Jack Urwin

Boys don't cry


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Ende etwas dabei herauskommen, was uns richtig gut tut.

      In den letzten paar Jahren habe ich gelernt zu reden, aber es fällt mir immer noch schwer, deswegen habe ich angefangen, diese Gedanken aufzuschreiben und mich damit an mir vollkommen fremde Menschen zu wenden; das sorgt für eine gewisse Distanz und erlaubt mir, mich zu öffnen, was mir im unmittelbaren Gespräch mit Menschen, an denen mir etwas liegt, oft noch schwerfällt. Natürlich kann das nicht jeder so machen, und ich fühle mich sehr privilegiert, eine Plattform zu haben, von der ich ab und zu ein wenig dämlichen Dampf ablassen kann. Ein großer Teil von dem, was ihr gerade lest, stand schon in einem Artikel, den ich unter dem Titel »A Stiff Upper Lip Is Killing British Men«6 im Oktober 2014 für das Online-Magazin VICE schrieb. Ironischerweise endete der Text damit, dass ich Männer aufrief, sich ein wenig Zeit zu nehmen und sich auf zeitgemäße Weise mit dem Thema zu befassen, denn ich wollte ja schließlich kein ganzes Buch darüber schreiben, verdammt. Vor allem, weil ich überzeugt war, dass niemand ein ganzes verdammtes Buch darüber lesen wollte, denn das liefe am Ende doch darauf hinaus, die Existenz von etwas anzuerkennen, das wir eigentlich lieber weiterhin geflissentlich ignorieren. Vor der Veröffentlichung des Beitrags hatte ich mir überlegt, wie die Reaktionen darauf wohl ausfallen würden, und mir vorgestellt, die wenigen Kommentare würden entweder rundweg leugnen, dass das überhaupt ein Thema war, oder es wären die vorhersehbaren Unfreundlichkeiten unter der Gürtellinie, oder sie stammten von ein paar ruppigen Typen, die mir erklärten, ich sollte mich zusammenreißen und mich, na ja, verhalten wie ein richtiger Mann.

      Ich wäre zufrieden gewesen mit ein paar Facebook-Likes, der obligatorischen Hand voll Sympathie-Tweets aus dem Freundeskreis und einer E-Mail von meiner Mutter, in der sie mir erklärte, wie stolz sie auf mich war, aber könnte ich bei meinem nächsten Artikel nicht doch vielleicht die folgenden Änderungen an Stil und Inhalt in Erwägung ziehen, und musste ich immer so viel fluchen? – was Mütter halt so schreiben. Aber, nein, ihr kleinen Scheißer, ihr wolltet es anders, was? Ihr musstet kommen und mir eine positivere und freundlichere Seite des Internets zeigen, ihr musstet meine Vorurteile plattwalzen und meine Seele mit einem Sperrfeuer positiver und ermutigender Worte schroten. Ihr habt Kontakt zu mir aufgenommen und euch bei mir dafür bedankt, dass ich es geschrieben habe.

      Der Beitrag wurde am Freitagmorgen eingestellt, und ich wollte meinen Tag in Angriff nehmen wie immer, doch dann kamt ihr daher und ich verbrachte den Rest des Tages in einem ziemlich losgelösten Zustand, während ich ehrfürchtig zusah, wie das Ding um die Welt ging. Den größten Teil des Nachmittags saß ich vor meinem Laptop, stieß ab und zu ein seltsames, verwirrtes Wimmern aus, durchsetzt von manischem Gelächter und der unzählige Male wiederholten Frage: »Was zum Teufel geht denn da ab?« Journalist

innen und Autor
innen, die ich sehr bewundere, lobten den Artikel. Irvine Welsh nannte ihn »phantastisch«: Diesem verdrehten, durchgeknallten, unglaublichen Typen, der sich Francis Begbie ausgedacht hat, gefiel mein Geflenne über tote Väter – eine Reaktion, mit der ich wahrlich nicht gerechnet hatte.

      In den ersten paar Stunden seiner Existenz wurde »A Stiff Upper Lip« zehntausende Male rund um den ganzen Globus geteilt und von Menschen mit Lob bedacht, deren Lob Schriftsteller

innen sehr viel bedeutet. Ganz ehrlich? Das hat mir großen Spaß gemacht. Nachdem der erste Schock sich gelegt hatte, fragte ich mich allmählich, warum das passiert war. Was an meinem Artikel hatte dazu geführt, dass sich Köpfe umwandten und Gespräche entzündeten? Kurz erwog ich, dass es vielleicht schlicht und einfach daran lag, dass ich so ein exzellenter Schreiber war, doch dann las ich meine unbeholfenen Worte noch einmal und erinnerte mich daran, dass ich nicht die geringste Ahnung von Grammatik habe. (Ich mache keine Witze, wenn ich sage, dass ich in neunzig Prozent der Fälle total improvisiere – dem Himmel sei Dank für Redakteur
innen.) Nachdem ich diese Theorie begraben hatte, schien es wahrscheinlich, dass die Antwort in einer Wahrheit lag, die die meisten Menschen vor langer Zeit akzeptiert haben, über die aber selten gesprochen wird.

