Alfons Wiebe

Vom gehorsamen Kirchenschaf zum selbstbestimmten Katholiken


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ohne sorgewas aber geschieht am bestenwenn Todesstille eintritt

      Als ich in der 12. Klasse des Gymnasiums dieses Gedicht in einem Referat vor der Klasse interpretierte, da ahnte ich noch nicht, dass es mir einmal dazu dienen würde, meine Vorstellung von Religion zu verdeutlichen.

      Das Gedicht spricht von einem Menschen, der auf der Suche nach Halt und Geborgenheit ist. Er stellt Fragen, die davon zeugen, in welcher existenziellen Not er ist. Aber er erhält nur nichts­sagende Antworten, die ihn einlullen und ablenken wollen. Vor der letzten Frage, der Frage nach dem, was nach dem Tod mit dem Menschen passieren wird, verstummt die Reklame, das Sinnbild aller innerweltlichen Sinn- und Antwortgeber. Dass er so fragen kann, ja muss, ist Ausdruck seiner religiösen Natur. Er fragt, weil er Antworten sucht. In den einzelnen Kulturen fanden Menschen bei ihrem Nachdenken über die Fragen unterschiedliche Antworten. Die Antworten, die den Menschen plausibel erscheinen, fassten die Menschen in ihren Hl. Schriften zusammen. Und sie gaben diesen Antworten den Status absoluter Wahrheiten. Im Christenrum heißen sie Offenbarungen. Wer sie für sich als wahr annimmt, glaubt an sie. Er kann sie auch nur glauben. Denn mit wissenschaftlichen Methoden können sie nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Diese Antworten sind in den verfassten Religionen vor langer Zeit gegeben und mündlich und schriftlich überliefert worden. Sie sind unterschiedlich, je nach Kultur, in der sie auf die existenziellen Fragen gestellt wurden. Jede Kultur hat ihre eigenen Antwortsysteme hervor­gebracht. Sie bilden heute die unterschiedlichen Religionen. Demnach ist eine Religion ein System, das auf existenzielle Fragen, wie sie z.B. das obige Gedicht stellt, erschöpfende Antworten gibt. Das ist ihr Sinn. Eine Religion will jedem Menschen den Raum eröffnen, in dem er solche existenziellen Fragen stellen kann, damit er in ihren Antworten Sicherheit in seiner Bedrängnis finden kann. In diesem Sinne ist die christliche Religion eine unter vielen anderen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die Erinnerung an die Transzendenz wach halten , ihren Mitgliedern Richtlinien geben, wie sie verantwortlich ihr Leben gestalten können und worin der Sinn ihres Lebens besteht. Sie sammeln die religiösen Zeugnisse ihrer Protagonisten in hl. Schriften und tradieren sie an die nachfolgenden Generationen.

      Einer der wichtigsten Begriffe der Religion ist das Wort Gott. Es drückt aus, dass es über dem Menschen etwas gibt, was höher ist als er , was dem Gläubigen als das Höchste erscheint, vor dem er sich verneigt und dem gegenüber er sich verantwortlich fühlt. Es beruht auf der Ahnung von einem Mehr an Wirklichkeit, das über das sinnlich Erfassbare hinausgeht. Wie es zur Entstehung dieses Wortes kam, möchte ich weiter unten ausführen. Hier soll nur der Zusammenhang zwischen Gott und Religion aufgezeigt werden. Religion hat die Aufgabe, ihre Gläubigen zu der Aner­kennung Gottes und seiner Verehrung zu führen. Das tut sie durch Gebete und Riten und Liturgie.

      Aus dem gesagten wird deutlich, dass ich unter Religion eigentlich zwei Dinge verstehe.

      Einmal das psychologische Grundgefühl des Menschen, das dazu führt, dass er sich auf die Suche nach Antworten auf seine existenziellen Fragen begibt, die ihm sein wissenschaftliches Denken nicht geben kann. Sie ist also eine spezielle Art, wie der Mensch sein Leben auffasst. Man kann das auch Religiosität nennen.

      Und zweitens verstehe ich darunter die Systeme, die sich aus diesem Frage- und Antwortspiel ergeben. Das sind die Lehren der Religionen, ihre Gebete und Rituale und ihre organisatorischen Gegebenheiten.

      Ein Mensch, der sich als reifer Mensch einer Religion anschließt, wählt sie aus den vielen anderen heraus, weil sie ihm plausibel erscheint. Er gibt ihr durch seinen Glauben an sie absolute Bedeutung. Von ihr erhofft er sich dann die Antworten, die seinem Leben den absoluten Sinn geben, so dass er sich im Leben und Sterben geborgen fühlen kann. Diesen Weg jedoch bin ich nicht gegangen. Wie die meisten Menschen, so habe auch ich meine Religion nicht selber gewählt, sondern bin in sie durch meine Eltern hineingeboren.

      3Meine Herkunft

      Seit meiner Geburt gehöre ich der christlichen Religion an in Form des katholischen Bekenntnisses. In ihr haben mich meine Eltern erzogen, in ihr bin ich groß geworden, mit ihr habe ich mich, seit­dem ich über Religion nachdenke, auseinander gesetzt. Sie hat mein Leben geformt. Durch sie habe ich mein Gewissen vor Gott auszurichten gelernt.

