Ernst Friedrich Wilhelm Mader

Wunderwelten


Скачать книгу

den Kampf ums Dasein!“, sagte er: „Die scharfen Hörner der wilden Tiere, die Klauen und Gebisse der Vögel und die blutsaugerischen Schnauzen des Gewürms konnten ihnen nichts anhaben. Um so mehr dürfen wir erwarten, bald auf lebende Marsbewohner zu stoßen: Ein solches Geschlecht stirbt nicht aus!“

      Der Professor kannte die Schrecken des Mars noch allzu wenig!

      Flitmore photographierte das Innere der Leichenhalle, so wie einige besonders charakteristische Mumien. Nach Verlassen der Totenstadt nahm er auch diese von einer Anhöhe aus auf; dann verließen unsere Freunde den Ort durch ein gewundenes, bergabführendes Tal.

      Am Ausgange der Schlucht lehnte an der Bergwand ein niedriger, dreieckiger Bau aus „Gußstein“; denn so hatte Schultze das steinerne Material, das gleichmäßig glatt war und keine Lücken aufwies, benannt. Er vermutete, dass die Marsbewohner eine besondere Steinart wie Lava zu schmelzen verstünden, im flüssigen Zustand färbten und dann ihre Häuser in einem Block in Erdformen gossen.

      Dafür sprach der Umstand, dass die Bauten in der Totenstadt eine beschränkte Anzahl von Formen aufwiesen, die in genau den gleichen Abmessungen immer wiederkehrten. Der Bruch einzelner beschädigter Steine zeigte, dass die Färbung den ganzen Stein durchdrang und dass tatsächlich nirgends eine Fuge vorhanden war, sondern alles aus einem Block bestand.

      Vor dem neuentdeckten Hause nun saß ein steinaltes Männlein, dessen Doppelschädel den Eindruck machte, als trage er eine Mütze aus Eisbärenfell; denn schneeweis war sein dichtes Pelzhaar, das zottig herabhing, jedoch nicht länger als es bei einem Tierpelz zu wachsen pflegt.

      Ein ebenso zottiger kurzer Bart umrahmte sein Gesicht.

      Mit den großen, gescheiten Augen betrachtete er die Ankömmlinge, offenbar sehr interessiert, aber durchaus nicht mit der Verwunderung oder gar dem Entsetzen, welche diese sich geschmeichelt hatten, bei dem ersten Marsbewohner zu erregen, der ihre fremdartige Erscheinung gewahren würde.

      Als sie sich ihm nahten, erhob er sich langsam. Ein leuchtendes rotes Gewand umfloss seine schlanken Glieder.

      Und nun zeigte Schultze den unentwegten Professor: er redete den Marsgreis im elegantesten Latein an, das ihm zur Verfügung stand; denn er dachte, Latein sei eine Weltsprache, die von gebildeten Wesen überall verstanden werden müsse. Er bedachte nicht, dass die alten Römer, so unternehmungslustig sie waren, die Grenzen ihres Reichs doch nicht über den Erdball ausgedehnt hatten.

      Übrigens war der Marsite stocktaub, wie er durch ein beredtes Berühren seiner Ohren und sein trüblächelndes Kopfschütteln zu verstehen gab.

      Da er jedoch an Schultzes beweglichen Lippen erkannt hatte, dass dieser ihn anredete, mochte er meinen, die seltsamen Besucher sprächen die Marssprache; denn er ließ einige wohllautende Worte vernehmen, merkte aber bald an des Professors Kopfschütteln, dass man ihn nicht verstand.

      Da deutete er auf die Gruppe, die ihn anstaunte, und erhob den Blick gen Himmel. Gleichzeitig streckte er den Arm empor und wies auf einen blassen Stern.

      Das war die Erde!

      Da die Erde dem Mars weit näher steht als die Sonne, und diese ihm infolge ihrer Entfernung nicht so blendend leuchtet, wie uns, konnte man die Erde hier bei Tageslicht am Himmel stehen sehen.

      So sehr Lord Flitmore an Selbstbeherrschung gewohnt war, die Gebärde des Greises brachte ihn doch aus der Fassung.

      „Allmächtiger!“, rief er aus: „Sollte man das für möglich halten? Dieser Marsmensch vermutet, dass wir von der Erde her kommen! Offenbar ist ihm das Vorhandensein von Menschen dort bekannt und man rechnete hier damit, eines Tages einen Besuch vom Nachbarsterne her zu erhalten.“

      „Nein! Welche Hilfsmittel müssen diese Marsmenschen besitzen!“ meinte Schultze verwundert.

