Kathrin-Silvia Kunze

Der Kampf der Balinen


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„Sehr gut!“, freute sich Faloee, als sie sich ihre Pflanzen besah. „Ihr scheint eure Winterruhe ja alle gut überstanden zu haben. Doch nun braucht ihr dringend mehr Licht. Nur so können die euch innewohnenden Energieströme vollständig erwachen.“ Mit diesen Worten griff Faloee zwei der Pflanzen bei ihren Tontöpfen und stellte sie an eine der Fensteröffnungen, die nach Osten zeigte. Dabei blickte sie auf und sah in der Ferne die Stadt Melan. Faloee lächelte über den willkommen vertrauten Anblick. Im Nordosten, nicht weit entfernt. Nur gerade eben weit genug für Faloee, um in Abgeschiedenheit leben und wirken zu könne, erhob sich die rote, schöne Stadt vor dem großen Gebirge. Bald, dachte Faloee voll Vorfreude, wird es Zeit, meiner Stadt wieder mal einen Besuch abzustatten. Denn für Faloee galt es dort Salben, Tinkturen und gute Ratschläge denen zu geben, die sie brauchten, sich aber nicht getrauten, sie hier in der Einsamkeit aufzusuchen. Aber darüber hinaus fertigte Faloee auch den schönsten Schmuck und Zierrat der gesamten Region CumMelan. Diesen tauschte sie dann gegen jene Waren, die sie selbst benötigte. Und so waren es auch die Frauen und Mädchen, die sich auf Faloees Erscheinen in Melan ein jedes Mal besonders freuten. Dann wurde sie zumeist von einer großen Traube aus verzückt ausrufenden Melanerinnen umringt, die einfach jedes Schmuckteil wenigstens einmal anfassen und an sich probieren wollten. Bei der Erinnerung daran seufzte Faloee entnervt. Doch sie wusste auch zugleich, wie gut und notwendig es war, dass die Melanen durch Faloees schönen Schmuck etwas von ihrer Scheu gegen sie abgelegt hatten. Denn viele von ihnen begegneten Faloee mit weit mehr als nur Respekt. Es war fast schon eher Angst. Denn es hatte sich herumgesprochen, dass Faloee eine Art besonders mächtige und geheimnisvolle Heilerin war. Bei diesem Gedanken musste Faloee wieder lächeln und sah dabei mit einem Mal aus wie ein junges, freches Mädchen, das etwas ausheckte. Denn Faloee war weit mehr als das. Weit mehr als nur eine Heilerin. Eigentlich konnte sie selbst nicht durch nur ein Wort oder einen Begriff beschreiben, was sie eigentlich war. Manche Balinen, die von weit her kamen und eigens den langen Weg auf sich nahmen, nur um sie aufzusuchen, nannten sie weise Frau. Und das war, dachte Faloee, die Anrede, die ihr mithin am besten gefiel. Zumindest weit besser als die Hellsehende oder gar die Magiewirkende. Auch wenn sie sich selbst niemals weise nennen würde. Faloee kicherte. Aber wie dem auch sei, die Dinge jedenfalls, sprachen zu ihr. Ob belebtes, warmes Fleisch oder Holz, ob starrer, kalter Stein, Faloee fühlte deren innewohnende Energie. Sie sah die unsichtbare, zarte aber unvorstellbar starke Kraft, die alles miteinander verband. Balinen, Tiere, Pflanzen, den Himmel, Sonne und Mond, die Sterne, den Erdboden und das Gestein. Sie alle waren miteinander verbunden. Und Faloee erkannte das geheimnisvolle Muster, das der Allliebende daraus zwischen ihnen wob. Jenes Muster, das einem großen, wunderschönen und beängstigend geheimnisvollen Teppich glich und von vielen auch das Schicksal genannt wurde. Und darum kam ein jeder, welcher sich getraute und Hilfe brauchte, die der unsichtbaren Kräfte bedurfte, auch zu Faloee. „Und deshalb“, sagte Faloee laut und riss sich damit selbst von ihren Gedanken los, „muss ich jetzt die nötigen Vorkehrungen treffen!