Elisabeth Bürstenbinder

Die beliebtesten Liebesromane & Geschichten von Elisabeth Bürstenbinder


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es nur dann nicht zu spät ist!“ wagte der Prior zu bemerken. „Das Nachbarstift hat in dieser Beziehung schlimme Erfahrungen mit einem seiner jungen Mönche gemacht, dem eine ähnliche Stellung zur heimlichen Flucht aus dem Orden verhalf.“

      „Das Nachbarstift verdankt diese Erfahrung seiner laxen Zucht und der Schwäche seines Prälaten, ich habe meine Mönche besser im Zügel!“

      „Aber gerade Benedict –“

      „Herr Pater Prior,“ unterbrach ihn der Prälat mit stolzer, beinahe verächtlicher Ueberlegenheit, „wenn Sie es doch mir überlassen wollten, für die Richtigkeit meiner Maßregeln einzustehen. Gerade bei Benedict kann ich das wagen, denn er besitzt etwas, das freilich Sie gewohnt sind immer in den Hintergrund zu stellen, das aber bei solchen Experimenten schwer in’s Gewicht fällt, ein Gewissen. Ihm sind Gelübde und Eidschwur nicht bloße Worte, wie so vielen Anderen, er ist noch Schwärmer genug, ihre ganze Wucht zu empfinden. Der vernichtet sich vielleicht selbst, wenn es zum Aeußersten kommt, oder liefert sich in offenem Trotz in unsere Hände, in feiger heimlicher Flucht wird er uns niemals den Rücken kehren, darauf kenne ich ihn!“

      Der Prior verneigte sich unterwürfig, er schluckte die bittere Pille hinunter, die der Prälat mit dem „Gewissen“ auch ihm zu kosten gegeben, im Grunde war es ja sein Vortheil, wenn Benedict auf einige Zeit entfernt ward, er hatte mehr der Form wegen opponirt. –

      Der junge Priester stand in seinem Gemach und blickte hinüber, wo aus den Laubkronen der Bäume das Dach des Schlosses von Dobra auftauchte. Ob er sich wirklich eine Pönitenz auferlegte mit dem rasch gefaßten Entschluß? Der Prior hatte Recht: es war längst vorbei mit den früheren Bet- und Bußübungen; den Kopf hatte er zur Noth noch damit betäuben können, als aber das Herz sich zu regen begann, sah er ein, daß „sie nichts mehr nützten“. Der Kampf war ein anderer geworden von dem Tage an, wo er am Rande des Baches liegend zum ersten Male jene rosige kleine Elfengestalt erblickte, freilich leichter war er darum nicht geworden, und jetzt galt es sich ihm mit einem Gewaltstreiche zu entreißen. Benedict setzte energisch das Messer an die Wunde; mochte sie zucken und bluten, gleichviel, wenn er nur den Pfeil mit herauszog. Dort oben im Gebirge war er sicher vor einem erneuten Zusammentreffen und vor der gefährlichen traumhaften Poesie der Waldeinsamkeit, sicher hoffentlich auch vor den Träumen, vor denen er selbst an den Stufen des Altars vergebens Rettung gesucht, denn auch der schützte ihn nicht mehr – da galt es, sich selbst zu helfen!

       Inhaltsverzeichnis

      „Und ich sage Ihnen, irgend etwas ist mit dem Kinde vorgegangen! Und wenn sie es mir zehnmal in’s Gesicht hineinleugnet, und wenn Sie noch so spöttisch die Achseln zucken, ich bleibe dabei!“ Mit diesem Satze, augenscheinlich dem Schluß einer längeren Rede, setzte sich Fräulein Reich nieder, warf dem ihr gegenübersitzenden Günther einen herausfordernden Blick zu und nahm ihre Handarbeit mit einem solchen Eifer wieder auf, als gelte es, die mit Sprechen verlorene Zeit im Sturm wieder einzubringen.

      Günther sah in der That etwas spöttisch drein, und er zuckte auch die Achseln, als er gleichgültig erwiderte: „Aber, bestes Fräulein, wozu die lange Rede und dies Echauffement, um die einfache Thatsache festzustellen, daß Lucie endlich anfängt vernünftig zu werden.“

      „Vernünftig?“ Jetzt war die Reihe an Franziska die Achseln zu zucken. „Unglücklich ist sie! Seit dem Tage, wo sie mit verweinten Augen aus dem Walde zurückkam, ist es vorbei mit dem alten Uebermuth. Es ist da irgend etwas passirt, ich wette meinen Kopf, daß etwas passirt ist, aber ich kann es nicht herausbekommen. Die Plaudertasche, die sonst nicht zehn Minuten lang über die geringste Kleinigkeit schweigt, setzt all meinem Fragen und Forschen eine so hartnäckige Verschlossenheit entgegen, wie ich sie ihr nun und nimmermehr zugetraut hätte.“

      Der spöttische Ausdruck verschwand aus Günther’s Zügen und machte dem der Besorgniß Platz. „Wenn nur der Graf Rhaneck nicht irgendwie dahinter steckt!“ sagte er ernster.

