Anne Löwen

Minimalismus Mom


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      Wieso kann ich mich nicht so richtig über unsere Fülle freuen? Ich bin doch umgeben von Reichtum und sollte die glücklichste Frau auf dieser Erde sein! Durch einen Auslandseinsatz, den ich mit zwanzig Jahren machen durfte, weiß ich aus erster Hand, wie arm andere Menschen leben müssen. Dass sie über die Maßen jubeln würden, wenn sie meine Vorratsschränke mit Lebensmitteln oder meinen vollgepackten Kleiderschrank zur Verfügung hätten.

      Wenn ich mir vorstelle, was die Kinder, die ich an diesem verarmten Ort kennenlernen durfte, für freudige Augen bekommen würden, wenn sie die Spielsachen nutzen dürften, die meine Kinder haben – ich glaube, sie könnten ihr Glück kaum fassen! Meine Kinder dagegen gehen in ihren Spielbergen unter und scheinen – genau wie ich – nicht so glücklich, wie sie es doch eigentlich sein müssten.

      Manchmal kommt es mir so vor, als ob gerade die Menge ihrer Spielsachen sie oftmals überfordert. Dabei dachten wir, wir würden ihnen eine Freude machen, als wir ihnen diese Sachen geschenkt haben. Ist nicht eigentlich die große Auswahl an Dingen gut? Besonders dann müssten doch eigentlich weniger Streitigkeiten unter den Geschwistern da sein. Warum bekommen sie sich trotzdem immer wieder in die Haare und zerren zeternd zu zweit an genau diesem einen Stoffhund, wo sie doch eine ganze Kiste mit anderen Kuscheltieren haben?

       EIGENTLICH MÜSSTE AUCH ICH SATT UND ZUFRIEDEN SEIN BEI ALL DEM, WAS ICH BESITZEN DARF. WARUM SEHNE ICH MICH TROTZDEM NACH NOCH MEHR UND BIN EHER HUNGRIG ALS SATT?

      Was ist bloß los mit uns?

      Mein Blick fällt auf meinen kleinen Sohn in meinen Armen. Seine Augen sind geschlossen, die Gesichtsmuskeln entspannt. Ein kleiner Tropfen Milch kullert langsam von seinen Lippen die Wange hinunter. Er ist satt und zufrieden. Eigentlich müsste doch auch ich satt und zufrieden sein bei all dem, was ich besitzen darf. Warum sehne ich mich trotzdem nach noch mehr und bin eher hungrig als satt? Das „noch mehr“ kann doch nicht die Lösung sein, oder?

      EIN HAUCH VON LEICHTIGKEIT

      Vielleicht ist es ja sogar das Gegenteil? Vielleicht ist ja alles deshalb so überfordernd, weil es nicht nur viel, sondern sogar zu viel ist? Zu viele Spielsachen, zu viele Möbel, zu viel Kleidung, zu viele Gegenstände. Und deshalb zu viele Reize und zu viel zu tun. Vielleicht wäre alles einfacher, wenn es von all diesen Dingen weniger in unserem Haus geben würde? Wenn ich nur zwei Töpfe im Schrank hätte, dann könnten sich nicht fünf jetzt in der Spüle stapeln. Wenn jeder nur eine Jacke hätte, dann wäre auf einmal die Garderobe übersichtlicher und keiner würde mehr ständig nach seinen Sachen suchen.

      Vielleicht liegt die Lösung tatsächlich im Weniger? Vielleicht haben wir einfach zu viel?

      Diese Gedanken, dass „weniger“ mein „mehr“ sein könnte, sind noch ganz neu für mich. Aber ich merke, dass sie in mir eine lang vermisste Hoffnung wecken und ungeahnte Kräfte freisetzen. Was, wenn das wirklich wahr ist? Wenn Veränderung möglich ist und ich nicht länger im Überlebensmodus sein muss, sondern auf Lebensmodus wechseln kann? Aber wie kann ich bloß dahin kommen?

      Plötzlich denke ich: Ich könnte mal aussortieren – und irgendwie kommt mir als Allererstes der Keller in den Sinn. Dort stapelt sich wirklich alles. Bestimmt auch ziemlich viele Sachen, die wir wahrscheinlich gar nicht mehr brauchen. Vielleicht sollte ich einfach mal dort anfangen?

      In der Hoffnung, erste Schritte auf meinem Weg zu weniger Dingen und zu mehr Ordnung gehen zu können, mache ich mich auf, um mir einen Überblick über unseren Keller zu verschaffen. Das ist eindeutig der schlimmste Raum in unserem Haus und bisher habe ich es immer vermieden, ihn zu betreten. Vielleicht würde ich mich etwas besser fühlen, wenn ich hier mehr Ordnung reinbringen könnte?

      In einem ruhigen Moment nehme ich allen Mut zusammen und trete vor die Kellertür. Allein der Blick, der mich hinter dieser Tür erwartet, wird mich an meine Grenzen bringen. So viel steht fest.

