emotionale Irritierbarkeit und Verletzlichkeit, typische Merkmale für HSP, sind keine Kennzeichen von Hochbegabung.“1 Diese Erklärung hilft dabei zu verstehen, was der Unterschied zwischen hochsensibel und hochbegabt ist. Hochsensible Menschen sind begabt darin, sehr viel wahrzunehmen, doch dies lässt sich nicht mit einem IQ-Test messen.
Ein weiterer Aspekt, der wichtig zu erkennen ist, ist die Unterscheidung zwischen einem erlittenen Trauma, das eine heftige emotionale Reaktion hervorruft, und emotionale Intensität, die durch die feine Wahrnehmung als hochsensible Person wahrgenommen wird. Du erkennst den Unterschied daran, dass deine Reaktionen nach einem Trauma überwiegend negativ sind, während hochsensible Menschen sowohl positive als auch negative Emotionen sehr intensiv erleben.
Nachdem ich jetzt auf die Themen Hochsensibilität und Multitalent einzeln eingegangen bin, möchte ich im nächsten Kapitel genauer beleuchten, wie es aussieht, wenn beide Persönlichkeitsmerkmale gleichermaßen ausgeprägt sind.
Kapitel 2 - Was hochsensible Multitalente ausmacht
Wie bereits im vorherigen Kapitel erwähnt, liegt die besondere Herausforderung hochsensibler Multitalente darin, dass die beiden Gehirnsysteme, die unsere Handlungsimpulse kontrollieren, sehr aktiv sind. Das heißt, das Verhaltenshemmsystem ist durchschnittlich genauso aktiv wie das Verhaltensaktivierungssystem.
Wie sieht das in der Praxis aus? Dein Leben kann ziemlich extrem sein: Du kannst dich einmal extrem extrovertiert und dann wieder extrem introvertiert verhalten. Zum Beispiel hast du vielleicht eine Phase, in der du nur unterwegs und unter Leuten bist, viel Verantwortung trägst und tausend Projekte und Ideen umsetzt. Danach folgt eine Phase, in der du nur allein sein willst, dir alles zu viel ist und du dich in dein Schneckenhaus zurückziehst.
Wie lange welche Phase andauert, ist immer unterschiedlich, es kann zum Beispiel auch nur eine Woche sein. Dein Leben erscheint dir insgesamt wie ein ständiger Balanceakt. Wenn du zurückgezogen und nur mit Rücksicht auf deine hochsensible Seite lebst, wird dir langweilig und du willst raus und etwas erleben. Wenn du jedoch hauptsächlich deiner Seite als Multitalent nachgehst, setzt du zwar viele Ideen um und stößt viele Projekte an, sehnst dich aber gleichzeitig nach Ruhe und dem Alleinsein.
Die Balance zwischen zwei Extremen zu finden ist eine echte Herausforderung – das weiß ich auch aus eigener Erfahrung. Sobald ich etwas zur Ruhe gekommen war und einem regelten Job nachging, wurde mir langweilig und ich wollte unbedingt etwas erleben und reisen, obwohl es meiner hochsensiblen Seite in diesem Alltag gut ging. Ich habe gekündigt und bin mit meinem Freund nach Neuseeland gegangen. Dort angekommen, war meine multitalentierte Seite, die Neues erleben, wissen und lernen wollte, total begeistert und hat sich in die Organisation vieler Dinge gestürzt. Gleichzeitig hat meine hochsensible Seite mir nach einiger Zeit aufgezeigt, dass es zu viel für mich ist und das Leben im Van eine Dauerbelastung darstellt, bei dem ich meinem Bedürfnis nach Schutz und Ruhe nicht ausreichend nachkomme. Jeder Tag war unterschiedlich – manchmal war ich total erfüllt von den neuen Eindrücken und der schönen Natur, die wir erlebt haben. An anderen Tagen war mir alles zu viel und ich wollte am liebsten wieder ein eigenes, ruhiges Zimmer haben, in das ich mich hätte zurückziehen können, sodass ich erst einmal gar nichts mehr erlebt und keine Menschen getroffen hätte.
Die optimale Stimulation finden
Ich habe bereits erwähnt, dass laut Elaine Aron einer der vier Indikatoren für Hochsensibilität die Übererregbarkeit ist. Gleichzeitig möchten Multitalente neue Reize und suchen regelrecht danach. Jeder Mensch fühlt sich am wohlsten, wenn er möglichst oft und möglichst viel Zeit im mittleren Erregungsniveau verbringt, das die folge Grafik skizziert. Die Grafik zeigt das Yerkes-Dodson-Gesetz und beschreibt die kognitive Leistungsfähigkeit in Abhängigkeit vom allgemein-nervösen Erregungsniveau, das auch Aktivationsniveau genannt wird.
