ich versteh' dich nicht, was ist denn mit dir?«
»Bitte, bitte nehmen Sie's und fragen Sie mich nicht weiter – dann muß ich Ihnen auch nichts vorschwindeln!«
Er dacht' eine Weile nach, dann sagt' er:
»Holla, ich glaub' ich hab's. Du willst mir deine Ansprüche abtreten, verkaufen, nicht schenken. Das liegt dir im Sinn, nicht wahr?«
Und ohne weiteres schreibt er ein paar Zeilen auf ein Stück Papier, liest's noch einmal durch und sagte dann:
»Da – sieh her. Es ist ein Vertrag und es steht drin, daß ich dir deine Ansprüche abgekauft habe. Hier ist ein Dollar und nun unterschreibe!«
Ich unterschrieb und trollte mich.
Miß Watsons Nigger Jim hatte eine haarige Kugel, so groß wie eine Faust, die einmal aus dem vierten Magen eines Ochsen herausgenommen worden war. Mit der konnte er wahrsagen, da sich ein Geist drin befand, der alles wußte. Ich ging also zu Jim am Abend und sagte ihm, mein Alter sei richtig wieder im Land, ich habe seine Fußtappen im Schnee gefunden. Was ich wissen wollte war, was der Alte im Schilde führte und wie lang er bleiben werde. Jim nahm seine haarige Kugel, brummte etwas drüber hin, hob sie in die Höhe und warf sie dann zu Boden. Sie fiel derb auf und rollte kaum einen Zoll weit von der Stelle. Noch einmal probierte es Jim und noch einmal und immer blieb es gleich. Jetzt kniete Jim nieder und legte sein Ohr an die Kugel und horchte, aber 's wollte nichts sagen.
Da sagt' er, manchmal redet es nicht ohne Geld. Ich bot ihm nun eine alte, nachgemachte Münze an, die ich hatte, bei der überall das Messing durchsah, und die so fett und schlüpfrig sich anfühlte, daß sie mir niemand für echt abgenommen hätte. Von meinem Dollar schwieg ich natürlich, denn für die alte Kugel war wahrhaftig die schlechte Münze gut genug. Jim nahm die Münze, roch daran, rieb sie, biß hinein und versprach, es einzurichten, daß die Haarkugel die Unechtheit nicht merke. Er sagte, er wolle eine rohe Kartoffel nehmen und die Münze hineinstecken und die Nacht über drinn lassen, am andern Morgen sehe man dann kein Messing und fühle keine Fettigkeit und kein Mensch werde den Betrug merken, noch weniger eine Haarkugel. Das Ding mit der Kartoffel wußt' ich, hatt's nur vergessen im Moment.
Jim steckte also nun die Münze unter die Kugel und legte wieder das Ohr dran. Jetzt sei alles in Ordnung, sagt' er und die Kugel werde mir wahrsagen, soviel ich wolle. »Nur zu!« sag' ich. Und die Kugel sprach nun zu Jim, und Jim sagt's mir wieder:
»Deine alte Vatter noch nix wissen, was wollen thun. Einmal wollen gehen, einmal wollen bleiben. Du sein ganz ruhig, Huck, lassen thun die alte Mann, wie er wollen. Sein da zwei Engels, fliegen um ihn rum. Sein der eine weiß, der andere schwarz. Wollen der weiß ihn führen gute Weg, kommen der schwarz un reißen ihn fort. Arme Jim nich nix können sagen von Ende, ob schwarz, ob weiß! Bei dir aber allens sein gut. Du haben noch viel Angst im Leben, aber auch viel Freud! Werden kommen Krankheit und Unglück, un dann Gesundheit un Glück! Sein deine Engel zwei Mädels, eine blond un eine braun, eine reich un eine arm. Werden du heiraten erst die arm un dann die reich! Du nix gehen zu nah an Wasser, sonst du müssen fallen rein un ganz ersaufen! Du hören arme, alte Jim, Huck, du nix vergessen, was er sagen!«
Das versprach ich denn auch hoch und heilig und als ich dann mein Licht anzündete und in mein Zimmer kam, – saß da mein Alter in Lebensgröße!
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Fünftes Kapitel
Hucks Vater. – Der zärtliche Verwandte. – Bekehrung. –
Ich hatte gerade die Thüre zugemacht und wie ich mich umdrehte, saß er vor mir. Ich hab' mich stets vor ihm gefürchtet, er hat mich immer so tapfer gegerbt, aber diesmal merkt' ich gleich, daß es anders war. – Das heißt, zuerst schnappte ich nach Luft, – es nahm mir den Atem, ihn so plötzlich zu sehen; aber dann rappelte ich mich schnell zusammen und trat näher.
