Benno von Bormann

Das Hospital


Скачать книгу

dass sie eine ganze Menge wusste. Sie kannte sich mit dem Grundleiden des Patienten aus und war über wesentliche Details wie Krankheitsstadien, Prognose und Therapiealternativen recht gut informiert. Auf Bekkers Frage, warum denn die eigentliche Absicht einer Radikaloperation nach Whipple verlassen worden wäre, antwortete sie richtig,

      „Die Überlebenschancen des Patienten sind mit und ohne OP nach Whipple identisch. Die Radikaloperation ist aber extrem belastend und hat eine hohe Komplikationsrate. Darum wählt man den kleinstmöglichen Eingriff, der eine Darmpassage gewährleistet, indem man den Tumorbereich mit einem Kurzschluss zwischen Magen und Dünndarm umgeht.“ Das klang wie auswendig gelernt, beeindruckte Bekker aber trotzdem. Sie hatte sich auf das Thema vorbereitet. Das war bei der heutigen Studentengeneration keine Selbstverständlichkeit. Auf dem Flur vor den Umkleiden trafen sie sich wieder.

      „Na, Frau Kollegin“, sagte Bekker gutgelaunt, „genug Anästhesie fürs erste? Ich schätze, dieser unerfreuliche Fall reicht uns heute. Wenn Sie immer noch wollen, die Besprechung beginnt um vier, pünktlich.“ Er gab ihr ein freundliches Lächeln und wartete keine Antwort ab. Stefanie Kahle sah ihm nach, wie er im Laufen die letzten Knöpfe seines Kittels zumachte und durch eine automatische Glastür in Richtung der anästhesiologischen Büros entschwand. In ihren Augen war eine Art helle Nachdenklichkeit.

      Bekker hatte sich an seinen Schreibtisch gesetzt um sein übliches Mittagessen, heiße Bouillon und trockene Mohnsemmel, zu sich zu nehmen, als das Telefon klingelte. Wenn er aus dem OP in sein Büro kam, waren die ersten fünfzehn Minuten eigentlich heilig, das heißt, er wurde nur gestört, wenn es unumgänglich war. Er nahm seufzend den Hörer ab. Ünal war dran, er rief direkt aus dem OP an.

      „Chef, die Erfahrenen stehen alle fest, und in ein paar Minuten kommt der Rettungshubschrauber mit einem schwerverletzten Kind. Können Sie? Oder wollen Sie mich eben im OP ablösen, und ich kümmere mich darum?“

      „Nee nee, Herr Ünal, ist schon okay. Schicken Sie die Schwester der Notfallbereitschaft in den Schockraum. Ich komm’ direkt dorthin. Der Huey ist ja noch in der Luft.“ Bekker hatte wenige Augenblicke zuvor das typische Dröhnen der Rotorblätter eines Hubschraubers, der über der Klinik kreiste, wahrgenommen. Er war als junger Assistent bei der Bundeswehr jahrelang selbst mit so einem Gerät herum geflogen und wusste, dass er noch genug Zeit hatte seine Brühe zu vertilgen ohne sich die Zunge zu verbrennen. Damals hatten sie sich stolz ‘Huey-Team‘ genannt. ‘Huey‘ kam von dem typischen Singsang wenn die alte Bell begann ihre Rotorblätter in Bewegung zu setzen.

      Als Bekker den Schockraum betrat, war der Hubschrauber noch nicht gelandet, aber das gesamte Team stand bereit. Der Schockraum mochte für den Laien wie ein überfrachteter Operationssaal aussehen. Gekachelt bis an die Decke und ausgerüstet mit allem, was man für eine Notfallversorgung an diagnostischen und therapeutischen Mitteln benötigte. Die Anästhesieschwester war da, ebenso einer der älteren chirurgischen Assistenten sowie zwei Pfleger aus der chirurgischen Ambulanz.

      „Na, dann sehn wir mal, was der Tag so bringt“, meinte Bekker ergeben, seufzte und setzte sich auf einen Schemel. „Weiß man schon etwas Genaueres. Verkehrsunfall, oder?“

      „Ja, kleines Mädchen, elf oder zwölf Jahre alt, auf dem Heimweg angefahren worden. Auto gegen Fahrrad, der Ausgang ist immer derselbe. Scheiße.“ Der Chirurg stand offensichtlich schon unter Strom, noch bevor die Patientin angekommen war. Kurz darauf gingen die automatischen Türen auf, und das Kind wurde auf einer fahrbaren Trage herein gerollt, neben ihr der Notarzt, ein blonder junger Mann in grünen OP-Hosen und grauer Bomberjacke, das Stethoskop malerisch um den Hals gehängt.

      Bekker musste für den Bruchteil einer Sekunde an eine dieser typischen amerikanischen Fernsehserien denken, in denen den Ärzten immer ein Stethoskop unter der frischgeföhnten Betonfrisur baumelte.

