Ludwig Ganghofer

Der Ochsenkrieg


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vom Runotter, den man heuer wieder zum Richtmann der Ramsauer Gnotschaft gewählt hat. Sein Vater ist Erbrechter worden vor dreißig Jahr.«

      Sinnend sagte der Reiter: »Die Jula?«

      »Die, ja! Könnt’s besser haben und müßt nit sennen. Die Jula geht aus Fürlieb almen, um ihres bresthaften Bruders willen. Der mag nit unter Leut sein.«

      Ohne zu antworten, ließ der Reiter dem ungeduldigen Pongauer die Zügel schießen. Und der Bauer kehrte zu seiner Sense zurück. In Sorge fragte das Weib: »Was hat er wollen?«

      »Von mir kein Hälml. Gott sei Dank! Bloß nach der Jula droben hat er mich ausgefratscht. Aber da wird ihm der g’lustige Herrenschnabel trücken bleiben.«

      »Schrei nit so!« tuschelte das ängstliche Weib. »Was war’s denn für einer?«

      »Ich glaub, der jung Someiner.«

      »Dem Gadener Amtmann der seinig?«

      »Der, ja! Aber ‘s Zwielicht kann mich genarrt haben. Es heißt doch allweil, der jung Someiner wär auf der Prager Magisterschul.«

      »Was geht uns der Bub des Amtmanns an?« Das Weib bekreuzigte sich. »Gott sei gelobt, daß wir nit Kinder haben. Nit Buben, die Eisen fressen müssen für die Herren, und nit Töchter, die man zu Lustföhlen macht.«

      Der Bauer brummte was in den dielten Bart und schwang im sinkenden Abendtau die Sense wieder. —

      In gleichmäßigem Takte klang der Hufschlag des trabenden Pferdes.

      Der Reiter achtete des Gaules wenig und war nachdenklich.

      »Die Jula?«

      Hatte er nicht die Jula vom Runotterhof einmal gesehen, vor sieben Jahren, noch als ein halbes Kind? Wie das magere, trutzäugige Ding sich ausgewachsen hatte! Aber so stolz und so sparsam mit Worten wie damals war sie noch immer.

      Auf der besseren Straße, in die der Taubenseer Karrenweg einbog, klang der Hufschlag des Pongauers fester und heller.

      Die ersten Sterne schimmerten, und es schlich die stahlblaue Nacht um die Berge, als der Reiter zu den Wohnstätten der Ramsau kam. Neben der Straße rauschte die Ache. Und auf der andern Seite des Weges huschten armselige Hütten vorüber, die nicht Zaun und Gärtlein hatten; dann kamen fest umgatterte Höfe mit hohen Dächern, es kam die kleine Kirche und das große Leuthaus, in dem noch Licht war und trunkene Knechte beim Dünnbier sangen. Und dort, auf dem Hügel droben, das große Gehöft mit den starken Planken und dem steilen Moosdach? War das nicht der Hof des Richtmanns Runotter? Dessen Vater einst, als das Stift zu Berchtesgaden unter drückenden Schulden zu leiden begann, das alte Schupflehen um einhundertvierzig Pfund Pfennig als Erbrecht und Eigengut erworben hatte?

      Der Pongauer, in dem die Sehnsucht nach dem Stall erwachte, fiel in einen sausenden Trab.

      »Die Jula!«

      Und daß die schlanke, aufrechte Jula einen Krüppel zum Bruder haben mußte? Die klösterlichen Hofleute, die gut von den Herren redeten, erzählten es so: Die Frau des Runotter mit ihrem vierjährigen Dirnlein wäre eines Tages, als die Erdbeeren reif geworden, im Hochtal des Windbaches hinaufgestiegen zur Ahn ihres Mannes; am selben Tage hätten die Berchtesgadnischen Chorherren dort oben eine Hetzjagd auf Hirsche abgehalten; und ein Rudel flüchtenden Hochwildes hätte die Runotterin, die seit drei Mondzeiten gesegneten Leibes war, zu Boden geworfen und über eine stubenhohe Steinwand hinuntergestoßen; das kleine Dirnlein wäre über den Unfall der Mutter so arg erschrocken, daß ihm durch, lange Zeit ein seltsames Zittern blieb, eine blinde Angst mit atemwürgenden Schreikrämpfen; und nach sechs Monden gebar die Runotterin den taubstummen Krüppel und blieb ein stilles, trauriges Weib und starb.

      Aber die Bauern, wenn sie keinen Herrn und Hofmann in Hörweite wußten, erzählten es anders. Und das wußten alle im Land, daß damals ein junger Chorherrr, Hartneid Aschacher, plötzlich nach dem Kloster Chiemsee hatte verschwinden müssen, weil er seines Lebens im Berchtesgadener Lande nimmer sicher war.

      Ein dumpfes, donnerähnliches Rauschen in der schönen. Nacht. Das war der Windbach, der seine Wasser herunterstürzte durch die enge Klamm.

