Jack Urwin

Boys don't cry


Скачать книгу

ich am ehesten glaube – ist die, dass er wusste, dass er sterben würde, und fest entschlossen war, eine letzte Pointe zu landen, zum allerletzten Mal noch einen draufzusetzen. Und das nötigt mir verdammt großen Respekt ab. Die Vorstellung, dass der letzte Gedanke meines Vaters – während seine Sicht verschwamm und sich seine Lippen blau färbten, bevor er sich der kalten Hand des Todes anheimgab – »Ha, ha, ha! Hab ich dich drangekriegt, du kleiner Scheißer!« war, hat etwas seltsam Tröstliches. Ich glaube, das würde ihm gefallen.

      Drei Wochen später feierte ich meinen zehnten Geburtstag (ich bekam ein neues Fahrrad, ich aß Kuchen, ich machte die ganzen Sachen, die man normalerweise so macht, wenn man endlich im zweistelligen Bereich angekommen ist). Ein paar Monate danach brachte ich von einer Preisverleihung in der Klasse den Titel »witzigster Schüler« mit nach Hause, bis dato undenkbar, hatte ich doch eine tugendhafte, arbeitsame Haltung zur Schule, immer hart an der Grenze zum Lehrerliebling. Doch meine Trauer in etwas umzulenken, was andere zum Lachen brachte, war viel besser, als mehrmals am Tag weinend zusammenzubrechen – was ich eigentlich viel lieber gemacht hätte und was mir sicher gutgetan hätte. Aber es ist schwer, gut mit so einem Trauma umzugehen, besonders wenn es die erste richtige Erfahrung damit ist, wie beschissen die Welt sein kann. Wenn man so etwas Schmerzliches erlebt hat, klammert man sich an alles Positive, und das manifestierte sich für mich vermutlich damals im Lachen meiner Schulkameraden, denn dieses Lachen bestätigte mich und gab mir in gewisser Weise einen Sinn. Außerdem wollen wir uns doch nichts vormachen, niemand will das Kind sein, das ständig um seinen toten Vater weint – die absolute verdammte Spaßbremse.

      Als der Leichenbeschauer lange genug in der Hülle herumgewühlt hatte, die einundfünfzig Jahre lang meinen Vater beherbergt hatte, gab er einen tödlichen Herzinfarkt zu Protokoll, und ab ging’s mit Dad zu seinem feurigen Ende im Krematorium in Loughborough. Doch die Obduktion hatte auch erhebliches Narbengewebe zutage gefördert, das auf einen früheren Infarkt in den Monaten oder Jahren zuvor schließen ließ, und das war uns allen neu. Kurz darauf fand meine Mutter in einer Jackentasche meines Vaters ein frei verkäufliches Herzmedikament, und damit war klar, dass er gewusst hatte, dass irgendetwas im Schwange war, doch Brustschmerzen, die schon einmal beinahe zum Tod geführt hatten, waren in seinen Augen anscheinend nicht so wichtig, dass man sich damit an einen Arzt wandte. Typisch Dad!

      Nach seinem Tod zog ich in fast allen Situationen den Witz der Aufrichtigkeit vor, denn die Vorstellung, am Wundschorf herumzupulen und den zerbrechlichen Menschen darunter bloßzulegen, war so ungefähr das Furchterregendste, was ich mir vorstellen konnte. Ein Charakterzug, der auch meinem Vater eigen war und den ich jetzt als einen seiner größten Fehler erkenne, der zu seinem zu frühen Tod geführt hat. Aber viele Männer sind so, es ist total typisch, und das hat mich letztendlich dazu inspiriert, das zu schreiben, was ihr heute lest.

      Der sture Typ, der sich verlaufen hat, sich aber weigert, jemanden nach dem Weg zu fragen, ist eine weit verbreitete Karikatur – eine, auf deren Grundlage Leute wie Martin Clunes über dreißig Jahre lang Karriere im Fernsehen machen –, aber dieser Typ wurzelt auch in einer sehr realen, sehr destruktiven Vorstellung von Männlichkeit. Das Oxford Dictionary definiert Männlichkeit als »Besitz der Qualitäten, die traditionellerweise mit Männern in Verbindung gebracht werden«. Von jungen Jahren an werden wir darauf abgerichtet zu glauben, Schwäche einzugestehen wäre irgendwie schon selbst eine Schwäche, und es gibt eine ganze Reihe düsterer Statistiken, die belegen, was für ein Riesenproblem das ist.

      Selbst wenn man den Bereich der Reproduktionsmedizin mit einrechnet, gehen Männer im Schnitt nur halb so oft wie Frauen zu ihrem Hausarzt oder ihrer Hausärztin,1 und man braucht kein Genie zu sein, um einzusehen, dass das ziemlich blödsinnig ist: Es scheint doch ziemlich unwahrscheinlich, dass Frauen doppelt so oft krank werden wie Männer. Im Vereinigten Königreich ist die Zahl frühzeitiger Todesfälle (jünger als fünfzig Jahre) bei Männern anderthalb Mal höher als bei Frauen,2 hauptsächlich aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Unfällen, Selbstmorden und Krebs – wobei die letztgenannte Todesursache womöglich der stärkste Beweis für das Zögern der Männer ist, Hilfe zu suchen. Hautkrebs zum Beispiel betrifft Männer und Frauen gleichermaßen, doch es sterben doppelt so viele Männer daran,3 denn wir befassen uns erst damit, wenn es zu spät ist.

