Jan Kjaerstad

Femina erecta


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was die Gemüter zum Abkühlen bringen könnte, und ihr fiel ein, dass sie neulich Halvdan Koht im Fjellveien getroffen hatte, sie hatte es nie für etwas Besonderes gehalten, beim Spazierengehen dem Außenminister über den Weg zu laufen, ihre gesamte Kindheit hindurch war sie es gewohnt gewesen, Personen, die von vielen als Vorbilder und Helden angesehen wurden, oder die immerhin wichtig oder berühmt waren, zu grüßen und Gespräche mit ihnen zu führen, und jetzt erzählte sie ihren Gästen von ihrer Begegnung mit Außenminister Koht, der gesagt habe, er glaube nicht, dass Norwegen in den Krieg hineingezogen werde. »Das Beste, was wir tun können«, hatte er gesagt, »ist, darauf zu achten, dass unsere Neutralität nicht von anderen Nationen verletzt wird.«

      Das brachte Sigurd nur noch mehr auf die Palme, er nannte Koht einen blauäugigen Antimilitaristen. Rita hörte kaum noch zu, saß da und starrte auf das glühende Walnussholz der Anrichte, auf dessen verborgenes Muster. Auch die anderen mischten sich jetzt ein, sprachen über Koht und England und die von Deutschland ausgehende Kriegsgefahr, die von allen unterschätzt werde, Rita spürte, wie ihr schwindlig wurde bei dem Gerede, das heißt, die Männer waren es, die redeten, sich gegenseitig das Wort redeten, über das deutsche Schiff Altmark, über den Jøssingfjord, irgendwas über Finnland, über Churchill, über Hambro, sollte nicht er das Land regieren anstatt Nygaardsvold und blablabla. Der Inhalt verschwand vor ihr. Am Ende fing sie nur noch einzelne Wörter auf, Phrasen … Norwegen … Ehre … unsere verdammte PFLICHT … Eidsvoll, verflucht noch eins … der König … die Deutschen sind unsere Freunde … Gewissen … bevor Sigurd schließlich sagte, es sei eine Schande, sie müssten etwas tun, es könne sich nur mehr um Tage handeln, bis die Deutschen vor der Tür stünden, sie sollten sich bereitmachen, sollten schon jetzt in den Wald aufbrechen, rauf zu Mauds Hütte, dieser Krieg, ob sie es wollten oder nicht, werde hierherkommen, Hitlers Appetit auf Land sei noch nicht gestillt, jetzt sei Norwegen an der Reihe.

      Die Stimmung, der ganze Abend, stand im Begriff, sich anders zu entwickeln, als Rita gehofft hatte. Sie starrte auf das halbe Stück trockenen, ja, zu trockenen Entenfleischs, das noch auf ihrem Teller lag, und suchte nach etwas anderem, worüber man sich unterhalten konnte, während Max eine Vorlesung über deutsche Geschichte hielt, über England und Frankreich, über Russland, gepaart mit Kunstgeschichte. Seine Sympathie für das Deutsche schimmerte hindurch, und Rita fiel wieder ein, dass er kürzlich erst eine Chronik über »eine neue Renaissance für Deutschland« geschrieben hatte, irgendetwas in der Art. Albert sagte etwas über Krupp, über die deutsche Industrie, pflichtete seinem Freund bei, Harald brachte Einwände vor, auch Sigurd meldete sich wieder zu Wort, worauf sie erneut zu streiten anfingen. Rita hörte nicht mehr zu, gab Dagny ein Zeichen, die gerade die Teller hinauszutragen begann.

      »Trotzdem verstehe ich nicht, wie die Deutschen, mit ihrer reichen Geistestradition, einem Scharlatan und Rüpel wie Hitler auf den Leim gehen können.« Wieder war es Maud, ihre klare, angenehme Stimme.

      Rita ertappte sich bei einem anerkennenden Nicken, und während sie die glänzenden Dessertteller aufdeckte, sah sie die Gelegenheit gekommen, auf die schonungslosen Artikel über das dämonische Element im deutschen Nationalsozialismus zu sprechen zu kommen, die Konrad in den letzten Jahren für die Zeitung verfasst hatte. Worauf die Menschen hereinfielen, hatte er geschrieben, und was bei so vielen Menschen Sympathie für Hitler wecke, sei seine Fähigkeit, Politik in Ästhetik zu verwandeln. Er habe es geschafft, die ganze deutsche Gesellschaft in ein Theater umzugestalten. Man schaue sich bloß die erschreckenden Parteiversammlungen in Nürnberg an!

      Max beäugte sie missbilligend, nicht so sehr in Hinblick auf ihre Argumentation, als vielmehr, weil sie den Namen Konrad Steen erwähnt hatte. Er faselte irgendetwas von wegen, wie sehr der deutsche Blitzkrieg ihn in seinen Bann gezogen habe. Polen! Was für eine Effektivität! Müsse man da nicht zumindest ein bisschen beeindruckt sein von den Deutschen?

      Was ist das nur mit den Männern, dachte Rita, während sie das Silbertablett mit dem Karamellpudding so auf dem Tisch abstellte, dass Ragnhild sich als Erste bedienen konnte: Diese jungenhafte Begeisterung für Technologie und Strategie, die sie zu einem völligen Außerachtlassen der daraus resultierenden Folgen befähigte: die Tausenden und Abertausenden von Leichen, junge Männer – Männer wie Sigurd und Harald –, die im Schlamm begraben lagen.

