Danny Seel

Shinobi - Dem Untergang geweiht


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oben auf den Felswänden erkennen.

      „Genug gestaunt“, unterbrach Noriaki Yujiros Starren. „Los, weiter!“

      Langsam trat der Chūnin auf die erste Stufe der hölzernen Treppe, die ungefähr anderthalb Meter breit war. Sie knarrte unter seinem Gewicht und er nahm ihre Unstabilität wahr. Vorsichtig ging er weiter. Seine Neugier war nun viel größer als seine Furcht oder seine Wut, sodass er wortlos hinaufstieg. Er ahnte nicht einmal, was er an der Spitze der Treppe erwarten sollte.

      Als diese schließlich ein Ende nahm, erschien ein eher kleiner, stämmiger Mann mit breiten Schultern und bloßem Oberkörper, der mit unzähligen Tätowierungen bedeckt war, darunter auch Drachen, Totenköpfe und Schwerter.

      „Wer bist du?!“, wollte dieser knurrend wissen, sobald er Yujiro erblickte. Seine Augen erweckten den Eindruck, dass sie jeden Moment aus den Augenhöhlen platzen würden und ließen ihn tierisch aussehen.

      „Grüß dich, Souta. Ich bin’s, Teruo.“

      „Teruo?“ Souta hielt inne. „Einige Wochen sind schon vergangen, seit du uns deinen letzten Bericht erstattet hast. Was ist denn passiert? Du solltest vor kurzem eine Nachricht vom Jōnin bekommen haben. Oder hast du sie nicht erhalten? Und wer ist der da?“

      „Doch, ich habe sie bekommen, sonst wäre ich jetzt nicht hier.“ Er deutete auf den Chūnin. „Dies ist Kiyonori Yujiro, der Shinobi, der wegen Einbruch, Mord und Mordversuch an Lord Nobukatsu, angeklagt wurde.“

      Wütend verengte Yujiro ein wenig die Augen. Also hatte Teruo schon seit über zwei Jahren ein Doppelleben geführt und Informationen sowie Neuigkeiten aus Nabari an seinen Anführer weitergegeben, wer immer dieser auch sein mochte.

      Souta blickte den Chūnin misstrauisch an und nickte. „Dann könnt ihr passieren.“

      Er trat zur Seite, hob jedoch die Augenbrauen, als er Noriaki zu Gesicht bekam. „Ich habe nicht erwartet, Euch hier so früh zu sehen. Ich bin mir aber sicher, dass der Jōnin Euch nach so einem Erfolg garantiert in den Clan aufnehmen wird. Denn wenn dies wirklich Kiyonori Yujiro ist, dann könnt Ihr Euch darauf verlassen, dass er äußerst zufrieden sein wird!“

      Noriaki schmunzelte nur befriedigt und verbeugte sich zum Dank. Als Souta dem Chūnin nicht mehr die Sicht versperrte und ihn durchließ, fiel dem Letzteren die Kinnlade herunter.

      Er war ganz oben auf dem kleinen Berg angekommen, wo er eine relativ flache und leicht bewaldete Gegend in der Größe eines Hektars vor sich sah. Die Mitte dieses Geländes, die ungefähr vier Fünftel der ganzen Fläche einnahm, war vollkommen ausgeholzt worden, sodass es dort mit Ausnahme des einen oder anderen gelegentlichen Busches nur wenige Gesträuche oder gar Bäume gab. Das ganze Dickicht und alle Bäume schienen am Rand dieser Fläche zu wachsen und versperrten größtenteils die Sicht auf die Natur am Fuße des Berges.

      Eine hohe Bergwand hinter ihm sowie rechts von ihm streckte sich mehrere Dutzend Meter in die Höhe und er konnte anhand des steilen Abhangs, der einige Meter zu seiner Linken abrupt abwärts ging, herleiten, dass die anderen beiden Seiten der Fläche links sowie weit vor ihm mit absteigenden, klippenartigen Felswänden abgegrenzt wurden. Anders gesagt, war das Gelände hier größtenteils eingekesselt, sei es von aufsteigenden oder absteigenden Felswänden.

      Dies war jedoch nicht die Ursache für Yujiros Staunen. Was ihm sofort ins Auge sprang, war das größte Bauwerk, das im Zentrum stand und zweifellos das Hauptgebäude war. Es war ein riesengroßes Haus im Verhältnis zu der wilden Umgebung; eine prachtvolle Villa mit vier immer kleiner werdenden Etagen, die ein äußerst elegantes Aussehen hatte und sich einem kleinen Palast ähnelte. Das Gebäude bestand aus Ton sowie aus rot angestrichenem Holz, das pro Stockwerk jeweils mit einer Umrandung von herausragenden Dachziegeln überdeckt wurde und das den traditionellen Baustil des Landes hatte.

