Anton Winkler

Summ summ summ Bienchen bringt dich um


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      Anton Winkler

      Summ summ summ Bienchen bringt dich um

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      Inhaltsverzeichnis

       Titel

       Der Hobby-Imker Helmut Simon macht (k)eine Entdeckung

       Frau Lobmann dreht durch

       Das Karriereende des Schlagersängers Benny di Blue

       Der Journalist Marcel Malthus kommt zu einer (letzten) verblüffenden Erkenntnis

       Kommissar Graurock hadert mit seinem Beruf

       Epilog (oder genauer: Prolog)

       Impressum neobooks

      Der Hobby-Imker Helmut Simon macht (k)eine Entdeckung

      Die Sonne stand schon etwas tiefer und schickte sich an, hinter den beiden Lärchen am Ende des Gartens zu verschwinden, sodass der größte Teil des Grundstücks bereits im Schatten lag, als Helmut Simon auf die Terrasse trat.

      Eine spätsommerliche Hitzewelle hatte die Stadt erfasst, und auch der Abend dieses letzten Sonntags im August schien kaum Abkühlung zu bringen. Das Thermometer unter dem Vordach der Terrassentür zeigte immer noch 28 Grad.

      Erste Schweißperlen traten unter dem Imkerhut hervor, den Simon aufgesetzt hatte, um wenigstens Hals und Gesicht zu schützen. Auf den Rest seiner Kluft hatte er bei der Witterung verzichtet. Das Risiko einiger Pikser an seinen Armen nahm er gern in Kauf.

      Gelegentlich setzte er sogar gezielt Bienen auf seine von einer leichten Arthritis geplagten Gelenke. Ihr Gift hatte eine lindernde Wirkung.

      Das war schon lange wissenschaftlich belegt, obwohl es dieses Nachweises für Simon angesichts der guten Erfahrungen mit seiner Selbsttherapie nach Großmutter-Art nicht bedurft hätte.

      Sein graues Polohemd – keine grellen Farben, um die Tiere nicht zu reizen – klebte an seinem Körper. Auf Brust und Rücken hatten sich V-förmige, großflächige Schweißflecken gebildet, wie man sie häufig bei den Helden in Actionfilmen sah. Simon bezweifelte jedoch, dass der Anblick, den er in diesem Moment bot, seiner Frau Helga Anlass zu Begeisterungsstürmen oder gar erotischen Phantasien gab. Dazu war das V auf seiner Vorderseite viel zu konvex gewölbt. In jüngeren Jahren war er recht sportlich gewesen, hatte es als Handballer – Spezialität: Heber von rechts außen – sogar zu einigen Einsätzen in der zweiten Liga gebracht. Irgendwann hatten seine Gelenke aber nicht mehr mitgemacht. Inzwischen hatte er sich eine regelrechte Plauze zugelegt, wie er den kugelförmigen Körperteil unterhalb des Brustbeins in seiner Berliner Mundart selbst bezeichnete. Mit 66 Jahren musste man auch wirklich nicht mehr aussehen wie Sean Connery, da stimmte ihm sogar Helga zu.

      Simon überlegte, ob James Bond es wohl für nötig halten würde, bei der Kontrolle von Bienenstöcken Schutzkleidung zu tragen. Vermutlich nicht. Allerdings handelte es sich bei den kessen Bienen, mit denen Bond sich normalerweise in seinen Filmen beschäftigte, auch eher nicht um Fluginsekten.

      Ob es stattdessen wohl auch Schutzkleidung gegen gefährliche Frauen gab? Simons schmunzelte bei dem Gedanken. Die beste Verteidigung wäre wahrscheinlich ein schweißtriefendes Polohemd auf einem kugelrunden Altherrenbauch.

      Zum Glück zählte Helga nicht zur Spezies femme fatale. Trotzdem hatten sie einander in den nunmehr 38 Jahren ihrer Ehe stets attraktiv gefunden, und es hatte kaum Phasen längerer sexueller Abstinenz gegeben. Vier wohlgeratene Söhne und mittlerweile fünf Enkel zeugten von der gesunden Fruchtbarkeit der Simon'schen Linie. „Wenn ich schon nicht reich bin, vererbe ich euch wenigstens meine guten Gene“, pflegte Simon immer zu sagen.

