als männlich noch als weiblich. Die binärgeschlechtliche Norm ablehnende oder genderqueere Menschen identifizieren sich mit einzelnen Aspekten traditioneller Vorstellungen von Männern und Frauen oder auch nicht und ziehen es oft vor, mit gender-neutralen Pronomen bezeichnet zu werden.
Könnt ihr mir noch folgen?
Na? Ich hoffe es, denn in diesem Buch geht es offensichtlich ziemlich viel um Männer. Vor allem aber geht es um Männlichkeit, und zwar um Männlichkeit in ihrer toxischsten Form. Für mich ist jeder ein Mann, der sich selbst als Mann betrachtet, und da Männlichkeit ein soziales Konstrukt ist und in erster Linie in der Identität verwurzelt ist und nicht in der Biologie, legen alle Männer männliches Verhalten an den Tag. Dies vorausgeschickt, werde ich für dieses Buch einzelne Typen von Männern sehr viel genauer unter die Lupe nehmen als andere. Themen, die schwule und Trans-Männer betreffen, werde ich zwar streifen, doch als heterosexueller Cis-Mann kann ich nicht guten Gewissens für diese Gruppen sprechen, denn ich habe die Erfahrungen, die sie machen, nie gemacht. Darüber hinaus sind viele der Verhaltensweisen, die ich genauer unter die Lupe nehme, ziemlich spezifisch für Cis-Typen (oder innerhalb dieser Gruppe doch zumindest recht weit verbreitet) – zum Beispiel werde ich mir ansehen, wie spezielle Arten von großkotziger Hypermaskulinität aus der Angst heraus entstehen, andere könnten uns für homosexuell halten, womit offen schwul lebende Männer natürlich eher keine Probleme haben.
An bestimmten Punkten werde ich mich auf das konzentrieren, was in euren Augen vermutlich cis- oder heteronormativ ist, an anderer Stelle wird der Fokus weiter gefasst sein. Damit der Text nicht zu holprig wird, werde ich nicht immer ausdrücklich sagen, dass ich mich hauptsächlich auf Cis-Männer beziehe, das sollte in der Regel aus dem Kontext hervorgehen. Ein Großteil des Buches wird Gender in einem traditionellen binärgeschlechtlichen Licht beleuchten und Vergleiche zwischen Männern und Frauen anstellen. Das geschieht nicht in der Absicht, nicht-binärgeschlechtliche Genders zu übergehen oder zu ignorieren, aber ich halte es doch für notwendig, um spezielle Themen klarer herauszuarbeiten, denn Männlichkeit an sich ist ein Ergebnis des binärgeschlechtlichen Konzepts von Gender (so sehr, dass sie sich regelmäßig als der polare Gegensatz von Weiblichkeit manifestiert).
Zweifellos werden auch solche Menschen dieses Buch lesen, die das Gefühl haben, diese Klarstellungen wären ein peinliches Zeichen übertriebener politischer Korrektheit, und die finden, man sollte sich gar nicht erst mit solchen Themen befassen. Sie haben jedes Recht auf diese Meinung. Aber ich kann sie nicht hören, denn so funktionieren Bücher nun mal nicht. Ich mache also einfach weiter mit dem, was sie nervt, und das fühlt sich toll an. Im Ernst: Das hier ist mir wichtig, und wenn ihr so offen seid, euch einzugestehen, dass man sich mit Problemen wie dem Selbstmord von Männern befassen muss, dann versteht ihr auch irgendwann, warum ich mir mit diesem Kapitel überhaupt so viel Mühe gemacht habe.
Wenn ihr es bis hierher geschafft habt und ein Problem habt mit irgendetwas von dem, was ich geschrieben habe – vielleicht seid ihr ja nicht der Meinung, dass jeder, der sich als Mann betrachtet, auch einer ist –, stehen die Chancen nicht schlecht, dass ich es im Verlauf des Buches ausführlicher diskutiere und die Lektüre eure Meinung vielleicht sogar ändert. Im Grunde will ich sagen: Lest einfach weiter, blättert zur nächsten Seite um. Angst? Jetzt reißt euch aber mal zusammen, Männer! (Und erfahrt, warum es eine Scheißidee ist, Leuten zu sagen, sie sollten sich zusammenreißen und sich benehmen wie echte Männer.)
Männerdämmerung
Warum verhalten Männer sich so?
»Männer, habe ich recht?!«, wäre der erste Satz meiner hypothetischen Comedy-Show à la Michael McIntyre, denn, na ja, Männer, habe ich recht?! Nein, jetzt aber mal im Ernst, was ist mit den Männern los? Auf diese Frage gibt es – wie ich herausfand, kurz nachdem ich mich bereiterklärt hatte, dieses Buch zu schreiben, und augenblicklich sämtliche Entscheidungen in meinem Leben bereute, die mich an diesen Punkt geführt hatten, und mich leise fragte, ob mein alter Chef am Gemüsestand auf dem Markt mich wieder bei sich arbeiten lassen würde – keine einfache Antwort.
