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Wortbildung im Deutschen


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werden sollten. Insbesondere beim Progressiv zeigen sich abermals parallel sowohl substantivische als auch verbale Merkmale. So bemerkt etwa van Pottelberge (2009: 369), dass neben den von ihm angeführten, seltenen Verwendungen eines Objektsgenitivs wie in

      Denn während eine Gruppe noch am Entladen des mit verschiedenen Utensilien beladenen Kleinlasters ist (Beispiel nach ibd.)

      sowohl in der geschriebenen als auch in der gesprochenen Sprache weit häufiger die von ihm als „substantivierte Infinitivphrasen“ (ibd.) bezeichneten Konstruktionen zu beobachten sind, die verschiedene Objekttypen sowie auch Adverbiale aufweisen:

      Am Arbeiten war er und am Olympische-Spiele-Schauen (Beispiel nach ibd.)

      Und vielleicht ist er genau nach diesem „guten alten Stück“ seit Jahren am Suchen. (Beispiel nach ibd.: 371)

      Tatsächlich zeigt sich hier kein struktureller Unterschied zu den im Vorigen angeführten Beispielen: „Die am-Phrase ist nicht fest mit dem VerbVerb sein verbunden, sondern bildet eine eigenständige morphologische Einheit […]“ (ibd.: 367). Offensichtlich verhält sich der Progressiv incl. seiner Parallelkonstruktionen mit beim oder im (cf. ibd.: 364–366) völlig analog zu den anderen hier behandelten Infinitivkonstruktionen und kann hier mit subsumiert werden.

      Absentiv-Konstruktionen weisen im Gegensatz zum Progressiv zwar keinen Artikel auf und stehen in einer Position, die man entweder als prädikativ oder sonst als verbale Konstituente auffassen kann. Dennoch sind auch hier Ähnlichkeiten unverkennbar, cf. etwa die folgenden beiden Belege:

       Heute vormittag waren wir auch noch kurz Pilze fürs Mittagessen sammeln und es gab soooo viele :o

      vs.

       beim Pilzesammeln für den privaten Bedarf

      Schließlich könnte man im gegebenen Zusammenhang möglicherweise auch die sog. „Sternchen-Formen“ mit berücksichtigen, wie sie Pankow (2003: 104) beschreibt und wie sie durch die folgenden Belege (Beispiele nach ibd.) illustriert werden:

       *mitdenfüßennachderfernbedienungfisch*

       *schweißvonderstirnwisch*

      Hier findet sich zwar weder ein Artikel noch eine Infinitivendung, aber es zeigen sich linksattribuierte Objekte und Adverbiale in einer trotz mangelnder Finitheit eindeutig verbalen Konstruktion.

      Aber abgesehen von solchen zusätzlichen Problemfällen: Was hat es mit den im Vorigen beschriebenen Konstruktionstypen auf sich?

      4 Infinite Verbalformen im DeutschenDeutsch

      Um eine fundiertere Hypothese darüber aufstellen zu können, ob Formen des bisher beschriebenen Konstruktionstyps als infinite Verbformen anzusehen sind oder der WortbildungWortbildung zugeordnet werden müssen, soll zunächst noch einmal kurz der Bestand der infiniten Verbformen im DeutschenDeutsch betrachtet sowie die Definition dessen, was (In)Finitheit ausmacht, ins Gedächtnis gerufen werden.

      Grundsätzlich wird eine infinite Verbform normalerweise dadurch definiert, dass sie keine Personalendung aufweist.1Infinitiv Da nicht alle Sprachen über morphologische Markierungen am VerbVerb und damit über Personalendungen verfügen, ist dies natürlich keine völlig befriedigende Definition, denn für isolierenden Sprachen – die Bisang (2001: 1408) eben wegen der fehlenden morphologischen Markierungen am Verb als „non-finite languages“ bezeichnet – ist es kaum möglich, diese Definition anzuwenden. Aber die Unterteilung in finite und infinite Verbformen ist auch bei „finiten“ Sprachen, also flektierenden und agglutinierenden, aus verschiedenen Gründen nicht unproblematisch (cf. hierzu ausführlicher Hentschel 2009). Daher greift man für die Definition meist auf syntaktische Kriterien zurück, wie sie im Grunde dann wiederum auch in isolierenden Sprachen anwendbar wären: Ein Verb wird als finit angesehen, wenn es das Prädikat eines nicht abhängigen Satzes bildet (cf. Koptjevskaja-Tamm 1994: 1245). Damit ist selbstverständlich nicht gesagt, dass Prädikate von Nebensätzen notwendig infinit sind. Ob sie das sind, muss jeweils im Einzelnen anhand von Eigenschaften überprüft werden, die für finite Verben konstituierend sind: dem Vorhandensein von Tempus-, Aspekt- und Modusmarkierungen (TAM), ferner einem Subjekt, das explizit geäußert werden kann, sowie der Kongruenz des Verbs mit diesem Subjekt (cf. z.B. Givón 2001: 25). Verbformen, die wie beispielsweise schnurrt in Die Katze schnurrt all diese Eigenschaften aufweisen, können als prototypische Vertreter der Kategorie „finites Verb“ angesehen werden. Das Gegenstück dazu, die prototypische infinite Verbform, wäre hingegen ein Verb, das keine einzige dieser Eigenschaften mehr aufweist und daher zu einem Mitglied der Wortklasse Substantiv geworden ist. Typischerweise ist das der Fall bei Formen, die durch WortbildungWortbildung aus einem Verb hervorgegangen ist, und ein Beispiel hierfür läge etwa in Untersuchung vor. Das ursprünglich zugrundeliegende Verb untersuchen hat im Ergebnis der Wortbildung sämtliche Merkmale der Finitheit verloren, es ist im Hinblick auf TAM unbestimmt, kann kein Prädikat bilden und auch weder Subjekte noch Objekte an sich binden. Dafür weist die so entstandene neue Form nunmehr nominale Eigenschaften auf und kann z.B. mit Determinatoren wie dem Artikel verwendet werden (cf. hierzu Givon 2001: 353).

