bewegen. Das Leben da, wo es unverfälscht ist, würde er doch nicht kennen lernen.«
»Und wo, meinen Sie, lernt man das unverfälschte Leben am besten und am gründlichsten kennen?« fragte Frau Mira.
»Unten im Volke natürlich,« erwiderte der Professor, »wo die Instinkte frei und ohne gesellschaftliche Rücksichten zum Durchbruch kommen.«
Frau Olga führte ihr Spitzentuch vor den Mund und sagte: »Danke ergebenst! Alle diese Menschen haben einen Odeur an sich, der mich umwirft.«
»Vor allem,« meinte Frau Ina, »ist an dieser Art Menschen nichts zu studieren. Sie sind durch die Tretmühle des täglichen Lebens so abgestumpft, daß sie kaum noch Leidenschaften haben.«
»Aber man liest doch soviel in Romanen und sieht soviel auf der Bühne . . .« brachte Frau Mira etwas zaghaft mit einem Blick auf Wolfgang v. Erdt vor.
»Das ist doch alles Phantasie,« meinte die Baronin, worauf sie ein vernichtender Blick Nelly Brückners traf. »Oder irre ich mich da?« fragte sie höflich.
»Aber sehr!« erklärte Nelly überlegen und bestimmt, sah ängstlich zu ihrem Stiefvater auf, streichelte ihn mit einem zärtlichen Blick und sagte:
»Intuition ist es! Göttliche Intuition!«
»Jedenfalls, und darauf allein kommt es an,« erwiderte Frau Ina, »weit ab von jeder Wirklichkeit. – Um die Wirklichkeit kennen zu lernen,« fuhr sie mit Pathos fort, »dazu bedarf es schon einer gewissen Größe, die von uns, die wir bis da hinauf in gesellschaftlichen Vorurteilen stecken, kaum einer aufbringt.«
»Ich schon!« widersprach Frau Mira. »Wenn Sie mir nur zusichern, daß dies Studium mehr Abwechslung bietet und weniger formal ist als unser gesellschaftliches Leben, das mit der Präzision eines tausend Meter Films abrollt, ohne – genau wie der – je eine Überraschung zu bringen, dann stürze ich mich in dies Studium, selbst auf die Gefahr hin, mich und meinen Mann zu kompromittieren.«
»Es ist ja klar,« sagte Frau Ina, »daß man den nackten Menschen – ich spreche natürlich bildlich – nur kennen lernen kann, wenn man ihn da aufsucht, wo seine Leidenschaften ungehemmt, zügellos, nackt – und jetzt meine ich es wörtlich – zum Ausdruck kommen.«
»Gibt es so einen Ort?« fragte Frau Mira voll Interesse.
»Den gibt es!« erwiderte Frau Ina.
»Nämlich?« fragte Mathilde Brückner, und die gleiche Frage stand auf allen Gesichtern.
»Ich will es Ihnen sagen.« – Sie wandte sich an ihren Mann: »Bitte, Heinz, gieße uns erst einmal allen von dem Chartreuse ein.« – Frau Olga hielt ihre mit Brillanten besäte unschöne Hand über ihr Glas – »auch Ihnen, Frau Herzog – und zwar bis an den Rand.«
»Sie lenken ab,« sagte Nelly, die vor Erregung leichenblaß war und ihre Neugier nicht meistern konnte.
»O nein!« erwiderte Frau Ina. »Ich beuge vor. – Also,« fuhr sie fort und überzeugte sich, daß alle Gläser gefüllt waren, »der einzige Ort, an dem wir das nackte Leben, das heißt, die Menschen so, wie sie sind, kennen lernen können, ist« – sie sah alle der Reihe nach an – ›das Bordell!‹
»Ina!« rief die Baronin entsetzt und war in diesem Augenblicke seltsamer Weise die Einzige, die sich verstellte.
»Nein!« schluchzte Nelly laut und griff wie zum Schutze nach der Hand ihrer Mutter.
»Sie scherzen natürlich,« sagte lächelnd v. Erdt, worauf hin Inas Mann, wie immer, wenn jemand einen Witz erzählte, auch wenn er ihn nicht verstand oder längst kannte, laut anfing, zu lachen.