“ Sie überließ die Heilpflanzen ihrem Sonnenbad und wandte sich dem Rest der Vorräte zu. So roch sie an den getrockneten Kräuterbüscheln, um an deren Geruch zu erkennen, ob sie in ihrer Wirkung noch stark genug waren. Dazu atmete Faloee ihren Duft tief ein und schloss dann die Augen. Konnte sie daraufhin an der Stelle wo ihre Nase endete und ihre Stirn begann, kein energetisches Kribbeln mehr spüren, war die Wirkung der Kräuter verflogen. Wenn dem so war, warf Faloee sie in einen großen Weidenkorb, der dafür schon in der Mitte der Behausung bereit stand. Er besaß dicke Trageriemen. Denn alles was sich darin ansammeln würde, brachte Faloee in den Wald. Dort würde sie alles an geeigneten Stellen vergraben und dabei Dankesworte sprechen. So wurde der Natur zurückgegeben, was aus ihr genommen ward. Auch prüfte Faloee die Schwingungskraft der Kräutersalben und Pflanzentinkturen. Sie hielt ihre Hand darüber und wann immer die Handfläche dann zu kribbeln begann oder wenigstens warm wurde, hatte das Mittel seine Heilkraft noch nicht verloren. Ebenso erfühlte Faloee die Kraft der Steine. Die besonders großen Steine nahm sie dabei einfach in die Hand. Bei den angefüllten Körben allerdings, beließ sie es bei einem kurzen Prüfen der verbliebenen Gesamtstärke. Dazu hielt sie zunächst beide Handflächen darüber und fuhr anschließend mit ihnen, etwas entfernt vom Korb, entlang bis zum Boden. Das reichte ihr, um zu erkennen, ob die meisten der gleichartigen, kleinen Steine in den Körben noch genug Energie in sich trugen. „Wenn ich einen davon brauche“, sagte sie nachdenklich zu sich selbst, „werde ich sowieso sofort merken, ob er noch wirksam ist, oder nicht.“ Steinen konnte man darüber hinaus sehr einfach ihre innere Energie zurückgeben. Man musste sie dazu nur in strömendes Wasser legen. Die Reibung der reinen, selbst Energie mit sich führenden Flüssigkeit, verlieh den Steinen neue Kraft. Allerdings nutzte Faloee dieses Wissen nur recht selten. Lieber war es ihr, nach neuen Steinen zu suchen, die durch ihre ganz eigene Entwicklungsgeschichte zu voller Kraft gekommen waren. Nur bei einem der Steinkörbe machte Faloee hier eine Ausnahme. Er war randvoll mit kleinen, runden, durchsichtigen Steinen, die man Wassertropfen nannte. Bei ihnen wurden Faloees Hände nicht mehr von Kraft berührt und blieben völlig kalt. Deshalb stellte sie den Korb neben die Tür, um ihn bei Gelegenheit zurück zum Wasserfall zu bringen. Denn von dort, tief im Waldesinneren gelegen, kamen die Wassertropfen. Und sie allein, konnten nur im Wasser, ihre Kraft zurück erlangen. Deshalb sagte man bei den Balinen auch: „So treu wie die Wassertropfen zu ihrem feuchten Nass!