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Mein Name sei Berlin


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Abhängigkeit von der Distanz, aus der man sie betrachtet. Je weiter man sich entfernt, umso klarer werden die Vorurteile; positive, aber auch negative: Da wird Berlin als Hochburg von Unhöflichkeit verpönt, zum Symbol für Kreativität und Vielfalt erkoren und ist zugleich Großstadt und Provinz. Egal, ob aus unmittelbarer Nähe oder großer Distanz – vielen dient Berlin als überdimensionale Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Fantasien.

      Die hier vorgestellten Texte stammen alle aus der Feder von Berlinern, Wahlberlinern sowie Berlinbesuchern und beschreiben deren Eindrücke von dieser Stadt. Neben Beiträgen von namhaften Schriftstellern wie Heinrich von Kleist, Karl Scheffler oder Theodor Fontane haben auch Texte von jungen Berliner Autorinnen und Autoren Eingang in diese Sammlung gefunden.

      Die eher unkonventionelle Auswahl sehr unterschiedlicher Texte erlaubt es, Berlin aus verschiedensten Blickwinkeln heraus zu betrachten. Zudem ermöglicht diese Sammlung, die Texte aus drei Jahrhunderten zusammenführt, Kontinuitäten in der Wahrnehmung dieser Stadt aufzuspüren. Eine Konstante scheint die fortwährende Veränderung zu sein: Berlin ist durch das Mit- aber auch Nebeneinander seiner ursprünglichen wie neuen Bewohner täglich einer Vielzahl an Einflüssen ausgesetzt. Alteingesessene lernen durch internationale Besucher und Neu-Berliner die Welt kennen, ohne einen Schritt aus der Stadt heraustreten zu müssen. Die mitgebrachten kulturellen Impulse schreiben den Mythos Berlins als kreatives Zentrum Europas fort. Es scheint, als könne hier jeder die Nische finden, die er für seine individuelle Entwicklung benötigt und die ihm an anderer Stelle verwehrt blieb. Auf diese Weise wird die Stadt geformt. Sie formt aber auch und ist in einem unaufhaltsamen Werden ohne fest geschriebenes Ziel begriffen.

      Die Anthologie setzt sich in fünf Abschnitten mit unterschiedlichen Themen auseinander. In den ersten zwei Kapiteln versuchen wir den Wind, der in dieser Stadt weht, einzufangen und verständlich zu machen, was die Atmosphäre Berlins ausmacht. Die Texte des »Großstadt Berlin«-Kapitels spiegeln vor allem erste Eindrücke von Berlin wider.

      In »Berliner Getue«, dem zweiten Kapitel, wird der Berliner ergründet; gleichzeitig soll den Berliner Eigenarten nachgespürt werden.

      Das Durchschimmern regionaler wie internationaler Geschichte in den Straßen Berlins, ausgesuchten Orten und Institutionen steht im Mittelpunkt des dritten Kapitels »Berliner Orte«. In diesem Kapitel treffen unter anderen die Beschreibung des mittlerweile zum Szenebezirk avancierten Neuköllns auf die fast liebevolle Darstellung des oft nur kritisch bedachten Marzahns – dem »kleinen Bruder« unter den Kiezgeschwistern.

      Wie Berlin durch den Einfluss neu zuströmender Bewohner täglich bereichert wird, diese im gleichen Moment aber auch durch die neue Umgebung geprägt werden und sich dem Rhythmus der Stadt anpassen, darauf wird im Kapitel »Berliner Metamorphosen« näher eingegangen. Berlin, so wird hier deutlich, ist und bleibt die Summe seiner Gegensätze.

      Bei all der viel zitierten Bewegung und der konstanten Veränderung, bleibt im abschließenden Kapitel »Heimat Berlin« noch zu fragen, was es bedeutet, Berlin als Heimat zu empfinden und wie es ist, Berlin zu verlassen oder auch hierher zurückzukehren.

      Trotz aller literarischer Treffsicherheit, genauen Beobachtung und Detailverliebtheit wie Empfindsamkeit der Autoren: Das Berlin und den Berliner gibt es nicht. Trotzdem wurde es während der Arbeit an dieser Anthologie offensichtlich, dass uns bestimmte Beschreibungen dessen, was den typischen Berliner vermeintlich ausmacht, zutreffender erschienen als andere.

      Somit kamen wir nicht umhin, uns damit auseinander zu setzen, was für ein Bild wir als Herausgeberinnen von Berlin haben. Das nachzuvollziehen erscheint wichtiger, als unwiderrufliche Aussagen darüber treffen zu wollen, was die wahre Quintessenz Berlins nun schlussendlich sei. So lag es uns am Herzen, ein breites Spektrum an Meinungen in dieser Anthologie zusammen zu führen. Mit Sicherheit wird dabei die Tatsache, dass wir beide gebürtige Berlinerinnen sind, die Textauswahl beeinflusst haben. Denn für uns ist diese Stadt zu allererst Heimat. Wir bekennen: Ganz neutral sind wir deshalb garantiert nicht.