      Ein zartes blondes Mädchen mit Zöpfen und dunkelblauem Kleid in Seitenlage und Sauerstoffsonde in der Nase, der Notarzt mit seiner Hand hilflos auf ihrer Schulter, als müsse er sich festhalten. An einer der kleinen Hände lief eine Infusion über eine dünne Venenkanüle, die mit weißem Pflaster befestigt war. Die Infusion lief langsam. Noch bevor er sie angefasst oder untersucht hatte wusste Bekker, dass sich die kleine Patientin im tiefen Kreislaufschock befand. Sie war totenbleich, kaltschweißig und rührte sich nicht. Kein Weinen, kein Schreien, kaum merkbar die Atmung. Klassische Zeichen. Von nun an ging alles schnell und routiniert. Bekker fasste den jungen Kollegen an der Schulter und zog ihn sanft zur Seite, damit er nicht im Weg war. Er nickte dem Chirurgen zu.

      „Wir brauchen dicke Zugänge, suchen Sie mal, ich leg gleich einen Zentralen. Zuerst muss sie intubiert werden.“ Es war diese Bemerkung das einzige Anzeichen dafür, dass er frustriert war über die mangelhafte Primärversorgung des Kindes.

      Die deutschen Lande waren flächendeckend mit mobilen Rettungsmitteln, Notarztwagen und Rettungshubschraubern ausgestattet. Jeder Bürgermeister und jeder Landrat wollte ‘seinen‘ Notarztwagen. Keiner dachte jedoch darüber nach, dass dazu auch ausgebildete Spezialisten gehörten. Es wurde erwartet, dass die Krankenhäuser mal eben so, aus dem Fleisch der Abteilungen, für das nötige Fachpersonal sorgten. Das ließ sich in der gebotenen Qualität jedoch keineswegs immer und überall darstellen. So flogen dann eben schon einmal ein Hautarzt los zur Menschenrettung oder ein Radiologe. Die hatten, wenn’s vor Ort schwierig wurde, keine Ahnung. Woher auch? Die Patienten konnten in solch einem Fall froh sein, wenn wenigstens ein erfahrener Sanitäter dabei war, der dem Doktor die Hand führte.

      Über die liegende Kanüle wurden kleine Mengen Schmerz- und Beruhigungsmittel und ein Medikament zur Muskelerschlaffung appliziert, während Bekker dem Kind über eine dicht sitzende Maske Sauerstoff gab und dabei die schwache Atmung mit einem im Kurzschluss angebrachten Beatmungsbeutel vorsichtig unterstützte. Das erforderte äußerstes Fingerspitzengefühl. In keinem Fall durfte ein Erbrechen provoziert werden.

      „Spatel. Tubus. Kehlkopf zur Seite, nein mehr nach oben. Okay.“ Bekker hatte die Stimmritze eingestellt und plazierte den Tubus blitzschnell, ohne dass das Kind sich rührte. Inzwischen lag ein weiterer intravenöser Zugang, durch den zügig Infusionslösungen gegeben werden konnten. Der Puls und der Blutdruck waren weiterhin schwach – irgendwo blutete es in die Weichteile – aber das Kind war nun deutlich rosiger und die Haut trocken. Bekker punktierte mit einer langen Nadel eine tiefe Halsvene, über die er einen dünnen weichen Draht einführte und darüber schließlich einen dicklumigen Venenkatheter, dessen Spitze bis zum Herzeingang reichte. In kleiner Dosis wurden Medikamente zur Anhebung des Blutdrucks gegeben. Nicht zu viel, um mögliche diffuse Blutungen nicht zu unterhalten. Bei Katheterisierung der Blase floss reichlich heller Urin. So schlecht war der Kreislauf demnach nicht. Der Urin war klar ohne die kleinste Beimischung von Blut. Eine Verletzung der Nieren oder der Blase war demnach äußerst unwahrscheinlich. Immerhin etwas, dachte Bekker. Damit war die Primärversorgung abgeschlossen. Was als nächstes kam, war gezielte Diagnostik mit klaren Prioritäten. Die Abklärung lebensbedrohlicher Verletzungen hatte Vorrang.

      Das Kind musste einen heftigen Zusammenprall hinter sich haben. Es fanden sich Frakturen beider Oberschenkel sowie Rippenbrüche auf der linken Seite. Das bedeutete in jedem Fall eine Quetschung der Lunge, auch wenn sich das in den bildgebenden Verfahren jetzt noch nicht darstellen ließ. Man würde die kleine Patientin zuerst einmal beatmen müssen. Der Blutverlust war erheblich und erklärte den schlechten Zustand, in dem das Mädchen angekommen war. Die Fraktur eines Oberschenkelknochens ging stets einher mit einer massiven Blutung in die umgebenden Weichteile. Das Kind hatte sicher die Hälfte seines gesamten Blutvolumens verloren.

      Bekker verständigte den OP und die unfallchirurgische Klinik. Sobald die Kleine stabil und die primäre Diagnostik abgeschlossen war, würde man operieren und Schrauben und Platten einsetzen. Eine laparoskopische Inspektion der Bauchhöhle konnte man gleich mitmachen, um eine intraabdominelle Blutung auszuschließen. Das war keine Affäre. Nun galt es, die Angehörigen zu verständigen und gegebenenfalls zu beruhigen. Die kleine Patientin war im Moment nicht gefährdet und ihr Zustand alles in allem stabil. Frau Seelmann hatte sich inzwischen gemeldet; sie würde die weitere Versorgung übernehmen.

      „Die Eltern, ich stell’ durch.“ Gabriele Marx gab Bekker einen vielsagenden Augenaufschlag, als er an ihr vorbeirauschte.