Joachim Koller

Secret of Time


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verbringen würde, stand plötzlich Julia in seinem Zimmer.

      „Ich habe es mir nicht ausgesucht, aber eines sage ich Dir gleich: Deine Hände bleiben bei Dir!“, war das Erste, was er von ihr zu hören bekam. Sie war damals neu in seinem Büro und hatte ihm schon vom ersten Tag an gefallen. Ihre erste gemeinsame Nacht verbrachten sie damit, bis zum Sonnenaufgang auf dem Balkon zu sitzen. In dicke Decken eingewickelt, vertrauten sie sich gegenseitig ihre bisherigen Höhepunkte und auch Tiefschläge im Leben an.

      Julia und Leon waren sich auf Anhieb sympathisch und fanden einen perfekten Draht zueinander. Die Zimmeraufteilung blieb für die folgenden Nächte bestehen. Leon erinnerte sich noch genau an das große Zimmer, mit dem luxuriösen Whirlpool, der nahe am Balkon stand und von dem aus man einen herrlichen Blick auf die Grachten gehabt hatte. Zusammen mit der inkludierten Minibar und vom anstrengenden Tag ermüdet, machten Julia und er es sich im Whirlpool gemütlich, teilten sich eine Flasche Sekt und kamen sich doch noch näher. Bei einer Grachtenfahrt bemerkte die Reisegruppe, dass sich zwei Paare gefunden hatten. Natürlich sorgten sie so für Gesprächsstoff, auch nach dem Aufenthalt in Amsterdam.

      Wenig später galten sie als das Traumpaar des Büros, als unzertrennlich und wie füreinander geschaffen. Viele Kollegen waren Jahre später zu ihrer Hochzeit eingeladen, besagter Freund, der in Amsterdam Julia in Leons Zimmer verwiesen hatte, hielt bei der Trauung eine Rede, wo er diese Episode nochmals aufgriff.

      Das Bild in Leons Geldbörse stammte vom August dieses Jahres. Julia hatte ein kurzes, sommerliches Kleid angezogen, das ihre ausladende Oberweite und auch ihre Rundungen deutlich hervorhob. Sie fand sich immer schon zu mollig, für Leon wiederum war ihre Figur perfekt. Er liebte ihren kleinen Bauch und trotz ihrer festeren Oberschenkel war sie alles andere als dick.

      Bei einem weiteren kleinen Bier ging er in Gedanken durch, was er mit Julia in Barcelona besichtigen würde. Als er an die Sagrada Familia dachte, fielen ihm der Diebstahl und Ramona wieder ein. Er freute sich schon auf den Abend und hoffte, dass auch Ramonas Freund Pedro ihn sympathisch fand. Leichter würde er nicht an ein spanisches Paar kommen, die ihm mehr über das Leben in der katalanischen Großstadt erzählen konnten.

      Pünktlich um halb neun war Leon beim vereinbarten Treffpunkt. Inzwischen war es schon dunkel, aber das Shoppingcenter vor ihm strahlte von den vielen noch immer geöffneten Geschäften. Die ehemalige Stierkampfarena hieß nun „Arenas“ und bot neben unzähligen Shops, ein Kino und natürlich jede Menge Lokale. Ein außen angebrachter Aufzug führte zum Dach des kreisrunden Gebäudes, wo weitere Restaurants einen Blick über die Dächer der Metropole boten.

      Leon musste keine fünf Minuten warten, bis er Ramona erblickte. Statt ihrer Uniform in Dunkelblau trug sie nun helle Farben. Eine rote, figurbetonte Jeans, ein eng anliegendes, bauchfreies Top in Gelb und die Haare zu zwei Zöpfen zusammengebunden, winkte sie ihm lächelnd zu und deutete ihrem Freund. Dieser marschierte los und blieb vor Leon stehen, um ihn in Augenschein zu nehmen. Er hatte Leons Größe, wirkte ebenso durchtrainiert wie Ramona, sogar noch kräftiger, und seine dunkelbraunen Augen musterten Leon eindringlich. Seine lockigen Haare hielten mit viel Gel ihre Position. Im Gegensatz zur eher flippig angezogenen Ramona, trug er ein weißes Hemd, darüber ein dunkles, dünnes Jackett und eine schwarze Hose.

      „Hi, ich bin Pedro“, grüßte er Leon und presste ihm fest die Hand zusammen. Leon musste grinsen, die Eifersucht stand Pedro ins Gesicht geschrieben.

      „Hallo, Pedro. Ich bin Leon. Ramona hat Dir sicherlich schon …“

      „Hat sie, ja. Ihr zwei habt heute einem Dieb die Hölle heißgemacht, es kam sogar in den Nachrichten. Aber lasst uns nicht hier auf der Straße bleiben. Ich habe einen Tisch reserviert, einen mit Ausblick.“

      Sie zogen Leon mit zum gläsernen Aufzug. Da dieser keinen beengten Eindruck machte, blieb Leon entspannt und ließ sich seine Platzangst nicht anmerken. Auf der Aussichtsplattform angekommen, fragte er verwundert nach, wieso so viele Personen zu dem gegenüberliegenden Museum strömten.