      

Meine Eltern haben am 14.5.1938 in Danzig geheiratet. 10 Tage vor Kriegsbeginn, am 20.8.39 bin ich geboren. Meinen Eltern verdanke ich meine körperliche und geistige Entwicklung.

      Sie ist also ein eminent wichtiger und bestimmender Teil meines Lebens. Deshalb drängt es mich jetzt, da ich nach der Pensionierung Zeit dazu habe, mir über den Werdegang meines religiösen Lebens, Rechenschaft abzulegen.

      Ganz allgemein kann ich im Rückblick sagen: Das Wesentliche der Religion der katholischen Kirche hat sich trotz vieler Änderungen im Äußeren nicht verändert. Ich glaube, dass jemand, der die Religion meiner Kindheit erlebte, sie auch heute noch als solche identifizieren kann. Was sich verändert hat ist meine Einstellung zu ihr, die Art, wie ich mit den Äußerungen der Religion umge­gangen bin und wie ich sie in meinem Leben zur Wirkung kommen ließ. Über die Wand­lungen, die ich dabei auf meinem Weg durchgemacht habe, möchte ich mir hier Klarheit verschaffen. Ich will hier also aus meinem Leben berichten. Dabei will ich aber keine Autobiografie schreiben, in der möglichst alle Lebensstationen erzählt werden, sondern ich wähle die Stationen aus, die für meinen religiösen Werdegang von Bedeutung sind. Neben dieser für mich bedeutsamen Intention habe ich aber noch eine andere. Ich möchte meinen Kindern wenn sie eines Tages vielleicht etwas mehr über mich erfahren möchten, die Möglichkeit geben, es aus diesem Text zu entnehmen. Aus ihm können sie ersehen, was mir in meinem Leben am wichtigsten erschien. Und vielleicht könnten meine Aufzeichnungen auch von allgemeinem Interesse sein. Wir leben in einer Zeit, in der es nicht selbstverständlich ist, ob man an Gott glaubt und sich einer Religion zugehörig fühlt. Als ich Kind war, war das anders. Da gab es noch geschlossene religiöse Milieus. Dahinein war man geboren und blieb in ihm sein Leben lang, wenn man seinen Aufenthaltsort nicht wechselte. Aber auch die geistige Welt, in die man hineingeboren war, blieb ziemlich gleich. Die Wert- und Glaubens­vorstellungen und die Autoritäten, die diese Vorstellungen repräsentierten und garantierten, veränderten sich kaum. Und so blieben die meisten Menschen in den ererbten Geisteshaltungen. Das alles hat sich heute verändert. Die heutige Zeit ist von Mobilität geprägt. In der Regel verändert jeder seine Örtlichkeiten. Er kommt aus sozialen Milieus mit ihren Wert­haltungen heraus und muss sich entscheiden, wie er künftig leben will. Das tun viele Menschen sehr unbewusst und unreflektiert. Ich denke, dass man an meinem Fall schön sehen kann, wie das auch anders passieren kann.

      4Das Waisenkind

      Die mächtigen weißen Hauben der Vinzentinerinnen mit ihrer Spitze über der Stirn und ihren wippenden Flügeln über den Schultern sind die ersten Zeichen von Religion, die ich in Erinnerung habe. Ich erlebte sie im Waisenhaus in Karthaus, in das ich mit etwa 5 Jahren eingewiesen wurde. Es war das letzte Kriegsjahr. Mein Vater war im Krieg und meine Mutter arbeitete in Karthaus im Krankenhaus, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Dorthin waren wir evakuiert worden, als Danzig bombardiert wurde und der Einmarsch der Russen bevorstand. Da meine Mutter uns drei Kinder nicht betreuen konnte, gab sie uns in die Obhut der Schwestern, die in Karthaus ein Waisen­haus betreuten. Hier lebten wir mit polnischen und russischen Kindern zusammen, die der Krieg von ihren Eltern getrennt hatte oder sie zu Waisen gemacht hatte. Die Schwestern behandelten uns streng, aber gütig. Die Schwester, die meine Gruppe betreute, hatte ich gern. An eine nähere Bindung oder gar Zärtlichkeiten von den Schwestern kann ich mich jedoch nicht erinnern.

      Eigenartig, dass ich keine Erinnerung an etwas Religiöses aus der Zeit vor dem Waisenhaus habe, das sich im Elternhaus ereignet hätte. Denn meine Eltern waren praktizierende Katholiken, hatten mit uns gebetet und waren mit uns in die Kirche gegangen. Beide Eltern kamen aus katholischen Elternhäusern, waren aktiv in der Gemeindejugend, wo sie sich auch kennen gelernt hatten. Mein Vater war lange Zeit bis in die Jungmannszeit Ministrant, pflegte Umgang mit den Geistlichen der Pfarrei, von denen einer auch mein Pate wurde und mir den Vornamen vererbte. Er hatte