Nelly sah sich furchtsam nach ihm um, Frau Ina fuhr ihn grob an und sagte:
»Laß das!«
Mathilde Brückner machte ein nachdenkliches Gesicht, kniff die Lippen zusammen, nickte mit dem Kopf und sagte, ohne daß sie jemanden ansah:
»Gewiß! – ich begreife. – Man muß die Menschen aufsuchen, wo sie sich gehen lassen und unbeherrscht sind – und ich kann mir denken, daß sie sich da ihrem Naturzustande am weitesten nähern. – Denn schließlich ist Moral, der zu Liebe sich der Mensch seit Jahrtausenden verstellt und der wir unsere sogenannte Kultur verdanken, ja letzten Endes nichts anderes als eine Vergewaltigung unserer Leidenschaften und somit ein menschlicher Eingriff in die Natur.« – Sie nickte wieder mit dem Kopf und wandte sich dann an Frau Ina. »Ich glaube, Sie haben recht – da ließe sich vieles herausholen – meinst du nicht auch, Wolfgang, daß es sich lohnte, da einmal Studien zu machen.«
Nelly fuhr auf.
»Papa braucht das nicht!« rief sie gekränkt. »Papa schafft von Innen.«
Wolfgang v. Erdt zog die Stirn in Falten und meinte:
»Darum kann man sich doch befruchten lassen.«
»Aber,« wandte der Professor ein, »ist die Art der Betätigung in derartigen . . . Instituten nicht ziemlich ungeistig und gleichartig?«
»O nein!« widersprach Frau Mira, die mit leuchtenden Augen dasaß und aufmerksam jedem Worte folgte: »Haben Sie denn nie etwas von dem Marquis de Sade und Retif de la Brétonne gehört?«
Der Professor lächelte und sagte:
»Gewiß! Aber wenn ich recht verstanden habe, so handelt es sich hier doch um seelische Konflikte und nicht um gymnastische Möglichkeiten.«
»Gerade die seelischen Konflikte,« erwiderte Mathilde Brückner, in der Frau Ina ganz unerwartet einen leidenschaftlichen Helfer fand, »wird man nirgends besser als gerade dort studieren.«
»Doch aber nur die weiblichen,« wandte der Professor ein.
»O nein!« widersprach Mathilde. »Wenn man die Psyche des Mannes nur einigermaßen versteht – nirgends wird er sich ungezwungener geben als hier. Und gerade weil er an solchem Ort am wenigsten Verständnis erwartet, wird er, in seiner Überraschung, es zu finden, wie ein Kind sein.«
Der Professor nickte und sagte:
»Das leuchtet mir ein. Aber was ich noch nicht verstehe: als was dachten die Damen denn in dem . . . Institut zu fungieren?«
»Das ist doch klar!« platzte Frau Mira heraus.
Eine peinliche Pause entstand. Nach einer Weile sagte Frau Ina:
»Ihre Frage ist durchaus berechtigt, Herr Professor. Denn, geben wir wahrheitsgemäß Studium als Grund an, so laufen wir in dieser heuchlerischen Welt Gefahr, falsch verstanden und kritisiert zu werden.«
»Die Befürchtung habe auch ich,« sagte Frau Olga. »Wie wäre es, wenn man ganz zeitgemäß mit diesem Studium eine soziale Absicht verbände?«
»Selbstredend!« fing Frau Ina den Gedanken auf und tat, als wenn sie ihn von Anfang an gehabt hätte. – »Wir wollen, was wir sehen und erfahren, praktisch verwerten. Dadurch, daß man von Zeit zu Zeit einen Händler oder Verführer zur Strecke bringt, kommt man dem Übel nicht bei. Man muß sich selbst überwinden und sich den Gefallenen persönlich zuwenden; man muß ihr Vertrauen gewinnen und aus ihrer Seelenverfassung und aus ihrer Lebensgeschichte das lernen, was man wissen muß, um die Bedrängten und Gefährdeten draußen vor dem gleichen Schicksal zu bewahren.«
»Ich glaube,« stimmte Frau Olga bei, »daß dies ein sehr ersprießlicher Zweck wäre, der uns auch vor übler Nachrede schützt.«
»Und wer weiß,« meinte Mathilde Brückner, »ob es uns auf die Weise nicht auch gelingt, die Eine oder die Andre wieder dem Leben zuzuführen.«
»Das Programm ließe sich dahin erweitern,« sagte der Professor, »daß man auch auf die männlichen Besucher einzuwirken sucht. Wenn man es geschickt anstellt, läßt sich auf die Art mancher Ehebruch verhindern.«
»Entsetzlich!« rief Frau Mira. »Ich hoffte, man bekäme mal etwas freiere Luft zu atmen. Aber unter Ihren Händen wird selbst das Bordell zu einer moralischen Anstalt.«
»Ausgezeichnet!« sagte Frau Ina. »Sie haben das befreiende Wort gesprochen: Das Bordell als moralische Anstalt. Halten wir an dieser Bezeichnung fest! Der Gedanke,