      Der Unterschied bei den Selbstmordraten ist der nächste Augenöffner. Obwohl Depressionen bei Frauen weitaus häufiger sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass britische Männer sich das Leben nehmen, dreimal so hoch wie bei Frauen.4

      Ein Bericht der Samariter aus dem Jahr 20125 kommt zu dem Schluss, dass das soziale Konstrukt von Männlichkeit eine der Hauptursachen für dieses Ungleichgewicht ist. Der Bericht stellt fest, dass »Männern von Kindesbeinen an beigebracht wird, ›männlich‹ zu sein bedeute, keinen Wert auf soziale und emotionale Kompetenzen zu legen«, und im Gegensatz zu Frauen bestehe »die ›gesunde‹ Art, wie Männer klarkommen, darin, mit Hilfe von Musik oder Sport mit Stress oder Sorgen fertigzuwerden und nicht mit Reden«.

      Auch Alkoholismus ist bei Männern viel weiter verbreitet als bei Frauen, was wohl hauptsächlich damit zu tun hat, dass Männer psychische Probleme gern mit Alkohol ›behandeln‹. Mein Großvater väterlicherseits hatte im Zweiten Weltkrieg gekämpft und den Krieg zwar de facto überlebt, doch der unsagbare Horror, den er mitangesehen hatte, hatte seine geistige und psychische Gesundheit so untergraben, dass er kaum noch zu etwas anderem imstande war als zu trinken. Sechs Jahre nach der Landung der Alliierten in der Normandie geboren, wuchs mein Vater wie viele Kinder jener geburtenstarken Jahrgänge mit einem Vater auf, der ihn wegen seiner tiefen emotionalen Verdrängung nicht lieben und der erst recht nicht über seine Gefühle sprechen konnte. Es ist ein vererbtes Leiden: Männer werden von Männern aufgezogen, die emotional nicht kommunizieren können; die Symptome, die wir heute als PTBS – Posttraumatische Belastungsstörung – kennen, sind zum Synonym für Männlichkeit geworden. Wenn man mal darüber nachdenkt, ist das alles total beschissen.

      Das ist natürlich noch lange nicht alles. Frauen, die durch das Misstrauen ihrer Männer gegenüber Ärzten zu alleinerziehenden Witwen werden, müssen diesen Kollateralschaden quasi ausbaden, während wir Männer mit unserer Unfähigkeit zur Kommunikation ja schon von Anfang an jeden Versuch sabotieren, einem anderen Menschen wirklich nah zu kommen. Nicht zufrieden damit, bloß den Tod meines Vaters für das Schreiben noch einmal zu durchleben, kam ich auf die eigentlich doch ganz gute Idee, meine Exfreundin Megan zu bitten, mir zu verraten, welche speziellen Probleme sie in der beschissenen Zeit, als ich ihr Freund war, mit mir hatte.

      »Ich glaube, das größte Ding war, dass deine Unfähigkeit zu kommunizieren es dir schwergemacht hat, deine eigenen Gefühle überhaupt wahrzunehmen und zu verarbeiten«, sagte sie. »Noch mehr als deine Unfähigkeit, sie mir gegenüber zum Ausdruck zu bringen, warst du es so gewohnt, alles wegzudrücken, dass du den Kontakt mit der Realität deiner Gefühle verloren hattest. Selbst wenn ich mit dem Finger auf eine problematische Situation zeigen konnte, hast du sie schlicht geleugnet. Ich musste schwierige Themen also nicht nur durchackern, sondern stand schon vorher vor der unüberwindlichen Aufgabe, dich dazu zu bringen zuzugeben, dass da überhaupt etwas durchzuackern war.«

      Wie jede

r in einer glücklichen Partnerschaft einem sagen kann, ist Kommunikation der Schlüssel zu einer guten Beziehung (und natürlich, nicht mit Kolleg
innen ins Bett zu gehen, das hilft auch). Und das Schlimmste ist, dass wir das wissen. Sämtliche Bücher und Fernsehsendungen, die sich mit solchen Themen befassen, hämmern es uns ins Hirn. Aber wir ignorieren es munter und brettern in der irrigen Annahme, diese Regeln würden nur für andere gelten, einfach weiter.

      Und was zum Teufel können wir dagegen tun? Es ist leicht, die Sache als aussichtslos abzutun, als zu fest in unserer Kultur verankert, um je wirklich etwas daran ändern zu können. Die Persönlichkeit der halben Weltbevölkerung lässt sich nicht über Nacht verändern (und das ist gut so, denn Selbstironie, Zynismus und leichte Formen passiv-aggressiven Verhaltens sind ja nicht nur schlecht). Aber versuchen könnte man es, und zwar mit etwas ganz Einfachem, mit Reden. Wir tun das jeden Tag, warum also nicht über das, was wirklich wichtig ist? Wir