zu Mitgefühl wird – und durch den das alles zusammen zu Liebe wird. Vielleicht spüren wir sogar, wie die Spontaneität unseres wilden Herzens wiedererwacht und wir bereit sind, das Risiko einzugehen, es mit etwas Neuem zu versuchen, das unser Leben ändern könnte.
Die Mohikaner, Hopi, Sioux, Huichol und andere Indianerstämme – wenn nicht gar alle Eingeborenenkulturen – haben schon lange begriffen, dass unsere primitive Natur in Harmonie mit unserem höheren Geist arbeitet, um eine Intelligenz zu erzeugen, die sich, zu bestimmten Zeiten, mystisch anfühlt. Sie entspringt einer inneren Größe, welche die natürliche Größe, die uns umgibt, durchdringt. Auch Albert Einstein verstand dies. „Das schönste und tiefste Gefühl, das wir erfahren können“, schrieb er, „ist die Empfindung des Mystischen. Es ist die Quelle aller wahren Wissenschaft.“ Es scheint klar zu sein, dass der primitive Geist die Grundlage dieser Erfahrung darstellt, die Neurowissenschaft beginnt heute, Beweise dafür zu finden. „Primitive Gehirnstrukturen“, sagte der führende Kognitionswissenschaftler des MIT, „könnten die Maschine sein, die selbst unsere fortgeschrittenen intelligenten Lernfähigkeiten auf höchster Ebene antreiben.“4
Die Intelligenz des Bauchgefühls
Intuition ist eine der wesentlichen Formen der Intelligenz; sie wird von den drei Göttern der Neurologie gemeinsam hervorgebracht. Neurologisch gesehen ist Intuition Information, die dem Körper entspringt und von dort zum Präfrontalen Cortex aufsteigt. Der Präfrontale Cortex ist der entscheidende Teil für die höheren Gehirnfunktionen und der Punkt, an dem das primitive Gehirn, das emotionale Gehirn und der Neocortex zusammenkommen. In einer fließenden Bewegung bemerken wir eine Empfindung in unserem Bauch, fühlen und interpretieren wir innerlich, was wir empfinden, korrelieren wir das, was es uns sagt, mit dem, was wir aus Erinnerung wissen, filtern wir Entscheidungsmöglichkeiten mithilfe moralischer Werte und handeln dann aus dem heraus, was sich richtig anfühlt.
„Gefühle verschaffen uns einen Einblick in das, was in unserem Fleisch geschieht“, schrieb Dr. Antonio Damasio.5 Nach seiner Theorie der somatischen Zustände ist die Fähigkeit des Gehirns, Empfindungen zu registrieren, die aus dem Bauch aufsteigen, entscheidend für das, was Adaptive Entscheidungsfindung genannt wird. Neuronen im Bauch scheinen uns drohende Gefahr oder Bestrafung oder ein drohendes Risiko zu signalisieren, oder auch das Gegenteil – die Erwartung von Belohnung. Intuition ist dann besonders wertvoll, wenn wir in einer Situation der Unsicherheit schnell eine Entscheidung treffen müssen. Wenn ein Geschäftführer keine Daten vorliegen hat, auf die er zurückgreifen könnte, entscheidet für ihn das Gefühl. Das Gefühl ist es auch, was einen Börsenmakler zu einer Entscheidung gegen die Wahrscheinlichkeit treibt. Eine Frau entscheidet nach dem Gefühl, ob sie den Absichten eines Verehrers trauen kann. Und ein Polizist fühlt, ob jemand lügt, mit verdeckten Karten spielt oder gar potenziell gefährlich ist. Es ist dasselbe bei einer Mutter, die ihr Kind durch und durch kennt: Sie erkennt die kleinsten Änderungen in der Stimme, der Stimmung und der Körpersprache. Der Dichter findet intuitiv genau die Zeile oder das Wort, das ein Gedicht vervollständigt. Und ein guter Arzt durchschaut intuitiv komplexe und einander manchmal widersprechende Fakten und kommt zu der richtigen Diagnose.
Wir nennen es Bauchgefühl, und wer die noetische Kunst des Hörens auf seine Intuition kultiviert hat, gewinnt eine Weisheit, zu der der Intellekt allein nicht gelangen kann. Einige der größten Fehler, die wir im Leben machen, passieren, weil wir nicht auf unser Bauchgefühl hören. Der Bauch ist auch der Ort, an dem wir Mut finden oder verlieren und wo wir den Nervenkitzel des Gewinnens spüren, wenn zum Beispiel ein Basketballspieler den entscheidenden Ball versenkt, oder wo wir den Schmerz des Verlierens empfinden, wenn der Wurf daneben geht.