      »Noch jemand Wein?«, fragte Rita. Sie hatte einen Sauternes servieren wollen, aber schlicht und einfach vergessen, einen zu besorgen.

      Sie sollte zur Gegenrede ansetzen. Obwohl sie am liebsten über etwas anderes geredet hätte. Egal worüber, nur eben etwas anderes. Über die Krokusse, die an der Hauswand entlang auftauchten. Über Johann Sebastian Bach. Trotzdem. Niemand an diesem Tisch wusste mehr über Geschichte als sie. Sie musste etwas sagen. Die Perspektive umkehren. Doch sie blieb einfach nur sitzen und hörte zu, nippte von ihrem Getränk, als säße sie im Publikum bei einer Veranstaltung, und ließ sich blenden, genau wie die Frauen zu allen Zeiten, ließ sich blenden von diesen Männern, von ihren Argumentationsreihen, die sich gewiss auf lange Zeitungsartikel gründeten oder auf Bücher, die sie gelesen hatten. Zudem war sie keine geschickte Rednerin – hatte sie vielleicht deshalb die Stelle nicht bekommen? Doch dann, als sie den Geschmack von Dagnys Karamellpudding genoss, oder wenigstens zu genießen versuchte, kam ihr der Verdacht, dass diese vier redseligen Männer weniger wussten, als sie zu wissen vorgaben, viel weniger, oder dass das, was sie hier darlegten, eigentlich ein Ausdruck von Gefühlen war, verkleidet in vernünftige Rhetorik. Und sie erkannte hinter all dem, dass dieser ganze Wortwechsel lediglich Konversation war, etwas, das sie auf dieselbe Weise genossen wie die Zigaretten, die sie in den Händen hielten. Es waren nur Worte, etwas, womit man focht, womit man Status herstellte. Selbst Sigurd befürchtete eigentlich keine deutsche Invasion, er flirtete bloß mit der Angst.

      Flirtete mit Maud.

      Nachdem sie sich ins Wohnzimmer begeben hatten, wurde die Diskussion bei Kaffee und Cognac fortgeführt. Da sie nicht allzu viele waren, konnten sie in einem weiten Halbkreis um den großen Kamin sitzen, die Beine auf einem der Isfahan-Teppiche. Die Jungs hatten wieder links und rechts neben Maud Platz genommen. Rita saß in ihrem großen, mit safranfarbenem Stoff bezogenen Ohrensessel, dessen Muster aus Tigern und Elefanten bestand. Pfauenthron, so nannten ihn die Jungs. Für Rita war es einfach ein Nachdenksessel. Über dem Kamin hing eines der wenigen Dinge, die Ritas und Alberts Vater hinterlassen hatte: ein Schwert, iberischer Stahl, »ein Souvenir aus meiner Heimatstadt Toledo«, wie er erklärt hatte. An den Wänden um sie herum hingen Gemälde von Erik Werenskiold und Eilif Peterssen, einige Zeichnungen von Munthe, sogar eine von Nansens Skizzen. Geschenke an ihre Mutter. In demselben Sessel, in dem Rita jetzt saß, war auch ihre Mutter gegen Ende ihres Lebens gesessen und hatte mit den Männern Hof gehalten, die nie aufgehört hatten, für sie zu schwärmen. Auch jüngere Männer.

      In dem Wissen, dass in unserer bisherigen Darstellung Namen erwähnt wurden, die den meisten Leserinnen und Lesern unbekannt sein dürften, möchten wir die besonders Neugierigen auf ein Werk aufmerksam machen, das als eine Pionierarbeit angesehen werden kann bei der Erforschung einer Nation, die praktisch aus dem Weltgedächtnis ausradiert wurde, die wir jedoch, unter Anwendung der fiktionalisierten Geschichte, fragmentarisch wiederherzustellen versuchen: Archäologie der Namen. Tausend vermutlich zentrale Personen im Norwegen des 20. Jahrhunderts von Yang Anyi (Xianxiang Y-1032).

      Aus den Augenwinkeln sah Rita, wie Albert Dagny betatschte, als diese mit der Kaffeekanne und einem Tablett mit Konfekt die Runde machte. Als Max Ragnhild etwas anvertraute, befanden sich seine Lippen viel zu nah an ihrem Ohr. Diese Männer interessierten sich für eine andere Sorte Konfekt als die, die man in der Freia-Schokoladen-Boutique zu kaufen bekam. Rita trank, spürte die betäubende Wirkung des Alkohols, hatte jedoch nichts dagegen. Sie hörte dem Wortkrieg der Jungs zu, der in einem Ton gehalten war, der nicht mit der Bildung zusammenstimmte, die dieses Wohnzimmer, diese Villa, dieser Stadtteil, Lysaker, repräsentierten. Höchste Zeit, etwas beizusteuern, die Diskussion auf ein höheres Niveau zu heben, die richtungsweisenden Linien zu präsentieren. »Die Deutschen und Hitler hätten aus der Geschichte lernen sollen, dass man die Außengrenzen besser in Frieden lässt«, sagte sie ruhig und drehte den Fuß ihres Glases. Plötzlich waren alle Blicke auf sie gerichtet. »Denkt zurück an den Krieg zwischen den Griechen und dem Perserreich. Sowohl Dareios als auch Xerxes waren bedeutende Staatsmänner, aber beide erlitten Niederlagen, als sie den Krieg