dem Beamten vor mir erzählen, an welchen Stellen mich die verschiedenen Männer berührt und wie sie meinen Arm und meine Finger abgeschleckt hatten.
Die Scham in mir brachte alle anderen Gefühle zum Erstarren. Ich fühlte mich nicht nur emotional in all die Male zurückversetzt, in denen mir ein Mann zu nahe gekommen war, sondern hörte auch diese hässliche Stimme der Verurteilung in mir, die mir einflüsterte, dass ich nichts anderes von meinem Leben zu erwarten und es möglicherweise sogar verdient hatte, so behandelt zu werden. Und diese Stimme sollte mich noch lange verfolgen. Ich ekelte mich selbst an und wollte einfach nur all die Erinnerungen abwaschen, die in meinem Kopf pulsierten.
1.2 … auf mein früheres Selbstbild
Das bin also ich. Jetzt kennst du meine Geschichte. Die Geschichte, die erzählt, was alles passiert war, bevor ich Gott kennenlernte. Die Blicke, unter denen ich all die Jahre zuvor gestanden hatte und die ich mir selbst zuwarf, waren von vielem gekennzeichnet, nur nicht von Wohlwollen. Und ganz bestimmt waren diese Blicke nicht wie die, mit denen Gott einen Menschen anschaut. Wie er mich anschaute. Schon damals.
Du hast davon gelesen, wie die Welt mir Blicke zugeworfen hatte, die sich tief in meine Seele einbrannten und die ganz allmählich mit meinem Blick auf mich selbst verschmolzen. Mich selbst zu verurteilen, zu hassen und mich für meinen Körper und mein ganzes Wesen zu schämen, war für mich die einzig logische Schlussfolgerung nach allem, was passiert war. Und so befand ich mich mit gerade einmal 20 Jahren in einer Wüste, in der jegliches emotionales Neuaufblühen unmöglich schien.
Ich sah mich in dieser Zeit auch nicht als Opfer einer schwierigen Kindheit und von seelischem und körperlichem Missbrauch, sondern als Mittäterin. Das Verantwortungsbewusstsein und die Fürsorge für meine Mitmenschen, die ich mir über all die Jahre antrainiert hatte, verstärkten noch mehr das Gefühl in mir, Schuld an allem zu sein, was mir zugestoßen war. Ich hatte mich schließlich selbst in all diese Situationen gebracht und glaubte deswegen, dass auch nur ich allein alles wieder hinbiegen könnte, was Stück für Stück in mir kaputtgegangen war. Und das war viel.
Damals, als der Übergriff auf der Bühne passierte, war ich eine junge Frau, die völlig orientierungslos nach irgendetwas oder irgendjemandem suchte, der sie aus dieser Wüste, in der sie sich immer weiter verlor, herausführte und befreite. Denn dort, in der Wüste, war ein Überleben nur schwer möglich. So wie es in einer echten Wüste ebenfalls ist: Die Hitze des Tages kann einen Menschen verdursten und die Kälte der Nacht erfrieren lassen. Und genau so fühlte ich mich: irgendwo zwischen Verdursten und Erfrieren. Manchmal fand ich zwar eine kleine Oase, in der ich Schutz und Erholung fand, doch wie eine Flüchtige blieb ich nicht lange an so einem Ort, und schon bald wurde der heiße Wüstensand wieder zu meinem Zuhause. So fühlte ich mich – knapp zwei Monate, bevor ich Gott kennenlernte. Und zwar das erste Mal so richtig.
Auch die Worte, mit denen ich zu Beginn des Buches mein Leben beschrieben habe, zeugen davon, wie gebrochen ich mich selbst einmal sah. Kannst du dich an sie erinnern?
Schon immer ein Sensibelchen. Scheidungskind. Tochter eines Alkoholikers. Heimatlos. Ausgegrenzt. Benutzt. Opfer.
All diese Worte haben eins gemein: Sie beschreiben, was andere aus mir machten. Und sie zeigen, wie düster und ängstlich der Blick war, den ich mir selbst zuwarf. Meine Vergangenheit hatte zu Scham und Selbstverachtung geführt und ich wusste, es würde mich viel Anstrengung kosten, diese Aussagen über mich und mein Leben in etwas Schönes zu verwandeln.
An dieser Stelle will ich dich ermutigen, dir selbst einmal zu überlegen, welche Blicke du bisher auf dir aushalten musstest. Ähneln sie den Blicken, die mir zugeworfen wurden? Manchmal muss man dazu auch mehr tun, als nur an der Oberfläche zu kratzen, und Gott bitten, die Türen zum eigenen Herzen zu öffnen, die vielleicht noch verschlossen sind. Mir ging es lange so, dass ich mich mit dem Leben abgefunden hatte, das ich führte. Ja, ich versuchte, mich einfach damit abzufinden, dass ich gebrochen war und dass manche Dinge sich eben nicht mehr ändern ließen. Ich kannte noch keinen Gott, dem nichts unmöglich ist. Vielleicht kennst du diesen Gott schon, aber hast trotzdem Gedanken wie „Hier ist sowieso kein Ausweg mehr möglich, also gebe ich mir gar nicht erst die Mühe, Gott zu bitten, mein Herz zu verändern“. Unsere Augen können so getrübt sein, dass nichts von Gottes heilendem Licht in uns dringen kann. Also versuchte ich nach diesem Vorfall einfach weiterzumachen und zur Normalität zurückzukehren.
Auf eine oberflächliche Art und Weise war ich all die Jahre über glücklich gewesen, doch unter dieser Oberfläche herrschten Zwänge und Ängste, die immer wieder aus mir herausbrachen. Ich fühlte mich damals zwar von meinem langjährigen Freund geliebt, doch auch diese Liebe war geprägt von Misstrauen, gegenseitigen Verletzungen und einer ungesunden Abhängigkeit.
Die Beziehung zu meinen Eltern schien zu diesem Zeitpunkt auf den ersten Blick auch „normal“ – zwar nicht so rosig wie die Beziehungen in anderen Familien, aber doch irgendwie normal für heutige Verhältnisse.
Ohne die Hoffnung auf einen liebenden und souveränen Gott hatte ich ohnehin keine andere Wahl, als das Beste aus dem zu machen, was mir widerfahren war. Eltern trennen sich. Menschen mobben sich und bringen sich gedanklich fast um. Und Sexualität wird so gelebt, wie jeder Einzelne es will. Ein Übergriff hier, einer dort. Ja, nach den Maßstäben dieser Welt war das Leben, das ich damals führte, normal. Und selbst, wenn ich es hätte ändern wollen, wie hätte das gehen sollen?
Die Wüste, in der ich mich befand, war nun einmal das, wofür ich bestimmt war. Und so mühte ich mich immer weiter ab und ohne es zu wissen, lief ich so direkt in Gottes Arme! Und ohne es zu wissen, waren diese starken Arme schon lange ganz weit geöffnet und bereit, mich in Empfang zu nehmen …
1 Christiane Fux: Co-Abhängigkeit: Tipps für Angehörige. 21.10.19, netdoktor, https://www.netdoktor.de/krankheiten/sucht/co-abhaengigkeit/, aufgerufen am 28.09.20
2 Name geändert, um seine Anonymität zu bewahren.
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