      In dem jungen Reiter erloschen die Bilder des Erinnerns. Er mußte scharf nach der Straße spähen, die zwischen den hohen, schwarzen Waldmauern kaum noch zu sehen war.

      Nun kam die freie Höhe der Strub. Kleine, rötliche Lichter, weit zerstreut durch das finstere Tal hin — große, funkelnde Sterne im tiefen Blau des Himmels; und zwischen den Flammen der Höhe und den trüben Laternchen des tiefen Lebens, das zu schlummern anfing, dehnten sich die schwarzgrauen Wälle der Berge in die Ferne, vom klobigen Untersberg bis hinüber zum scharfen Zahn des Watzmann.

      Das erste Haus von Berchtesgaden. Der Reiter mußte den Pongauer zu ruhigem Gange zwingen, weil das Pflaster der Marktstraße begann. Zwischen den groben Steinen drohten Löcher, die für einen Pferdehuf wie Fallen waren.

      Die meisten Häuser standen schon in schlafendem Dunkel. Nur selten ein Licht. Bei einer Wende der engen Gasse sah man in lauschiger Ecke ein schmales, hohes Gebäude, aus dessen geschlossenen Läden zu ebener Erde es rötlich herausdunstete, das Badhaus. Im zweiten Stockwerk waren zwei Fenster offen und hell erleuchtet. Da droben war heiteres Lachen. Man hörte das Geklimper einer Laute und eine trällernde Mädchenstimme. Hier wohnte die Pfennigfrau eines Chorherrn. Noch immer war das Stift gelähmt unter schweren Schulden, aber so viel an Einkünften, die aus Holzschlägen, Salzgefäll, Steuern, Holdenzins und Erbrechtskäufen erflossen, hatte es noch immer, daß man sich das Leben heiter machen konnte.

      Die Gasse wand sich, und es kam der stille Marktplatz. Schulter an Schulter standen da die schmucken Häuser der Handwerker und Kaufleute, mit schweren Eisenstangen und Hängschlössern vor den Gewölben.

      Von den Mauern widerhallte der klirrende Huftritt des Pongauers. In der Tiefe des Marktplatzes, hinter dem schwarzen Umriß eines steinernen Brunnens, flackerte ein Pfannenfeuer vor der Pförtnerstube des Stiftstores.

      Es kamen zwei Wächter, die halblaut miteinander schwatzten. Der eine von den beiden, ein magerer, baumlanger Spießknecht, grüßte den Reiter: »Schöngute Nacht, Herr Magister!«

      Der dankte: »Vergelts, Marimpfel!« Und eine kleine Eitelkeit erwachte in ihm: »Aber weißt du, der Magister liegt in der Truhe. Jetzt mußt du Doktor sagen.«

      »Gotts Teufel und Bohnenstroh!« Ein breites Lachen. »Da tu ich Glück ansagen, Edel Herr Doktor Someiner!« Wieder dieses Lachen. »Sucht sich ein Kind die richtig Mutter aus, so wird das Leben ein lustigs Aufwärtsschupfen.«

      Der Huftritt des Pongauers klirrte. Und von irgendwo aus der Luft klang eine besorgte Frauenstimme: »Bub, bist du’s? Bist du’s?«

      »Wohl, Mutter!«

      »Endlich! Gott sei Dank! — Vater, so schau doch! Hast wieder umsonst gebrummt. Der Bub ist doch lang schon da.« Die Stimme erlosch, und man hörte das Geklapper eines Schubfensters, das herunterfiel.

      Der Pongauer blieb vor einem dunklen Tore stehen, und der Reiter stieg aus dem Sattel.

      Lampert Someiner, Magister artium und Doktor des kanonischen und gemeinen Rechts, hatte das Haus seines Vaters erreicht, des Amtmanns zu Berchtesgaden.

      Der eichene Torflügel rasselte auf. Ein Knecht mit einem Windlicht erschien und nahm den dampfenden Moorle in Empfang. Und Lampert sprang über die Schwelle mit dem flinken Schritt des Sechsundzwanzigjährigen, der sich der Heimat freut und weiß: Jetzt hab ich mein Tischleindeckdich!

      Ein Flur mit gewölbter Decke, erleuchtet von einer kleinen Hirschtalglampe. Eine Tür — die Türe der Amtsstube — war schwer vergittert. Über ein steiles, enggemauertes Trepplein gings hinauf. Und durch den gleichen Flur, in dem diese Herrentreppe war, wurde der Pongauer zu seinem Stall geführt.

      Oben auf der Treppe stand Mutter Someiner mit hoch erhobenem Leuchter, dessen Teller einen schwarzen Schatten über die Frau herunterwarf. »Ach, Bub, wie kannst du denn nur so lang ...« Da sah sie den Zustand seiner Kleidung und erschrak. »Um Himmels willen! Bub? Was ist geschehen? Dir?«