Elisabeth Bürstenbinder

Die beliebtesten Liebesromane & Geschichten von Elisabeth Bürstenbinder


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hervor. „Man wird eine Ausnahme machen. Es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit, die durchaus persönliche Rücksprache erfordert. Ich werde inzwischen hier warten, da ich jedenfalls werde empfangen werden.“

      Er ließ sich ruhig auf die Steinbank nieder, und diese unerschütterliche Zuversicht imponirte dem Pförtner dermaßen, daß er wirklich an die Wichtigkeit der vorgeblichen Mission zu glauben begann. Er verschwand mit der Karte, während Hugo, ganz unbekümmert um die etwaigen Folgen, das Resultat seines kecken Manövers abwartete.

      Dieses Resultat war ein über Erwarten günstiges, denn schon nach kurzer Zeit erschien ein Diener, der den Fremden, welcher sich mit einem deutschen Namen eingeführt, auch in dieser Sprache anredete, und ihn ersuchte, einzutreten. Er führte den Capitain in einen Gartensaal und ließ ihn dort allein, mit der Versicherung, der Herr werde sogleich erscheinen.

      „Glück muß der Mensch haben,“ sagte Hugo, selbst ein wenig erstaunt über dieses unerwartet schnelle Gelingen. „Ich wollte, Reinhold und der Marchese könnten mich jetzt sehen. Mitten in der ‚unzugänglichen‘ Villa, in Erwartung des Herrn und Gebieters derselben, und nur einige Thüren weit von der blonden Signora. Das ist vorläufig genug für die ersten fünf Minuten, und das hätte nicht einmal mein genialer Herr Bruder fertig gebracht, vor dem doch sonst alle Thüren springen. Jetzt heißt es aber selbst genial sein, im Lügen nämlich. Was in aller Welt sage ich diesem Edlen, bei dem ich mich in einer wichtigen Angelegenheit habe anmelden lassen, ohne je eine Sylbe von ihm gehört zu haben, so wenig als er von mir? Ah bah! Irgend Jemand hat mir auf irgend einer meiner Fahrten irgend einen Auftrag gegeben. Im schlimmsten Falle kann ich mich doch nur in der Person geirrt haben, inzwischen ist die Bekanntschaft eingeleitet, und das Uebrige ergiebt sich von selbst. Ich werde die Improvisation ganz nach der Persönlichkeit des Betreffenden einrichten, jedenfalls gehe ich nicht von der Stelle, ohne die Signora gesehen zu haben.“

      Er nahm Platz und begann in vollster Gemüthsruhe die Umgebung zu betrachten. „Meine verehrten Landsleute scheinen in der That der glücklich situirten Minderheit anzugehören, die jährlich über einige Zehntausende verfügt. Die ganze Villa nebst Park zum ausschließlichen Gebrauche gemiethet – die Einrichtung mit großen Kosten vervollständigt, denn diesen Comfort findet man nicht hier im Süden – die eigene Dienerschaft mitgebracht; ich sah nicht weniger als drei Gesichter da draußen, denen die urgermanische Abkunft auf der Stirn geschrieben steht. Jetzt ist nur die Frage, ob wir es mit der Aristokratie oder mit der Börse zu thun haben. Das Letztere wäre mir lieber, ich kann da doch wenigstens einige mercantilische Beziehungen geltend machen, während ich vor einem hohen Adel in der ganzen Nichtigkeit des Bürgerlichen – – wie, Consul Erlau?“

      Mit diesem in grenzenlosem Erstaunen hervorgestoßenen Ausrufe prallte Hugo von der Schwelle zurück, auf der jetzt die wohlbekannte Gestalt des Handelsherrn erschien. Der Consul war freilich im Laufe der Jahre sehr gealtert, das einst so volle dunkle Haar erschien grau und spärlich; die Züge trugen den Ausdruck eines unverkennbaren Leidens, und auch das freundliche Wohlwollen, das sie sonst belebte, war, für den Augenblick wenigstens, einer kalten Gemessenheit gewichen, mit der er sich dem Gaste näherte.

      „Herr Capitain Almbach, Sie wünschen mich zu sprechen?“

      Hugo war bereits Herr seiner Ueberraschung geworden und augenblicklich entschlossen, diesen ganz unerwartet günstigen Zufall nach Kräften zu benutzen. Er nahm all seine Liebenswürdigkeit zusammen.

      „Herr Consul, ich bin Ihnen sehr dankbar – ich hoffte in der That kaum, von Ihnen persönlich empfangen zu werden.“

      Erlau ließ sich nieder und lud ihn mit einer Handbewegung zum Sitzen ein.

