Dennis Dunaway

Schlangen, Guillotinen und ein elektrischer Stuhl


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Suchscheinwerfer gemietet, die er in den nächtlichen Himmel strahlen ließ. Er engagierte sogar zwei Go-Go-Girls, die in den Bühnenecken einen heißen Tanz abzogen.

      Langsam füllte sich der Parkplatz. Ein knallrot lackiertes Hot Rod cruiste auf dem Asphalt. Dann kam ein Kleintransporter mit einem Surfboard auf dem Dach. Als Nächstes kreuzte ein staubiger schwarzer Pick-up auf. Aus dem Fenster ragte der Kopf eines Typen, der sich wahrscheinlich mit Whiskey hatte volllaufen lassen und nun brüllte, dass er auf eine Schlägerei aus sei.

      Tja, eine ganz normale Nacht in Phoenix eben.

      Einige Beamte des Maricopa County Sheriff’s Office schoben hier Dienst und waren bereit, Schlägereien aufzulösen. Zudem hielten sie die Augen nach beschlagenen Autofenstern offen, um ritterlich die Ehre (und besonders die Unschuld) junger Damen zu retten.

      Der Einlass begann um 19 Uhr. Peanut Butter, eine lokale Band mit psychedelischen Anklängen, betrat die Bühne. Als sie ihr Programm mit dem Beau-Brummels-Hit „Laugh, Laugh“ beendet hatten, war das VIP bis zum Bersten gefüllt.

      Die Lichter verdunkelten sich. Im Spider Sanctum glühte ein Spot. Ich zählte den ersten Song wie bei einem Pferdewettrennen an, und schon galoppierten Johns Drums davon. Die Go-Go-Girls zuckten und tanzten wie Wahnsinnige. Das Publikum drehte sich schnell um, wollte wissen, wer denn den ganzen Krawall machte.

      Wir kannten einige der Gesichter, auf denen die Verblüffung über unsere Transformation geschrieben stand. Die unbeholfenen und laienhaften Earwigs gehörten der Vergangenheit an, und an ihrer Stelle stand nun eine frischere und professionellere Band auf der Bühne. Die coolen, super schicken neuen Jacketts und die uns zur Verfügung stehende Lichtanlage halfen dabei, eine selbstbewusste Show zu bringen. John und Glen hatten die blonden Haare modern gestylt – John ahmte Brian Jones von den Rolling Stones nach –, und die Spots ließen sie wie nordische Götter aussahen.

      Was mein neues, mysteriöses Image anbelangte: Ich hatte mir die Haare über die Augen gekämmt. Allerdings hoffte ich nur, mysteriös zu wirken, denn ich sah überhaupt nichts mehr.

      Eigentlich waren wir daran gewöhnt, von den Cops wegen der langen Haare angemacht zu werden, doch als Glen beim Yardbirds-Song „Shapes Of Things“ eine leidenschaftliche Gitarren-Arbeit ablieferte, entdeckten wir einen über beide Ohren grinsenden Police Officer, der Glen sein Lob mit hochgestreckten Daumen signalisierte. Hey, das war hier kein Cowboy-Song, sondern die kosmische Hymne für den Weltfrieden, angeheizt durch Jeff Becks brennende Gitarren-Soli, die ihn über den Umweg Jupiter direkt nach Marokko führten. Und da stand tatsächlich ein Cop, der groovte und den Sound mochte.

      Nach dem Set gratulierte Jack der Band und prophezeite, dass uns eine lange Zukunft als VIP-Hausband bevorstehe. Darüber hinaus durfte die Gruppe den Club zum Proben nutzen. Am meisten freuten wir uns über die Zusage regelmäßiger Schecks.

      Von da an spielten wir die VIP Lounge jeden Freitag und Samstag in Grund und Boden, und immer kam der Cop, deutete mit seinem Gummiknüppel in Richtung Glen und bestellte uns eine Runde „Shapes Of Things“.

      Der Club war offiziell für 800 Personen zugelassen, doch an guten Abenden drängelten sich hier 1.000 Gäste. Nun schwammen wir in Knete, doch verdammt noch mal – alle Musiker lebten noch bei den Eltern. John Speer legte sich eine alte, spritzige Corvette zu, bei der die Lackierung schon verblasste. Vince kaufte sich einen brandneuen Ford Fairlane Convertible in knalligem Gelb. Er taufte ihn den „Chick-Pleaser“.

      Doch dann geschah es: Die Blonde tauchte auf.

      Das denkwürdige Ereignis trug sich beim „Back to School Bash“ auf dem Gelände der Arizona Fair zu. The Turtles traten als Headliner auf, und wir gehörten zum Haufen der lokalen Vorbands. Um die lästigen Umbaupausen zu vermeiden, verabredeten wir, dasselbe Equipment zu nutzen. Alles lief reibungslos ab, bis eine Surf-Band mit Namen Laser Beats die Bühne betrat. Die Instrumente mussten zur Seite gestellt werden, um das gigantische Schlagzeug-Podest des Drummers mit dem „güldenen“ Haar aufzubauen.

