Schreiber vs. Schneider

Paarcours d'amour


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Nacht. Immerhin, ein Gegenmittel gibts: abtauchen im Gästezimmer. Schreiber versteht das nicht: »Wo liegt das Problem? Du stehst doch gerne frühmorgens auf!«

      Absolut, ich liebe das Morgenlicht! Aber nur dann, wenn ich vorher einige Stunden in Dunkelheit schlafen durfte.

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      SIEMein Maulwurf verbuddelt sich unter Kissen, seufzt überlaut, wenn ein Spalt breit Licht ins Zimmer strahlt, und wirft sich dann demonstrativ auf die andere Seite. Er will es kellerdunkel, bis der Wecker klingelt. Ich ticke anders: »Ich wache besser auf, wenn ich den Tag kommen sehe«, erkläre ich ihm zum wiederholten Male.

      »Wie kannst du ihn kommen sehen, wenn du die Augen zu hast?«, kontert Schneider.

      »Ach, dann ist es bei dir also zappenduster, wenn du die Augen schliesst?«

      Schneider denkt nach, merkt, dass er ein Eigentor geschossen hat, und sagt: »Es ist genetisch geregelt: Dunkelheit heisst Schlafen, Helligkeit heisst Wachsein.« Er steht auf, kurbelt die Rollläden wieder runter und schlüpft zurück ins Bett.

      Ich sehe gar nichts mehr – wie kann ich da schlafen? Wäre es eine Lösung, abwechslungsweise mal hell, mal dunkel zu pennen? Oder soll ich Schneider eine passgerechte, unverrutschbare Schlafbrille schneidern?

      Sein Atem geht ruhig. Ich warte noch ein Weilchen. Er schläft. Ich stehe sachte auf und kippe dann gaaanz leise die Lamellen unserer Storen, damit am Morgen Sonnenlicht meine Nasenspitze kitzeln kann. Ist nämlich immer noch die allerbeste Lösung: helldunkel einschlafen und hellheiter aufwachen.

       »Das täte dir sicher gut.«

      Fitnessqueen

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      SIE»Soll ich heute mal wieder ins Fitness?«, frage ich Schneider beim Frühstück.

      »Ja. Das täte dir sicher gut.«

      »Ja« hätte gereicht, denke ich und sage: »Ich könnte eben grad gehen.«

      »Mach nur! Du warst ja schon lange nicht mehr«, Schneider lächelt mich aufmunternd an. Da fällt mir ein: »Das Problem ist, dass ich nach dem Training fix und fertig bin. Und ich muss heute noch arbeiten.«

      »Dann verausgab dich halt nicht so.«

      »Geht nicht. Es ist echt anstrengend, wenn ich dauernd den Bauch anspanne.«

      »Und wozu machst du das?«, fragt er.

      »Ich stelle mir jeweils vor, dass ich für ‹Brigitte Woman› ein Fotoshooting habe. ‹Muckis für Mutti› oder so.«

      Schneider grinst: »Du sollst trainieren, nicht denken.«

      »Und sobald ich in die Spiegelwand gucke, sehe ich neben mir Jane Fonda hopsen.«

      »Was? Wusste gar nicht, dass die hier ins Fitness geht.«

      »Ich meinem Kopf, Mann! In den 80ern, da trug sie doch diesen hautengen, pinken Anzug und hatte kein Gramm Fett. Heute ist sie fast 80 und immer noch so schlank. Voll diszipliniert.«

      »Aha, und was willst du damit sagen?«

      »Dass ich das sowieso nie schaffe. Ich bin einfach ein anderer Typ. Weisst du was? Ich lass das Training besser sausen. Es tut mir einfach nicht gut.«

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      ER»Wenn du dich so viel bewegen würdest, wie du dir Gedanken darüber machst, ob du dich bewegen sollst, dann wärst du topfit«, sage ich zu Schreiber, die soeben beschlossen hat, ihr Fitnesstrainig zum 812. Mal ausfallen zu lassen.