Er war beinahe fünfzig und sah auch so aus. Sein Haar war lang und verwirrt und fettig und hing ihm übers Gesicht, daß seine Augen drunter vorstachen wie hinter Weinreben. Es war noch ganz schwarz, nichts von grau und so war auch sein langer Schnauzbart. In seinem Gesicht, soweit man's sehen konnte, war keine Farbe, es war ganz weiß, aber nicht von einem gewöhnlichen Weiß, sondern so, daß es einem übel machte, wenn man's sah; daß es einem eine Gänsehaut über den Rücken jagte, so totenähnlich, so fischbauchartig war es. Seine Kleider – waren Lumpen, weiter nichts. Er hatte den rechten Fuß aufs linke Knie gelegt und der Stiefel sperrte das Maul so weit auf, daß zwei oder drei Zehen heraus sahen, an denen er herum fingerte. Sein Hut, ein alter zerrissener Filzdeckel, lag auf dem Boden.
Ich starrte ihn an. Er hatte den Stuhl etwas übergekippt und starrte mich wieder an. Endlich stellte ich das Licht hin, und sah, daß das Fenster offen war, der Alte war also übers Schuppendach eingestiegen. Der verflixte Schuppen! Er folgte mir mit den Augen, ich spürt' es, endlich sagt' er:
»Donnerwetter, feine Kleider – sehr fein! Du bildst dir wohl was d'rauf ein, he? Denkst, du bist ein Herr geworden, he?«
»Vielleicht, – vielleicht auch nicht,« sag' ich.
»Wirst du mir wohl ordentlich antworten, he?« brüllt er, »du scheinst dir tüchtig Mücken in den Kopf gesetzt zu haben, seit wir uns nicht gesehen. Die treib' ich dir aus, das laß' dir gesagt sein! Du gehst auch in die Schule, hab' ich mir sagen lassen und kannst lesen und schreiben. Glaubst du nun, daß du besser bist, wie dein Vater, he, du Racker? Wart' ich will dir kommen! Wer hat dir erlaubt da hin zu gehen, wer frag' ich, wer hat dir's erlaubt?«
»Die Witwe! Sie hat's erlaubt!«
»Die Witwe, he? Und wer hat's der Witwe erlaubt, daß die ihre Nase in Dinge steckt, die sie absolut nichts angehen, wer, he?«
»Niemand!«
»Gut, der will ich's zeigen! Und du, Bengel, infamer, du läßt das Schulgehen bleiben, verstanden? Ich werd's den Leuten schon zeigen, was es heißt, einem solchen Flegel, wie dir, in den Kopf setzen, er sei besser, als sein Vater. Laß du dich wieder in der Schule erwischen! Deine Mutter hat nicht lesen und schreiben können eh' sie starb und keiner von der Familie konnt's, ich kann's auch nicht und da kommt so ein Racker und will besser sein als wir alle und bildet sich was drauf ein und thut sich dick mit. Das laß ich mir aber nicht gefallen, verstanden? Da – zeig' einmal was du lesen kannst.«
Ich nahm ein Buch und stotterte etwas vom General Washington und dem Kriege. Eine Minute lang hörte er zu, dann versetzte er dem Buch einen Stoß, daß es an die andre Zimmerwand klatschte. Sagt er:
»Kann's der Bengel ja wahrhaftig! Ich hätt's nicht geglaubt, dacht', es sei Geflunker. Aber du, wart', ich werd' dir die Mücken austreiben, ich leid's nicht, verstanden? Ich werde aufpassen und erwisch ich dich an der Schule, mein feiner Herr, so gerb' ich dir das Leder durch, daß du die Engel im Himmel pfeifen hörst! Nächstens wirst du noch fromm werden! Donnerwetter, so ein Sohn!«
Er griff nach einem kleinen blau und gelben Bildchen, auf dem ein Junge und ein paar Kühe abgemalt waren und fragt:
»Was ist das?«
»Das hab' ich gekriegt, weil ich meine Aufgabe gut gelernt habe!«
Rasch war's zerrissen und er brüllt:
»Ich will dir was Bessres geben, wart', ich werd' dir ein Bild auf den Buckel malen!«
Nun saß er still und murmelte und brummte vor sich hin. Dann fängt er wieder an:
»Hat man je schon so etwas erlebt! Das nenn' ich einen feinen Herrn! Ein Bett, wahrhaftig und Bettücher! Und ein Stückchen Teppich am Boden! Und der eigne Vater schläft bei den Schweinen oder wo er gerade hinkommt! Und das will ein Sohn sein!