Jan Kjaerstad

Femina erecta


Скачать книгу

line/>

      Originaltitel: Jan Kjærstad, Slekters gang

      © 2015 H. Aschehoug & Co. (W. Nygaard) AS, Oslo, Norway

      Die Veröffentlichung dieser Übersetzung wurde ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung von NORLA, Norwegian Literature Abroad

      EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer

      ISBN: 978-3-903061-79-8

      © 2020, Septime Verlag, Wien

      Alle Rechte vorbehalten.

      Lektorat der Übersetzung: Daniela Syczek

      Endlektorat: Urban Diskum

      Umschlag und Satz: Jürgen Schütz

      Umschlagbild: Jürgen Schütz nach Gustav Vigeland

      Printversion: Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen

      ISBN: 978-3-902711-92-2

      www.septime-verlag.at

      www.facebook.com/septimeverlag

       www.twitter.com/septimeverlag

      Jan Kjærstad

      zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Norwegens. Der 1953 in Oslo geborene Schriftsteller studierte Theologie, war Pastor und Jazzpianist, später Redakteur der norwegischen Literaturzeitschrift Vinduet. Er lebt in Oslo.

      Jan Kjærstad ist einer der bedeutendsten skandinavischen Schriftsteller der Gegenwart. Der Träger der wichtigsten literarischen Auszeichnung Skandinaviens, des »Literaturpreises des Nordischen Rates« zeichnet sich durch ein umfassendes Werk aus. Unter seinen Publikationen finden sich Essays, Kurzgeschichten, Artikel sowie Bilder- und Kinderbücher. Außerdem war er Herausgeber der wichtigen norwegischen Literaturzeitschrift Vinduet. Berühmtheit erlangte Jan Kjærstad jedoch durch seine Romane, von denen seit 1982 zwölf erschienen sind. Seine Bücher sind vor allem eines: großartige Literatur. Und spannend. Wie in einem Krimi wird man durch Erzählungen geleitet, die einen immer auf das große Ziel hinzuführen – zu der Antwort auf die einfache Frage: Warum? Die Ausgangssituationen sind dabei genauso mannigfaltig wie die überwachsenen Denkpfade, die uns Jan Kjærstad dabei literarisch freischlägt.

      Auch wenn sich der Autor dem Begriff der Postmoderne verwehrt, so ist er brandaktuell in seinen Themen und virtuos in den Spielarten seiner Romane. Jan Bürger meinte dazu 2004 in Literaturen: »Im Laufe der Jahre hat sich Kjærstad Formen erschrieben, in denen die unterschiedlichsten Themen und Stilebenen wie Zahnräder ineinandergreifen.«

      2013 erschien im Septime Verlag der Roman Ich bin die Walker Brüder, 2016 Der König von Europa, ein Jahr danach Das Norman-Areal.

      2019, Norwegen ist zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse, erscheint sein neuster Roman Berge.

      Klappentext

      Oslo 1940 – am Vorabend der Deutschen Invasion in Norwegen. Der Beginn einer Familiensaga, deren treibende Kräfte sechs Frauen sind. Im Mittelpunkt stehen Rita Bohre und ihr Lebenswerk Femina erecta. Es handelt von der aufgerichteten Frau. Von Frauen, die immer aufs Neue aufstehen müssen.

      Agnes tritt eine Pilgerreise an. Rita führt Gespräche mit Fridtjof Nansen in seinem Turm in der Villa Polhøgda. Maud segelt auf einem Floß den Kongo-Fluss stromabwärts. Bjørg schreibt Gedichte in der psychiatrischen Klinik Gaustad. Laila arbeitet als Kabinenmädchen auf der MS Bergensfjord. Ingri wird die jüngste Ministerin in der Regierung.

      Etwa 2000 Jahre sind vergangen, und wir befinden uns in der Chinesischen Föderation. Durch eine gewaltige Katastrophe vor 1000 Jahren wurden alle gespeicherten Daten und Informationen vernichtet, doch weil Mitglieder der Long-Dynastie in vielen zentralen Positionen sitzen und diese Norwegen als ihre ursprüngliche Heimat betrachten, wurde eine von drei Frauen geleitete Gruppe mit der Aufgabe betraut, von den norwegischen Ahnen der Long-Dynastie zu erzählen, d. h. über das Geschlecht der Bohre aus der Zeit vor der ersten Emigrationswelle nach China.

      Jan Kjærstad zählt seit 40 Jahren zu den wichtigsten literarischen Stimmen Norwegens.

