Sven Hauth

Marsjahr


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denen man ihr wahres Gesicht nur erahnen konnte. Der Anblick der verkleideten Kinder erinnerte Greg an seinen Helm, und auf einmal fühlte er sich nicht mehr so sehr als Außenseiter. Wie schön musste es sein, ein Kostüm zu tragen, unter dem einen niemand erkannte. Greg wäre unsichtbar!

      Mom hatte den Kindern mit einer Hand Bonbons und Schokoriegel in die Stoffbeutel geworfen, und mit der anderen einen zappelnden Greg davon abgehalten, an ihr vorbei zu schlüpfen und sich der Gruppe anzuschließen. Als die Haustür wieder ins Schloss fiel, rannte Greg ins Wohnzimmer und drückte sich die Nase am Fenster platt. Alles was er sah war die schwarze Oktobernacht, aber er wusste, in ihrem Schutz passierten dort draußen in den Straßen aufregende Dinge.

      Seit jenem Tag lief Greg in seinen Träumen verkleidet über die Bürgersteige der Nachbarschaft. Niemand wich ihn aus oder rempelte ihn an, denn niemand wusste, wer er war. Jedes Mal, wenn er diesen Traum durchlebte, reifte sein Entschluss, ihn wahr werden zu lassen, ein Stück mehr.

      Heute war der Tag gekommen. Er würde einer von ihnen sein, einer der Glücklichen, die dort draußen unerkannt umherliefen und Spaß hatten. Greg war bestens vorbereitet, immerhin hatte er ein ganzes Jahr Zeit gehabt.

      Mit einem Rucken kam der Schulbus zum Stillstand. Ein letztes Mal murmelte Greg das entscheidende Wort - ein Bandwurm von einem Wort, mit so vielen Silben, dass Greg die Aussprache tausendmal hatte üben müssen, bevor es ohne Stottern über seine Lippen rutschte. Er stürmte auf die Straße und war mit drei Sätzen auf der Veranda in Moms Armen. Er wartete gar nicht erst ab, bis sie ihre Umarmung beendet hatte.

      "Halloweenkostüm!", platzte er heraus, direkt in Moms linkes Ohr. Sie schob ihn mit ausgestreckten Armen auf Abstand. Ihr Mund stand weit offen, als konnte sie es nicht glauben, dass es wirklich ihr Sohn war, den sie festhielt.

      "Halloweenkostüm!", wiederholte Greg, noch etwas lauter, für den Fall dass Mom vorhatte, seine Forderung mit einem Lächeln abzutun.

      Er erntete nur ein ungläubiges Lachen. Manchmal war Mom etwas schwer von Begriff. Greg ließ nicht locker. Sie musste begreifen, dass es ihm ernst war. "Kostüm! Kostüm! Kostüm!", quengelte er, noch lange nachdem ihm Mom ins Haus gezogen und aus der Jacke geholfen hatte. Er hörte erst wieder damit auf, als Mom realisierte, dass sich hinter dem neu gelernten Begriff mehr verbarg als die Erweiterung von Gregs Wortschatz.

      "Du willst ein Halloweenkostüm?"

      Greg nickte und grinste. Erstaunen und Freude im Gesicht seiner Mutter wurden abgelöst von Sorgenfalten. Greg spürte, dass er kurz vorm Ziel war. Er stieß seine speziellen Schmerzenslaute aus, reserviert für besondere Situationen wie diese. Am Ende gelang es ihm sogar noch, eine Träne zu verdrücken.

      Der Laden, den sie besuchten, war nicht derselbe wie der, in dem Mom Gregs Helme kaufte, sondern ein viel schönerer, bunterer, in dem es unglaubliche Dinge gab. Ein Verkleidungsladen, vollgestopft mit prachtvollen Gewändern, Masken, Spielzeug. Greg konnte sich nicht satt sehen. Wie eine Flipperkugel lief er im Zick-Zack Kurs zwischen den Regalen und Kleiderständern umher, streichelte die unterschiedlichsten Stoffe, scheiterte am Versuch, eine der Gummimasken über seinen Helm zu ziehen und untersuchte eine Flasche Original Hollywood FX Filmblut, die Mom ihm weg nahm, bevor er es schaffte, den Verschluss zu knacken.

      Such dir etwas aus, hatte sie gesagt. Etwas? Er wollte alles!. Doch dann fiel sein Blick auf ein Stück Stoff, feuerrot wie sein Helm, und die Entscheidung war gefallen.

      "Mom!" Er zeigte auf das flache Päckchen. Mom musste es sofort kaufen, es lag nur noch ein einziges Exemplar im Korb.

      "Warum nicht", murmelte Mom, nahm das in Folie eingeschweißte Paket und legte es vor die Kassiererin, die es begleitet vom Platzen ihrer Kaugummiblase über den Scanner zog. Es piepte. Im Display der Kasse leuchteten die Worte Kostümset Teufel, $14.99.

      Es war Greg strengstens verboten, auch nur in die Nähe von spitzen oder scharfkantigen Gegenständen zu kommen, und so musste er es Mom überlassen, das Kostüm von der engen Zellophanhülle zu befreien. Greg stand daneben und klatschte in die Hände, als wollte er die Schere auf ihrem Weg durch die Verpackung anfeuern. Irgendwo im Hinterkopf registrierte er, dass diese ungewohnte Aufregung garantiert eine frische Unterhose nötig machen würde, doch das war ihm egal. Der große Moment stand kurz bevor. Sein Halloweenkostüm war drauf und dran, freigelegt zu werden.

