wert.
Wladimir liebte das Leben, die Kunst, hatte viele Interessen und neigte nach großen Erfolgen dazu, die Zügel schleifen zu lassen, sich ein wenig zu belohnen. Nachdem er die Weltrangliste anführte, war es daher kein Wunder, dass der steile Aufstieg schon 1996 wieder ins Stocken geriet. Er siegte zwar noch in Dos Hermanas – wo er mit Schwarz eine Wahnsinnspartie gegen Kasparow gewann – und in Dortmund, aber die anderen Ergebnisse des Jahres waren für seine Verhältnisse eher unterdurchschnittlich. Einmal mehr wurde sehr deutlich, dass das mittlerweile 21-jährige Genie noch nicht reif genug war, einen ernsthaften und nachhaltigen Angriff auf den Weltmeistertitel zu unternehmen.
Sein damaliger Trainer, Sergei Dolmatow, 1978 selbst Jugend-Weltmeister, übte für seine Verhältnisse scharfe Kritik und beschrieb Wladimirs Probleme damals wie folgt: »Kramnik hat ein enormes Potenzial, was sich noch nicht entfaltet hat. Er tut immer noch eine Menge Dinge, die ihm viel Energie nehmen und ihm gleichzeitig nicht erlauben, sich voll auf ein Turnier zu konzentrieren. Sein Hauptproblem sind seine ungenügenden Ambitionen. Es ist Zeit, dass Kramnik noch mehr gewinnen will und dieses Ziel auch laut äußert.«
1996 fand die Schacholympiade in Jerewan (Armenien) statt. Kramnik spielte für Russland an Brett zwei. Das russische Team holte mit einem starken Kasparow an der Spitze Gold. Wladimir war sehr schlecht in Form und verbuchte neun Remis, sein schlechtestes Ergebnis bei einer Schacholympiade überhaupt.
Dort traf ich das einzige Mal Miguel Najdorf, zusammen mit einem guten Freund, dem ukrainischen Großmeister Adrian Michaltschischin. Wir unterhielten uns angeregt mit der betagten Schachberühmtheit, Najdorf war damals schon 85 Jahre alt. Nach ihm ist eines der bekanntesten und beliebtesten Eröffnungssysteme benannt: die Najdorf-Variante.
Wir saßen vor einem Café, und nach einigen Minuten gesellte sich der ukrainische Topspieler Wassili Iwantschuk hinzu. Weil »Tschucki« immer mal irgendeine Variante im Kopf hat, ist er im alltäglichen Leben manchmal nicht ganz so präsent. Jedenfalls aß er einen Salat und präsentierte Najdorf ein paar Ideen in dessen ureigener Variante. Dabei merkte er gar nicht, wie Salatblättchen nach Salatblättchen auf der Hose des kleinen Argentiniers polnischer Herkunft landete. Najdorf überging den Fauxpas großzügig, konnte aber nach dem Gespräch die Hosen wechseln.
Selten habe ich auf meinen Reisen so ärmliche Verhältnisse erlebt wie 1996 in der Peripherie der armenischen Hauptstadt. Auf dem Weg zum Treffen mit mehreren Malern sah ich die Folgen des Erdbebens von 1988 in der ohnehin so gebeutelten Region. In den Fenstern gab es immer noch keinen Ersatz für zertrümmerte Glasscheiben, stattdessen hingen dort Tücher. In den Hausfluren fehlte oftmals jede zweite Holzstufe, da sie während bitterer Kälte verfeuert wurden. Strom und Wasser gab es nur zu gewissen Zeiten. Ich habe mir von armenischen Freunden berichten lassen, dass sich die Verhältnisse mittlerweile auch außerhalb Jerewans sehr positiv verändert haben.
