es nicht schafft zu vergeben? Wie kommt Gott diesen Menschen dann zu Hilfe? Dieser Frage bin ich in meiner Arbeit immer wieder begegnet. Ich verstand jeweils so gut, dass sich in der Seele des Opfers alles dagegen sträubte und es ihm menschenunmöglich schien zu vergeben. Andererseits wusste ich zu gut, dass es für die betroffene Person lebenswichtig war, es zu tun. Der erste Schritt bestand oft in der Einsicht, dass sie um ihrer selbst willen vergeben müsste; und so bewirkte Gott dann das Wollen. Aber der Schritt zum Vollbringen war auch dann oft noch groß. Deshalb beteten wir manchmal um die innere Bereitschaft und die Kraft dafür. Und wenn es auch dann zu keinem Durchbruch kam? Durch die unten geschilderte Erfahrung wurde mir zum ersten Mal klar, dass auch Vergeben-Können ein göttliches Angebot ist: Wir dürfen Gott unsere Unfähigkeit bekennen und in die Vergebungsbereitschaft Jesu eintreten. So wird auch das Vergeben zu einem von Gott vorbereiteten Werk. Dies wird hier deutlich (Beispiel 3):
Im ersten Ehejahr hatte das junge Paar eine hilfsbedürftige junge Frau bei sich aufgenommen. Nach Jahren hatte meine Klientin dann erfahren, dass Ihr Mann sie während fünf Jahren mit der jungen Frau betrogen hatte. Nun war die Ehe am Ende, und wir arbeiteten die verletzenden Erfahrungen auf. Heute war schon das dritte Gespräch, in dem die Frau versuchte, ihrem Mann zu vergeben. Und wieder sagte sie unter Tränen: „Ich schaffe es nicht!“ Was konnten wir tun? Ich schlug eine Zeit des hörenden Gebets vor: „Herr, wie möchtest du Frau B. zu Hilfe kommen?“ Ich hatte einen bildhaften Eindruck: Jesus stand Herrn B. gegenüber und schaute ihn mit seiner ganzen Barmherzigkeit und Liebe an; die von ihm ausgehende Gnade war wie ein Lichtkegel. Ich verstand, dass Jesus Frau B. einlud, sich vor ihn hinzustellen und so in seine Vergebungsbereitschaft einzutreten. Dazu war sie bereit. Im Gebet stellte sie sich vor Jesus hin; so stand sie auch selber im Lichtkegel der Gnade. Als sie ihren Mann dann mit dem Blick der Barmherzigkeit Jesu ansah, brach sie in Tränen aus und sagte: „Der arme Kerl!“ Nun war das Tor für sie offen, den Weg des Vergebens zu gehen.
Zuletzt noch etwas zum Geheimnis der „zweiten Meile“29: Die „erste Meile“ des Vergebens ist unverzichtbar, die zweite ist freiwillig. Sie besteht in dem, was Jesus bei der Kreuzigung und Stephanus bei seiner Steinigung getan haben30: Sie haben das Maß an Barmherzigkeit und Gnade vollkommen gemacht, indem sie Gott nun auch noch darum baten, ihren Mördern zu vergeben. Ich habe immer wieder erlebt, dass Menschen nach der „ersten Meile“ die zweite gerne tun, wenn wir sie auf diese Möglichkeit hinweisen. Und etwas ist mir dabei aufgefallen: Wer zur „zweiten Meile“ bereit ist, in dessen Herz kommt das göttliche Angebot des Vergebens wirklich vollkommen zum Ziel: der Friede Gottes kehrt ein in seine Seele.
1.3.3. Erlösung aus dem unguten Erbe
Gott kennt das Gesetz der Perpetuierung31 und weiß, dass jeder Mensch bei seiner Zeugung in die beiden elterlichen Erblinien mit ihren Anteilen an Segen und an Fluch eintritt. Dieses Erbe hat nicht nur eine körperliche Dimension, sondern auch eine seelische und eine geistliche. Nach der Geburt beginnt dann die Prägung durch die elterlichen Lebensweisen: Wir lernen von ihnen, indem wir Reaktionsmuster abgucken und Grundeinstellungen übernehmen – hilfreiche und wenig hilfreiche, denn das kindliche Modelllernen ist nicht selektiv. Gottes Angebot in 1. Petrus 1,1832 besteht nun darin, dass Jesus uns durch seinen Tod aus der unguten Erblinie und den unbrauchbaren Prägungen „losgekauft“ hat.33 Dies bedeutet, dass wir aus diesen belastenden Mustern austreten und in die zur Neuschöpfung gehörenden eintreten können. Sätze wie: „Das muss ich einfach tun!“ oder „Ich bin eben so!“ haben dann keine Gültigkeit mehr. Gott bietet uns eine Reinigung der Erblinie an, sodass wir aus den problematischen Bereichen unseres menschlichen Erbes austreten und in das Erbe unserer Gotteskindschaft eintreten können, damit der Segensfluss aus „tausend Generationen“34 ungehindert durch unser Leben fließen kann.