      Mom faltete das glitzernde Stück Polyester auseinander. Sie nahm Greg den Helm ab, half ihm beim Ausziehen von Pulli und Jeans (beim Anblick des dunklen Flecks auf Gregs Unterhose hielt sie kurz inne, um ihre Augen gen Zimmerdecke zu drehen) und dirigierte seine knochigen Gliedmaßen vorsichtig in die dafür bestimmten Öffnungen des Ganzkörperanzugs. Der Reißverschluss am Rücken deckte die ganze Länge von Gregs krummer Wirbelsäule ab. Nachdem sie ihn geschlossen hatte, trat sie einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk.

      Im Gegensatz zu dem selig lächelnden Jungen auf der Verpackung, dem das Kostüm hauteng wie ein Taucheranzug passte, war es für Gregs Statur etwas groß geraten. Die Kapuze hing schlapp über seinen Augen wie bei einem geheimnisvollen Mönch. Mom löste das Problem, indem sie Greg den Helm wieder aufsetzte und überflüssigen Stoff unter den Rand stopfte. Den Schwanz mit der herzförmigen Spitze befestigte sie per Druckknopf an der dafür vorgesehenen Lasche über Gregs Steiß, zwei Plättchen doppelseitiges Klebeband verbanden Plastikhörner mit Helm.

      Als die Ankleideprozedur überstanden war, stürmte Greg ins Badezimmer und drehte sich verzückt vorm Spiegel. Sein Grinsen wurde breiter und breiter, denn was ihm entgegenblickte war nicht mehr der Greg den er kannte. Er war ein anderer geworden, sein Traum stand an der Schwelle zur Wirklichkeit. Eine selten erlebte Euphorie erfüllte ihn, gleichermaßen ausgelöst durch das Kostüm und die Vorfreude auf den Abend. Mit dem Plastikdreizack bewaffnet rannte Greg den Rest des Tages durchs Haus und spießte imaginäre Seelen auf, bis es endlich an der Tür klingelte.

      Mit einem Seufzer stemmte sich Mom aus ihrem Fernsehsessel, nahm die Schale von der Flurkommode und öffnete. Über ihre Schultern hinweg erkannte Greg im Zwielicht der Aussenlampe drei Personen. Sie sahen völlig anders aus als die Gruppe vom letzten Jahr, viel größer. Eine von ihnen trug ein graugrünes Gewand, faltig wie ein Theatervorhang, und eine Art Krone. Die zweite eine weiße, bedrohlich ausdruckslose Maske und einen pechschwarzen Overall. Das blonde Mädchen war überhaupt nicht verkleidet. Sie trug ein gelbes Stück Plastik unter dem Arm geklemmt, das wie ein geschrumpftes Ruderboot aussah.

      "Trick or Treat", sagte eine schüchterne Stimme, die Greg bekannt vorkam. Doch jetzt blieb keine Zeit, sich über bekannte Stimmen oder fehlende Verkleidungen zu wundern. Er schlich ins Wohnzimmer, wo sein Schulrucksack gepackt für den nächsten Tag unter dem Tisch deponiert lag. Seine Hand schlängelte sich in das versteckte Innenfach und fand die Spraydose, die er sich vor ein paar Wochen von seinem dicken Freund geborgt hatte. Greg zog die rote Plastikkappe ab und hob den Deckel von der Kürbiskerze. Mit zwei Fingern fischte er eines der brennenden Teelichter heraus und hielt es zwischen Tischdecke und Spraydose, so wie er es vom Night Rider gelernt hatte.

      "Seid ihr nicht schon ein wenig alt für Halloween?", hörte er Mom im Hintergrund sagen. Dann drückte er auf den Sprühknopf.

      Die schüchterne Kerzenflamme wurde zum Atem eines Feuerschluckers. Die Papiertischdecke stand sofort in Flammen. Gebannt starrte Greg auf die aufgedruckten Skelette, von denen sich das erste bereits unter der Hitze kräuselte und kurz sah es aus, als würde es tatsächlich tanzen. Greg setzte seine hysterischste Miene auf, rannte zu Mom, die immer noch mit den Trick-or-Treaters diskutierte, und riss an ihrer Bluse.

      "Mom!", jaulte Greg und deutete Richtung Wohnzimmer, aus dem bereits Rauchwolken trat.

      "Oh mein Gott!", rief Mom, und Greg fühle einen kurzen Stich Schuldbewusstsein. Sie lies die Süßigkeiten fallen und stürmte Richtung Qualm. Wie ein Zauberer dem erstaunten Publikum seine verschwundene Assistentin enthüllt, riss sie das brennende Papier vom Tisch und schmiss es auf den Boden.

      Das Letzte, was Greg sah, bevor er an der Freiheitsstatue vorbei in die Freiheit schlüpfte, war seine Mom, die einen ungestümen Regentanz auf den Flammen vollführte, den (inzwischen komplett verbrannten) Skeletten auf der Tischdecke nicht unähnlich.

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