      „Warum nicht gar! Sie macht sich nicht so viel aus ihm!“ Franziska schnellte mit den Fingern.

      „Ich fand im Gegentheil, daß sie sich an jenem Festabend nur allzuviel aus ihm machte, und auch mein Verbot, so streng ich es aussprach, scheint nicht allzutief gegangen zu sein, sie trotzte mir ja ganz offen am nächsten Tage.“

      „Wenn ich Ihnen aber sage, daß sie jetzt nichts mehr nach dem Grafen fragt,“ beharrte Franziska, „daß sie ihm geflissentlich ausweicht! An ihm liegt die Schuld wahrhaftig nicht, er streift beständig mit Flinte und Jagdtasche auf dem Gebiet von Dobra herum, und taucht bald hier, bald dort auf. Zum Glück wissen wir jetzt, welche Jagd dem jungen Herrn belieben würde, und nehmen unsere Maßregeln darnach. Gnade Gott dem Patron, wenn er mir einmal in die Hände fällt, ich wollte ihn in’s Gebet nehmen, daß ihm die Lust zum Wiederkommen ein für alle Mal vergehen sollte! Aber er hütet sich wohlweislich, mir nahe zu kommen, kaum daß ich ihn einmal von fern sehe!“

      „Sind Sie gewiß, daß Lucie ihn nicht dennoch gesprochen hat?“

      Franziska hob mit großem Selbstgefühl den Kopf. „Herr Günther, Sie haben Ihre Schwester meinen Händen anvertraut, und da dächte ich, wären solche Fragen wohl überflüssig. Lucie ist seit jenem Tage, wo sie ohne Erlaubniß nach dem Walde lief, nicht von meiner Seite gekommen, ich bewache sie seit der Eröffnung, die Sie mir machten, wie – wie –“

      „Wie ein Cerberus!“ ergänzte Günther.

      „Das ist ja eine höchst liebenswürdige Bezeichnung meiner Persönlichkeit!“ rief das Fräulein, sich verletzt erhebend. „Also in der Eigenschaft gelte ich Ihnen bei Ihrer Schwester?“

      „Mein Gott, es sollte in diesem Falle ein Compliment sein. – Wo wollen Sie denn hin?“

      „Ich fürchte, noch weitere derartige Complimente zu bekommen, und überdies ist Lucie allein im Garten, ich muß wohl meinen Posten als Cerberus wieder bei ihr einnehmen.“

      „Aber bestes Fräulein!“

      „Adieu!“

      „Franziska!“

      Die Gerufene blieb stehen, aber sie wendete grollend den Kopf zur Seite, Bernhard stand auf und trat zu ihr.

      „Sind Sie mir böse?“

      „Ja!“ erwiderte Franziska sehr energisch, aber anstatt hinauszugehen, kehrte sie um und nahm ihren Platz am Tische wieder ein. Ruhig, als wäre nichts vorgefallen, setzte sich Günther ihr, wie vorhin, gegenüber.

      „Es ist doch merkwürdig,“ begann er nach einer Pause phlegmatisch, „daß wir nicht fünf Minuten lang mit einander sprechen können, ohne uns zu zanken.“

      „Das ist gar nicht merkwürdig,“ erklärte Franziska noch immer gereizt, „es ist mit Ihnen eben nicht fünf Minuten lang auszukommen!“

      „Ich dächte doch, ich käme mit allen Anderen aus,“ meinte Bernhard noch immer mit demselben Phlegma.

      „Weil sich alle Anderen von Ihnen maltraitiren lassen! Ich bin nahezu die Einzige, die Ihnen bisweilen noch Opposition macht!“

      Der Ton des Fräuleins verrieth deutlich, daß sie den „Cerberus“ noch nicht verwunden hatte; trotzdem fand es Günther durchaus nicht angezeigt, sich aus seiner Ruhe bringen zu lassen. Sie sind,“ meinte er trocken, „noch gerade so ausfallend wie daheim in unserem Dorfe.“

      „Und Sie gerade so rücksichtslos wie damals!“

      „Möglich! Wir waren immer in Hader und Streit mit einander, das Eigenthümliche war nur, daß wir trotzdem nicht von einander bleiben konnten.“

      „Wir wollten ja wohl von Lucie sprechen!“ unterbrach ihn Franziska.

      Bernhard runzelte leicht die Stirn. „Sie haben eine merkwürdige Art, das Gespräch immer dann abzubrechen, wenn es anfängt, interessant zu werden.“

      „Was