      „Das siehst Du in weniger als zwanzig Minuten, lass Dich überraschen“, meinte Ramona. Pedro hatte sich für ein Steak-House entschieden und dort einen Tisch, direkt am Fenster reserviert. Ramona und er saßen Leon gegenüber, der immer noch von Pedro gemustert wurde. Leon wollte ihn schon darauf aufmerksam machen, als sich Ramona erhob und entschuldigte. Kaum war sie verschwunden, lehnte sich Pedro vor.

      „Ich möchte nur eines klarstellen, mein Freund …“, begann er, aber Leons breites Grinsen ließ ihn stoppen. Leon holte seine Geldbörse hervor und legte das Bild von Julia auf den Tisch.

      „Darf ich vorstellen: Julia, meine Ehefrau, die ich über alles liebe. Du kannst gerne klarstellen, dass Ramona nur Dir gehört Pedro, aber von mir hast Du nichts zu befürchten. Es hat einen beruflichen Grund, weshalb ich ohne Julia in Barcelona bin. Der Zufall, genauer gesagt der Dieb heute, hat Ramona und mich zusammengeführt und ich bin ein neugieriger Mensch, der gerne mit anderen spricht. Natürlich ist Deine Freundin eine hübsche und sehr sympathische Person, keine Frage. Aber Deine Eifersucht ist unbegründet. Ich liebe diese Frau hier und das wird sich mit Sicherheit nicht ändern.“

      Pedro blickte von dem Bild zu Leon und zurück. Von einer Sekunde auf die andere erhellte sich seine Miene, dann lachte er kurz und freundlich auf.

      „Also, wenn das so ist, dann lass uns heute einen gemütlichen Abend haben, vielleicht auch eine lange Nacht!“

      Er bestellte drei Cocktails, ohne Leon eine Chance zu geben, nachzusehen, was er zum Trinken bekam. Zusammen mit Ramona kamen die Getränke und Leon stellte schon beim ersten Schluck fest, dass es ein sehr starker Cocktail war, der ihm vorgesetzt wurde.

      Leon wurde von Ramona und Pedro abwechselnd ausgefragt über den Grund seines Aufenthaltes, seinen Beruf und sein Privatleben. Erneut wurde Julias Bild hervorgeholt, Ramona fand, dass sie eine sehr attraktive Frau war. Leon erzählte ihnen auch von seinem Vater und weshalb er keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt hatte. Gleichzeitig zum Essen, einem übergroßen Steak mit Beilagen, die auf einem eigenen Teller gebracht wurden, begann auch die Überraschung für Leon. Pedro hatte sich ganz bewusst für diesen Platz entschieden.

      „Was Du dort siehst“, meinte sie und deutete auf die andere Seite zum Fuße des Berges, „nennt sich Font Magica. Die Springbrunnenanlage auf der anderen Seite des Plaça Espanya bietet ein Schauspiel aus Wasser, Licht und passender Musikuntermalung. Lehn Dich zurück, genieß Dein Essen und die Show. Wir werden nachher weiterplaudern.“

      Leon wurde nicht enttäuscht. Der hell erleuchtete Brunnen warf meterhohe, in unterschiedlichen Farben leuchtende, Fontänen in den Nachthimmel. Von Blau, rot bis zu weiß, untermalt mit klassischer und moderner Musik, gab es immer wieder neue Formationen, die nicht nur Leon bezauberten. Von seinem Sitzplatz aus konnte er das gesamte Areal übersehen und somit neben dem großen Becken auch die mehreren kleinen, die ebenfalls mit einem wechselnden Farbenspiel für ein unvergessliches Erlebnis sorgten. Fast eine Stunde lang sah Leon wie gebannt zu, unterbrach nur, um sein Steak zu essen und den Cocktail langsam zu leeren.

      „Ich habe eine gute Wahl getroffen, oder Leon?“, meinte Ramona. Er nickte und bedankte sich mit einer Runde Creme Catalan als Nachspeise sowie einer weiteren Runde der starken, leckeren Cocktails. Währenddessen erfuhr er nun einiges über Ramona und Pedro.

      Leon erinnerte sich an Ramonas Andeutungen bei der Sagrada Familia und fragte nach, wie sich das Paar kennengelernt hatte.

      „Es ist jetzt schon mehr als vier Jahre her, ich war noch ganz frisch bei den Mossos d’Esquadra“, begann Ramona, „Pedro ist bei einer Schlägerei zwischen einigen seiner Freunde und einer Gruppe Betrunkener mit Kollegen von mir zusammengestoßen. Die Mossos haben es übertrieben, es gab damals einige Verletzte, darunter auch mein Hase. Nach seinem Krankenhausaufenthalt hat er die Abteilung verklagt. Das Ganze kam sogar in der Presse, Pedro und die anderen Verletzten bekamen eine ordentliche Entschädigung und zwei Polizisten wurden umgehend suspendiert. Bei einem Besuch von Pedro auf unserer Dienststelle sind wir uns das erste Mal begegnet und er hat ...“

      „Ich habe sie gesehen und wollte sie unbedingt kennenlernen“, führte Pedro die Geschichte fort, „Am folgenden Tag habe ich den ganzen