Im mittleren Erregungsniveau, das für jeden Menschen unterschiedlich aussieht, fühlst du dich wohl, bist leistungsfähig, kreativ und zufrieden. Du bist weder unter- noch überfordert.
Im ersten Teil der Kurve, dem unteren Erregungsniveau, hast du deine optimale Stimulation noch nicht gefunden. Dir ist langweilig, du bist frustriert, antriebslos und unterfordert. Als hochsensible Person kann dieser Bereich generell schnell verlassen werden, da du Reize intensiv wahrnimmst und dann schnell im mittleren Erregungsniveau landest.
Im Bereich des hohen Erregungsniveaus – ganz rechts auf der Kurve – landen hochsensible Multitalente oft ungewollt. Dort sind sie gestresst, weniger leistungsfähig, frustriert und überfordert.
Wie bereits beschrieben, versuchen hochsensible Multitalente den Balanceakt zwischen zwei Extremen hinzubekommen. Wenn du dann einmal deine Seite als Multitalent auslebst und viele Projekte ins Rollen bringst, kann es auch sein, dass es auf einmal zu viel wird und du vor lauter Flow-Erlebnissen und Begeisterung deine Bedürfnisse vernachlässigt hast und dich auf einem zu hohen Erregungsniveau befindest.
Die Grafik zeigt einen relativ großen Bereich in der Mitte. Dieser kann – zum Beispiel über den Tag verteilt – individuell allerdings auch kleiner und somit schwerer zu erreichen und zu halten sein. Am leistungsfähigsten sind alle Menschen im mittleren Bereich, das heißt, ich bin als Multitalent am leistungsfähigsten, wenn ich mehrere Projekte zur gleichen Zeit umsetze, was vielen Menschen vielleicht komisch erscheint, da bei ihnen das Gegenteil der Fall wäre. Nur so kann ich mein ideales Aktivationsniveau im mittleren Bereich erreichen, da ich sonst im niedrigen Bereich (Langeweile) bleibe.
Zuckerman erwähnt in seinem Buch1, dass ein Reiz sich angenehm oder unangenehm anfühlen kann, je nachdem wie hoch dein aktuelles Erregungsniveau bereits ist. Mit deinem aktuellen Erregungsniveau ändert sich im Laufe des Tages also auch deine optimale Stimulation. Dabei spielen zu jeder Zeit deine interne Verfassung, zum Beispiel ob du hungrig oder durstig bist, genauso eine Rolle wie externe Einflüsse.
Um möglichst oft die optimale Stimulation zu finden, ist es auch wichtig, Anzeichen von Überstimulation frühzeitig zu erkennen, um gegensteuern zu können und dich nicht langfristig zu überlasten.
Wie sehen Anzeichen von Überstimulation aus?
Überstimulation entsteht durch zu viele Reize, die aus dem Innen, wie Sinnesreize und Gefühlserleben, und aus dem Außen, wie beispielsweise laute Geräusche, kommen. Wenn du überstimuliert bist, fühlst du dich „über den Punkt“ oder „aufgedreht“. Du bist innerlich unruhig und fühlst dich unwohl, angespannt und unkonzentriert. Häufig schwirrt dir der Kopf oder du bekommst Kopfschmerzen. Durch die Überforderung und Überreizung bist du kognitiv nicht mehr so leistungsfähig und kannst Aufgaben nicht mehr so gut erledigen.
Hochsensible Multitalente sind generell empathisch und feinfühlig, doch bei Überstimulation verändert sich das Sozialverhalten und das Gegenteil kann der Fall sein. Vielleicht bist du dann unfreundlich, schlecht gelaunt, gereizt, abweisend, humorlos, nicht präsent, unaufmerksam und nicht mehr hilfsbereit. Wenn der Zustand extrem ist, kannst du wütend werden, „ausrasten“ oder implodieren und nur noch teilnahmslos funktionieren.
Es ist wichtig, für dich zu sorgen und frühzeitig zu merken, wenn du dich als hochsensibles Multitalent überforderst. Lege dir deshalb Strategien zurecht, die dich dabei unterstützen den Zustand der Überstimulation wieder zu verlassen.
Die folgenden Strategien helfen vielen hochsensiblen Menschen, die sich auf einem zu hohen Erregungsniveau befinden:
Rückzug und allein sein
Ohrstöpsel/Ruhe
in die Natur gehen
Zeit mit Tieren verbringen
meditieren
wandern oder spazieren gehen
Fahrrad fahren oder laufen gehen