Karl-Hinrich Schlüter

Das Leben nach Adolf Hitler


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unsere Gegner dadurch zu der Einsicht, daß ihr weiterer Widerstand vergeblich ist.

       Einen herzlichen Gruß senden Dir und Deinen Kindern,

       Dein Onkel (J.) Christian und Deine Schwägerin Berta

      

       1943, Berlin, Goebbels: Wollt ihr den totalen Krieg?

       Ja, man wollte.

       1944, Normandie und Offensive der Roten Armee

      Schleswig-Holstein

      In Melsdorf bei Kiel in Schleswig-Holstein lebten die Schlüters, die Familie des Dorflehrers. Christian Schlüter – nicht der gleichnamige Briefschreiber, sondern mein späterer Opa - und seine beiden Brüder waren schon im Ersten Weltkrieg Soldaten gewesen. Sein Bruder Johannes war damals gefallen, 22 Jahre alt. Christian Schlüter hatte den Untergang des Kaiserreichs miterlebt, das Versagen der Weimarer Zeit und den Aufstieg Hitlers. Nun zog er als Veteran in den Zweiten Weltkrieg und war Offizier in Trondheim in Norwegen. Er war ein Ludendorffer. Ludendorff hatte gemeinsam mit Hitler geputscht, sich aber später mit ihm überworfen und ging seinen eigenen Weg. Mein Großvater kannte Ludendorff auch persönlich. Ludendorff und seine Frau hatten eine Art pseudo-religiöse und judenfeindliche Weltanschauung entwickelt und einen entsprechenden Bund der Deutsch-Gottgläubigen gegründet. Eine kleine Anhängerschar gibt es wieder. Frieda Schlüter, Christians Frau, erhob im Dorf laut ihre Stimme gegen die Auswüchse, die es dort gab. Nur gut, dass man sie in Ruhe ließ! Andernorts wurde dergleichen nicht geduldet. Die Tochter heißt Rotraud, die beiden Söhne hießen Johannes und Karl-Hinrich. Rotraud ist meine Tante, Johannes mein Vater und Karl-Hinrich mein Onkel. Die jungen Kerle zog es zur Kriegsmarine. Aus der Schule entlassen, wurde Karl-Hinrich eingezogen, er war auf U-333, das in Emden gebaut wurde und am 31.7.44 sank. Es war das 538. U-Boot, das von Engländern versenkt wurde. Erst nach Jahrzehnten wurde es südwestlich von England nahe der Scilly-Inseln entdeckt. Mein Onkel wurde 20 Jahre alt. Ich erbte seinen Vornamen, so wie Johannes den Vornamen seines im ersten Weltkrieg gefallenen Onkels geerbt hatte.

      Johannes war Volontär in Kiel, als er 1941 zum Arbeitsdienst eingezogen wurde. Später kam er auf einen Minensucher, der nach einem Torpedotreffer versank. Zusammen mit den anderen wurde er aus dem Wasser gefischt. Er war verwundet. Danach kam er auf ein Vorpostenboot in der südlichen Nordsee, als aus Steuerbord plötzlich Feuerbord wurde; es wurde in Brand geschossen. Abermals musste die Mannschaft gerettet werden. Das dritte Boot hatte einen Posten in der Unterelbe. Ein "gegisstes Besteck" (Tagesstrecke) gab es nicht mehr, man lag vor Anker.Was geschah? Auch der Kasten wurde getroffen und versank ebenfalls. Die Besatzung musste an Land schwimmen, es war im Winter. Dreimal war Johannes dem Tod von der Schippe gesprungen, aber es hatte ihn schwer mitgenommen. Nun musste er nicht mehr an Bord, sondern wurde zum Hafendienst nach Emden abkommandiert. Natürlich schaute er in der freien Zeit den Röcken hinterher. Irgendwann begegnete er mit seinen Kameraden den Mädels, zu denen auch Hedwig gehörte. Es schien, als hätten sie sich gesucht und gefunden. Bald war dann der Krieg vorbei. Die Bombennächte hatten sie überlebt, aber Deutschland war besiegt und am Boden. Die desaströse Nachkriegszeit begann. Im November 45 erblickte ich das „Licht der Welt“ auf Transvaal. Nicht in Afrika, es ist ein Stadtteil von Emden. Es wäre schön, wenn die Geschichte hier enden könnte, mein weiteres Leben mit Hitler nichts mehr zu tun hätte. Dem ist aber nicht so.