      Ich fand das lächerlich, stand im Publikum und ließ einige dumme Sprüche ab. „Was für eine Knallbirne“, meckerte ich lauthals. „Wozu braucht der denn ein Schlagzeug-Podest? Damit er ‚Wipe Out‘ spielen kann?“ Um den Unmut adäquat auszudrücken, rief ich das mit einer tuntigen Stimme.

      Ein vor mir stehendes Mädchen drehte sich blitzschnell um und starrte mir direkt in die Augen. Sie war wunderschön, aber unglaublich sauer. „Er ist keine Knallbirne“, blaffte sie mich an. „Er ist mein Bruder, und er ist der beste Drummer auf der ganzen Welt.“

      Und so stand ich zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht vor Neal Smiths schöner Schwester. Sie warf mir einen vernichtenden Blick zu und drehte sich um.

      Ich fühlte mich wie ein Trottel und hielt während der langen Verzögerung lieber den Mund. Endlich spielten die Laser Beats ihre Surf-Nummern. Als Neals Schlagzeug bei der Fassung von „Wipe Out“ förmlich glühte, rastete das Publikum aus.

      Ich dachte unaufhörlich an die große, coole Blondine, sogar dann noch, als wir auf ihren Bruder warteten, der das Podest mühevoll auseinandernahm.

      Und dann kamen wir an die Reihe. Nie zuvor waren wir auf einer größeren Bühne aufgetreten, und die Halle beeindruckte mich durch den mächtigen Sound. Erbarmungslos rockten wir fremde Hits und begannen mit einem von Rachegefühlen auf die Vorband angeheizten „Road Runner“ (Bo Diddley). Vince’ Mundharmonika entwich ein klagender und heulender Sound. In der Vorstellung sahen wir uns schon wie Popstars.

      Vielleicht lag darin unsere Stärke. Nach der Show fing uns ein elektrisierter Jack Curtis am Bühnenrand ab und schwärmte: „Was es auch immer ist – ihr Jungs habt es.“

      An einem heißen Abend tauchten die Yardbirds zu einem Konzert in der VIP Lounge auf. Sie mochten sehr wohl unsere persönlichen Helden gewesen sein, hatten sich jedoch noch nicht einmal landesweit durchgesetzt. Damals konnte Jack erstklassige Acts noch mühelos und zu einem annehmbaren Preis buchen.

      Als Vorband begrüßten die Spiders unsere Gäste auf eine nette Art und zollten ihnen damit Respekt. Wir spielten ein Set ausschließlich aus Yardbirds-Nummern! Erst als die Yardbirds die Leute mit ihrem Programm förmlich umbliesen, kam uns der Gedanke, dass wir ein wenig trottelig gewesen waren.

      Glen hatte seine Show mit einigen Neuerungen bereichert – nämlich Essbesteck mit einbezogen! Er schlug Löffel gegen die Schenkel und spielte sogar mit einem Löffel Slide-Gitarre. Jeff Beck, der Gitarrist der Yardbirds, fand die Löffel-Aktion urkomisch. Nach Ende des Sets schlich sich Beck ins Spider Sanctum und „beschlagnahmte“ Glens Besteck-Tablett. Während der Yardbirds-Show spielte Beck dann eins seiner beeindruckenden und aufwühlenden Soli. Mit der linken Hand schlug er die Noten an, während er mit der rechten Löffel unter die Saiten klemmte. Einen nach dem anderen schoss er sie dann in den Zuschauerraum.

      Nach dem Konzert gingen Glen und ich in den Backstage-Bereich, wo sich ein Gespräch mit dem Yardbirds-Sänger Keith Relf entwickelte.

      „Ich schätze mal, ihr hättet niemals erwartet, dass eine Band all eure Songs kennt“, prahlte ich.

      „Nein, wir mussten bislang noch nie nach so einer Gruppe auftreten“, gab er zu.

      „Wir mögen eure Band“, warf Glen ein. „Besonders den Gitarristen!“

      Relf nickte amüsiert. „Ihr hättet mal den Kerl hören müssen, den wir vor ihm hatten.“

      Glen und ich lachten, fest davon überzeugt, dass er uns auf den Arm nehmen wollte. Besser als ein Jeff Beck? Na, komm schon. Beck war wahrscheinlich der originellste, verwirrendste und kreativste Gitarrist der Welt. Erst später – als wir Cream hörten – fanden wir heraus, dass Eric Clapton seinen Durchbruch mit den Yardbirds gehabt hatte. Relf hatte uns nicht verarscht!

      Die wohl größte Attacke auf meine Sinnesorgane ritt jedoch ihr Bassist Paul Samwell-Smith. Sein experimenteller Stil glich einer Offenbarung. Glen Buxton lehrte mich die ersten Noten, Bill Wyman und sein berühmtes Framus-Spiel auf den frühen Stones-Scheiben boten mir die Grundlagen hinsichtlich der Blues-Abläufe und der Songstrukturen, doch