“ Wassertropfen waren oft genutzte Heilsteine, die vor allem ausreinigend wirkten und mit ihrer Klarheit Vergiftungen, dunkle Gedanken und Liebeskummer auswaschen konnten. Weiter prüfte Faloee noch Töpfe voll verschiedenfarbigem Sand, Kannen mit gesammeltem Tau aus hellen Mondnächten, Körbe mit knorriger alter Rinde und vieles, vieles mehr. Kurzum, sie fegte durch ihre Wohnstatt wie ein Frühjahrssturm! Das Gepolter und Getöse drang durch die offene Tür und die Fensteröffnungen nach draußen. Aus dem Augenwinkel sah Faloee plötzlich vorbeihuschende Gestalten. Habe ich etwa die am Waldesrand lebenden Tiere verschreckt, wunderte sich Faloee. Sie richtete sich auf und blickte hinaus. Und was sie dort sah, lies sie die Stirn runzeln. Die Tiere verließen den dichten Wald um im hohen Gras der Wiesenflächen Schutz zu suchen. Das ergibt eigentlich wenig Sinn, dachte Faloee. Es sei denn, etwas ist im Wald und treibt sie daraus hervor. Die Vögel! Durchfuhr es Faloee plötzlich. Sie hatten alle aufgehört zu singen! Sofort ließ Faloee von ihrem Tun ab und ging hinaus, zur Rückseite des Hauses, um von dort aus in den Wald hinein zu spähen. Zunächst sah sie dort nur die gewohnt dichten, dunklen Baumreihen der noch kahlen Laubbaumgerippe. Aber sie kannte die ausgezeichneten Sinne der Tiere zu gut, um ihr Verhalten leichtfertig abzutun. Auch wusste Faloee, dass die Tiere lange vor einem Geschehnis, von den feinen Schwingungsverschiebungen im Gefüge der Natur gewarnt wurden. Und tatsächlich. Endlich konnte auch Faloee es fühlen. Ihre feinen Nackenhaare stellten sich auf und unwillkürlich entrang sich ihrer Kehle ein warnendes Fauchen. Schnell wie der Wind, verließ sie ihren Aussichtsplatz und war mit wenigen anmutigen Sätzen zurück in ihrer Behausung. Von dort aus blickte sie wieder gebannt hinaus. Eine kalte Kraft drang aus dem Wald und schob die Luft vor sich her. Faloee konnte spüren, wie sie von dieser Energiewelle fast zu Boden gedrückt wurde. Sie konnte kaum noch atmen. Und da war es auch schon. Es hatte die formlose Gestalt eines Nebels. Undurchdringlich undurchsichtiger weißer Nebel kroch aus dem Wald hervor. Zäh floss er über den Boden. Er strömte an den kahlen Baumgerippen vorbei und hinab über ihre Wurzeln und abgestorbenen Blätter. Gegen die Atemnot ankämpfend, schloss Faloee so schnell sie nur eben konnte die Tür. Denn sie erkannte den Hauch von Schicksal, wenn sie ihn sah. Die schweren Vorhänge zog sie nicht zu, denn der Nebel waberte nicht so hoch, als dass er die Fensteröffnungen erreichen konnte. Stattdessen verhielt sie sich nun so still wie möglich und starrte gebannt. Denn sie war auch viel zu klug, um sich dieser Kraft in den Weg zu stellen. Faloee wusste, dem Schicksal konnte niemand entfliehen! Alles kam genau so, wie es einem bestimmt war! Der Nebel umströmte als wabernde Masse nun auch Faloees Haus und übergoss danach die große Wiesenlandschaft. Es sieht ganz so aus, erkannte Faloee, als bewege er sich wie mit einem eigenen Bewusstsein zielstrebig auf Melan zu. Und meine Wohnstatt hat er auch eingehüllt, überlegte Faloee. Damit trifft das Schicksal, was immer es sein mag, also auch mich. Der unnatürliche Nebel begann sich vor Melan zu verdichten. Er verhüllte die Stadt vor Faloees Augen. Zuerst ward sie nur mehr schemenhaft zu sehen, körperlos. Bis sie dann schließlich völlig hinter einer Nebelwand verschwunden war. Das ist eine Warnung an mich, lief es Faloee eiskalt den Rücken hinab. Der Wald, die Natur spricht zu mir! Es braut sich etwas zusammen, wollte Faloee flüstern, doch es kam kein Ton über ihre Lippen. Eine Prüfung steht Melan bevor! Kaum hatte sie