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Handbuch der Soziologie


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      [67]e) Theoretische Schlussfolgerungen

      Die Befunde der empirischen Datenanalyse müssen in einem abschließenden Untersuchungsschritt auf ihre Implikationen für das zugrunde gelegte Theoriemodell geprüft werden. Falls sich eine Forschungshypothese im Rahmen der Analyse bestätigt, gibt es keinen Revisionsbedarf des Erklärungsmodells, wird eine Hypothese dagegen falsifiziert, so ist die erkenntnisleitende Theorie zu modifizieren oder zu verwerfen. Moderationseffekte haben zur Folge, dass der postulierte Kausalzusammenhang zwar durchaus bestätigt wird, aber nur für eine Teilpopulation. Die Theorie muss dann entsprechend ausdifferenziert werden. Schließlich können Hinweise auf unerwartete und überraschende Zusammenhänge auftreten, die nicht im Mittelpunkt des ursprünglichen Forschungsinteresses standen. Es besteht die Möglichkeit, diese Elemente im Rahmen einer Folgestudie anhand einer neuen Stichprobe zu testen.

2.2Methodik qualitativer Forschungsprozesse
2.2.1Methodologische Grundlagen und Qualitätsstandards

      Die als qualitativ, interpretativ oder rekonstruktiv bezeichneten Methoden der Sozialforschung sind ein heterogenes Feld. In der Folge konzentrieren wir uns auf die Gemeinsamkeiten der damit adressierten Ansätze, ohne die bestehenden Unterschiede einzuebnen.

      Qualitative Ansätze beschäftigen sich mit den alltagsweltlichen Praktiken, Wissensbeständen und Sinnzuschreibungen von Akteuren. Der Umgang mit diesen »Konstruktionen ersten Grades« (Schütz 1971) ist von drei methodologischen Prinzipien geprägt: 1.) Der Forschungsprozess qualifiziert die Teilnehmerperspektive, d. h. es wird eine möglichst umfassende, kontextreiche bzw. dichte Erfassung fallspezifischer Merkmale und Besonderheiten angestrebt. 2.) Das so erhobene Material ist deutungsoffen und muss daher interpretiert werden, es wird ein Bruch mit der Oberfläche des Datentextes und der Illusion des unmittelbaren Verstehens herbeigeführt, um mittels einer methodisch kontrollierten Befremdung latente Sinnstrukturen, fundierende Weltdeutungen und kulturelle Grammatiken aufzudecken. 3.) Zuletzt erfolgt ein rekonstruktiver Schritt, d. h. im Lichte eines spezifischen Erkenntnisinteresses durchdringt die Analyse das erhobene Material, transformiert es in Daten und erstellt von hier aus empirisch gehaltvolle Typologien und Theorien (vgl. Strübing 2013; Flick et al. 2012; Hollstein/Ullrich 2003; Przyborski/Wohlrab-Sahr 2008).

      Über weitere allgemeine Prinzipien herrscht kein Konsens. Einigkeit besteht noch am ehestens hinsichtlich des Rollenprofils der soziologischen Beobachter. Abgesehen vom Spezialfall der Objektiven Hermeneutik1 wird diesen nämlich eine aktive, hervorbringende und performative Funktion zugeschrieben. Anders als in der quantitativen Tradition versucht man also nicht, neutrale und nicht-reaktive Formen der Materialgewinnung und -analyse zu finden, vielmehr wird empirische Forschung als interaktiver Prozess vorgestellt, bei dem die subjektiven Wahrnehmungen und Interventionsmöglichkeiten der Forschenden als wertvolle Ressourcen der Erkenntnis dienen (Strübing 2013, Flick et al. 2012: 25). Dissens herrscht hingegen hinsichtlich der erkenntnistheoretischen Frage nach dem Realitätsgehalt des dadurch generierten Wissens. Diesbezüglich haben wir es mit einem Kontinuum zwischen zutiefst realistischen Überzeugungen auf der einen [68]und radikalkonstruktivistischen Ansichten auf der anderen Seite zu tun (vgl. Breidenstein et al. 2013: 10). Schließlich differieren qualitative Ansätze bezüglich ihres genuinen Erkenntnisinteresses, wenn es nämlich um die Rekonstruktion von Sinnbeständen geht (vgl. Lamnek 2005: 224). Denn während einige Ansätze auf den subjektiv gemeinten Sinn abzielen (phänomenologische Wissenssoziologie, Biografieforschung), fokussieren andere auf die Dynamik des interaktiv hervorgebrachten Sinns (ethnomethodologische Konversationsanalyse) oder beziehen sich auf den kulturellen Sinn konstitutiver Strukturen (Objektive Hermeneutik, Diskursanalyse).

