3.Td2 La3 (Weiß kapitulierte angesichts …Da1 und … b1D.) 0:1.
Hitzeschach
Statistikfreunde haben die Remisquoten der jüngsten Turniere in Dortmund und Biel/Schweiz errechnet und miteinander verglichen. Im Dortmunder Schauspielhaus endeten nur 53 Prozent der Partien remis, selbst die etablierten Großmeister boten trotz großer Hitze Kampfschach. Was sicherlich auch an der sogenannten Sofia-Regel gelegen hat, die den Spielern diesmal das Remis-Anbieten verbat. Anders in Biel, wo man während einer Partie wie üblich jederzeit Frieden schließen konnte. Obwohl die zehn teilnehmenden Großmeister – fast alle just dem Wunderknabenalter entwachsen – noch so jung und hungrig erscheinen, dass man eigentlich beherztes Schach von ihnen erwarten durfte, lag die Remisquote bei 69 Prozent. Das war aus Sicht der Zuschauer natürlich enttäuschend, erst recht, wenn man bedenkt, dass in mehr als der Hälfte dieser Partien schon nach weniger als 30 Zügen das Remis vereinbart wurde. Manches war aber auch schön anzusehen in Biel: Wie vollstreckte Wesley So, 17, mit Schwarz gegen Maxim Rodshtein?
Lösung: 1…Lxg2+! (Nach diesem krachenden Einschlag gibt es keine Rettung für den König.) 2.Lxg2 (Das Opfer abzulehnen, wäre natürlich sinnlos, z. B. 2.Kg1 De3+ 3.Df2 Sf3 matt.) 2…Dc1+ (Weiß gab auf, ohne sich das unvermeidliche Matt zeigen zu lassen: 3.Kh2 Sf3+! 4.Lxf3 Dg1 matt.) 0:1.
Adams fischt nichts
Nach eigener Zählung hat Michael Adams während des Urlaubs auf den Florida Keys null Fische gefangen. Zufällig entspricht dieses selbst für einen Angler-Neuling magere Ergebnis exakt jener Ausbeute, die Adams in letzter Zeit gegen Weltklassespieler vorweisen kann. Seit über anderthalb Jahren hat der stille britische Großmeister gegen keinen Gegner gewonnen, der mehr als 2.700 Elo-Punkte besitzt. Adams’ Formtief drückt sich auch in der Weltrangliste aus: Vor einigen Jahren war er noch Vierter, zurzeit findet man seinen Namen erst auf Rang 35. Na gut, dachte er sich vielleicht, wenn schon die großen Fische nicht mehr richtig anbeißen, versuche ich es eben bei den etwas kleineren und spiele mal die britischen Meisterschaften mit. Das war eine gute Idee! Adams, der klare Favorit in Canterbury, gewann das Turnier mit riesigem Vorsprung. Seiner angekratzten Elo-Zahl und auch dem Selbstvertrauen dürften die vielen Siege gut getan haben.
Wie machte Adams oben mit Schwarz gegen Stephen Gordon alles klar?
Lösung: 1…Dc5! (Dieser unscheinbare, aber enorm starke Damenschwenk aus dem Hinterhalt zeigt sogleich Wirkung. Weiß gab auf, denn er ist in allen Varianten glatt verloren, z. B. 2.Dxc5 Txd1+ und 3… Sxc5; oder 2.Tc1 Td1 matt; oder 2.Txd4 Dxc2 3.Txd7 Dc5+! 4.Kh1 Dc1+ bzw. 4.Kf1 Dxf5+) 0:1.
Ein großer Däne
Das Turnier in Buenos Aires 2008 hätte Bent Larsen lieber nicht mitspielen sollen. Dem großartigen alten Dänen fehlte nach langer Pause die Spielpraxis; er hatte auch befürchtet, eröffnungsmäßig nicht mehr mithalten zu können. Also wählte Larsen, auf seine einst geniale Intuition vertrauend, Runde um Runde etwas Bizarres – und bekam dafür die Höchststrafe. Er verlor alle neun Partien, jede auf unwürdige Weise. Gegen Gegner, deren Spielniveau ihm früher kaum Probleme bereitet hätte. Von 1964 bis 1971 galt Larsen neben Bobby Fischer als stärkster Spieler außerhalb der Sowjetunion. Sagenhaft sein Kampf- und Schöpfergeist.
In diesem Jahr ist Larsen 75 geworden. Als nun ihm zu Ehren die Großmeister Peter Heine Nielsen und Peter Swidler in Kopenhagen unter anderem ein Blitzduell mit der Larsen-Eröffnung (1.b3) auskämpften, fehlte der Geehrte. Larsen blieb aus gesundheitlichen Gründen in Buenos Aires, wo er der Liebe wegen schon anno 1980 hingezogen war. Und was zog Swidler, mit Schwarz, gegen Heine Nielsen?