      Aantjeflott

      Auf Transvaal geboren zu sein war eher ein Makel, denn das Viertel in der Nachbarschaft des Hafens hatte nicht den besten Ruf. Wir wohnten im letzten Haus der Berumer Straße, gegenüber waren Baracken. Dort wohnten Leute, die ausgebombt waren. Das betraf sehr viele, von denen die meisten in einer einzigen Nacht obdachlos wurden. Aber man lebte! Emden ist die Stadt mit der größten Bunkerdichte, bezogen auf die Zahl der Bewohner. Der Führer brauchte Kriegsschiffe und U-Boote. Mein Paradies war dort, wo heute die Althusiusstraße verläuft, die es damals noch nicht gab, und bestand nur aus einem Schloot, einem Wassergraben. Die gehören in Ostfriesland einfach dazu. Er hatte klares Wasser, Schilf, Froschbiss, der aussieht wie Mini-Seerosen, Frösche, Kröten, Teichmolche, Stichlinge, Wasserspinnen, Kaulquappen, Blut- und andere Egel, Schnecken, Schwimmkäfer, Wasserskorpione, Libellen und einiges mehr. Zum Beispiel Aantjeflott. So, wie es in unserer Sprache Anglizismen gibt, gibt es an der Küste auch Plattizismen. Aantjeflott sind Wasserlinsen, die unser Verdruss waren. Also Hermanns und meiner. Wenn wir das Zeug am Körper und an der Kleidung hatten, wussten unsere Mütter, dass wir ihre Verbote wieder mal nicht beachtet hatten. Die zogen erst, als ich einmal einen tiefen Schnitt im Fuß hatte, weil zerbrochene Flaschen im Schloot lagen. Ach ja, die Mücken, nicht zu vergessen. Aber wir hatten ja einen Flit-Zerstäuber.

      Schilf! Bis heute gehört Schilf zu meinen Lieblingspflanzen. Lebt so am Rand, nie weit vom Land und nie weit vom Wasser, wird vom Sturm schwer gebeutelt und steht anderntags da, als sei nichts geschehen. Bietet Lebewesen aller Art Schutz und Lebensraum, schmückt und schützt Häuser. Das Schilfsterben fiel mir auf, lange bevor es öffentlich beachtet wurde. Ein schleichender Tod, der an Fahrt gewinnt. Die Bauern wissen von nichts und die Bahn schweigt…

      Wer Lyrik mag: Über Schilf habe ich ein Gedicht geschrieben, es ist metaphorisch über Werden und Vergehen in plattdeutscher Sprache. Titel des Büchleins: Wechselspiele, Titel des Gedichts: Een Handvull Reit. Vorläufig nur als E-Book erhältlich.

      Rotraud

      ist meine Schwester, die 1946 geboren wurde, ebenfalls im November. Sie hat den Namen unserer Tante geerbt. Im Frühjahr 1947 traf unsere Mutter und uns ein Keulenschlag. Wohnraum war sehr knapp und musste beantragt und genehmigt werden. Hannes arbeitete als Hafenarbeiter. Er wollte wegen der fehlenden Berufsausbildung mit uns nach Kiel umziehen, um dort eine Fachschule besuchen zu können. Er fuhr nach Kiel, um eine Wohnung zu beantragen, und in seiner Heimat besuchte er noch seine Eltern. Er kam nicht wieder. Er lebte nicht mehr.

      ("Ontologische Verunsicherung" nach A. Giddens wird das genannt, was dann bei mir begann. Es ist das Grundproblem vieler weiterer Schwierigkeiten in sozialer und psychischer Hinsicht. Die Verbreitung ist besonders den beiden Weltkriegen zu "verdanken".)

      Somit fehlten mir schon zwei wichtige Personen, ein Großvater und mein Vater. Von dem Großvater in Krogaspe hatte ich nicht viel wegen der großen Entfernung. Reisen damals ist mit der heutigen Mobilität nicht vergleichbar. Es gab spärliche Kontakte, ein paar Briefe und Postkarten. Als Schüler war ich zweimal in den großen Ferien dort.

      Es herrschte Mangel. An Kleidung, an Lebensmitteln, an Heizmaterial. Kohlenklau war gang und gäbe. Die gnadenlos kalten Nachkriegswinter taten ein Übriges. Vater wurde krank, weil der Krieg ihn einholte. Die Namen der beiden Brüder finden sich in Krogaspe auf dem Kriegerdenkmal.

      Ich habe keine Erinnerung an meinen Vater, keine Vorstellung, keine Stimme, nur Fotos und Erzählungen. Etwa, dass er mich in seinen Rucksack steckte und mitnahm zum Angeln. Aber ich habe noch zwei Aufsatzhefte von ihm, aus den Jahren 35 bis 37. Die Themen zeigen, dass den Schülern starke Überheblichkeit vermittelt wurde; Versailler Schandvertrag, Notwendigkeit von Kolonien, Bedeutung von Sport mit Höchstleistungen, Kriege, Erfindungsgeist, „Kampf dem Verderb“, die Staatsverschuldung aufgrund der Reparationen betreffend, die deutschen Länder im früheren Ungarn usw.

      Der Unterricht war also „zielführend, zeitgemäß und vorbildlich“.

      An dieser Stelle muss ich einfügen, dass ich meinen Vater nicht vermisst habe, als ich ein Kind war. Das begann, als ich älter wurde, und nahm zu. Jetzt bin ich alt und mein Vater fehlt mir. Wie oft habe ich mir einen Gedankenaustausch mit ihm gewünscht…

      Ein paar Briefe meines Vaters ergaben eine späte Annäherung, und der Fundus an familiärer Post, beginnend 1914, ergab den Anstoß für dieses Buch – während der „Übersetzung“ aus der Sütterlinschrift. Die Briefe spiegeln alte Zeiten und sie dokumentieren die geschichtlichen Vorgänge. Es ist nicht nur interessant