Trotz bescheidener Performance bei der Schacholympiade bekam Kramnik 1997 erneut ein großes Lob von Kasparow. Er sei sein stärkster Widersacher, wenn man Talent als Maßstab anlege. Die Ansprüche an den jungen Russen stiegen nun Jahr für Jahr, parallel zu seinen Erfolgen. Auf die Frage im spanischen Linares, woran es liege, dass er nicht den letzten Schritt machen könne, antwortete er: »Manchmal spiele ich sicher, manchmal aktiv und offen. Wenn ich verstehen würde, welchen Schritt ich noch zu machen hätte, könnte ich daran arbeiten und trainieren. Dann würde ich ein Turnier wie Linares auch einmal gewinnen. Ich glaube, dass ich aufgrund meines Spiels den ersten Platz schon verdient gehabt hätte, und bin jetzt einfach nur enttäuscht.«
Aus solchen Aussagen geht klar hervor, dass Kramnik die Dinge damals noch aus rein schachlicher Sicht beurteilte. Er klang ambitioniert, war aber offenbar noch nicht so weit, seine Gewohnheiten konsequent in den Dienst des Erfolges zu stellen. Seine körperliche Verfassung war für einen 22-Jährigen desolat und seine Einstellung zum Turnierschach einfach nicht professionell genug. »Ich habe ihm zwischen 1995 und 1997 immer wieder gesagt, dass er so niemals Weltmeister werden würde«, erinnert sich Josef Resch. Kramniks Antwort sei stets die gleiche geblieben: »Das ist nicht mein Ziel!«
Nach meinem Dafürhalten und so wie ich Wladimir aus dieser Zeit in Erinnerung habe, war er wirklich nicht sehr an diesem Titel interessiert. Mal abgesehen von mangelnden Ambitionen spürte Kramnik außerdem wohl, dass der Weltmeistertitel nicht nur Ruhm, Ehre und Geld bedeutete, sondern auch Verantwortung und harte Arbeit. Laut Resch, der sich sehr über diese Einstellung ärgerte, änderten sich die Dinge dennoch in kleinen Schritten: »Er fing langsam an, diese Schmarotzer aus seiner Wohnung zu quartieren. Auch fragte er mich um Rat, wie er seine finanziellen Dinge regeln soll.«
Aber selbst mit gebremstem Schaum war Kramnik ein Riese: Von 1997 bis 1999 war er immer auf Platz zwei oder drei der Weltrangliste zu finden. 1997 gewann er Dos Hermanas, Tilburg und das sehr stark besetzte 25. Dortmunder Jubiläumsturnier. Es war sein dritter Erfolg hintereinander in Dortmund. Für 99 Prozent der Großmeister war er bereits ein unüberwindliches Hindernis. Auf die Frage, warum er gerade in Dortmund so erfolgreich sei, antwortete Kramnik: »In Dortmund sind wir Teilnehmer in einer ruhigen Atmosphäre, alles ist ziemlich entspannt. Ich fühle mich einfach wohl, und das hilft mir.«
1998 siegte er das erste und einzige Mal in Wijk aan Zee. Das holländische Spitzenturnier lag Wladimir nie so recht. Wir haben oft darüber geredet, warum das so war, und sind zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Irgendwie passte es in Wijk nur selten so richtig zusammen, bis auf 1998. In Dortmund dagegen heimste Wladimir den Turniersieg zum vierten Mal in Folge ein. Dieser Rekord lässt sich nur noch mit Kasparows Siegesserie in Linares von 1999 bis 2002 vergleichen. Kramnik gewann das hochdotierte Blind- und Schnellschachturnier in Monaco, was ihm bis 2007 noch weitere vier Male gelingen sollte. Im Januar 1998 war er wieder die Nummer zwei in der Welt.
Erneut folgte – wie schon vier Jahre zuvor in seinen Duellen gegen Kamsky und Gelfand – ein schwerer Rückschlag. Wladimir spielte ein außerordentlich wichtiges Match gegen Alexei Schirow, den gebürtigen Letten unter spanischer Flagge. Es war ein Ausscheidungskampf um die Weltmeisterschaft, und wieder war Wladimir der Favorit. Der Sieger sollte gegen Garri Kasparow um den Titel antreten. Kramnik verlor den bis dato wichtigsten Wettkampf seiner Karriere im spanischen Cazorla sang und klanglos mit 3,5:5,5.
Einige Rückschlüsse zur Begründung mag man aus den Schilderungen dieses Kapitels und Kramniks persönlicher Entwicklung in den 1990er Jahren ziehen. Ich habe eine relativ einfache Erklärung: Wenn du auf dem allerhöchsten Niveau – da, wo Nuancen entscheiden – nicht erfolgreich bist, gibt es nur zwei mögliche Gründe. Entweder dein Gegner war einfach besser, oder es mangelt dir an der Bereitschaft, alles für den Sieg zu tun. Ich bin überzeugt, dass Kramnik 1998 in seinem tiefsten Innern weder mental noch physisch auf das höchste Ziel fokussiert war.
1999 belegte Wladimir den zweiten Platz in Wijk aan Zee. Auch in Dos Hermanas und in Dortmund, wo er sich dem 19-jährigen Peter Lékó beugen musste, reichte es nur zu Platz zwei. So ganz schien Kramnik die Niederlage gegen Schirow noch nicht verdaut zu haben. Bei dem Roulette in Las Vegas um die sogenannte WM der FIDE schied er im Viertelfinale gegen den Engländer Michael Adams aus.
Es gab 1999 kaum richtige Erfolgserlebnisse, wenn man die Titelverteidigung im Schnell- und Blindschach in Monaco ausnimmt. In einem Blitzschachwettkampf gegen Kasparow in Moskau sorgte Kramnik immerhin mit einem leistungsgerechten 12:12 zum Ausklang des Jahrtausends für einen versöhnlichen Abschluss. Kramnik war nun 24 Jahre alt. Am 1. Januar 2000 wurde er auf Platz drei der Weltrangliste geführt.
Die Schachwelt stagnierte. Die Spaltung zwischen der FIDE und Kasparow schien unüberbrückbar, obwohl der Weltmeister seit mehr als vier Jahren seinen Titel nicht mehr verteidigt hatte. Die Kronprinzen Anand und Kramnik schienen keine große Gefahr für Kasparow zu sein. Anand konnte gegen Kasparow nichts ausrichten, Kramnik wollte auf irgendeine Art nicht. Alles hatte sich nach dem Motto »leben und leben lassen« eingerichtet.
Wie auch Josef Resch habe ich bei verschiedenen Anlässen immer wieder versucht, mit Wladimir