       Jan Kjærstad

      Femina erecta

      oder Der Pfad der Geschlechter

      Roman | Septime Verlag

      Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel

      Norwegen war ein Land am äußersten Rand jenes Kontinents, der Europa genannt wurde. Wer je die Halbinsel im Nordwesten Slawiens aus der Luft gesehen hat, wird sich gewiss schwer vorstellen können, dass diese Wildnis einst bevölkert war, dass es hier Städte gab sowie eine funktionierende Infrastruktur. Auf seinem Höhepunkt als Nation im 21. Jahrhundert soll das Land rund sieben Millionen Einwohner gezählt haben. Wir wissen nicht exakt, von wie vielen »Norwegerinnen und Norwegern« oder deren Nachfahren diese Landschaft heute bewohnt wird, jedoch können es kaum mehr als einige wenige Tausend sein. Sie werden als »der norwegische Stamm« bezeichnet, der sich zum Teil aus Krämerbarbaren zusammensetzt, die an der Randzone jener großen Einöde umherstreifen, die wir als Forum Europeum kennen, zum Teil aus Gruppen, deren Beschäftigung darin besteht, tagsüber die Erde zu durchwühlen und abends Kartoffelschnaps zu trinken.

      Dass »Norwegen«, genauer gesagt das Norwegen des 20. Jahrhunderts, dennoch als ein kleines, aber spannendes und anregendes Forschungsfeld angesehen werden kann, ist auf das Geschlecht der Bohre und dessen Verbindung zur Entstehung der Long-Dynastie zurückzuführen, und da die Long-Dynastie Norwegen als ihre ursprüngliche Heimat, ihre wōmen guójiā, betrachtet, mag dieses Land auch für alle anderen Angehörigen der Chinesischen Föderation von Interesse sein.

      Was die Kenntnisse über dieses geografische Gebiet in jener fernen Epoche anbelangt, tappte man lange im Dunkeln. Grund dafür war der Zusammenbruch der westlichen Zivilisation: Auf den Siebzigjährigen Krieg im 22. Jahrhundert folgte die Dunkelzeit, jene lange Phase des Verfalls, die im Punkt Y ihr Ende fand. Zu ein und derselben Zeit erreichte eine Reihe von Bedrohungen, von denen die Regierungskräfte geglaubt hatten, sie hätten sie unter Kontrolle, ihren kritischen Punkt – die Erde wurde von Überbevölkerung, Klimaverschlechterung, Nahrungsmittelmangel, Finanzchaos und Krieg heimgesucht (einem Krieg, in dem Bomben zum Einsatz kamen, welche die früheren Atomsprengköpfe wie konventionelle Waffen aussehen ließen), wobei schließlich auch Viren und Unfruchtbarkeit zu dieser Entwicklung beitrugen. Der drohende Untergang der Menschheit war nicht auf ein einzelnes Unglück zurückzuführen, sondern auf die Kombination aus diesen. Nach Eintritt dieser Katastrophe – die das Ende des Holozäns, ja, der ganzen Quartärzeit markiert – waren die meisten, um nicht zu sagen alle, Informationen vernichtet. Obwohl man an dem naiven Glauben festhielt, die vielen, tief in den Gewölben, Gebirgen und Gletschern angelegten Speicher und Archive seien auf ewig gesichert, war das kollektive Gedächtnis sozusagen gelöscht.

      Auch unser eigener Kontinent – der asiatische – wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Nach den lang anhaltenden globalen Kriegen des 22. Jahrhunderts kam es zum Zerfall der als China bezeichneten Nation, und es folgte eine Phase, die an die Zeit der Streitenden Reiche aus alten Tagen erinnerte. Erst im Fahrwasser von Punkt Y und der Massenausrottung, nachdem die Chinesische Föderation sich etablieren hatte können und die Hauptstadt aus dem Perlflussdelta in die historischen Gefilde um Chang’an verlegt worden war, entwickelte sich erneut ein Bedürfnis nach Erzählungen aus der Vergangenheit, einschließlich jener über unsere Wurzeln im Westen.

      Trotz des Informationsverlustes ist es Forschenden mit Hilfe aller erdenklichen Methoden gelungen, nach und nach einiges an verloren Geglaubtem aus der Zeit vor Punkt Y wiederzufinden, während von anderen wiederum der Versuch unternommen wurde, diese Informationen, oder Informationsbruchstücke, zu größeren Darstellungen zusammenzufügen. Aufgrund des gesteigerten Interesses an der Vorgeschichte der Long-Dynastie und ihren norwegischen Ahnen ist es kaum verwunderlich, dass dem Thema »Norwegen und das Geschlecht der Bohre« ein natürlicher Platz in diesen Bemühungen zufiel. Nach allem, was wir glauben, trat das Geschlecht