Rudolf Walther

Aufgreifen, begreifen, angreifen Band 3


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über 9000 Offiziere anlegen ließ mit Berichten über deren Kirchenbesuche und andere religiöse Gewohnheiten.

      Combes nutzte 1904 ein Geplänkel um diplomatische Floskeln bei der Ernennung von Bischöfen, um den Abbruch der Beziehungen zu Rom herbeizuführen und seinen Wunsch zu verwirklichen – ein Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat. Sein eigener Vorschlag war nicht mehrheitsfähig, aber Aristide Briand legte zusammen mit Jean Jaurès einen Gesetzesentwurf vor, der am 3.7.1905 eine Mehrheit fand und am 11.12.1905 Gesetzeskraft erhielt. Briand wollte die Kirche nicht zerstören, sondern ihr im Rahmen von Toleranz, Gerechtigkeit und Weltlichkeit des Staates Grenzen setzen. Im maßgeblichen Artikel des Gesetzes »garantiert die Republik Gewissensfreiheit« und lehnt die Anerkennung, Subventionierung und Bezahlung »aller Gottesdienste« (»cultes«) ab. Die Kirchen und deren Eigentum wurden zu Staatseigentum erklärt, das die zu bildenden »Religionsgemeinschaften« (»associations cultuelles«), in denen auch Laien vertreten sein mussten, zurückmieten konnten.

      Widerstand und Proteste, wie der eingangs beschriebene Vorfall, häuften sich, nachdem Pius X. das Trennungsgesetz in seiner Enzyklika »Vehementer nos« wörtlich als »zutiefst ungerecht gegenüber Gott« und als Absage an jeden Gottesdienst bezeichnet hatte. Papst und Klerus riefen zwar nicht zur Gewaltanwendung auf, aber die scharfe Sprache des Textes radikalisierte Teile der Bevölkerung im Februar 1902. Mitte März stoppte die Regierung die umstrittene Inventarisierung des Kirchengutes. Mit dem Gesetz vom 2.1.1907 überließ der Staat die Kirchen den Priestern mit der rechtlichen Formel, sie seien »Besitzer ohne Rechtstitel« und verteilte die bereits konfiszierten Kirchengüter an Wohlfahrtseinrichtungen. Kirche und Staat blieben fortan getrennt.

      Getrennt? Was das Schulwesen betrifft, war die Trennung eine Fiktion. Die religiösen Schulen bestanden als »private« weiter und können sich – seit der Lex Falloux von 1850 und bis in die Gegenwart – auf die Subventionierung durch den Staat verlassen. Als die sozialistische Regierung 1984 einen einheitlichen Schuldienst schaffen wollte, mobilisierten katholische Privatschulen und deren Elternverbände mehr als eine Million Teilnehmer zu einer der größten Demonstrationen in Frankreich. Und als ein liberaler Erziehungsminister zehn Jahre später die Beschränkung der staatlichen Zuwendungen an katholische Schulen aufheben wollte, demonstrierten fast so viele laizistische Bürger mit Erfolg gegen das Vorhaben. Bis heute lässt die französische Elite ihre Kinder gerne in religiösen Schulen erziehen (rund 10 000 Einrichtungen, mit weniger als zehn Prozent Arbeiterkindern und Ausländern). Diese Schulen bekommen jährlich Subventionen, die rund 13 Prozent des gesamten nationalen Bildungsbudgets beanspruchen.

      Doch auch die Hüter des laizistischen Staates blieben wachsam. Und 1974, nach der Trauerfeier für Präsident Georges Pompidou in Notre-Dame, fragte »Le monde«, warum der Staatsakt nicht in einem Palast der Republik stattgefunden habe. Der Staat kostümiere sich religiös – und die Kirche erschleiche sich so »gesellschaftliche Nütelichkeit«.

       3 Terror als Waffe der politischen Mitte

      Im Laufe des Jahres 1793 kam die Französische Revolution in eine ungemütliche Lage – militärisch wie innenpolitisch. Die französischen Truppen gerieten in die Defensive, die Österreicher gewannen Holland zurück, die englische und die spanische Flotte besetzten Toulon, Preußen eroberte die Stadt Mainz zurück, und der französische General Charles François Dumouriez desertierte. Auch im Inneren brodelte es: Im Sommer 1793 war Jean-Paul Marat ermordet worden, in der Vendée tobte ein Bauernaufstand, und in Lyon bekämpften Regierungstruppen den Aufstandsversuch von Bürgern und Arbeitern gegen die Revolution. Gleichzeitig formierte sich unter den Pariser Sansculotten und ihren Volksgesellschaften eine Opposition, die eine Radikalisierung der Revolution forderte. Im Konvent lagen Girondisten und Jakobiner miteinander im Streit, bis die girondistischen Abgeordneten im Herbst ausgeschaltet und zum Tode verurteilt wurden.

