Jan Kjaerstad

Femina erecta


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burgunderrote Kleid, der Stoff, dein Haar, lassen mich an ein Porträt von John Singer Sargent denken.« Sie musste ihn fast zur Seite schieben, auch wegen eines auffallend starken Dufts: »Du hast zu viel Kunstgeschichte gelesen, Max.« Was ihn eigentlich faszinierte, dachte sie bei sich, war ihr großzügiger Ausschnitt, und sonst nichts. Sogar wenn er ihr in die Augen sah, gelang es ihm nie ganz, die Lust zu verbergen, seinen Blick in die Kluft zwischen ihren Brüsten hinabzusenken, ein Abgrund, der ihn schon in seiner Jugend schwindlig gemacht hatte. Bevor sie zu Tisch gegangen waren, hatte er sich, wieder mit diesem zweigeteilten Blick, über ihre Karriere unterhalten wollen. Ob sie vorankomme? »Höher hinauf«, dachte sie, das war es, was er damit meinte. Aber sie war sich nicht mehr sicher. Wusste er von der Professur, von der Anstellung, die ihr durch die Lappen gegangen war?

      An diesem Abend wollte Max sich eindeutig von seiner besten Seite zeigen, seiner witzigen, Oscar-Wilde-artigen Seite. Darüber war sie froh. Aber er war hinterlistig. Sie hatte schon immer gedacht, dass ihm irgendein wichtiges Organ fehlte. Und jetzt unterhielt er sich angeregt mit der gutherzigen Ragnhild. Sollte Rita sie warnen?

      Nicht den Optimismus verlieren! Der Hauptgang wurde an den Tisch gebracht. Ente. Immer Ente. Als Gewürze dienten nicht nur Salz und Pfeffer, sondern auch ein wenig gemahlener Kardamom. Dazu eingemachte Äpfel und Kürbis. Honigsoße. Sie brachte einen neuen Toast aus, auf die Familie und Freunde. Es sollte ein denkwürdiger Abend werden. Ein salonartiger Abend, knisternd vor intelligenten Kommentaren. Zwangloses Geplauder, dessen Unterbau die Weltgeschichte bilden sollte und die Lehren, die es daraus zu ziehen galt, nicht zuletzt unter Berücksichtigung der angespannten Lage, die außerhalb der Wohnzimmerfenster herrschte. Doch als Albert sich im weiteren Verlauf des Mahls räusperte, entstand allmählich ein Missklang. Rita war aufgefallen, dass er bei seiner Ankunft leicht verärgert gewirkt hatte, vielleicht weil seine Frau und sein aufmüpfiger Sohn nicht mitgekommen waren. Darüber konnte Rita allerdings nur froh sein, sie pflegte ein angestrengtes Verhältnis zu Constance, oder dem »Dreißigjährigen Krieg«, wie Albert sie nannte. Nun aber räusperte er sich und sagte, die Ente sei zu trocken, warf die Bemerkung einfach so hin, wie nebenbei, aber trotzdem laut genug, dass alle sie hörten, die Ente sei ein bisschen trocken, zum Teufel auch, er hätte ein paar erstklassige Filetsteaks mitbringen können, wieso sie ihm nicht einfach Bescheid gesagt habe; Rita ließ sich nichts anmerken, nicht einmal, als Ragnhild ihrem Vater einen vorwurfsvollen Blick zuwarf und anmerkte, die Ente schmecke ganz vorzüglich; Rita tat, als ob nichts wäre, eigentlich war Essen für sie eine Nebensächlichkeit, sie hätte überhaupt nichts zu essen servieren müssen, eigentlich interessierte sie sich gar nicht dafür; obwohl sie eine Frau war, war ihr die Kocherei immer lästig gewesen, sie hatte nur getan, was zu tun war, damit die drei Kinder bekamen, was sie brauchten; die Essenszubereitung war eine notwendige, aber unbedeutende Tätigkeit, trotzdem ärgerte es sie, dass ihr Bruder so über die Ente hatte sprechen müssen, denn die Ente war trocken, nicht einmal die Soße konnte etwas dagegen ausrichten.

      Es wäre verlockend gewesen, mit einer spitzen Bemerkung zu kontern, und sie war beinahe dankbar, als Sigurd erneut die Spannungen auf dem Kontinent zur Sprache brachte, woraufhin Max vorsichtig andeutete, die Ansprüche der Deutschen seien wohl nicht ganz ungerechtfertigt. »Kein Wunder, dass sie sauer sind«, bemerkte Sigurd, »so, wie sie 1918 von den Siegermächten beraubt wurden. Der sogenannte Frieden von Versailles hat sie ja finanziell komplett ruiniert. Was konnte der Rest von Europa da schon erwarten? Dass die Deutschen, völlig gedemütigt, nur herumsitzen würden und das einfach so hinnehmen?«

      »Hier in Norwegen wird es keinen Krieg geben«, wiederholte Harald. »Seit 126 Jahren ist auf norwegischem Boden nicht gekämpft worden, wir kommen auch diesmal davon. Und die Ente war tadellos, Mutter.«

      Natürlich werde es Krieg geben, stellte Sigurd fest und leerte sein Glas. Was Harald denn glaube, wie lange die Deutschen noch zuwarten würden, um sich den Hafen von Narvik zu sichern? Die Briten und Franzosen könnten die Gewässer jederzeit mit Minen auslegen.