      Formen wie schnurrt und Untersuchung sind prototypische Vertreter der jeweiligen Kategorie, aber sie bilden nur die beiden Endpunkte einer Skala, und das Spektrum der Möglichkeiten zwischen diesen beiden Extremen ist groß. So ist der Konjunktiv der indirekten Rede zwar eine finite Form, die Subjektkongruenz und TAM aufweist, aber hier überlagert der Modus das Tempus so stark, dass diese ansonsten grundlegende Kategorie des VerbsVerb partiell außer Kraft gesetzt wird und es keinen temporalen Bedeutungsunterschied zwischen Präsens- und Präteriumsformen mehr gibt (cf. Sie sagte, sie habe Hunger vs. Sie sagte, sie hätte Hunger). Man kann darin durchaus so etwas wie einen ersten Schritt in Richtung Infinitheit sehen. Sehr viel näher an diesem Ziel sind aber natürlich Verbformen wie InfinitiveInfinitiv, Partizipien oder der sog. Inflektiv (auch als Lexeminterjektion oder gelegentlich als „Erikativ“2Referenz bezeichnet).

      Inflektive wie seufz oder grins stellen im DeutschenDeutsch insofern eine Besonderheit dar, als sie keinerlei morphologische Markierungen tragen: Sie bestehen aus der nackten, endungslosen Verbwurzel. Sie lassen – ebenso wie alle anderen infiniten Verbformen auch – kein explizites Subjekt zu, wohl aber Objekte und Adverbiale, wie für bestimmte Formen von Chat typische sog. Sternchenformen wie *schweißvonderstirnwisch* (Pankow 2003: 104) deutlich machen. Demgegenüber sind InfinitiveInfinitiv und Partizipien, die man wohl als erste Beispiele für infinite Verbformen anführen würde, morphologisch stark markiert, da neben dem für alle diese Formen obligatorischen suffigalen auch einen präfigalen Bestandteil auftreten kann. Letzteres ist bei Partizipien der Fall (cf. z.B. gesprungen), von denen das deutsche zwei Typen kennt, die meist entweder nummeriert oder mit Tempusbezeichnungen als „Partizip Präsens“ und „Partizip Perfekt“ bezeichnet werden. Partizipien können typischerweise keine absoluten, sondern nur relative Tempora ausdrücken, im vorliegenden Fall also einmal Gleichzeitigkeit (Partizip Präsens), einmal Vorzeitigkeit (Partizip Perfekt; cf. hierzu ausführlicher Velupillai/Hentschel 2009). Obgleich sich die beiden Partizipien des Deutschen von Partizipien desselben Typs in anderen indogermanischen Sprachen nicht grundlegend unterscheiden, finden sich große Unterschiede in der Auffassung, wie diese Formen einzuordnen sind: In der deutschen Grammatikschreibung werden die Partizipien des Präsens teilweise nicht als Verbform, sondern als „durch WortbildungWortbildung als VerbenVerb entstandene Adjektive“ (Zifonun et al. 1997: 2205f.) aufgefasst. Allerdings ist die zur Begründung für diese Zuordnung angeführte Tatsache, dass Präsenspartizipien „nie als Teile periphrastischer Verbformen“ (ibd.) Verwendung finden, keine Besonderheit des Deutschen, denn auch das Englische, Französische, Russische oder das Lateinische – um nur einige Beispiele zu nennen – setzen ihre Präsenspartizipien nicht zur Bildung analytischer Verbformen ein.3Gerundium Wenn man diese Einschränkung ernst nimmt, wäre folglich zu überlegen, ob man die Grenze zwischen Verbform und Wortbildung nicht grundsätzlich neu ziehen müsste. Dies führt zu sehr weitreichenden Folgen, denn man müsste dann auch die Infinitive vieler Sprachen sowie auch die zahlreichen KonverbenKonverb, die in agglutinierenden Sprachen zu beobachten sind, neu als