      „Ich habe auch auf ärztliche Anordnung Besuche zu meiden; bei der Nennung Ihres Namens aber glaubte ich eine Ausnahme machen zu müssen, da es sich vermuthlich um meine Eigenschaft als Vormund Ihres Neffen handelt. Sie kommen im Auftrage Ihres Bruders?“

      „Im Auftrage Reinhold’s?“ wiederholte Hugo ungewiß. „Wie so?“

      „Es ist mir lieb, daß Herr Almbach keine persönliche Annäherung versucht hat, wie er sie schon einmal schriftlich versuchte,“ fuhr der Consul noch immer in dem Tone kühler Zurückhaltung fort. „Er scheint trotz unserer absichtlichen Zurückgezogenheit den gegenwärtigen Aufenthalt seines Sohnes zu kennen. Ich bedaure aber, Ihnen mittheilen zu müssen, daß Eleonore durchaus nicht gesonnen ist –“

      „Ella? Sie ist hier? Bei Ihnen?“ fuhr Hugo mit solcher Lebhaftigkeit auf, daß Erlau ihn mit äußerster Befremdung anblickte.

      „War Ihnen das nicht bekannt? Dann, Herr Capitain, darf ich wohl fragen, was mir eigentlich die Ehre Ihres Besuches verschafft?“

      Hugo überlegte einen Augenblick, er sah wohl, daß der Name Reinhold’s, der ihm die Thüren geöffnet, doch die schlimmste Empfehlung war, die er hier mitbringen konnte, und faßte danach seinen Entschluß.

      „Ich muß zuvörderst einen Irrthum aufklären,“ entgegnete er mit vollster Offenheit. „Ich komme weder als Abgesandter meines Bruders, wie Sie zu vermuthen scheinen, noch bin ich überhaupt in seinem Interesse oder mit seinem Wissen hier. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, er hat augenblicklich noch keine Ahnung davon, daß seine Gattin und sein Sohn sich in seiner Nähe, daß sie sich überhaupt in Italien befinden. Mich dagegen“ – hier hielt es der Capitain doch für angemessen, etwas Dichtung in die Wahrheit zu mischen – „mich dagegen führte ein Zufall auf die Spur, von deren Richtigkeit ich mich vorerst zu überzeugen wünschte. Ich kam, um meine Schwägerin zu sehen.“

      „Das würde wohl besser unterbleiben,“ meinte der Consul mit auffallender Kälte. „Sie werden begreifen, daß ein solches Zusammentreffen für Eleonore nur peinlich sein kann –“

      „Ella weiß am besten, wie ich von jeher zu der ganzen Angelegenheit gestanden habe,“ unterbrach ihn der Capitain. „und sie wird mir sicher die erbetene Unterredung nicht versagen.“

      „Nun wohl, so thue ich es im Namen meiner Pflegetochter,“ erklärte Erlau bestimmt.

      Hugo stand auf. „Herr Consul, ich weiß, daß Sie Vaterrechte über meinen Neffen und auch wohl über seine Mutter erworben haben, und ehre diese Rechte. Deshalb bitte ich Sie um die Gewährung dieser Zusammenkunft. Ich werde meine Schwägerin mit keinem Worte, mit keiner Erinnerung verletzen, wie Sie es zu fürchten scheinen, nur – sehen möchte ich sie doch wenigstens.“

      Es lag in den Worten eine so warme ernste Bitte, daß der Consul schwankte. Er mochte wohl an die Zeit denken, wo der Muth des jungen Capitain Almbach ihm das beste seiner Schiffe gerettet hatte, und der Dank, den der reiche Handelsherr in überschwenglicher Weise abzutragen bereit war, höflich, aber bestimmt zurückgewiesen wurde. Es wäre mehr als undankbar gewesen, diesem Manne gegenüber auf der schroffen Abweisung zu beharren; er gab nach.

      „Ich werde fragen, ob Eleonore zu dieser Unterredung geneigt ist,“ sagte er aufstehend. „Von Ihrem Hiersein ist sie allerdings schon unterrichtet, denn sie war bei mir, als ich Ihre Karte empfing. Ich bitte nur um einige Augenblicke Geduld.“

      Er verließ das Zimmer; es vergingen wohl an zehn Minuten ungeduldigen Harrens, da endlich wurde die Thür von Neuem geöffnet und ein Damenkleid rauschte auf der Schwelle. Hugo ging rasch der Eintretenden entgegen.

      „Ella! Ich wußte, daß Sie mich nicht –“ Er stockte plötzlich, die zum Willkommen ausgestreckte Hand sank langsam nieder, und der Capitain stand wie angewurzelt.

      „Sie scheinen mich kaum mehr zu erkennen,“ sagte die junge Frau, die vergeblich auf eine Vollendung des Grußes wartete. „Habe ich mich denn so sehr verändert?“

      „Ja – sehr,“ bestätigte Hugo, dessen Auge noch immer in maßlosem Erstaunen an der Gestalt der vor ihm stehenden Dame hing. Der kecke, übermüthige Seemann, der sich sonst jeder Lage des Lebens, jeder Ueberraschung gewachsen zeigte, stand hier stumm, verwirrt, fast bestürzt da. Freilich, wer hätte das auch je für möglich gehalten!

      Das also war aus der einstigen Gattin seines Bruders geworden, aus der scheuen furchtsamen Ella, mit dem blassen unschönen Gesichtchen und dem linkisch