Joachim Ringelnatz

Gesammelte Werke (Über 800 Titel in einem Band)


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auf der Zieglerschen Terrasse. Um diese Stunde war kein anderer Gast dort.

      Da stürzten von zwei Seiten zwei Gendarme herein und packten und befühlten mich mit dem Rufe: »Haben Sie Waffen bei sich?«

      »Ja, einen Bleistift.«

      »Haben Sie einen Ausweis bei sich?«

      »Nein.«

      Ich wurde zur Wache geführt, von einem Wachtmeister ins Verhör genommen. Ich fragte, was ich verbrochen haben sollte.

      Ja, es wäre doch verdächtig, daß jemand jeden Morgen so früh nach Dachau käme und soviel auf Zettel schriebe.

      Man holte telephonisch Auskunft über mich ein. Dann wurde ich entlassen.

      Neue Bekannte im »Simpl«: Erna Krall, eine Philologie studierende Freundin von Wanjka.

      Die aparte Lotte Pritzel, deren geschätzte Puppen gar keine Puppen, sondern grazile Kunstwerke waren. Sie und. die ernste, tiefsinnige Dichterin Emmy Hennings trugen damals schon Pagenfrisur.

      Walter Foitzick, ein witziger Kunsthistoriker und ein unterhaltender Gesellschafter.

      Die begabten Maler Max Unold und R.J.M. Seewald. Unold besaß einen köstlichen Humor. Er konnte entzückend erzählen und vortragen.

      Es hatte sich ein Konkurrenzlokal aufgetan, der »Serenissimus«. Ich schrieb ein Serenissimuslied dafür. Honorar dreißig Mark.

      Exotische Prinzen, berühmte Verleger, bedeutende Kaufherren tauchten im »Simpl« auf.

      Vergeblich versuchte ich, meinen Tabaksladen zu verkaufen. Es fand sich kein Käufer. Da ich für noch zwei Monate die Miete zahlen mußte, so wollte ich diesem Unternehmen, das ich so fröhlich begonnen hatte, auch einen lustigen Schwanz geben. Ich lieferte deshalb von nun an alle geforderten Waren gratis. Wenn ein Kunde zehn Queen verlangte, erhielt er zehn Queen (solange der Vorrat reichte). Fragte er: »Was kostet das?« so sagte ich: »Nichts!«

      Die Wirkung dieser Geschäftsführung war ebenso amüsant wie interessant. Es gab Kunden, die empört waren und auf mich einhauen wollten. Was mir einfiele; sie ließen sich nichts schenken. Andere Kunden waren gerührt. Es kam vor, bis zu Tränen gerührt. Und sie kehrten bald zurück, nicht um nochmal so billig einzukaufen, sondern um mir Gegengeschenke zu bringen. Meistens Bilder oder Bücher, weil sie aus der Ladeneinrichtung schlossen, daß ich Liebhaber davon wäre. Fälle von Ausnutzungen waren zu meiner Verwunderung recht selten. Witterte ich aber etwas dergleichen, dann reagierte ich lustig-sauer.

      Hinter der Schaufensterscheibe hing eine Gardine, die für mich von innen durchsichtig war, mich aber den Straßenpassanten verdeckte. Zwei Studenten blieben stehen. Der eine sagte: »Du sieh mal, ... das ist ein ganz verrückter Kerl. Wir wollen einmal hineingehen und eine Zigarette verlangen, die es gar nicht gibt.« Das hörte und sah ich. Rasch war ich hinter der Theke. Die Studenten traten ein.

      Was steht zu Diensten? Einer der Studenten sagte ungefähr so: »Ich möchte zwanzig Wapipa.«

      Wapipa gab es natürlich nicht. Aber ich führte eine billige Blanko-Zigarette, die keine Inschrift trug. Davon packte ich zwanzig Stück ein.

      »Was kostet das?«

      Ich antwortete kurz, streng und vornehm: »Nun, das wissen Sie doch als Kenner der Wapipa, – zehn Mark!«

      Und fasziniert von meinem vornehmen Blick zahlte der arme Dachs die hohe Summe von zehn Mark.

      Am 31. Dezember 1909 erlosch meine Firma »Tabakhaus Zum Hausdichter«. Ohne Musik.

      Einflußreiche neue Freunde

       Inhaltsverzeichnis

      Wieder kam der Fasching mit wilden Festen und Bällen. Da war der Schwäbische Ball, auf dem Kathi und wir Künstler alle in echten Trachten erschienen. Seele hatte von ihrem Mann noch wertvolle Kostüme für mich. Dann folgten der Russenball, der Presseball, der Gauklerball, ein Ball nach dem anderen, auch solche in Privathäusern. Dann veranstaltete Kathi ihren eigenen Hausball in dem Lokal »Die Blüte«. Ich ging durch all den Taumel als ihr poeta laureatus.