      Was für unseren speziellen Fall gilt, trifft natürlich auch auf Sie zu. Die Eindrücke, die Sie während Ihrer Zeit in Berlin sammeln, sagen nicht nur etwas über die Stadt, sondern vor allem auch über Sie selbst aus, über Ihre Interessen und Vorstellungen sowie Ihre Erwartungen an diese Stadt. In diesem Sinne möchten wir Sie dazu einladen, sich auf Ihre ganz eigene Entdeckungstour Berlins zu machen und Ihre persönliche Quintessenz dieser Stadt zu formulieren.

       Johanna Drescher & Berit Becker

       Großstadt Berlin

Karl Scheffler(1910)

      Im Wendischen Busch

      Die schwierige und künstliche Entwicklung der Stadt prägt sich deutlich in ihrer äußeren Anlage aus. Der zur Formlosigkeit verdammte Geist hat sich einen formlosen Stadtkörper gebildet. […] Berlin ist niemals ein natürliches Zentrum, niemals die vorbestimmte deutsche Hauptstadt gewesen. Es lag von jeher weit ab von den Stammgebieten der deutschen Kultur, ja, der deutschen Geschichte; es ist zu all seiner ungeschlachten Mächtigkeit wie nebenher emporgewachsen.

      […] Alle Hauptstädte Europas sind anders entstanden als Berlin. Sie sind geworden wie sie sind, weil sie von Anfang an natürliche Mittelpunkte waren und Sammelbecken, in denen die besten Energien des Volkes zusammenflossen, wie das Gemeinschaftsbewußtsein wuchs, weil sie das Herz der Länder waren, zu dem alle Kräfte hinstrebten, um gleich auch wieder befruchtet zurückzukehren. Darum finden wir in den Haupstädten wie Paris, Wien, London, Kopenhagen, in Großstädten wie in Hamburg, Köln, Dresden oder München immer eine wirkliche, in sich abgeschlossene Stadtwirtschaft und eine Bevölkerung, die einen Volksextrakt darstellt. Eine Bevölkerung, die einen Volkscharakter darstellt. Eine Bevölkerung, die bestimmte nationale Eigenschaften in Reinkultur verkörpert und in der Alles, was in der Provinz Instinkt ist, Kulturbewußtsein gewinnt. Anders in Berlin. Das ist entstanden infolge eines Vorstoßes pionierender germanischer Stämme ins Wendengebiet. Es ist in der Folge nur gewachsen, wenn neuer Zuzug aus dem Westen, dem Süden oder gar fremden Ländern kam. Stieg die Bevölkerungsziffer, so geschah es, wenn Markgrafen, Kurfürsten und Könige neue Kolonisten in die Mark zogen. Berlin ist buchstäblich geworden wie eine Kolonialstadt, wie im neunzehnten Jahrhundert die amerikanischen und australischen Städte tief im Busch entstanden sind. Wie der Yankee das Produkt von deutschen, englischen, irischen, skandinavischen und slawischen Volkselementen ist, so ist der Berliner das historische Produkt einer Blutmischung, deren Bestandteile aus allen Gauen Deutschlands, aus Holland, Frankreich und den slawischen Ländern stammen.

      […] Von Anfang an ist Berlin ein Opfer seines Dualismus gewesen. Zwei Städte, zwei Verwaltungen, zwei isolierte Interessen: was sagt da die gemeinsame Stadtmauer! Um 1307 erst wurden beide Städte einer einzigen Verwaltung unterstellt; dann aber fand Friedrich der Zweite es bequemer, zwei konkurrierende, aufeinander eifersüchtige und sich gegenseitig lähmende Städte zu beherrschen als eine, die ihm mit geeinter Macht entgegentreten konnte. Er trennte um 1441 schon wieder die Verwaltung und es blieb dann bei einem unfruchtbaren Dualismus bis zum Jahre 1709, bis zu einem Zeitpunkt also, wo der Grundriß der Stadt längst festgelegt worden war. Hätte es sich nun wirklich um zwei selbständige Städte gehandelt, so hätte sich jede für sich organisch entwickeln können. Aber auch das war wiederum nicht der Fall. Der Fluß ist niemals eine so wesentliche Grenzlinie gewesen, um Berlin von Kölln abzutrennen; der alte Spreeübergang verband die Ufer und seine Bewohner ganz unmittelbar. Die Städte waren zugleich getrennt und verbunden in allen Dingen. Daher dieser indifferent so lange ertragene Dualismus, der durchaus das Zeichen eines Mangels an wahrhaft aristokratischem Bürgerbewußtsein ist. Daß es Berlin von vornherein an Stadtbewußtsein gefehlt hat, darauf deuten schon die vielen Eifersüchteleien und Unruhen in dem sich bereichernden Emporkömmlingsvolke des Mittelalters, alle diese Bürgerrevolten, Ratsverschwörungen und Anklagen bei den Kurfürsten.

       Karl Scheffler (*1869 in Hamburg, †1951 in Überlingen) kam zu Beginn der 1890er Jahre nach Berlin. Der Kunstpublizist und -kritiker kommentierte ab 1897 die Berliner Kunstszene und war u. a. Redakteur der »Vossischen Zeitung«.