      »Musst du mir noch eins auf den Deckel geben?«

      »Nein. Aber wieso beredest du mit mir, ob du ins Training gehen sollst, wenn du gar nicht willst?« Schreiber wettert: »Ich möchte schon, aber ich kann halt nicht!«, dann stürmt sie aus der Küche.

      Ich seufze. Hab’ mal darüber gelesen, welch seltsames Wesen der Mensch sei: Einerseits will er sich regen, andererseits vermeidet er jede Art von Tatendrang. Eindeutig zwei verschiedene Seelen im Bewegungsapparat. Die beiden gegensätzlichen Zustände sind freilich kein Problem, wenn man mal faulenzt und dann wieder mit Elan herumhüpft.

      Ich beschliesse, Schreiber davon zu erzählen, und will zu ihr ins Arbeitszimmer, treffe sie aber schon im Gang an, wo sie – ich staune – ihre Sporttasche packt.

      »Hast du es dir nun doch anders überlegt?«, frage ich.

      Sie nickt: »Ich habe in unseren Garderobenspiegel geschaut. Und weisst du, wer von da streng zurückgeschaut hat?«

      Ich grinse und sage: »Vermutlich jemand in Hauteng und Pink.«

       »Mit dem Atem?«

      Stallluft

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      SIEUnsere Jüngere nimmt seit einer Weile Reitunterricht auf einem Hof mit herrlicher Aussicht. Um zu sehen, was sie dort so lernt, fahre ich an einem Nachmittag mit dem Velo hinauf, schaue zu, staune und darf sogar mit anpacken. Zuerst holen wir die Pferde von der Weide: Was für ein Gefühl, mitten in der Herde zu spazieren und von den Tieren beschnuppert zu werden!

      Erinnerungen voller Sehnsucht tauchen auf. Als Mädchen träumte ich nämlich lange Zeit von einem eigenen Pferd. Ich malte mir aus, dass ich auf unserem Balkon in München im dritten Stock ein schwarz-weisses Pony halten könnte. Der Traum blieb unerfüllt, so verwandelte ich eben mein Fahrrad in ein Indianer-Pferd. Ich befestigte Zügel am Lenker und fuhr mit einer Gerte in der Hand durch die Stadt. Himmel, was war ich vernarrt in Pferde! Und jetzt sehe ich meine Tochter hoch zu Ross. Das berührt mich. Und mich erstaunt der heutige Umgang mit Pferden: Meine Tochter lernt nicht nur reiten, sie lernt »Pferdisch«. So etwas wie Pferdeflüstern, damit erzielt man bei den Tieren auf sanfte Weise unglaublich viel. Spannend! Vielleicht könnte ich diese Technik bei Schneider anwenden, um für meinen Traum von damals Gehör zu finden.

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      ERSchreiber fragt, ob sie mit mir reden könne. Das Thema freilich ist etwas langweilig, es geht um Pferde. Ich versuche, mich in mein Gegenüber hineinfühlen: Richtig – Pferde sind faszinierende Tiere. Aber dann fällt mir ein, dass ich Pferde sehr unpraktisch finde. Sie sind nämlich riesig, zeitintensiv und teuer.

      Sie strahlt: »Du solltest sehen, wie die dort mit Pferden umgehen. Ganz anders als früher.«

      Ich denke an unser Bankkonto.

      »Früher sind wir einfach zackbumm draufgehopst und geritten.«

      Ich denke an einen sauteuren Pferdeanhänger.

      »Heute baut man Vertrauen auf! Mit dieser Technik kannst du ein Pferd allein mit deiner Körperhaltung und deinem Atem reiten.«

      Hat sie gerade »Atem« gesagt?

      »Eine tolle Sache. Es gibt sogar Kurse für Eltern, die mit Pferden lernen können, wie sie ihre Kinder konsequenter erziehen.«

      »Mit dem Atem?«

      »Ja, das habe ich irgendwo gelesen.«

      »Willst du mir sagen, dass ich anders atmen soll?«

      Sie räuspert sich: »Nein. Aber, dass ich vielleicht auch wieder reiten werde.«

      »Unsere Kinder sind gross. Wen willst denn jetzt noch erziehen? Etwa mich?«

      »Ach, woher. Ich will mir ganz einfach einen ganz alten