Jan Kjaerstad

Femina erecta


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jener Zeit, in den Ruinen des damaligen China, dass die Ansätze der Bohre-Geschichten Gestalt annahmen. Wie wir es uns vorstellen, wurden diese Geschichten von einer verhältnismäßig kleinen Gruppe von Menschen und vielleicht nur über eine begrenzte Anzahl an Generationen – die sich über 400–500 Jahre erstreckten – immer weitererzählt und zogen deshalb eine so breite Wirkung in der Zuhörerschaft nach sich, weil in dieser verwirrenden Übergangsphase ein großes Bedürfnis nach Berichten dieser Art herrschte. Wie die meisten vertreten wir die Theorie, dass diese Erzählungen bei der Entwicklung eine Rolle gespielt und auf irgendeine Art dazu beigetragen haben müssen, das Überleben der Longs zu sichern und ihre weitere Umgestaltung zu einer einflussreichen Dynastie zu ermöglichen, eine wichtige Voraussetzung dafür, dass im Anschluss an Punkt Y die Chinesische Föderation das Licht der Welt erblicken konnte.

      Eine eingehende Betrachtung der Geschichte des Bohre-Geschlechts in dem entscheidenden Jahrhundert vor der Emigration ihrer ersten Mitglieder nach China ist auch deshalb von besonderer Relevanz, weil wir wissen, welche Rolle die Long-Dynastie über mehr als tausend Jahre für die Stabilität und die Überlebensfähigkeit der Föderation gespielt hat, und uns zudem bekannt ist, dass die Dynastie, nicht zuletzt durch ihre weiblichen Repräsentantinnen, auch heute noch in so vielen zentralen politischen, ökonomischen und kulturellen Positionen vertreten ist.

      Unsere Methode ist die fiktionalisierte Geschichte, die in gewissem Maße als Weiterführung der klassischen xiāoshuō-Tradition betrachtet werden kann und Elemente beinhaltet, die der eher erkenntnisorientierten gùshi wén entnommen sind. Im Unterschied zur früheren Fachliteratur, die zur Ergebnisvermittlung der Geschichtsforschung herangezogen wurde, bedient die fiktionalisierte Geschichte sich des Einfühlungsvermögens. Zu einem großen Teil bauen wir auf den sogenannten Roman, ein Genre, das im 19., 20. und 21. Jahrhundert seine Hochblüte feierte. Nach dieser langen Blütezeit unterlagen diese Berichte jedoch immer mehr dem Zwang, sich nach kommerziellem Gewinn zu orientieren, was wiederum ein Hinüberkippen in emotionale Übertreibung und eine Zementierung unfruchtbarer Gebräuche bewirkte, wodurch sich der Roman, sowohl als Unterhaltungs- wie auch als Erkenntnisformat, am Ende selbst unterminierte. Als Folge dessen wurde ein knochentrockener Dokumentarismus betrieben, nebst verschiedenen kurzen, narzisstischen Hybriden, die durch die neuen Medien entstanden. Dann trat die Katastrophe ein und setzte dem allen ein Ende.

      Die Erzählform, die nunmehr in der fiktionalisierten Geschichte einen Wiederbelebungsversuch erfährt, lag demnach über viele Jahrhunderte brach, und es ist wahrscheinlich, dass einzelne ihrer Bausteine nicht länger anwendbar sein werden, wie etwa das sehr begrenzte Verständnis von Kausalität, das sich auf einer vergangenen Wissenschaft, nicht zuletzt einer Psychologie gründete, die sich zur damaligen Zeit noch immer in einer spekulativen, nahezu religiösen Phase befand. Heutzutage wäre es naheliegender, die Erkenntnisse der Metagenetik zu nutzen, beispielsweise »die Diagonalwirkung« oder »den narrativen Ballast«. Mehr als das alte Genre ist fiktionalisierte Geschichte auf das Mitdichten ausgerichtet, auf eine reale, von den Leserinnen und Lesern geleistete Denkarbeit, oder anders ausgedrückt: darauf, dass der Reflektion ebenso viel Raum zugemessen wird wie der Empfindung. Ziel ist es, größere zusammenhängende Bögen zu spannen bei etwas, das bis dahin lediglich aus Fragmenten bestand – sowohl aus solchen Fragmenten, die zeitlich weit voneinander entfernt liegen, als auch solchen, die den Anschein erwecken, inhaltlich wenig miteinander zu tun zu haben. Der Grund, weshalb die Fakultät sich dazu entschlossen hat, so viele Ressourcen darauf zu verwenden, die alte Tradition in modifizierter Form wiederzubeleben, besteht darin, neu aufleben zu lassen, was nach Punkt Y auf Antrieb von Repräsentanten der Long-Dynastie wiederentdeckt wurde und als die unschätzbare Funktion des Erzählens für das menschliche Leben bezeichnet werden kann: das qì des Erzählens. Fiktionalisierte Geschichte gründet sich auf der Überzeugung, dass den Erzählungen, in ihren besten Ausprägungen, etwas Unersetzbares innewohnt: Eine Kraft zu erklären, was anders nicht verstanden werden kann. So gesehen hat der Bericht über das Geschlecht der Bohre auch mit dem Bildungsgedanken zu tun, der stets ein Träger der chinesischen Kultur war.

