abrutschen könnte, brachte mich innerlich schier um. Es fühlte sich an, als schleuderte mir mein Leben die angesammelte Angst und Verzweiflung der letzten 17 Jahre mit voller Wucht ins Gesicht. Und ich war zu schwach, um zu kämpfen. Ich war es leid. Ich konnte und wollte einfach nicht mehr kämpfen.
Die Dunkelheit meiner Vergangenheit und die Angst vor der Zukunft fühlten sich wesentlich bedrohlicher an als der Gang hinab in einen kalten, stockdunklen Keller, und der Schmerz in meinem Herzen war stärker als jede äußerliche Verletzung, die ich mir jemals zugezogen hatte. Das Einzige, was diesen Schmerz kurzzeitig lindern konnte, waren die Klingen auf meiner Haut und das beruhigende Gefühl, das sich einstellte, wenn ich die Schmerzen endlich wieder unter Kontrolle halten konnte.
Zum Glück entdeckten meine Eltern eines Tages meine vernarbten Arme und ich wurde zu einem Psychologen geschickt. Er konnte mir jedoch mit einer wöchentlichen Sitzung nicht wirklich helfen, deshalb landete ich für einige Zeit auf der geschlossenen Station einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort diagnostizierten sie mir eine Persönlichkeitsstörung und eine mittelschwere Depression.
Danach verschrieb mir mein Hausarzt an meinem 18. Geburtstag Antidepressiva. So feierte ich an meinem 18. keine fette Party, sondern schluckte meine erste Pille. Ich will diese Entscheidung der Ärzte nicht verurteilen, denn sie war wichtig und wahrscheinlich auch notwendig. Denn nach dieser Zeit verletzte ich mich nie mehr wie zuvor, auch wenn mein selbstdestruktives Denken und Verhalten nicht völlig aus meinem Leben verschwand.
Die nächsten Monate fühlten sich wie ein Doppelleben an. Zu Hause gab es gute und schlechte Tage mit meinem Vater, in mir verdrängten die Arzneimittel jedoch meine Angst und von außen holte ich mir die Bestätigung von meinen Freunden und verschiedenen Typen, in die ich mich nacheinander verliebte. Es wurde normal für mich, an den Wochenenden exzessiv zu feiern, mich mit meinen Mädels schön zu machen und dann in die nächste Party zu stürzen.
Wenn ich jetzt an diese Zeit denke, tue ich mir einfach nur unbeschreiblich leid – vor allem, wenn ich mich daran erinnere, wie verzweifelt ich in den verschiedenen Augen der jungen Männer nach Hoffnung, Annahme und Liebe suchte. Von außen betrachtet wirkte ich wahrscheinlich wie eine normale junge Frau, die ihren eigenen Weg sucht. Ich tat das, was alle um mich herum taten. Denn wenn es nichts gibt, was einem noch Hoffnung geben kann, und man keine Garantie dafür hat, dass alles wieder gut wird, ist man eben auf sich allein gestellt – und tut all diese Dinge, um sich irgendwie lebendig und gehalten zu fühlen. Und wenn man nicht an einen Gott glaubt, der einen liebt und auffängt, und wenn unsere Sünden nicht aus der Perspektive Ewigkeit betrachtet werden, spielt dann ein ausschweifendes Leben überhaupt eine Rolle? Für mich jedenfalls nicht. Ich wollte nichts von Gott wissen und suchte woanders nach Liebe und Halt.
Mit 19 Jahren glaubte ich schließlich, in einem Hotel in Spanien die Liebe meines Lebens gefunden zu haben. Und vielleicht wäre Felix2 das auch gewesen, hätte das Leben anders gespielt. Wäre ich vorher nicht schon gebrochen worden und ein emotionales Wrack gewesen. Und hätte er später nicht still und heimlich immer mehr gekifft. Doch als er damals in Spanien meinen Arm, der wirklich von Narben übersät war, in seine Hände nahm und eine Narbe nach der anderen küsste, schenkte ich ihm mein Herz. Konnte er vielleicht wiedergutmachen, was mir widerfahren war?
Wir verliebten uns schnell ineinander und zogen nach nur wenigen Monaten Beziehung zusammen. Ich steckte all meine Träume und Sehnsüchte in diesen Menschen, verlor mich selbst in unserer Liebe und rutschte so von der einen Abhängigkeit in die nächste.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich ständig versucht, das Leben meiner Eltern zu verändern und fühlte mich bisweilen sogar wie die Leibwächterin meines Vaters. Dadurch hatte sich die Lüge in mir festgesetzt, verantwortlich für die Menschen um mich herum zu sein. Ich glaubte, dass es meine Aufgabe war, meine Mitmenschen zu retten und sie vor jedem drohenden Unglück zu bewahren. Und das ganze Szenario aus meiner Vergangenheit spielte sich, wenn auch in harmloserer Form, ein weiteres Mal in der Beziehung mit Felix ab.
Mit 20 Jahren passierte dann etwas, das im Nachhinein betrachtet die Spitze des riesigen Eisbergs war, und verborgen unter der Wasseroberfläche staute sich die Last und der Schmerz der ganzen vorherigen Jahre.
