
„Sich selbst spüren, was bedeutet das genau?“
Sich selbst zu spüren bedeutet, seine innere Stimme nicht mehr zu ignorieren und alles daran zu setzen, auszuleben, was in einem ist, koste es, was es wolle – auch wenn man sich von Freunden, Verwandten, Arbeit oder Wohnort lösen muss. Auch wenn man das gehen lassen muss, was sich falsch anfühlt, um in einem neuen Umfeld gedeihen zu können. Keine halben Sachen, keine Kompromisse, nie mehr das eigene Herz verraten.
Jedes Gefühl, jeder Gedanke, das komplette Zusammenspiel, das dich in deinen aktuellen Zustand versetzt, zeigt dir, wie wunderschön du bist und dass du dies endlich erkennen sollst. Denn die gekappte Verbindung zu unserem wahren Selbst ist das Resultat unserer Erfahrungen. Jene Erfahrungen, die wir im Außen gemacht haben: Ablehnung, Verletzungen, traumatische Erlebnisse. Sie alle haben uns beeinflusst, aber nun gilt es, sich wieder zu spüren. Sobald wir die Verbindung zu uns wieder aufnehmen, wird sie alle unsere Fragen beantworten. Dieser Prozess ist steinig und voller Hürden – dennoch ist er nötig.
Mir ist noch kein starker Mensch begegnet, der ohne harte Vergangenheit ist. Doch jeder Schritt, der dich auf deine eigenen Pfade führt, ist bedeutend. Künftig wird er dir den Weg ebnen.
Ich möchte dich nicht belügen und dir sagen, das alles gut wird, gar, dass alles immer schön und schmerzfrei bleibt. Das Leben ist ein Auf und Ab, es hält Überraschungen für uns bereit, auf die wir nicht gefasst sein können. Doch wir können lernen, keinen Widerstand gegenüber dem, was ist, zu leisten, stets unser Bestes zu geben und das Leben in Demut anzunehmen.
Liebe, Kraft, Vertrauen, Dankbarkeit – all das sind schöpferische Kräfte, die in uns wohnen. Sie warten nur darauf, dass wir sie aktivieren. Wir sollen gesehen werden und aus der Abhängigkeit herauskommen, die uns eingebläut wurde. Wir wollen ein selbstbestimmtes Leben führen, das wir ohne Kompromisse und voller Überzeugung bereit sind, zu verwirklichen.
Kapitel 2
Das Ego
„Ego“ ist ein Wort, das immer mehr Beachtung findet, und das viele, ohne nachzudenken, in ihren Wortschatz einbauen, ohne dass sie verstehen, was es bedeutet.
Das Ego ist:
dein illusorisches Ich
dein gestörtes Selbstbild
die Identifikation mit deinem Verstand
deine ganz persönliche Geschichte
deine Person
Jedoch für mich ist es mehr als nur ein Wort, das dazu dient, Illusion und Wahrheit zu trennen. Das Ego zeigt sich in allen Facetten meines Lebens und spiegelt mir alle meine Mängel. Es zeigt meine Geschichte, eine Biografie, über die ich mich identifiziere.
Alles, was ich bisher erfahren durfte, habe ich nicht bewusst verarbeitet, sondern es brach sich seine Bahn ins Unterbewusstsein. Das Ego ist die Summe unserer Erfahrungen, es klammert sich durch unsere Gedanken an deren Wahrhaftigkeit. Jedoch definiert mich weder die Summe meiner Erfahrungen, noch hat das Ego etwas mit dem Jetzt zu tun, in dem ich bin und mein wahres Selbst lebe. Denn mein wahres Selbst ist von nichts abhängig, es möchte einfach nur gelebt werden; bei dem wahren Selbst könnte man auch von der Seele sprechen. Im Gegensatz zu deinem wahren Selbst ist dein Ego nie vollkommen. Es will sich immer erklären, verstanden fühlen, etwas besitzen oder erreichen, und es gibt dir das Gefühl, dass du nicht vollkommen bist.
