Mühlen und Fabriken genutzt werden konnte. Da Ibsen – wie es in der Epoche der industriellen Revolution üblich war – die unterschiedlichen Möglichkeiten ignorierte, die sich durch die verschiedenen Gewässersysteme in Norwegen und Ägypten ergaben, erklärte er schließlich die gesellschaftlichen Unterschiede mit den unterschiedlichen Mentalitäten der Menschen im jeweiligen Land.
Als Victor Hugo nach Napoleons erfolglosem Ägyptenfeldzug schrieb, »wir alle« seien Orientalisten, und als europäische Autoren wie Gustave Flaubert und Henrik Ibsen später Ägypten besuchten, erweiterte dies somit zwar die Kenntnisse. Das Verständnis für die Geschichte des Landes aber blieb begrenzt und wurde durch die internationalen Machtverhältnisse sowie die unter den Reisenden vorherrschenden Denkweisen beeinflusst. Obwohl Edward Saids Analyse also zu pauschal war, zeigte er dennoch einen wichtigen Aspekt der europäischen Geistesgeschichte auf.
Aktien und Besatzung
1882, gut 90 Jahre nach dem französischen Feldzug unter Napoleons Führung, marschierten britische Soldaten das Niltal hinauf. Die britische Regierung war entschlossen, die vollständige Kontrolle über den Suezkanal zu sichern, und insofern war es naheliegend, die Macht in Ägypten insgesamt zu übernehmen. Die Besatzung sollte dafür sorgen, dass europäische Investoren ihr Geld zurückbekamen, das sie in die ägyptische Wirtschaft und insbesondere in den Kanalbau investiert hatten. Zugleich wurde aber auch schnell deutlich, dass die Briten darauf aus waren, die strategischen Interessen des Empire langfristig zu sichern, nicht zuletzt indem sie den neuen Seeweg nach Indien kontrollierten, der so zu einem Kronjuwel des Empire wurde. Der Indische Ozean entwickelte sich zu einer Art britischem Binnenmeer. Natürlich wurde das letztgenannte Motiv aus politischen und diplomatischen Gründen heruntergespielt. Einmal mehr wurde Ägypten von ausländischen Eindringlingen erobert. Obwohl die britische Herrschaft nur einige Jahrzehnte dauerte, erwuchsen aus dieser relativ kurzen Periode grundsätzliche und revolutionierende Konsequenzen für den Nil und für das Verhältnis zwischen den Menschen und dem Fluss.
Ein Jahr zuvor, 1881, hatte Oberst Ahmed Urabi, ein in Ägypten geborener Offizier, sich an die Spitze eines Aufstands gegen das Osmanische Reich gestellt; Ägypten wurde seinerzeit immer noch formell von Istanbul aus regiert, wie Konstantinopel seit 1876 offiziell hieß. De facto wandte sich Urabi damit auch gegen die wirtschaftlichen Interessen Großbritanniens und Frankreichs, die mit Unterstützung des Vizekönigs durchgesetzt wurden, dem Nachfolger aus der Dynastie Muhammad Alis. Der unmittelbare Anlass für den nationalistischen Aufstand waren Proteste gegen Sparmaßnahmen im osmanischen Heer, in deren Folge die Anzahl ägyptischer Soldaten reduziert worden wäre. Urabi erweiterte seine politische Plattform durch eine Allianz mit traditionellen nationalistischen und religiösen Kräften, die sich grundsätzlich gegen jeglichen Einfluss aus dem Westen stellten.
Als der neue und junge Khedive Muhammad Tawfiq, der Sohn Ismails, mehrere von Urabis Forderungen erfüllte, wollten die europäischen Großmächte nicht länger untätig dasitzen und den Ereignissen zusehen. Sie hatten Angst, die Kontrolle über den Suezkanal zu verlieren, fürchteten aber auch, dass umfangreiche Investitionen in die Kanalgesellschaft sowie im übrigen Ägypten verloren gehen könnten. Muhammad Ali und sein Herrscherhaus hatten die umfangreiche Modernisierung des Landes und die Bezahlung der vielen ausländischen Experten mit enormen Kreditsummen finanziert, die sie bei europäischen Banken aufgenommen hatten. Der Verkauf der Kanalgesellschaftsaktien durch Ismail an Großbritannien zum Schleuderpreis kann nur vor dem Hintergrund der dramatischen Verschuldung Ägyptens verstanden werden. Trotzdem machten sich die europäischen Finanzhäuser mit dem Haus Rothschild an der Spitze immer mehr Sorgen um ihr Geld. Frankreich und England hatten derart große ökonomische Interessen in Ägypten, dass sie eine europäisch gelenkte Kommission einrichteten, die das Mandat erhielt, die ägyptischen Finanzen zu überwachen und für eine Wirtschaftspolitik zu sorgen, die Ägypten in den Stand versetzte, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Was die beiden Länder damals etablierten, war eine frühe Form der Konditionalitätspolitik, wie sie die Weltbank in den 1990er Jahren praktizierte, nur wesentlich direkter und weitaus demütigender.