Es war Juni und in Schwäbisch Gmünd, der Stadt, in der mein Freund und ich mittlerweile wohnten, fand eine große Veranstaltung statt. Auf den Plätzen und in den Gassen der Altstadt tummelten sich viele Menschen. Auf einem Platz war eine große Arena aufgebaut. Voller Begeisterung setzten wir uns in die Reihen der Arena, in der in wenigen Minuten eine Artistenshow beginnen sollte. Wir hatten sogar Plätze in der ersten Reihe ergattert. Ich erinnere mich noch daran, wie fröhlich und aufgedreht ich war. Ich war nun schon seit fast zwei Jahren wieder von den Tabletten weg, die meine wechselnden Launen und depressiven Verstimmungen hatten eindämmen sollen. Nach nur wenigen Monaten hatte ich sie aufgrund von schlimmen Halluzinationen und noch heftigeren Stimmungsschwankungen sowie einem zwischenzeitlich einsetzenden ekligen Gefühl der völligen Gefühlstaubheit wieder abgesetzt. Trotzdem hatte ich mich nicht mehr selbst verletzt, doch mit der Angst bekam ich es immer noch regelmäßig zu tun. Sie war mein ständiger Begleiter – immer dann, wenn ich das Gefühl hatte, die Kontrolle zu verlieren. Tief in mir hoffte ich jedoch, dass die Zeit schon alle Wunden heilen würde.
Schließlich ging die Artistenshow los und völlig fasziniert sah ich den Männern auf der Bühne zu, die ihre Kunststücke vorführten und mich damit kurzzeitig in eine andere Welt entführten. Ich war glücklich, denn ich war abgelenkt. Und ich glaubte fest daran, in diesem Sommer endlich die Kurve kriegen zu können und den sehnlichst erwarteten Wendepunkt in meiner Geschichte zu erleben. Der kam zwar tatsächlich einige Monate später, aber überwältigend anders als gedacht.
Als die Artisten irgendwann eine Freiwillige aus dem Publikum suchten, steuerte der Leiter der jungen Männer direkt auf mich zu. Nickend lächelte mich mein Freund an, und so folgte ich dem Mann aufgeregt auf die Bühne. Hätte ich geahnt, was danach passieren würde, hätte ich mich lieber an meinen Stuhl gefesselt.
Die Artisten begannen, mit brennenden Fackeln um mich herum zu jonglieren und irgendwann auch mit Messern. Doch davor hatte ich keine Angst. Nicht vor so etwas. Dann änderte sich innerhalb von Sekunden die Lage. Der Show schauten mittlerweile mehrere Hundert Leute zu, als einer der Männer damit anfing, ganz offensichtlich meine Brust zu berühren. Ich erstarrte zu Eis. Das war bestimmt nur ein Scherz oder ein Versehen, dachte ich mir. Ich weiß noch, wie ich zögernd ins Publikum schaute und einfach nur hoffte, dass ich die Einzige war, die es bemerkt hatte. Und offensichtlich schien tatsächlich niemand etwas gesehen zu haben. Gut.
Die Show wurde lauter und aufregender und die vier Männer führten wilde Kunststücke vor, während ich weiterhin lächelte, mitspielte und gleichzeitig stumm und Hilfe suchend die Reihen im Publikum nach meiner Begleitung absuchte. Schauspielern konnte ich mittlerweile … Doch plötzlich begann einer der Männer meinen Arm bis zur Hand herab zu küssen. Ich spürte seinen feuchten Mund auf meiner Haut und in diesem Moment zerbrach etwas in mir in tausend Stücke. Ich wusste sofort: Das ist nicht richtig. Aber die Stimme in meinem Kopf war lauter als alle anderen und redete mir ein: Setze deine Maske auf, du bist doch so gut darin! Spiele einfach mit und lass dir nichts anmerken. Du willst doch niemanden in Verlegenheit bringen. Und so versuchte ich die Männer, die mir an diesem Nachmittag meine Ehre raubten, sogar noch zu schützen. Doch wie sich seine feuchten Lippen auf meinem Arm anfühlten, kann ich bis heute nicht vergessen.
Bis heute reagiere ich äußerst empfindlich darauf, wenn ich, ohne dass ich darauf eingestellt bin, von Menschen angefasst werde. Selbst bei Berührungen von meiner eigenen Mutter, mit denen ich in dem Moment nicht gerechnet habe, schrecke ich automatisch zurück. Immer wieder werde ich in diese Situation zurückversetzt und an all die Male erinnert, in denen ich mich irgendeinem Mann hingegeben hatte, der mich nur ausnutzte. Denn in diesen Minuten auf der Bühne waren sämtliche Erinnerungen aus der Vergangenheit wieder auf mich eingeprasselt, und ich fühlte mich einfach nur benutzt und ohnmächtig. Ein weiteres Mal hatte ich es nicht geschafft, einfach nur mit einem Blick voller Liebe und Respekt angesehen zu werden. Die Blicke dieser Männer waren voller Gier. Ich fand mich völlig unvorbereitet in größter Not wieder und niemand sah es.
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