      Die N20-Archive enthalten eine Reihe mehr oder weniger zuverlässiger Quellen. Einige davon haben in der frühen Version der Ōuzhōu-Gruppe Verwendung gefunden und waren eine wertvolle Inspiration. Zusätzlich konnten wir auf einem neuen Fund aufbauen, der kurzen, aber bedeutenden Chronik von »Little Green«. Wie es üblicherweise bei der »organischen Methode« gehandhabt wird, haben wir von der Fakultät eine Einschätzung vornehmen lassen bezüglich der Frage, inwieweit der bereits vorliegende erste Teil als Kern für eine Fortsetzung unserer Erzählung dienen könne, sowohl über Ereignisse, die zeitlich davor liegen, als auch über solche, die danach stattfanden, und nach erfolgter Genehmigung durchlief der nächste Erzählteil denselben Prozess.

      Unsere Hauptaufgabe bestand aus zwei Aspekten: Zum einen war es uns ein Anliegen, eine Korrektur des Berichts der Ōuzhōu-Gruppe vorzunehmen. Aus unserer Sicht sind die Personen aus dem Geschlecht der Bohre als weitaus interessanter einzustufen als früher angenommen. Zum anderen möchten wir einigen vorteilhaften Wesenszügen, Anlagen und Eigenschaften nachspüren, die wir bei vielen repräsentativen Gestalten der Long-Dynastie wiederfinden – Qualitäten, die von den Bohre nicht durch Gene weitergegeben wurden, sondern durch Erzählungen. Diese »emblematischen Geschichten« wurden in der ersten, kritischen Phase der Dynastie so oft erzählt, dass dadurch die Nachkommen geprägt wurden – vergleichbar dem Begriff des »narrativen Ballasts«.

      Wir sind drei Frauen, die das neue Team leiten, das von der Fakultät die Nuówēi-Gruppe genannt wird, und wir gestehen ohne zu zögern, nie zuvor hat eine Forschungsarbeit uns ein solches Vergnügen bereitet wie die hier vorliegende. Das Material erwies sich als überraschend reichhaltig, und besonders die weiblichen Mitglieder der Bohre-Familie bargen Geschichten, die viele jener Eigenheiten beleuchten, die wir bei den ersten zentralen Gestalten der Long-Dynastie wiederfinden.

      Außerdem möchten wir hinzufügen, dass wir noch ein untergeordnetes Ziel verfolgten: ein wenig von dem kleinen, merkwürdigen Land Norwegen – von vor über zweitausend Jahren – wiederzuerschaffen, von einem Volk, von dem wenige heute überhaupt etwas wissen, und von einer Zeit, die unserer eigenen sowohl ähnlich als auch sehr unähnlich ist. In diesem Zusammenhang werden wir auch andeuten, was die Ursachen dafür gewesen sein mochten, weshalb Norwegen als Nation dem Verfall erlag und am Ende völlig ausgelöscht wurde.

      An Xue, Cui Xiaofen und Zong Meifeng

      Weinan Y-1040

      I

      DER PERSISCHE BLICK

      Selbstverständlich haben wir auch andere Anfänge in Erwägung gezogen, aber wir beginnen hier, bei der geselligen Zusammenkunft, die sich zu einen Punkt hin entwickelte, an dem Rita Bohre die Lust überkam, das Toledo-Schwert von seinem Platz über dem Kamin herunterzuholen – nicht weil sie jemanden damit erstechen wollte, sondern weil die männlichen Gäste sich wie kleine Jungen benahmen und die Breitseite der Klinge sich dazu verwenden ließe, ihnen gründlich den Hintern zu versohlen.

      Eigentlich hatte alles ganz gut begonnen. Sie hatte die Blumen selbst gekauft. In früheren Jahren hatte sie zur Vorbereitung dieser vielgepriesenen Abende Hilfe angeheuert, doch dieses Jahr waren sie nur wenige – allerdings wurde ja auch kein runder Geburtstag gefeiert. Sie hatte Dagny dafür gewinnen können, ihr zur Hand zu gehen, und sie wollte dieselben Gerichte servieren wie immer, ein Ritual; alle wussten, was auf dem Speiseplan stand. Die Hälfte der Tulpen arrangierte sie in einer Kristallvase in der Tischmitte. Sie hatte die Blumen in Vika gekauft, sie hatte sowieso in die Stadt fahren müssen, da sie hier draußen bei weitem nicht alles bekam, was sie brauchte. Es war schon seltsam, wenn man sich vorstellte, dass Tulpenzwiebeln von ungeheurem Wert waren, als sie das erste Mal nach Nordeuropa kamen. Und jetzt, an einem Apriltag 1940, ging man einfach in einen Laden und suchte sich so viele aus, wie man haben wollte, ohne dass sie allzu viel kosteten.

      Die Zeit.

      Früher an diesem Tag, auf dem Nachhauseweg, war sie aus dem Zug gestiegen und langsam den Bahnsteig entlangspaziert, hätte bald dem Stationsgebäude zugenickt wie einem alten Freund, einem, mit dem man Erinnerungen teilt. Sie hatte viele prangende Bahnhofsgebäude in ganz Europa gesehen, war einmal sogar an der Endstation des Orient-Express am Bahnhof Sirkeci in Istanbul ausgestiegen