Die männliche Seele – die schließlich eine menschliche ist und so, und Menschen sind die einzigartig komplexesten, intelligentesten und technologisch fortschrittlichsten Geschöpfe, die je auf der Erde wandelten und so – ist Wissenschaftlern in vielerlei Hinsicht immer noch ein einziges großes Mysterium. Während die Medizin uns zu einem umfassenden Verständnis unseres Körpers und seiner Funktionsweise verholfen hat, ist das menschliche Gehirn in weiten Bereichen immer noch vollkommen unbekanntes Terrain. Selbst auf besser erforschten Gebieten, etwa bestimmten psychischen Erkrankungen, die wir bis zu einem gewissen Maß therapieren können, ist es nicht ungewöhnlich, dass Psychologen zwar wissen, dass eine bestimmte Behandlung funktioniert, aber absolut keine Ahnung haben, warum. Soweit ich es erkennen kann, erfordert die Entwicklung von Medikamenten für die Behandlung des Gehirns sehr viel wissenschaftliches Herumwühlen in den heimischen Kramschubladen, und dann werfen sie, was sie da finden, auf den Patienten, bis irgendetwas zu helfen scheint – Murmeln, Lötzinn, Isolierband, den Sports-Direct-Becher, den anscheinend jeder in Großbritannien besitzt, ohne die geringste Erinnerung daran, wie er in seinen Besitz gelangt ist – einfach alles, was ihnen in die Hände fällt, bis sie schließlich, wenn es wirkt, murmelnd kundtun, sie glauben, es stimuliere bestimmte Synapsen zur Bildung einer Chemikalie, die sie gerade erfunden haben. So oder so ähnlich.
Wir haben also zwar einige Theorien über Tendenzen von Verhaltensweisen, aber bei weitem nichts Schlüssiges im Sinne von »Wer sich radioaktiven Strahlen aussetzt, bringt sich in Gefahr«. Doch wir können die Dinge ein wenig eingrenzen und sie in Kategorien unterteilen, damit es nicht ganz so kompliziert ist. Es gibt zwei Hauptgebiete, in denen wir den Einfluss auf unsere Genderrollen untersuchen können: Biologie und Soziologie.
Gender als soziales Konstrukt wurde historisch sehr stark durch die Dominanz der Biologie geprägt. Das spiegelt es in vieler Hinsicht heute noch wider, auch wenn es dafür, abgesehen von dem schrägen menschlichen Wunsch, an Traditionen festzuhalten, selbst wenn sie unserer Gesellschaft objektiv mehr schaden als Fortschritt bringen, eigentlich keinen Grund mehr gibt. In diesem Kapitel untersuche ich beide getrennt voneinander, auch wenn es natürlich sehr viele Überschneidungen gibt. Während Biologie viel weiter zurückreicht, bis zum Beginn der menschlichen Existenz, wie wir sie kennen, habe ich das Gefühl, soziologisch ist viel mehr zu erreichen, wenn ich mich auf die moderne Geschichte konzentriere (hauptsächlich das letzte Jahrhundert und ein wenig darüber hinaus). Warum das so ist, wird im weiteren Verlauf klarwerden.
Wie die Biologie unsere Genderrollen definiert
Die evolutionäre Natur der menschlichen Rasse macht es schwierig, exakt den Punkt zu bestimmen, an dem der Mensch der wurde, den wir heute kennen: Wann wir angefangen haben, die Charakteristika zu zeigen, die uns von den Primaten, die uns vorausgingen, trennen. Anatomisch hat sich der moderne Mensch vor rund 200.000 Jahren entwickelt, aber man geht davon aus, dass wir erst 150.000 Jahre später das Verhalten an den Tag legten, das uns in die Moderne führte – die Wesenszüge, die uns vom vorangegangenen Homo sapiens unterschieden. Im Kontext moderner Männlichkeit ist das alles nicht von besonderer Bedeutung, doch um der Definition willen können wir mit ziemlicher Sicherheit sicher sagen, dass es 50.000 Jahre her ist, dass in der Dämmerung modernen Verhaltens aus den männlichen Primaten Männer wurden.
Es mag seltsam erscheinen, dass ich es erwähne und dann 49.800 Jahre oder so nach vorn springe, doch diese Epoche ist bedeutsam, weil Gender durch die Natur bestimmt wurde und nicht durch die Gesellschaft. Bis vor 10.000 Jahren lebten die Menschen als Jäger und Sammler, und ihre Rollen wurden allein durch die biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen definiert. Frauen kümmerten sich um die Kinder und suchten nach Nahrung, während die körperlich größeren und stärkeren Männer mit der Jagd betraut waren. Einige der evolutionären Merkmale, die daraus entstanden, sind heute noch vorhanden – etwa dass Frauen mehr Zapfen in der Netzhaut haben, wodurch sie, wie man annimmt, ein schärferes Sehvermögen erlangten, das ihnen beim Sammeln von Früchten und Wurzeln nützlich war. Deswegen glauben manche Menschen, bestimmte Verhaltensweisen wären den Genders