      Immerhin hatten sie es aber zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Er bezog nach über 40 Jahren beim Finanzamt eine ordentliche Pension, Helga hatte lange Jahre als Krankenschwester hinzuverdient. Das Häuschen im Achenseeweg, einer ruhigen, fast schon ländlichen Wohnstraße in einem der südwestlichen Zipfel Berlins, war längst abbezahlt. Durch die Nähe zum „Todesstreifen“, wie man die Zone der Stacheldrahtzäune an der Grenze zu Mauerzeiten genannt hatte, waren die Grundstücke damals relativ billig gewesen. Heutzutage galt dieser Teil von Lichterfelde-Süd als attraktive Wohnlage.

      Simon und seine Frau genossen ihren Ruhestand und fühlten sich fit und aktiv. Kleinere Zipperlein – ein Ziepen im Gelenk hier und da, ein etwas zu niedriger Blutdruck, ein bisschen Übergewicht – taten da keinen Abbruch.

      Irgendetwas kam Simon sonderbar vor, als er den ersten Kasten seines kleinen Bienenstocks öffnete, ohne dass er genau hätte sagen können, was es war.

      Seine Bewegungen waren bedacht und langsam, und zwar in diesem Fall nicht nur aus der üblichen Rücksicht auf seine betriebsam umher schwirrenden bräunlich-gelben Insekten, sondern auch deshalb, weil er zu mehr Dynamik bei diesen Temperaturen schlicht nicht in der Lage gewesen wäre. Vorsichtig nahm er einen der Rahmen heraus. Er war bereits fast zur Hälfte mit Wachs verschlossen.

      Seinen Bienen schien die Hitze nicht das Geringste auszumachen.

      Sie waren offenkundig fleißig gewesen: Es sah so aus, als könnte er zum Ende der Saison in zwei, drei Wochen noch einmal eine schöne Portion Honig ernten. Mit den wenigen Völkern, die Simon besaß, hatte sein Hobby freilich keinen reellen ökonomischen Nutzen – ganz im Gegenteil, allein die Schleuder hatte ein Vermögen gekostet, und er zweifelte, ob sie sich jemals amortisieren würde. Es stand für ihn aber außer Frage, dass der Honig aus eigener Produktion um Längen besser schmeckte als die Industrieware, die man in den Supermärkten bekam, Bio hin oder her.

      Was sie nicht selber aßen, verschenkten sie – der Rest, der dann noch übrig blieb, ging an eine Genossenschaft von Berliner Freizeitimkern, die ihren „Hauptstadt-Honig“ an ausgewählte Fachhändler vertrieb. Seine Kosten konnte Simon damit nicht ansatzweise decken, aber das war ihm sein Steckenpferd wert.

      Simons Freude über das gute Ergebnis wurde überlagert von dem Gefühl, dass seine Bienen heute anders waren als sonst, ungewöhnlich lebhaft.

      Oder hatte sich etwa die Anzahl der Tiere vergrößert?

      Er war es gewohnt, dass seine Bienenvölker im Laufe der Zeit eher schrumpften. Das große Bienensterben, über das man in letzter Zeit so viel lesen konnte, ging auch am Hobby-Imker Helmut Simon nicht spurlos vorüber. Den Befall mit der berüchtigten Varroa-Milbe vorletztes Jahr hatte er dank „Varro-Ex“ gut unter Kontrolle bringen können. Nach einiger Zeit hatte er aber wieder einen gewissen Bienenschwund verzeichnen müssen, obwohl seine Völker milbenfrei waren. Er hatte den Verdacht, dass das Mittel selbst der Gesundheit der Bienen eher abträglich war – ohne handfesten Beweis, versteht sich. Der Hersteller beteuerte sowieso, alles sei völlig unbedenklich.

      Simon hatte das Mittel abgesetzt. Wer mochte schon Chemie, und sollte sie noch so unbedenklich sein, in seinem selbst geschleuderten Honig aus dem Garten?

      Und offenbar hatte er ja recht mit seiner Entscheidung, denn so lebhaft und zahlreich wie heute hatte er seine Bienen noch nie erlebt.

      Er konnte sie schlecht zählen, aber wurde das Gefühl nicht los, dass es mehr Tiere waren als noch letzte Woche.

      Simon versuchte, ein einzelnes Tier in dem Gewimmel mit den Augen zu fixieren – ein nahezu