Frankreich und England waren sich in einer Sache einig: Ägypten musste seine Schulden begleichen. Doch unter der Oberfläche europäischer Einigkeit gab es eine starke Rivalität um Macht und Einfluss in der Region. Nachdem Tawfiq zur Bekämpfung des Aufstands um Hilfe aus dem Ausland gebeten hatte, wurde im Mai 1882 entschieden, eine gemeinsame britisch-französische Flotte als Machtdemonstration nach Alexandria zu entsenden.
Als die Kriegsschiffe im Juni gleich außerhalb von Alexandria vor Anker gingen, kam es in der Stadt zu gewalttätigen Unruhen. 50 Europäer wurden vom Mob getötet, was wiederum die gegen Urabi gerichtete Stimmung in Großbritannien anheizte. Urabi versuchte, die Unruhen einzudämmen, weil er Konsequenzen fürchtete, wenn er zu weit ginge. Im Juli verlangten die Briten von ihm, die Befestigungsanlagen von Alexandria einzureißen, andernfalls werde man die Stadt beschießen.
Frankreich entschied unterdessen, seine Schiffe zurückzuziehen, und löste sich aus der gemeinsamen britisch-französischen Front. Urabi wich nicht zurück. Daraufhin machten die Briten ihre Drohung wahr und schossen die Stadt in Flammen, ungefähr so, wie sie es 1807 mit Kopenhagen gemacht hatten, als ihnen die Herausgabe der dänischen Flotte verweigert worden war. Am 15. Juli gingen britische Kräfte an Land. Urabi und sein Heer zogen sich zurück, um den militärischen Widerstand zu organisieren.
Der britische Premierminister William Gladstone sprach im Unterhaus. Er bedauerte, dass es nicht gelungen sei, andere Europäer für die »Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung« in Ägypten zu gewinnen. England sei aber bereit, allein vorzurücken, ob mit oder ohne Unterstützung anderer Mächte. Ein stabiles Ägypten unter dem Einfluss Großbritanniens sei die Voraussetzung dafür, den Suezkanal auf eine Weise zu betreiben, die den ganzheitlichen Interessen des Empire diente. Was Premierminister Gladstone nicht erwähnte und erst später von Historikern herausgefunden wurde, war die Tatsache, dass er selbst Aktien an der Kanalgesellschaft hielt und somit persönlich an der Invasion verdiente, für die er grünes Licht gab.
Großbritannien schickte mehr als 13 000 Soldaten, davon waren viele in Indien rekrutiert, unterstanden aber der Führung britischer Offiziere. Die Truppen gingen bei Alexandria an Land, griffen ein Heer von 20 000 Ägyptern an, trugen aber aufgrund technischer Überlegenheit schnell den Sieg davon. Die Briten marschierten weiter nach Kairo, aber Urabi war fest entschlossen, sie aufzuhalten – mit dem Nil als Waffe.
Wo die Ägypter Wasser als Kriegswaffe verwendeten
In der heutigen Zeit zu verreisen bedeutet, dass jede Stadt irgendwo beschrieben zu sein scheint und Reiseführer definieren, was man zu sehen hat. Zunehmend muss man einem Drehbuch folgen und dabei einer Art verbindlichem Enthusiasmus gerecht werden. Dieses »erzwungene Interesse« trifft insbesondere auf Reisen am Nil zu, in einem Gebiet und in einer Kulturlandschaft, die so ausführlich wie kaum ein anderer Ort auf Erden in der Reiseliteratur geschildert worden ist.
Tel el-Kebir im Nildelta allerdings ist vermutlich in keinem Reiseführer zu finden. Am 13. September 1882 fand hier eine entscheidende Schlacht statt. Ägyptische Nationalisten unter dem inzwischen zum ägyptischen Premierminister aufgestiegenen Oberst Urabi standen britischen Interventionstruppen in einer als »Wasserschlacht« geplanten Begegnung gegenüber.
Urabi hatte Tel el-Kabir für seine Verteidigungsstellungen gegen die Briten ausgewählt, weil ihm die örtlichen Gegebenheiten hier besonders geeignet erschienen. Als Bestandteil seiner militärischen Strategie hatten seine Soldaten den parallel zur Eisenbahnstrecke verlaufenden Kanal mit einem Damm versehen. Damit sollten die Invasionstruppen sowie die Stadt Ismailia am Ufer des Suezkanals von der Wasserversorgung abgeschnitten werden. Das Wasser als Waffe sollte die Briten dort treffen, wo es am meisten schmerzte.
Kriegsführung mit Wasser oder aquatische Kriegsführung, wie es in der Fachsprache heißt, hat eine lange Tradition, insbesondere in China. Im Laufe der Jahrhunderte wurden vielbändige Werke über die Kunst des Wasserkriegs und über Kriegsherren geschrieben, die ihre Feinde in schöner Regelmäßigkeit ertrinken oder verdursten ließen.40 In Ägypten hingegen