Aber auch hier stellt sich die Frage, ob der Klient Gottes Angebot wirklich annehmen und eigenverantwortlich werden will, oder ob er sein Verhalten weiterhin mit diesen Prägungen entschuldigen möchte. Dieses Angebot kann in fünf Schritten angenommen werden:
Die Person bekennt die unguten Reaktionsweisen oder Muster vor Gott als Schuld und bittet dafür um Vergebung.
Sie legt die unguten Prägungen ab und nimmt Gottes Angebot des Loskaufs für sich in Anspruch; der Seelsorger bestätigt die Gültigkeit von Gottes Zusage und setzt die abgelegten Muster außer Kraft.
Die Person zieht die neuen, gottgemäßen Haltungen und Lebensweisen an; sie tritt in diesem Bereich in das ihr als Gotteskind zustehende Erbe ein. Der Helfer kann diesen Schritt bestätigen (Zeugengebet35).
Fürbitte für die Menschen, die bisher durch diese unguten Reaktionen betroffen worden sind, Gott möge es gemäß Römer 8,28 an ihnen gut machen.
Falls die Person Kinder hat: Gebet, dass dieser ungute Strang der Erblinie auch für kommende Generationen durchtrennt sein möge.1.3.4. Sorgen abwerfen
Auch hier ist Gottes liebevolle Absicht wieder klar spürbar. Wenn wir es ihm überlassen, möchte er für uns sorgen; und wenn wir uns keine Sorgen um morgen machen müssen, können wir ganz und voll im Heute leben und Gott zur Verfügung stehen. Das wünscht sich Gott.36 Deshalb schreibt Petrus:
All eure Sorge werft auf ihn,
denn er kümmert sich um euch (1Ptr 5,7 EÜ).
Wenn wir eine bedrängende Sorge los werden wollen, so sollten wir Gottes Angebot wörtlich ernst nehmen. Solange wir bitten: „Nimm mir meine Sorgen doch ab!“, wird wohl kaum etwas geschehen. In 1. Petrus 5,7 steht: „… werft auf ihn!“ Dies ist eine bewusste, aktive Handlung, hinter der ein klarer Entschluss steht. Um diesen Schritt im Gebet mit Entschiedenheit zu vollziehen, kann man ihn mit einer symbolischen Handlung begleiten. Immer wieder habe ich Klienten ermutigt, sich Zeit zu nehmen, um ihre Sorgen klar zu formulieren und auf ein Blatt Papier zu schreiben. Wenn sie dann bereit waren, sie loszulassen, nahmen sie mit einem letzten Blick auf das Blatt Abschied von ihnen, zerrissen das Blatt dann betend, und ich entsorgte die Fetzen im Papierkorb. Hier die Entdeckung eines Klienten (Beispiel 4):
Welche Kraft in einer symbolischen Handlung liegt, hat ein Klient, mit dem ich über seine Sorgen und die Jakobus-Stelle gesprochen hatte, von sich aus intuitiv erfasst. Beim nächsten Termin berichtete er mir, was er anschließend an unser Gespräch aus eigener Initiative getan hatte: Er hatte sich am Fluss, an dessen Ufer die Christliche Beratungsstelle lag, einen flachen Stein ausgesucht, seine Sorgen darauf geschrieben und diesen dann betend in den Fluss geworfen. Wie befreiend war es, die Sorgenlast versinken zu sehen!
Dieses Angebot anzunehmen ist für manche Menschen gar nicht so einfach. Einige scheinen durch ihre Erziehung einen inneren „Sorgen-Auftrag“ empfangen zu haben, sodass ihr Gewissen sie dazu drängt. Andere besitzen so etwas wie einen gewohnheitsmäßigen „Sorgen-Rucksack“, den sie immer wieder zu füllen wissen. Für andere sind die Sorgen der Fluchtweg aus den schwierigen Fragen des Heute, Ausdruck ihrer Unfähigkeit, im Heute zu leben. Wenn es in der Seelsorge um das Ablegen der Grundhaltung des unguten Sorgens geht, können wir Gott bitten, er möge uns in einer Zeit des gemeinsamen Hörens37 den nächsten Schritt zeigen; er wird uns gewiss antworten.
Wie wir oben angedeutet haben, geht es Gott immer um unsere ganze Person. Deshalb hat er auch Angebote für unseren Geist und für die Heilung unseres Körpers. So kann es in der Finalen Seelsorge auch dazu kommen, dass Gott den Geist eines Menschen heilen, stärken und für seine Aufgabe innerhalb der Person zurüsten will. Ich habe es auch mehrfach erlebt, dass das Gebet für körperliche Heilung Teil meines seelsorgerlichen Auftrages war.38
1.3.5. Gottes individuelle Angebote
Mein Staunen gilt aber nicht nur den für alle Menschen gültigen, biblischen Angeboten Gottes, sondern noch mehr seinen individuellen Angeboten, Wegen und Lösungen, die er für die einzelne Person bereithält. Es ist beeindruckend, die Kreativität Gottes zu entdecken und zu sehen, mit wie viel wohlwollendem Entgegenkommen, Gnade, Weisheit und Feinheit er auf die einzelne Person in ihrer einmaligen Wesensart und Situation eingeht.