Max Nang

Lust Verlust


Скачать книгу

den Punkt zu bringen.

      Diese große Selbstlüge wird aber von der Realität weggespült. Die weite Verbreitung von Prostitution, Liebeshäusern, Singletreffs, Swinger- und Sexclubs, die Häufung von Seitensprungagenturen, Sexanzeigen, Pornokonsum und Sexdownloads im Internet beweisen, dass sich die Gesellschaft selbst etwas vormacht. Der Mensch kommt innerlich in eine Konfrontation zwischen der idealen Welt und den eigenen (Trieb-) Bedürfnissen und der Unterdrückung dieses Triebs. Die Folge ist der Verlust der Lust auf den Partner.

      Die nicht ausgelebten sexuellen Fantasien und eine unbefriedigte Sexualität sind immer noch große Verursacher von Krankheiten (Depressionen, Frustrationen, Migräne, u.v.m.), von allgemeinem Unwohlsein und bei manchen Menschen sogar ein Motivationsschub für verbrecherische Taten.

      Du wirst in diesem Buch von vielen wahren Geschichten, auch aus Afrika, von vielen Thesen lesen, die dir vielleicht neu sind, die aber sehr hilfreich sein werden.

      Für das bessere Verständnis schreibe ich ausschließlich in der männlichen Form, diese schließt selbstverständlich die weibliche Form ein: Partner bedeutet dementsprechend auch Partnerin. Stellen, die ausdrücklich von einem Geschlecht sprechen, werden als solche kenntlich gemacht.

      Ich wünsche dir eine gute Lektüre und hoffe auf eine lebendige Diskussion und auf viele Kommentare auf www.indayi.de.

      Teil A Warum stirbt die Lust?

      Ist Sex der Liebe gleichzustellen? Ist der Begriff Liebe, wie man ihn uns gelehrt hat – diese Anziehungskraft zwischen zwei Menschen – nicht zu sehr überromantisiert, eingeschränkt und überbewertet? Viele Bücher greifen diese Fragen nur oberflächlich auf.

      Viele Ratgeber zum Thema Sexualität scheinen mir immer sehr idealistisch zu sein, weit von der Realität und Praxis entfernt. Sie beschreiben das Problem nicht so wie die Menschen es erleben, sondern wie einige Psychologen, Therapeuten, Denker, die Medien, die Wirtschaft und die Medizin es haben wollen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir uns nicht trauen, die Wahrheiten zu sehen.

      Man kann viel einfacher über Vergewaltigung, über die schlimmsten Verbrechen, über Kriege, Tote usw. reden als über Sex. Das Wort Sex ist wie eine Bombe in den Ohren der meisten Menschen. Die Menschen des 21. Jahrhunderts wirken auf einmal 3 Buchstaben gegenüber gelähmt. Was die Sklaverei, die Atombombe und der Holocaust nicht geschafft haben, schafft der Sex: nämlich, uns zu beschämen.

      Als ich mich entschied, dieses Buch zu schreiben, sagte eine mir sehr nahestehende Frau: „Warum willst du bloß über den Sex schreiben?! Das ist doch so peinlich!“

      Man fragt sich dann: Warum haben die westlichen Menschen, diese „modernsten“ Menschen der Welt, die die Erfindung der Emanzipation, der Demokratie, der Menschenrechte und der Freiheit für sich reklamieren, Angst vor dem Wort SEX? Warum ist es hier peinlich, privat über Sex zu reden, aber nicht über Vergewaltigung und Kindesmissbrauch?

      Sex ist doch eigentlich das Natürlichste, was der Mensch hat. Kann man sich so vor Sex hüten und fürchten und ihn trotzdem ungeniert genießen? Warum sind Europäer Sex gegenüber verklemmter und gehemmter als die Afrikaner zum Beispiel? Diese Fragen beschäftigen mich, seitdem ich nach Deutschland gekommen bin.

      In Afrika habe ich durch die Medien und durch Sexfilme gelernt, was die westliche Sexualität ist bzw. sein sollte - das dachte ich zumindest. Frauen und Männer, die wissen, was sie wollen, sexuelle Freiheit, Offenheit, Lockerheit, viele Techniken, Genuss pur. In Deutschland veränderte sich meine Vorstellung von der Sexualität der Menschen in den westlichen Ländern aber radikal.