      Oder bei uns einfallen, warf Max ein. Harald verdrehte die Augen.

      Sigurd hielt einen hitzigen Vortrag über die Abhängigkeit der deutschen Kriegsindustrie von schwedischem Eisenerz und den Bedarf der deutschen Marine an Basen in norwegischen Fjorden, mit denen sie einen möglichst großen Teil der Nordsee unter ihre Kontrolle bringen könnten.

      Der Onkel klatschte leise. »Ein Historiker«, murmelte er. »Wie seine Mutter.«

      Wenn der Krieg wirklich komme, sei es ihre moralische Pflicht, nicht zu den Waffen zu greifen, sagte Harald und beugte sich vor, um nach der Weinflasche zu greifen, die ihm am nächsten stand. Abgesehen davon sei man ohnehin machtlos. Die norwegische Verteidigung sei null wert. Das wisse Sigurd genauso gut wie er selbst. Beide hätten sie diese Farce mitgemacht, die unter dem Namen Wehrpflicht firmiere, sie könnten im besten Fall ihre Stiefel blank putzen.

      »Noch Wein, Maud?«, fragte Rita. »Nein, danke.« Mauds Glas war allerdings auch noch halbvoll. »Ragnhild?« »Ich habe noch, danke«, lächelte sie. Bescheiden, die jungen Damen, oder vorsichtig, im Gegensatz zu den Herren und den Jungs; es sollte umgekehrt sein, dachte sie, die Frauen sollten Wein trinken und dabei Reden schwingen, laut und bombastisch, während die Herren zuhörten, nüchtern und zurückhaltend, warum lief es nie so ab?

      Doch dann mischte Maud sich ins Gespräch ein: »Nur wir Frauen können den Krieg stoppen«, sagte sie und machte eine Pause, ehe sie fortfuhr: »Indem wir Männern den Zugang zu unseren Geschlechtsteilen verweigern. Wie Lysistrata.« Rita lächelte überrascht, während Sigurd und Harald peinlich berührt wirkten, ihre Freundin so unverblümt sprechen zu hören.

      Auch Ragnhild ergriff unerwartet das Wort: »Habt ihr von Ghandi gehört, diesem seltsamen Inder?« Auf diese Frage seiner Tochter hin rümpfte Albert die Nase, so als wäre Ghandi ein genauso lächerliches Wort wie Lysistrata. »Er hat gegen die Kolonialherren gekämpft, und das ohne Gewaltanwendung«, fuhr Ragnhild fort. »Im Zusammenhang mit dem, was man den Salzmarsch genannt hat, sahen sich die Briten gezwungen, 60.000 Inder zu verhaften.«

      »Das wäre wirklich mal was«, sagte Harald mit einem zustimmenden Nicken.

      Sigurd rückte auf seinem Stuhl herum, wie um seine Verständnislosigkeit darüber auszudrücken, wie auch nur irgendjemand diesen wirklichkeitsfernen Unsinn ernst nehmen könne.

      »Ja, das wäre ein Anblick«, sagte der Onkel. »Harald, der vor den Panzern auf der Svinesundbrücke steht, eingewickelt in ein weißes Tuch aus dem Theatercaféen.«

      »Und zum Zeichen des Friedens mit einer Serviette wedelt«, stimmte Sigurd ein.

      »Du warst schon immer ein verdammter Kriegstreiber!«, rief Harald. Als spräche er gewissermaßen nur zu Ragnhild und Maud, begann er davon zu erzählen, wie Sigurd als kleiner Junge ein riesiges Modell der Skagerrakschlacht gebastelt hatte, der größten Seeschlacht des letzten Krieges, wie er kleine Boote auf einer gigantischen, gezeichneten Karte der Nordsee hin und her geschoben hatte. »Er war so vertieft in dieses Spiel, dass ihm der Sabber runterrann. Er hätte Admiral werden sollen!«

      »Du bist ein Träumer, Harald. Lass den Krieg nur kommen, sage ich.« Sigurd war so erregt, dass er halb aufgestanden war. »Es wird Zeit, dass endlich einmal etwas passiert in diesem verflucht sicheren Land. Sehnst du dich denn nicht danach, etwas Heldenmutiges zu vollbringen?«

      »Jedenfalls nicht in einem Krieg«, sagte Harald.

      »Na, na, nicht so laut«, sagte Rita. »Sigurd, nimm noch von der Ente. Und du, Harald, reich mir die Schüssel mit den eingelegten Äpfeln.« Plötzlich wurde sie gewahr, dass zwischen den beiden Brüdern etwas war, dass da etwas verborgen lag und dieser Streit über Krieg oder nicht Krieg, ihre Versuche, sich gegenseitig lächerlich zu machen, lediglich als Tarnung dienten für etwas anderes, für einen tiefer sitzenden, ernsten Konflikt. Ging es um Maud? Wieso hatte sie ausgerechnet das über Lysistrata gesagt? Schon bei der Ankunft der Gäste in der Villa hatte Rita einen kurzen Einblick bekommen. Anstatt direkt ins Wohnzimmer zu gehen, hatte Harald versucht, Maud über die Treppe ins Obergeschoss hinaufzuziehen. »Wir müssen darüber reden«, glaubte Rita, ihn sagen gehört zu haben, mit einem Flüstern, aus dem sie Verzweiflung herausgehört hatte; er hatte Maud am Handgelenk gepackt, doch sie hatte jähzornig ihren Arm