Schreiber vs. Schneider

Paarcours d'amour


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Fragen auf: Macht es mich alt? Stört mich das Grau? Und: Stört sich Schneider daran? Keine Ahnung. Er sagt ja nichts. Darum bin ich froh, dass meine Tochter meinen Farbwechsel derart locker thematisiert. Genau so sollte man übers Älterwerden reden: frisch von der Leber weg. Ich probier’ das grad mal aus und sage möglichst überzeugend in die Runde: »Färben? Nein, ich lasse meine Haare machen, was sie wollen.« Dass ich vor ein paar Tagen daran gedacht habe, diesen weissen Wirbel mit blonden Strähnen wegzuschummeln, behalte ich für mich.

      Schade, bin ich nicht so selbstbewusst wie meine Freundin, die ihre grauen Haare ohne künstlichen Ton trägt und toll aussieht.

      Schneider hat sich immer noch nicht zum Thema geäussert. Ich versuche, ihn aus seiner Sprachlosigkeit zu befreien, und sage: »Übrigens liebe ich deine grauen Haare, vor allem die auf der Brust.«

      Schneider grinst und zwinkert mir zu.

      Das einzig wirksame Mittel gegen Grau haben wir beide auf Lager: unseren Humor.

       »Deckel und Türe zu!«

      Warmbader

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      ERIch gehe ins Bad, muss mal, und als ich spüle, lese ich über dem Kasten eine Botschaft, sauber mit unserer Beschriftungsmaschine ausgedruckt: »Deckel und Türe zu! Bitte! Der Hausmeister.«

      Der Hausmeister? Haben wir einen neuen Mitbewohner? Noch dazu einen, der Vorschriften macht?

      Natürlich nicht!

      Das ist Schreiber, ganz klar. Sie liebt es, mit hochoffiziell wirkenden Nachrichten ihre Anliegen zu verbreiten. Zum Beispiel hing einst eine komplizierte Tabelle mit Hundegassi-Uhrzeiten, detaillierter Wochenplanung, Streckenvorschlägen und unseren Familienmitgliedern laminiert in der Küche an der Wand. Sah wichtig aus. Wie der Einsatzplan einer grossen, erfolgreichen Firma. Dann erklärte sie, dass jeder von uns jeden Hundespaziergang mit einem Magnet markieren und dann zum nächsten Namen auf der Tabelle schieben müsse. So wären die Dienste gerecht verteilt. Diese Pflicht-Uhr kannte sie von ihrer WG-Zeit.

      Wir nickten alle, ich ging weiterhin viel mit dem Hund, die Mädchen eher wenig wie immer, und der Magnet blieb, wo er war. Die Liste verschwand eines Tages, unbenutzt und wirkungslos.

      Und jetzt ordnet ein Hausmeister an: zumachen! Ich frage: vorher, nachher, während?

      Aber vor allem: warum?

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      SIE»Warum?«, fragt Schneider.

      »Weil das laut Feng Shui Geld spart, wenn der Deckel zu ist. Habe ich dir schon tausendmal erklärt.«

      »Du glaubst an Feng Shui?«

      »Nur beim Klodeckel.«

      »Und die Türe?«

      »Weil wir im Bad heizen, und die Wärme dann drinbleibt. Ich mag ein warmes Bad.«

      »Aber dann ist es doch zu warm.«

      »Ja, und? Warm tut gut. Das ist mein Luxus. Ausserdem ist das Anstand, hinter sich die Türe zu schliessen, wenn man rausgeht.«

      »Und warum nennst du dich Hausmeister?«

      »Hätte ich Mama geschrieben oder Hausfrau, würde niemand reagieren. Aber ein Nebenbuhler im Haus macht mehr Eindruck.«

      Schneider schüttelt den Kopf: »Eindruck? Ich habe den Hinweis gelesen und mich gewundert. Mehr nicht.«

      Soso! Wenn ihn nicht mal ein Hausmeister beeindruckt, muss ich dann drohen? Oder gar eine Kasse aufstellen? Ich sage: »Folgender Vorschlag: Einmal Türe oder Deckel offen lassen kostet fünf Franken Strafe. Was meinst du dazu?«

      Schneider prustet los und sagt: »Bist du wahnsinnig! Das macht ja …«, er rechnet einen Augenblick lang, »… fast 2000 Franken in einem Jahr.«

      So viel? Sehr gut. Der Hausmeister tritt in den Ruhestand, jetzt kommt Schneider an die Kasse!