      „Ich glaube fast, ihre Augen ersetzen ihnen das beste Teleskop“, bemerkte Heinz: „Sehen Sie doch nur, wie der Mann seine Augen weit heraustreten lässt, wenn er nach der Erde schaut, und wie tief er sie in die Höhlen zurückzieht, wenn er uns betrachtet.“

      In der Tat bemerkten jetzt alle dieses seltsame Augenspiel, je nachdem der Marsite den Blick auf nähere oder entferntere Gegenstände richtete.

      „Fragen Sie doch den Alten, wo wir noch mehr seinesgleichen treffen können“, wandte sich Münchhausen ironisch an Schultze, der mit seinem Latein zu Ende war nach dem ersten vergeblichen und etwas törichten Verständigungsversuch.

      Heinz Friedung aber bewies, dass er einer solchen Aufgabe gewachsen war: Er unternahm es, die gewünschte Auskunft zu erhalten.

      Das griff der intelligente junge Mann folgendermaßen an:

      Er wies auf die eigene Brust und streckte den Daumen der geschlossenen linken Hand empor; dann deutete er der Reihe nach auf Flitmore, Mietje, Schultze und Münchhausen, jedes Mal einen weiteren Finger der Linken ausstreckend.

      Der Marsite folgte aufmerksam diesem Gebärdenspiel, das besagen wollte: „Wir sind fünf.“

      Als Heinz dann seine Hand wieder schloss, zeigte der Alte, dass er begriffen habe und des Zählens mächtig sei; denn mit einer Handbewegung wies er auf die Gruppe und streckte dann fünf Finger aus, als wollte er sagen: „Das stimmt, ihr seid zu fünft.“

      Jetzt zeigte Hans auf den Marsiten und streckte wieder den Daumen allein vor. Das hieß: „Du bist nur einer.“ Dann sah sich der junge Mann forschend und fragend nach allen Seiten um mit hilflosen Handbewegungen, aus denen der Marsbewohner sofort die Frage erriet: „Wo sind die andern Bewohner des Mars?“

      Da schüttelte er den Kopf und eine tiefe Traurigkeit überzog seine milden Züge: Eindringlich streckte er den einen Daumen empor, berührte seine Brust, wies dann mit dem Arm im Kreise umher, immer kopfschüttelnd und zugleich die Hand verneinend schwenkend, als wollte er sagen: „Ich bin allein da! Sonst ist nirgends mehr jemand vorhanden.“

      Erstaunt glotzten unsere Freunde ihn an; da winkte er ihnen, ihm zu folgen.

      Er führte sie an den Rand des Hügels und deutete in den Sumpf hinab.

      Da sahen sie schaudernd die Spitzen von Gebäuden aus dem schwarzen Schlamme emporragen und die traurigen Gebärden des Greises sagten: „Alle sind verschlungen von den Wassern, alle modern im Sumpf oder dienen den Sumpfwürmern zum Fraß.“

      Dann raffte sich der Alte auf, deutete auf seine Gäste und dann hinauf zur Erde, ihnen mit heftigen Handbewegungen begreiflich machend: „Fliehet, fliehet! Sonst ereilt euch das gleiche Schicksal!“

      Dieses grässliche Geschick verdeutlichte er noch dadurch, dass er wieder hinab in den Sumpf zeigte, dann die Handfläche wagrecht über den Boden hielt und sie ruckweise am eigenen Körper immer höher steigen ließ, bis er sie hoch über den Kopf hob.

      „Er will andeuten, dass die Gewässer plötzlich steigen und hoch über unsere Köpfe weggehen können“, erklärte der Lord.

      „Allerdings“, bestätigte Schultze: „Die Astronomen haben des Öfteren derartige Katastrophen auf dem Mars beobachtet: Das Land wird urplötzlich vom Meere verschlungen, und die Verteilung von Kontinenten und Meeren nimmt eine ganz neue Gestaltung an.“

      „So werden wir hier nicht mehr viel zu entdecken haben“, meinte Münchhausen: „Der Mann kennt sich jedenfalls am besten aus auf dem Mars und wir werden gut tun, seine Warnung nicht in den Wind zu schlagen.“

      In diesem Augenblick dröhnte der Klang der Sirene von der Sannah durch die Lüfte.

      14. Eine Marskatastrophe.

      „Halloh! Das ist ein bedenkliches Zeichen!“ rief Flitmore.

      „Was mag da los sein?“, fragte Mietje besorgt.

      „Jedenfalls gilt es, schleunigst umzukehren“, mahnte der Kapitän.

      Heinz fasste den Marsiten bei der Hand und wies ihm das in der Ferne hoch aufragende Weltschiff, ihm bedeutend, er möge mit ihnen flüchten.

      Der Mann aber schüttelte bloß traurig