      Die regierenden Jakobiner mussten eingreifen, wollten sie das Gesetz des Handelns nicht abgeben. In zwei Reden am 25.12.1793 und am 5.2.1794 unternahm Maximilien Robespierre (1758-1794) den Versuch, die politischen Ambitionen von »Gemäßigten« und »Ultrarevolutionären« als gleichermaßen schädlich und gefährlich zurückzuweisen und die Herrschaft der Jakobiner zu legitimieren. Die »Gemäßigten«, darunter Camille Desmoulins und Georges Danton, beriefen sich auf das Prinzip der »Milde« (»clémence«), während die Ultrarevolutionäre um Jacques-René Hébert die »Rache« (»vengeance«) zu ihrem Programm machten, was durchaus konkret gemeint war: Den siegenden Regierungstruppen im Lyoner Aufstand empfahl Hébert: »Zerstört, vernichtet, verbrennt die Paläste des ganzen Händlerpacks in dieser aufrührerischen Stadt.« Die zweite dieser beiden Reden mit dem Titel »Über die Prinzipien der politischen Moral« wurde zur theoretischen Grundlage und Rechtfertigung der Revolutionsregierung und liegt jetzt in einer gediegenen Aufmachung vor (Europ. Verlagsanstalt/Rotbuch Verlag, 2000).

      Robespierre begründete die »Prinzipien der Innenpolitik«, indem er sich von der »Milde« ebenso distanzierte wie von der »Rache«. Dabei nahm er einen Begriff auf, der nach der Ermordung Marats (13.7.1793) gleichsam über Nacht in Mode gekommen war – »la terreur«. Bis dahin war »Terror« negativ besetzt und galt als Kennzeichen der monarchischaristokratischen Herrschaft. Der Abbé Royer hatte das Revolutionstribunal schon am 30.8.1793 aufgefordert, »den Terror auf die Tagesordnung« zu setzen bei der unnachsichtigen Verfolgung von Gegnern und Feinden der Revolution. Robespierre nahm die Parole auf und machte den Terror in den beiden Reden zum Angelpunkt der jakobinischen Staats- und Regierungsdoktrin. Er verstand den Terror als Ideologie und zugleich als Waffe einer von rechts wie von links bedrängten politischen Mitte, die in einer schwierigen Lage um ihr Überleben kämpfte. Entgegen einer geläufigen Meinung, handelt es sich beim modernen Terrorbegriff also nicht um ein Konzept von politisch randständigen Extremisten, sondern um eine Regierungsmaxime. Für Robespierre bedeutet Terror das Gegenteil von »Anarchie« und »Unordnung«, nämlich »die Herrschaft des Gesetzes«. Er wollte »das revolutionäre System gesetzlich« machen.

      Im Zentrum von Robespierres Argumentation steht – in enger Anlehnung an Rousseau – »das Volk« (»le peuple«), das er nicht weniger als 38-mal beschwört in seiner Rede. Das Volk gilt ihm als Inkarnation der »Tugend« (»la vertu«), und »die demokratische Volksregierung« ist lediglich die Beauftragte und der Transmissionsriemen der Tugend, die das Volk »von Natur aus« besitzt. In der Tugend verbinden sich die »Stimme der Vernunft« und »des Allgemeinwohls« auf geheimnisvolle Weise zur »Wahrheit«. Die Aufgabe der Regierung besteht darin, das Volk »durch Vernunft zu führen« und »die Feinde des Volkes durch Terror zu beherrschen.« Dieses Mittel ist »nichts anderes als das schlagfertige, unerbittliche, unbeugsame Recht.« Robespierres Staats- und Regierungsdoktrin kennt in strenger Dichotomie nur »Vaterlandsfreunde« und »Feinde«, und selbstverständlich sind diese »die Verbündeten des äußeren Feindes«. Mit der vereinfachenden Dichotomisierung nach dem Freund-Feind-Schema dichtet Robespierre seine Doktrin ab gegen die Pluralität politischer Optionen, gegen Kritik und gegen die gesellschaftliche Komplexität. Robespierre scheiterte mit dem Versuch, die Regierung durch Terror zu stabilisieren. In seiner letzten Rede distanzierte er sich von den »Monstern«, die »das widerliche Terrorsystem« erfunden hätten.

      Montesquieu ordnete im »Esprit des lois« (1748) jeder Regierungsform eine Maxime zu. Darauf bezieht sich auch Robespierre, verwickelt sich dabei aber in einen Widerspruch. Bei Montesquieu war die Tugend die Maxime der Republik und der Terror jene des Despotismus. Diese negative Abgrenzung des Begriffs »Terror« vom verabscheuten System des Despotismus macht eine positiv besetzte Instrumentalisierung des Begriffs in Robespierres Regierungsdoktrin unmöglich. Er behalf sich deshalb mit einer berühmt gewordenen begrifflichen Improvisation – der Kopplung von Despotismus und Freiheit. »Die Regierung der Revolution ist der Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei.« Es handelt sich dabei freilich nur um eine autoritative Setzung, der die sachlichen und begrifflichen Gelenke fehlen. Als Beleg für die Kopplung diente Robespierre denn auch einzig eine rhetorische Frage: »Ist die Gewalt nur dafür gemacht, das Verbrechen zu schützen?« Wo es auf eine inhaltliche Differenzierung zwischen despotischer und revolutionärer Gewalt ankäme, steht ein Fragezeichen. Auch an einer anderen Schlüsselstelle der Rede, in der es um das Verhältnis von Zielen und Mitteln der Politik geht, rettet sich Robespierre mit einer rhetorischen Frage aus der argumentativen Not. Sobald Inhalte und Ziele von Politik verschwinden,