      Längst schon hatte ich mir eine Künstlermähne wachsen lassen. Und saß nachmittags interessant im Café Stefanie mit anderen Größenwahnsinnigen zusammen. Aber das Treiben in der rauchigen Luft des »Simpls« widerte mich schon an.

      Zänkerei und Eifersüchtelei verfeindeten die Vortragenden untereinander. Anni Trautner ward ohnmächtig, weil die goldige Mucki Berger mehr Applaus als sie hatte. Ich mußte die Bewußtlose in einer Droschke heimfahren und ihr unterwegs das Korsett zerschneiden. Die Goldgier und die Rücksichtslosigkeit der Kathi empörten bald den einen, bald den andern von uns. Einer war immer mit ihr böse. Eine Art Bajazzogefühl kam über mich.

      Während dieser wachsenden Verbitterung lernte ich neue Menschen kennen, die mir viel zu denken gaben, indem sie mir Bitteres oder Freundliches sagten.

      Oskar Dolch war ein Kunsthistoriker, der vom Kunsthandel lebte. Trotz seiner jungen Jahre galt er schon als ein hervorragender Kenner alter Malerei. Wenn er auf Kunstauktionen auf irgend etwas bot, spitzten die erfahrensten Sachverständigen. Sein kluges, bescheidenes Wesen zog mich sehr an. Auch hatte er eine eigene scharmante Art, ebenso mit Damen wie mit den einfachsten Mädchen zu flirten.

      Dr. Milk bekleidete eine hohe Beamtenstelle. Kam er in den »Simpl«, so geschah das gewissermaßen nur inkognito. Er dichtete auch, hatte schon Bücher herausgegeben, die mich ebenso fesselten wie seine durchdachten, etwas mystifizierten Gespräche.

      Es revoltierte etwas in mir. Ich war als Sachse und von meinen Lehrern, auch von meinen Eltern aus, ich war durch mein ganzes bisheriges Leben mit einem Wust von Vorurteilen angefüllt. Wenn ich nun etwas als anders erkannte, so schoß meine Bewunderung oder meine Verachtung oft gleich weit übers Ziel.

      Ich las Hebbels Tagebücher. Das regte mich an, mir selbst laufende Notizen über meine Erlebnisse zu machen. Ich las zum erstenmal Hamlet. Frau Dora Kurs schenkte mir die Schlegel-Tiecksche Shakespeare-Ausgabe. Mit Dr. Walter Eitzen hatte ich schon in meinem Tabaksladen lange philosophische Gespräche gehabt, die ich meinerseits schriftlich führen mußte, weil er taub war. Nun empfahl er mir Dr. August Messers »Geschichte der Philosophie«. Dieses Buch wurde mir eine anstrengende, aber aufregende Lektüre. Ich wurde grüblerisch. Im April 1910 hörte ich Joseph Kainz rezitieren. Das war ein großer Eindruck. Als er mit Wedekind ernst den Saal verließ, sagte jemand neben mir: »Der Kainz lebt nicht mehr lange.«

      Der geniale Hochstapler Peter Anter, für den ich einen Operettentext geschrieben hatte, teilte mir mit, daß mein Text unbrauchbar wäre, und nahm Abschied von mir auf fünf Monate Gefängnis.

      Meine Eltern schrieben, Ottilie hätte ein Töchterchen geboren. Im übrigen waren sie besorgt um meine Zukunft. Mutter riet mir ernstlich, ein Handwerk zu ergreifen, etwa Schuster zu werden. Aber ich wollte doch ein Dichter werden. Das war mein glühender Wunsch. Papa hatte irgend was an Paul Heyse auszurichten und sandte mir einen verschlossenen Brief, den ich persönlich Herrn Heyse übergeben sollte. Wahrscheinlich hoffte mein Vater, daß bei dieser Begegnung etwas Günstiges für mich herausspringen könnte.

      Herr Heyse wohnte vornehm und sah höchst gelehrt und würdig aus. Ich genierte mich sehr vor ihm. Er ließ mich Platz nehmen und fragte, ob ich seine Dichtungen kennte.

      »Ja«, sagte ich, obwohl ich nur das Lied vom schönen Sorrent kannte.

      »So? Was kennen Sie zum Beispiel?«

      »Wie die Tage so golden verfließen ...«

      »Woher kennen Sie das?«

      »Wir haben es oft auf See gesungen.«

      »Wie haben Sie es gesungen?«

      Darauf wußte ich nichts Rechtes zu antworten.

      »Singen Sie es einmal vor!« sagte Heyse wie ein Schulmeister.