Die Intelligenz des Herzens
Ein anderer Teil des Drachen, der seinen Beitrag zu einer ergiebigen und einzigartigen Form der Intelligenz leistet, ist das Herz. „Die Idee, dass wir mit unserem Herzen denken können“, sagte Joseph Chilton Pearce, „ist längst keine bloße Metapher mehr, sondern ist die Konstatierung eines ganz realen Phänomens.“6 Das Herz besitzt, genauso wie der Bauch, seine eigene Gehirnstruktur. Es enthält eine große Anzahl von Nervenzellen, die mit jenen im Gehirn identisch sind. Die Hälfte dieser Neuronen scheint dazu zu dienen, eine direkte neuronale Verbindung zum emotionalen Gehirn herzustellen und eine dauernde Kommunikation zwischen beiden zu ermöglichen. Diese Kommunikation erlaubt es uns, unsere Gefühle zu erfahren, sie auszudrücken und nach ihnen zu handeln.7 „Das emotionale Gehirn bewertet unsere Erfahrung der Welt qualitativ“, sagte Pearce, „und es sendet diese Information von Moment zu Moment hinab zum Herzen. Umgekehrt ermahnt das Herz das Gehirn, eine angemessene Antwort zu finden.“8 Doch wir denken nur selten, dass ein offenes Herz ein Werkzeug zum Sammeln von Information ist, welche unsere Intelligenz vergrößert.
Unglücklicherweise gelingt es dem Herzen nicht immer, erfolgreich eine angemessene Reaktion zu vermitteln. Wenn Mars oder das emotionale Gehirn eine Bedrohung empfindet und reaktiv das Kommando übernimmt, kann die darauf folgende Belagerung das Herz vor Angst zittern lassen. Angst erzeugt ein dissonantes Muster neuronaler Signale, die vom Herzen zum Gehirn laufen und höhere kognitive Funktionen zu hemmen scheinen. Das schränkt unsere Fähigkeit, klar zu denken, ein und auch die Fähigkeit, uns zu erinnern, zu lernen, vernünftig zu denken und effektivere Entscheidungen zu treffen. Emotional empfinden wir die Dissonanz als Entmutigung – uns rutscht, umgangssprachlich ausgedrückt, „das Herz in die Hose“. Umgekehrt verbessern positive Gefühlszustände die Gehirnfunktion.9 Wenn wir Gefühle von Liebe, Respekt oder Wertschätzung aufrechterhalten, koppeln sich unser Blutdruck, unsere Atmung und andere oszillierende Systeme an den Herzschlag an und synchronisieren sich mit den Rhythmen des Gehirns. Dies ist dann ein Zustand der Resonanz, in welchem die kognitive und emotionale Intelligenz, die von einem dissonanten Zustand der Furcht blockiert wurde, wiederhergestellt wird.
Weitblick
Weitblick ist ein weiteres machtvolles Geschenk, welches das Herz uns Menschenwesen beschert. Eine Reihe von Studien lässt vermuten, dass das Herz an dem beteiligt ist, was wir gewöhnlich als Vorahnung bezeichnen.10
Die Begriffe, die die Wissenschaft benutzt, um diese Fähigkeit zu beschreiben, sind „Prästimulus-Reaktion“ und „Nichtlokalität“. Nichtlokalität bedeutet, dass das Herz und das Gehirn Information über ein zukünftiges Geschehen erhalten und darauf reagieren, bevor das Ereignis tatsächlich eintritt.11 Wir alle haben von Zeit zu Zeit Vorahnungen. Das Telefon läutet, und wir wissen sofort, wer da anruft, auch wenn wir mit der betreffenden Person schon lange keinen Kontakt mehr gehabt haben. Wir staunen über die Weitsicht großer Künstler, Erfinder, Mystiker und Sozialvisionäre, die ihrer Zeit oft voraus sind. Unternehmer wie Steve Jobs und Bill Gates, Künstler wie Pablo Picasso und Bob Dylan und Sozialreformer wie Mahatma Gandhi und Theodore Roosevelt besitzen oder besaßen alle diese Fähigkeit. Sie demonstrierten eine Art kultureller Voraussicht, die sie bereits eine Zukunft sehen ließ, welche die Gesellschaft erst ein oder zwei Generationen später tatsächlich erreichte. Diese Visionäre hatten durch einen gründlicheren Gebrauch ihrer inneren Ressourcen Zugang zu einem breiteren Spektrum von Information. Sie waren offen für Erfahrungen, die den meisten von uns entgehen. Es könnte sein, dass diese Eigenschaft der Offenheit ihr Gehirn so vernetzt, dass sie eine Art sechsten Sinn entwickeln. Dieser sechste Sinn ermöglicht ihnen einen tieferen Einblick in die kollektive Psyche; sie sehen sozusagen ein Stück weiter als wir die Straße hinab, die der Lauf der Dinge nimmt. Jesus sagte zu den Pharisäern: „Über das Aussehen des Himmels könnt ihr urteilen; könnt ihr dann nicht auch über die Zeichen der Zeit urteilen?“12 Offenbar vermochten die Pharisäer nicht die von Jesus repräsentierte Zukunft zu erkennen, weil ihre Herzen verschlossen waren. Neurologisch gesehen könnte es sein, dass ihr verschlossenes Herz die Fähigkeit des Weitblicks blockierte.
Das nichtbegriffliche Ich – unsere innere Stimme
„Wir sollten aufpassen, nicht unseren Intellekt zu unserem Gott zu machen“, warnte