      Was dieses Gebäude jedoch so atemberaubend machte, war der Moosgarten, der es von allen Seiten zu umgeben schien. Darüber hinaus schlängelte sich ein kleiner Bach irgendwo hinter dem Hauptgebäude und mündete in einen natürlichen Koiteich vor der Villa. Das Wasser sah dunkelgrün aus und wurde von einer Vielfalt von weißen, roten, orangen und gemischten Koi-Karpfen bewohnt.

      Die verschiedenen weißen Steine, Pflanzen und Büsche, die um den Teich herum zu sehen waren und ihn schmückten, verliehen ihm einen bewundernswerten Eindruck, vor allem das Moos, das es hier in großen Mengen gab. Ein kleiner Pavillon, der etwas abseits von der Villa im Garten stand, strahlte eine friedliche Aura aus, während einige Kirschbäume in seiner Nähe wuchsen. Eine kleine, rote Brücke etwas zu Yujiros Linken überquerte den Koiteich und führte direkt zu dem Hauptgebäude.

      Darüber hinaus war dort noch ein zweites Gebäude zu sehen: eine schäbige Bruchbude, die ein paar Dutzend Meter links hinter dem riesengroßen Haus errichtet wurde und eher wie ein kleines Gefängnis aussah. Es schien in diesen spektakulären Ort gar nicht hineinzupassen.

      „Wunderschön, nicht wahr?“, meinte Teruo, als er zufrieden die bewundernde Reaktion seines ehemaligen Freundes beobachtete. „Alles hier, außer der Villa und des Moosgartens, haben wir spontan errichtet. Für dieses Prachtstück hier …“ Er deutete auf das riesengroße Haus, auf das sie zusteuerten, „mussten wir zwei Architekten entführen und hierherbringen, damit sie uns die Entwürfe dafür erstellten.“

      Kiyonori blieb still, denn ungefähr ein halbes Dutzend Männer, die sich hier aufhielten, brachen ihre Beschäftigung ab und musterten ihn prüfend. Er fragte sich, wer sie hier zusammengebracht hatte und wer ihr Anführer war. Sie alle hatten den erfahrenen Blick von kampferprobten Kriegern und er wäre nicht überrascht, falls sie sich alle als Shinobi oder Rōnin, herrenlose Samurai, herausstellten.

      Als Teruo und Noriaki ihn über die rote Brücke leiteten, nutzte Yujiro diesen Augenblick, um seinen Entführern eine Frage zu stellen: „Woher kommen all diese Männer?“

      „Ich glaube, das willst du lieber nicht wissen“, feixte Noriaki.

      „Viele von ihnen sind Nukenin, Exile, Kriminelle“, erklärte Teruo. „Einige sind aus Koga und zwei oder drei sogar aus Iga, während ungefähr ein Dutzend von ihnen von überall aus dem Land kommen. Und die anderen, sie sind vormalige Mitglieder des Fuma-Clans … genauso wie ich.“

      „Du kommst aus dem Fuma-Clan?!“

      „Ganz genau.“

      Yujiro schwieg. Er hatte nie geahnt, dass sein ehemaliger Freund von so einem Clan stammen könnte. Denn die Fuma spezialisierten sich vor allem auf die Spionage auf dem Meer sowie Guerilla-Angriffen zu Pferde und besaßen Schiffe. Darüber hinaus hatten viele von ihnen ihr Leben der Piraterie und den Raubüberfällen gewidmet.

      Sobald Yujiro die Brücke hinter sich gelassen hatte und dem Kiesweg zum Hauptgebäude folgte, bekam er drei Männer zu Gesicht, die kurz davor standen und ihn beobachteten.

      „Wer ist denn das, Teruo?“, fragte der größte und stärkste der Männer. Er hatte einen dichten Schnursowie Kinnbart und sein nackter, muskelbepackter Oberkörper war an einigen Stellen mit Narben übersät, die unverkennbar Klingen hinterlassen hatten.

      „Grüß dich, Katashi! Dieser Mann ist der Grund, weshalb ich nach Nabari geschickt wurde: um ihn zu entführen. Wie du sicherlich weißt, wurde diese Mission jedoch bald darauf abgebrochen, sodass ich mich gezwungen fand, als Spion und Informant zu dienen.“

      Katashi kreuzte die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn. „Wurde auch Zeit, dass du etwas anderes tust.“

      Dann wandte er sich an Noriaki und murmelte einen Kommentar über dessen baldigen Beitritt in ihren Clan. Während Yujiro ihrem Gespräch lauschte, war er über ihre grobe Direktheit schockiert. Je mehr er sie ansah, desto mehr war er der Meinung, dass diese Leute tatsächlich nichts anderes als Kriminelle waren. Sie strahlten eine solch mitleidlose Brutalität aus, dass er sich selbst von seinem unausgesprochenen Gedanken nach ein paar Sekunden überzeugt hatte.

      „Ich glaube, ihr solltet schnellstens den Jōnin sehen“, riet Katashi und trat, zusammen mit den restlichen Männern, zur Seite, damit seine zwei Gefährten