      Also wappne ich mich, atme einmal tief durch, drücke die Klinke nach unten und schiebe die Tür auf. Puhhh. Die Tränen wollen mir schon wieder vor lauter Überforderung in die Augen schießen. Ich sehe Arbeit, Arbeit und noch mal Arbeit vor mir. Es wird wahrscheinlich ewig dauern, Ordnung in diesen Raum zu bringen. Wie soll ich das bloß schaffen? Kisten türmen sich übereinander. Die Regale sind vollgestopft bis zum Überquellen. Der Boden ist übersät mit kleinen und großen Kartons. Wie um alles in der Welt soll ich hier jemals den Überblick zurückbekommen? Inmitten dieses riesengroßen Chaos fühle ich mich einfach nur klein.

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      Doch aufgeben, bevor ich überhaupt angefangen habe, kommt für mich nicht infrage. Also bahne ich mir vorsichtig einen Weg zur ersten Kiste und öffne sie. Eine Staubschicht wirbelt auf, als ich die Laschen des Kartons aufziehe. Ach du liebe Zeit, wann hab ich den eigentlich das letzte Mal geöffnet? Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung, was sich darin überhaupt befindet. Mir wird bewusst, dass einige dieser Kisten hier sogar schon zwei Umzüge mitgemacht haben, ohne nur ein einziges Mal geöffnet worden zu sein. So verpackt, wie sie waren, wurden sie vom Umzugsauto irgendwo im neuen Keller abgestellt, bis sie einige Jahre später wieder herausgekramt wurden, um erneut in ein Umzugsauto verladen zu werden.

      In diesem Moment dämmert mir auf einmal: Zeug, das ich in den letzten Jahren nicht gebraucht habe und das ich nicht einmal mehr kenne, werde ich nie mehr brauchen. Ich habe es bisher nicht vermisst, dann werde ich es auch in Zukunft nicht vermissen. Am liebsten würde ich all diese Kisten auf der Stelle entsorgen. Aber so richtig traue ich mich dann doch nicht, so einen radikalen Schritt zu gehen.

      Mühevoll nehme ich also jedes einzelne Teil, was in den Tiefen dieser Kartons schlummert, in die Hand. Ich bin selbst überrascht – aber bis auf die Sachen, die meinem Mann gehören, wandert schließlich doch alles in die Tonne. Unglaublich, was für einen Ramsch ich da von Wohnung zu Wohnung mit mir herumgeschleppt habe. Ramsch, den ich weder brauche noch haben möchte.

      Langsam, aber sicher arbeite ich mich von Kiste zu Kiste durch. Direkt neben mir eine große Mülltüte, die sich in rasantem Tempo füllt, und ein großer Pappkarton, in den alle Teile wandern, die noch gut weiterzugeben sind. Und während die Umzugskisten vor mir immer leerer und die Mülltüten und Weitergebekartons immer zahlreicher und voller werden, fühle ich etwas Neues: einen Hauch von Leichtigkeit.

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      ICH MUSS DAS NICHT BESITZEN

      Leichtigkeit. Ist das nicht ein wundervolles Wort? Irgendwie fühle ich mich gleich fünf Kilo leichter, wenn ich mir nur das Wort auf der Zunge zergehen lasse. Leichtigkeit. Ein Wort, das ich mir eigentlich so für mein Leben wünsche. Ich möchte leicht durchs Leben gehen. Frei sein für all das, was Gott für mich vorbereitet hat, und nicht beladen und überlastet, erdrückt von so vielen Dingen.

      Und irgendwie findet ein ganz neuer Gedanke auf einmal seinen Weg in meine innere Überforderung: Ich muss das nicht besitzen.

      Ich muss das nicht besitzen. Eigentlich logisch, oder? Wer zwingt mich schon dazu, Sachen zu horten? Natürlich macht das keiner! Und trotzdem hatte ich irgendwie immer das Gefühl, diese Sachen nicht einfach loswerden zu können. Seltsamerweise fühlte ich mich verpflichtet, alles in meinen Wohnräumen zu verstauen, was sich im Lauf der Jahre so angesammelt hatte: eigene Käufe, Geschenke von anderen, Geerbtes und was sich sonst irgendwie in mein Zuhause geschlichen hatte.

      Der Gedanke, dass ich all diesen Kram nicht besitzen muss, sondern darf, verändert mich plötzlich. Gott beschenkt mich mit vielen wundervollen Dingen, die ich gebrauchen und lieben darf (DANKE, Herr, für meine Waschmaschine!!!), aber er bürdet mir keine Last mit all diesem Besitz auf. Die Dinge in meinem Zuhause sollen mein Leben bereichern und erleichtern, aber nicht verkomplizieren und beschweren. Ich bin frei, diese Dinge loszuwerden.