Lösung: 1. Lxc3! (Lenkt die Dame vom Punkt f2 ab, auf dem Swidler gleich Großes vorhat.) 2.Dxc3 Th1+! 3.Lxh1 Txh1+! (Aber nicht 3…Dh6?? 4.Lg2.) 4.Kg2 (Oder 4.Kxh1 Dh6+ 5.Kg1 Dh2+ 6.Kf1 Dxf2 matt.) 4…Th2+ 5.Kg1 (Oder 5.Kf1 Txf2+ 6.Ke1 Dh6 und …Dh1 matt.) 5…Dh6 (Nielsen gab auf.) 0:1.
Bent Larsen (3. v. re.) 1966 in Havanna beim Simultanspiel gegen Kubas Präsident Fidel Castro. Am rechten Bildrand die sowjetischen Weltmeister Tigran Petrosjan und Michail Tal.
Kamskys Glück
Das schlechteste Turnier seines Lebens spielte Gata Kamsky vor einem Jahr in Mainz. Zumindest, wenn man auf seine damalige Platzierung schaut. Der Weltklassemann aus den USA musste sogar ein paar Amateure an sich vorbeiziehen lassen und wurde nur 89. (von rund 700 Teilnehmern). Trotzdem ist er in diesem Jahr wieder zu den Chess Classics nach Mainz gekommen. Das enorm stark besetzte Open war von den Veranstaltern zur „Schnellschach-WM“ befördert worden. Und wie Kamsky sich in diesem Feld rehabilitierte! Obwohl keineswegs als Topfavorit angetreten, trug er am Ende das Kuvert mit 6.000 Euro Siegprämie davon. Um ein solches Turnier zu gewinnen, braucht es neben einer gewaltigen Spielstärke aber manchmal auch ein bisschen Glück: Die Bildstellung zeigt den vorentscheidenden Moment des Turniers. Kamskys Gegner, Rustam Kasimdschanow, hatte bereits einige Gewinnmöglichkeiten verpasst, als er mit seinem letzten Zug, Te7-e5??, alles verdarb. Welcher einfache Trick genügte dem mit Schwarz spielenden Kamsky zum Sieg?
Lösung: 1…Sc1! (Erbarmungslos betont Kamsky die unglückliche Abhängigkeit der weißen Figuren. Kasimdschanow gab sofort auf, weil er erst den Springer bzw. den Turm verlieren würde und anschließend machtlos wäre gegen den bzw. die vorrückenden schwarzen Freibauern.) 0:1.
Nakamuras Zorn
Was Hikaru Nakamura twitternd von sich gibt, verrät einiges über die Haltung, die der US-amerikanische Großmeister einzunehmen pflegt, sei es im Kampf am Schachbrett und wohl auch im Leben allgemein. „Auf zu Zorn! Auf zu Verderben! Und blutig Morgen“ – mit diesem martialischen Herr-der-Ringe-Zitat stimmte er sich neulich per Twitter auf eine wichtige Partie ein, bei einem Wettkampf zwischen fünf Jungstars und fünf erfahrenen Großmeistern in Amsterdam. Am Ende siegten die Jungen – denen trotz seiner nun schon 22 Jahre auch Nakamura angehörte – mit 26:24. Als Bester seines Teams qualifizierte er sich zugleich für das begehrte Blindund Schnellturnier in Nizza. Zwar wird’s einem bei Nakamura schwerlich warm ums Herz, es ist aber oft faszinierend, was er in Sekundenschnelle alles sieht. Seine Gegner müssen nicht nur mit provokanten Grimassen rechnen, sondern immer auch mit strammen Zügen. Oben fand Nakamura mit Weiß eine Fortsetzung, die seinen Gegner, Loek van Wely, sofort kapitulieren ließ. Welche war’s?
Lösung: 1.Tb6! (Dies gewinnt mindestens die Dame. Van Wely gab auf, ohne sich das Matt nach 1… Sxb6 2.Sf6+! exf6 3.Dd8 zeigen zu lassen. Alternativ zum brillanten 1.Tb6! hätte übrigens auch 1.Da5 gewonnen, z. B. 1…Lxb7 2.Sc7+ Kd8 3.Sxa8+ Kc8 4.Le2!, mit der Idee 5.Lf3.) 1:0.
Bent Larsen verstorben
Mit zwölf Jahren war Bent Larsen dem örtlichen Schachklub in Holstebro beigetreten. Spät für einen, der bald einer der charismatischsten Spieler des 20. Jahrhunderts werden sollte.