Als Kind waren wir alle frei, sorglos und unbeschwert, bis unsere Erfahrungen, aber auch Fremd- und Eigenkonditionierungen uns Rollen auferlegten. Wir wurden alle so erzogen. Bereits als wir Kinder waren, trieb man uns unser wahres Selbst aus. Man presste uns in Schubladen, die wiederum unseren gesellschaftlichen Stellenwert definierten.
Ein Kind hinterfragt nicht, es nimmt sich Vorbilder und übernimmt jegliche Strukturen, die auf ihn einwirken. Auch wir begannen irgendwann, uns selbst über das Schubladendenken zu kategorisieren, unseren Wert als Mensch an Leistung, materiellen Werten und Bestätigungen zu knüpfen. Dabei verloren wir unseren wahren Wesenskern, wir dimmten unser inneres Leuchten ab oder löschten es sogar. Selbst wenn du es gewagt hast, dich nicht anzupassen, wurdest du ausgegrenzt und als sonderbar, gar als verrückt, abgestempelt.
Also definiertest du dich über deine Geschichte und wurdest zu einer Marionette, die verzweifelt auf die Suche geht, abhängig von äußeren Umständen.
Du kannst dir sicher sein, dass es immer auf das Ego zurückzuführen ist, wenn du Ohnmacht, Schmerz, Wut, Trauer oder Frust fühlst. So gut wie niemand weiß, wie krankhaft das Ego ist, welche Ausmaße es wirklich annimmt.
Sei dir bewusst, dass so gut wie jedes Verhalten und Gefühl bei einem unbewussten Menschen aus dem Ego kommt; du wirst es merken. Das Ego zeigt sich in allen Lebensbereichen, spiegelt jeden Mangel, vor allem, wenn wir mit anderen kommunizieren: Man fühlt sich angegriffen, getriggert, belogen, genervt, verarscht. Man ist beleidigt, rechtfertigt sich oder ist selbstverliebt und ohne Empathie. Man gibt jedem anderen die Schuld, nur nicht sich selbst. Die eigenen vom Ego erzeugten Gefühle spiegeln sich in einer „bösen“ Welt.
Die Facetten des Egos sind bei jedem unterschiedlich ausgeprägt, schließlich machen alle eigene Erfahrungen. Aber der Ursprung ist immer der gleiche: Bist du mit deinem Ego identifiziert, bist du nie ganz zufrieden, wirst du nie das Gefühl haben, bei dir angekommen zu sein. Egal, was du im Außen versuchst, egal, wie hart du arbeitest, wie viel Geld du auf der Bank hast, wie oft du ins Fitnessstudio gehst, wie schön du dich schminkst: Das Gefühl von Fülle und tiefer Liebe zu dir selbst bleibt aus.
Das Ego erzählt dir Geschichten, es nährt sich aus Gedanken an die Zukunft und Vergangenheit. Dein wahres Selbst drückt sich in diesem Moment aus, wenn du authentisch bist und dich frei fühlst. Ist dein Bewusstsein im Jetzt verankert, kommt deine Seele, dein wahres Selbst, zum Ausdruck, und das Leben beschenkt dich mit Fülle. Die Puzzlestücke fügen sich zu einem perfekten Bild zusammen.
Hast du ein Haustier?
Dann achte mal darauf, wie das Tier für den Moment lebt. Alles, was wir je besitzen werden, ist in uns, wir haben es nur vergessen. Aus der eigenen Matrix zu erwachen heißt lediglich, dass du dir bewusst wirst, was echt und was Geschichte ist. Du erkennst dein Ego und löst dich von der Identifikation. Mit dem Erwachen löst sich dein Ego nicht in Luft auf, meist löst sich nur eine Identität und man erfindet eine neue. Es geht nicht darum, das Ego zu töten, es macht uns Menschen aus, es ist unser Charakter. Das Entscheidende ist jedoch, dass wir uns dessen bewusst sind und unsere Rolle spielen, also bewusst am Spiel des Lebens teilnehmen. Wir können uns auch mit Konzepten wie Spiritualität oder Glauben identifizieren. Jedoch ist man dann wie bei einer Sucht auf der Suche im Außen. Setzt man die „Droge“