      In den letzten Jahren hat im Anschluss an die zunehmende Etablierung und Konsolidierung qualitativer Forschung eine verstärkte Beschäftigung mit methodischen Standards stattgefunden, um die »Qualität qualitativer Daten« sicherzustellen (Helfferich 2009, Steinke 1999). Dabei lassen sich derzeit drei verschiedene Strategien unterscheiden, von denen bislang noch nicht absehbar ist, welche sich in Zukunft durchsetzen wird: 1.) die Adaption etablierter Gütekriterien aus dem Bereich der quantitativen Methoden, 2.) die Entwicklung eigener Standards und 3.) die Zurückweisung methodischer Standardisierungsbemühungen. In unmittelbarer Anlehnung an die quantitative Methodenlehre plädieren Przyborski und Wohlrab-Sahr (2008: 35–42) für die Adaption von drei Gütekriterien: Validität, Reliabilität und Objektivität. Auf diese Weise soll einerseits der Dialog zwischen den entzweiten Paradigmen befördert und andererseits ein gemeinsamer Standard für qualitative Verfahren implementiert werden (vgl. Reichertz 2000, King et al. 1994). Im Rahmen der zweiten Option lassen sich eigene Kriterien entwickeln, um die Tragfähigkeit qualitativer Studien zu bestimmen. Flick (2007) unterscheidet in diesem Zusammenhang die Dokumentation erkenntnisleitender Hypothesen, die Auswahl gegenstandsangemessener Erhe-bungs- und Auswertungsmethoden sowie die Protokollierung der Verfahrensschritte, die vom Material zu den finalen Kernhypothesen führen. Eine dritte und letzte Möglichkeit besteht darin, die aufkeimende Methodisierung zurückzuweisen. Die Ablehnung begründet man damit, dass die Standardisierung der Verfahren dem Anspruch einer gegenstandsnahen, durchlässigen und problemsensiblen Sozialforschung zuwiderläuft. Als Alternative wird eine fallspezifische Ausrichtung der Methode am jeweiligen Gegenstand eingefordert (vgl. Breidenstein et al. 2013: 8 f.).

2.2.2Grundzüge des qualitativen Forschungsprozesses

      In der folgenden Darstellung erläutern wir die wichtigsten Elemente eines qualifizierenden Forschungsprozesses: a) Materialgewinnung, b) Datenanalyse und c) Theoriebildung. Dabei zeigt sich, dass diese Phasen im Rahmen empirischer Studien – anders als im Bereich der quantitativen Methoden – rekursiv ineinandergreifen und in Abhängigkeit voneinander weiterentwickelt werden.

      a) Materialgewinnung

      Zu den wichtigsten Verfahren der Datenerhebung gehören Interviews, Ethnografien und internetbasierte Erhebungsverfahren.

      Das Interview ist sicherlich das typischste Instrument zur Materialgewinnung. Zur Gewinnung verbaler Daten kommen im Bereich der qualitativen Sozialforschung folgende Befragungsmethoden zum Einsatz: Leitfadeninterviews, Experteninterviews, narrative Interviews, ethnografische Interviews sowie Gruppendiskussionen. Für sämtliche Verfahren gilt, dass sie darauf abzielen, eine möglichst natürliche und vertrauensvolle Gesprächssituation zu schaffen, welche die Befragten dazu anregt, selbstläufig ihre Sinnwelten zu entfalten. Zu den zentralen Tugenden der Interviewführung gehört eine souveräne Handhabung des Leit- oder Gesprächsfadens, um [69]spontan auf Erzählungen des Gegenübers eingehen und notwendige Diskussionsimpulse setzen zu können. Es gibt jedoch große Unterschiede, was den Strukturierungsgrad der Interviews angeht. So haben Experteninterviews einen klaren Problemfokus, was den Interviewer vor die Aufgabe stellt, den Redefluss im Sinne des Erkenntnisinteresses zu kanalisieren. Im Gegensatz dazu bestehen narrative Interviews im Idealfall aus einem einzigen Erzählstimulus, der beim Befragten eine eigenstrukturierte Lebensgeschichte evoziert, die nur gelegentlich durch Rückfragen oder Rückversicherungen unterbrochen werden muss. Die Sammlung möglichst reichhaltiger Kontextinformationen ermöglicht es, den betrachteten Fall in seiner Spezifik zu verstehen (vgl. dazu ausführlich: Küsters 2006; Strübing 2013, Przyborski/Wohlrab-Sahr 2008, Lamnek 2005, Gläser/Laudel 2010).

      Unter einer Ethnografie versteht man die unmittelbare und zeitextensive Präsenz eines Forschenden in einem sozialen Mikrokosmos, dessen Praktiken im Hinblick auf ihren Sinn entschlüsselt werden sollen. Dabei sind Ethnografen weder Teilnehmer noch Touristen. Sie stellen Fragen, machen Notizen, produzieren umfangreiche Beobachtungsprotokolle – und lassen sich dabei von den praktischen Relevanzsystemen der Teilnehmer dirigieren. Zugleich nutzen sie ihre Fremdheit, um deutlicher als jene zu verstehen, was in dem ausgewählten Feld vor sich geht. Ethnografien zielen damit stärker noch als alle anderen qualitativen Verfahren auf die Entdeckung bislang unerforschter Zusammenhänge (Breidenstein et al. 2013; Hammersley/Atkinson 2007; Amann/Hirschauer 1997; Latour 2002).

      Das Internet eröffnet vollkommen neue Möglichkeiten zur Erfassung sozialer Praktiken und Sinnwelten. Das über Blogs, Foren, Chats, Protokolldateien und soziale Netzwerke öffentlich verfügbare Datenmaterial erlaubt Zugänge zu Prozessen der Entstehung, Veränderung, Verbreitung und Konstitution sozialer Formen.