      Es fing damit an, wie man Frauen kennenlernt; in Kamerun funktioniert das viel direkter und oft ohne Umwege. Man geht direkt zu der Frau und fängt an sie mit Poesie und Komplimenten zu verwöhnen und sagt ihr, was man will. Meine erste Erfahrung mit einer deutschen Frau war, wie man sich sicher vorstellen kann, sehr amüsant. Sie war Krankenschwester. Es war im April 1989. Ich war zum Studieren nach Deutschland gekommen. Ich war nicht mal zwei Wochen da, als ich wegen der Ernährung Magen-Darm-Probleme bekam und zum Arzt musste. Die Frau, die mich in Empfang nahm, begeisterte mich sofort. Und typisch kamerunisch fing ich an, bevor ich die Praxis wieder verließ, sie direkt anzubaggern. Ich wurde zu einem Poeten. Auf Englisch und Französisch rezitierte ich das Lied der Liebe. Zuerst war sie entsetzt, aber meine Hartnäckigkeit, mein Mut, die Macht der schönen Worte und das Preisen ihrer Schönheit drehte ihre Haltung in zufriedene Überraschung. Sie hörte dann weiter zu und sie und ihre Kollegin lachten sich kaputt. Später erzählte sie mir, warum es lustig gewesen war: Mit 25 hatte sie so etwas noch nie gesagt bekommen! In Deutschland, sagte sie, geht es subtiler vonstatten: Durch Flirt, Augenkontakt, Lächeln und so. Zwei Tage später wurde sie meine erste weiße Freundin. Sie verließ ihren Freund für mich.

      Richtig überraschend und erstaunlich für mich war dann der Sex selbst. Ich fragte mich, ob mich die Medien, die Zeitungen, die Filme so getäuscht haben konnten? Ist denn alles, was die europäischen Medien in Afrika zeigen Fake-News? Ich dachte dann, mit anderen Frauen würde es besser gehen. Es kam die zweite Frau, die dritte und, und, und… Aber es wurde nicht besser und meine Enttäuschung war dementsprechend groß. Ich hatte erwartet, überfordert zu sein und Neues zu lernen, aber leider war ich der Überforderer, der „Lehrer“. Diese freien, sexuell emanzipierten Frauen mit vielen Sexkenntnissen und -techniken, die genau sagen, was und wie sie es wollen, die wild und beweglich sind, die vor Lust schreien und stöhnen, die den Männer den Kopf verdrehen, habe ich nicht gefunden. Diese selbstbewussten Frauen, die ich in Filmen, im Kino, in Zeitungen gesehen hatte, habe ich im Bett nie gesehen. Ich sah mehr „la femme soumise à l´homme“, die unterworfene Frau: Das heißt Frauen, die zu stark auf Männerbedürfnisse fixiert waren und erwarteten, dass der Mann ihnen genau sagte, wo und wie es langging, dass er sozusagen im Bett das Kommando übernahm, dass der Mann für ihre Lust verantwortlich war. Das war mir ganz allgemein neu bei Frauen.

      Noch erstaunlicher für mich war es, als Frauen mir nach 15 Minuten Sex vorwarfen, dass ich angeben wolle. „Warum?“, fragte ich erstaunt. „Wie kannst du so lange durchhalten? Du kannst ruhig schon kommen, du musst mir nicht so lange zeigen, wie toll du bist“, antwortete eine Frau ironisch.

      Ich war baff. Sind 15 Minuten zu viel, oder was? Ich erfuhr später, dass es hier manchmal schon nach ein oder zwei Minuten vorbei ist. Deswegen konnten sie sich einfach nicht vorstellen, dass es auch anders gehen kann und dachten, ich wollte ihnen etwas beweisen.

       Mein Weltbild von Sex und Sexualität in Europa war total durcheinander.

      Ich versuchte, mit deutschen Männern, die ich kennengelernt hatte, darüber zu reden, wie wir es in Afrika, in Kamerun, machen - ein Gespräch unter Männern halt. Die Männer lachten, bestimmt aus Höflichkeit. Aber sie schämten sich, über Sex zu reden, und deswegen konnte ich von ihnen nichts erfahren. Das war sehr frustrierend für mich, aber es machte mich auch stolz zu erkennen, dass wir es in Afrika doch gut haben und uns nicht beschweren sollten, im Gegenteil.

      Ich versuchte es mit Frauen anderer europäischer Länder, aber meist war die Situation im Bett die gleiche.

      Als Coach habe ich mit vielen Menschen - Frauen, Männern, Paaren verschiedener europäischer Nationen - gesprochen und mir so einen noch besseren Einblick in die Sexualität des Westens verschafft. Ich habe festgestellt, dass die Menschen hier mehr nach einem Ideal leben wollen, als nach der Realität und den eigenen Bedürfnissen. Es werden Theorien entwickelt, die die Menschen immer mehr hemmen anstatt sie zu befreien.

      Die Medien übersexualisieren die Welt und verbreiten ein falsches Bild von Sex und der Sexualität; sie zeigen Sex als Konsumware. Je früher und schneller, desto besser für den Verkauf von Sexfilmen, Kondomen, Dildos und Accessoires.

      Die Menschen bekämpfen zwar allem Anschein nach die kirchlichen Theorien über Sex und Liebe, aber insgeheim und unbewusst verhalten sie sich genau so, wie es diese Religion von ihnen in diesem Bereich erwartet: Sie leben monogam und treu. Untreue ist eine Sünde, sie schämen sich beim Thema Sex, sie unterdrücken Fantasien und verteidigen vehement Standpunkte wie: Liebe und Sex gehören unbedingt zusammen.

      Aber