      Ich hatte zwar im Wesentlichen über eine persönliche Erfahrung geschrieben, doch deren Universalität lag klar auf der Hand. Jede

r Einzelne, der den Beitrag las, konnte sich damit identifizieren. In meinem Vater sahen sie sich selbst, ihre eigenen Väter, ihre Brüder, ihre Lebensgefährten. Es war erstaunlich, dass sich so viele Menschen mit einem radlerhosentragenden Pharmavertreter mittleren Alters identifizieren konnten, aber es zeigte auch, dass wir als Gesellschaft diesen Dialog dringend führen müssen. Und das bringt uns zu diesem Buch.

      In den ursprünglich 1.500 Wörtern hatte ich einige Themen ziemlich oberflächlich angeschnitten. Doch darüber hinaus gibt es noch sehr viel mehr zu sagen. Hinzu kommen zahllose Probleme, die hier zum ersten Mal behandelt werden. Dieses Buch soll kein Urteil über ein einzelnes Individuum sein, denn genau diese Haltung hat schon zu sehr viel Leid und Krankheit geführt. Dieses Buch soll ein Buch für jeden Mann sein, besonders für den ›Jedermann‹. Die meisten von uns, und das schließt mich ein, wissen nicht das Geringste über Gender-Studien oder -soziologie, doch das hier soll keine trockene, akademische Abhandlung werden – denn dann kommt ihr nicht durch. Verdammt, ich würd’s auch nicht bis zum Ende schaffen! Aber wo es nötig ist, werde ich Expert

innen hinzuziehen, denn ich weiß nicht alles, und ich will das, was ich sage, mit intelligenten Fakten untermauern. Ich gehe die Fragen direkt an, und zwar in unser aller Interesse.

      Für die, die noch unentschlossen in dieser Einleitung blättern und überlegen, ob es die Zeit wert ist, will ich diese Bedenken hier gleich aus dem Weg räumen. Also, für wen ist dieses Buch? Dieses Buch ist für alle, die in irgendeiner Weise von Männlichkeit betroffen sind (also: für alle). Unsere gesellschaftliche Auffassung von Männlichkeit schadet nicht nur emotional verkümmerten Männern, sondern jedem einzelnen Menschen auf dieser Welt, ungeachtet von Gender, Sexualität und anderen Faktoren. Verdammt, sagt ihr, du kannst uns nicht einfach erzählen, in deinem Buch ginge es um etwas, was offensichtlich in irgendeiner Hinsicht JEDEN betrifft, und uns dann alle beschwören, es zu lesen. O doch, Mann. O doch.

      Aber ich schweife ab. Die Reaktionen auf meinen Internet-Beitrag schienen sehr treffend. So eine Diskussion über Männlichkeit und wie sich ein echter Mann verhält hat es zuvor noch nicht gegeben, verhindert, vermutlich, durch Männlichkeit und Sich-Verhalten wie ein echter Mann, was meiner Meinung nach der Hauptgrund dafür war, dass sich so viele Menschen davon angesprochen fühlten. Als ich an dem Abend in der Buffalo Bar in Islington auflief, wo ich am Wochenende arbeitete, musste ich die Benachrichtigungstöne an meinem Handy auf stumm schalten. In einer Pause saß ich im Büro und schaute rasch bei Twitter vorbei, und da entdeckte ich Irvine Welshs Kommentar. Aufgeregt erzählte ich es Michael, dem Wirt, und er verlangte, ich solle den Artikel auf den Computer überspielen, damit er ihn lesen konnte, und nachdem er ihn gelesen hatte, brachte er mir seine Anerkennung darüber zum Ausdruck. Wenn ihr das Glück hattet, Michael Buffalo kennenzulernen, bevor die Baulöwen uns aus dem Gebäude schmissen, versteht ihr vielleicht, warum das für mich ein sehr aufregender Augenblick war: Mit seinem breiten Geordie-Dialekt, seinen unflätigen Sprüchen und seiner Neigung, Gästen gelegentlich ins Gesicht zu sagen, sie seien Wichser (zu seiner Verteidigung sei gesagt, dass er das nur tat, wenn sie wirklich Wichser waren), könnte man diesen Mann mühelos als im ›traditionellen‹ (man achte auf die Anführungsstriche!) Sinne männlich beschreiben – und deswegen bedeutete mir sein Lob besonders viel.

      Ein paar Tage später bekam ich eine SMS von meinem ehemaligen Mitbewohner Cameron. Ich liebe Cam sehr, aber er arbeitet im Finanzsektor und widmet sich in seiner Freizeit hauptsächlich dem Sport, und damit bewegt er sich in einer Kultur, die ich als ziemlich machomäßig bezeichnen würde. Er und ich, wir sind wirklich sehr verschieden. In seiner SMS schrieb er, er habe den Artikel gelesen und ihn toll gefunden, weil er ihn dazu gebracht habe, über seine eigene Unfähigkeit zu reden nachzudenken. Seine Worte waren ein wichtiger