      Auf Achse

       MAN SOLL DIE DINGE SO NEHMEN, WIE SIE KOMMEN. ABER MAN SOLLTE AUCH DAFÜR SORGEN, DASS DIE DINGE SO KOMMEN, WIE MAN SIE NEHMEN MÖCHTE.

       Curt Goetz

       »Liebster A., deine Z.«

      Bergsturz

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      SIEWas für ein Tag! Wir zwei haben ihn in den Bergen verbracht. Alles perfekt. Doch plötzlich, aus heiterem Himmel, fauchen wir uns auf dem Heimweg an. Ich schnappe ein, und nun schweigen wir im Auto. Es ist grässlich.

      Irgendwann halte ich die Spannung nicht mehr aus und sage: »Lass mich in Ilanz raus, ich nehm den Zug.«

      Schneider nickt.

      Dachte, er würde vielleicht sagen: »Nein, komm, lass uns Frieden schliessen.«

      Tut er nicht. Stattdessen setzt er mich ab. Ich steige aus, er braust los. Der Zug ist auch schon weg. Also eine Stunde warten. Ich setze mich in ein Café, bin stocksauer. Auf ihn, auf uns. Warum haben wir uns überhaupt gestritten? Ach, genau: Sein autoritärer Ton hat mich genervt.

      Ich starre hinaus, der Abendhimmel färbt sich rot. Was für ein Blödsinn, dass wir uns so angezischt haben. Der Zug fährt ein, ich nehme einen Fensterplatz, lass mich durch die traumschöne Rheinschlucht ruckeln. Ein Bergsturz war die Ursache für diese Wunderlandschaft.

      Ich vermisse Schneider, zücke das Handy und schreibe: »Habe überreagiert. Tut mir leid.« Da plingt seine Antwort: »Sorry. Bin manchmal echt ein Arsch.«

      Ich muss lächeln. So etwas Schönes hat er schon lange nicht mehr gesagt.

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      EREin Jahrhundertkrach, ein Bergsturz der Gefühle, denke ich und lasse Schreiber am Ilanzer Bahnhof aussteigen Sie wollte es so.

      Sie dachte, ich würde klein beigeben.

      Sicher nicht!

      Spontan beschliesse ich, ins Safiental zu fahren. Dort war ich zuletzt vor Jahren mit Schreiber. Bei einer Kapelle mache ich ein Foto und denke an sie. So vehement wie heute war sie noch gar nie. Es ging um die Arbeit, unsere Bücher, unsere Auftritte. Sie hat mir vorgeworfen, ich würde von oben herab mit ihr reden. Ich pfefferte zurück, dass mir ihre Gemütlichkeit so was von auf den Geist gehe. Sie fand mich ungerecht, ich sie antriebslos.

      So viel gemeinsam zu arbeiten, ist nicht einfach. Und ja, ich war ungerecht, denn sie schmeisst den Alltag, schreibt Geschichten, verdient Geld und hat beinahe immer gute Laune.

      Da surrt mein Handy auf dem Beifahrersitz, ich fahre rechts ran.

      Ob sie womöglich genug hat von mir?

      Sie entschuldigt sich.

      Das hat Grösse. Sie kann das: auf einen zugehen. Mir fällt ein Fels vom Herzen.

      Ich schreibe zurück, dass ich ein Arsch sei. Sie antwortet umgehend: »Wenn du willst, dann könnten wir uns in Chur treffen, liebster A. Deine Z.«

      »Z.?« frage ich.

       »Zicke.«

      So beginnt Versöhnung.

       »Mirgehtsgut.«

      Reife