Peter Urban

Marattha König Zweier Welten Teil 2


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sich in nur wenigen Stunden eine Peritonitis. Arthur konnte nicht viel mehr tun, als die Hand des Freundes zu halten und darüber nachzudenken, wie sinnlos dieser Tod doch war.

      Am 23. Dezember 1798 starb Henry Ashton. Er hinterließ Wesley das Kommando über die Armee des Nizam und Diomed, seinen schönen hellgrauen Araberhengst. Doch Arthur konnte sich weder über das eine noch über das andere freuen: Mit Henry und dessen guter Laune und Unbekümmertheit war auch ein Teil seiner eigenen Jugend gestorben. Doch der Nizam nahm keine Rücksicht auf den Gemütszustand eines britischen Obersten. Darum blieb ihm nicht viel übrig, als sich in seine neue Verantwortung zu fügen und das Beste aus dieser traurigen Situation zu machen. Das 33. Regiment erhielt Befehl, von

      Wallalabad nach Arnee zu marschieren. Zusammen mit Sir John Sherbrooke und dem Regiment kam auch Charlotte an die Grenze des Bramahal und tat das ihre, um Arthurs trübe Gedanken zu vertreiben, die sich nach Ashtons Tod eingeschlichen hatten.

      Nach dem Zwischenfall um Ashton und Baird war Henry Wellesley umgehend nach Kalkutta geeilt, um den Generalgouverneur darüber zu informieren, dass das Expeditionskorps gegen Tippu einsatzbereit war.

      Richard Lord Morningtons Miene hellte sich schlagartig auf, als sein Bruder und Privatsekretär ihm eine Zusammenfassung der nachrichtendienstlichen Informationen über Mysore auf den Tisch legte. Er hatte seine Wahl längst getroffen, doch gegenüber der Krone und dem Aufsichtsrat der Ostindischen Kompanie war es immer besser, ein schlagendes Argument in der Hand zu halten, wollte man sich großer finanzieller Mittel bedienen. Der Krieg gegen Tippu war sein erster Schritt, einen Plan umzusetzen, an dem er schon in England jahrelang gearbeitet hatte: Es war gut, dass die Handelsherren aus der Leadenhall Street in Britisch-Indien fürstliche Gewinne machten und sämtliche Schätze des Orients nach Hause transportierten, um dort noch höheren Profit zu erzielen.

      Doch für England und den König war außer vollen Geldtruhen nicht viel zu gewinnen. Großbritannien war eine maritime europäische Großmacht, die durch ihre Insellage in ihren Expansionsbestrebungen behindert wurde, sich aufgrund ihrer Transportkapazitäten jedoch auf allen Meeren der Welt ausdehnen konnte. Außer den Territorien um Kalkutta, Madras und Bombay strebte der Generalgouverneur an, die reichen Gebiete in Südindien für seinen König zu erobern. Es gab einen Schutzvertrag mit Hyderabad, der – geschickt manipuliert – den Nizam immer stärker in die Abhängigkeit von London treiben würde. Mysore würde nach dem Sieg über den Sultan das nächste Juwel in Englands indischer Krone werden; dann – Morningtons Augen glitten über eine riesige Landkarte an der Wand seines Arbeitszimmers – würde er sich Bajee Rao und den Marattha zuwenden. Er musste nur einen Grund finden, um die Soldaten König Georgs über die Grenze marschieren zu lassen.

      Ein wenig unsanft riss Henry Wellesley seinen Bruder aus seiner Tagträumerei. »Richard, Sir Edwin Hall ist mit der juristischen Expertise eingetroffen, und der Rat tagt in zwei Stunden, um über die Kriegserklärung gegen Tippu zu befinden.«

      Mornington blickte von dem Papier auf und lächelte seinen Bruder an. »Ausgezeichnet, Henry. Richte Sir Edwin aus, dass ich ihn in zehn Minuten empfange. Und ...« Der Generalgouverneur stockte kurz. Inzwischen war sogar zu ihm durchgedrungen, dass sein unmöglicher Bruder Arthur die unmögliche Tochter von Lord Hall zu heiraten gedachte. Zu Anfang hatte ihn dieser Gedanke belustigt. Sie würden ein feines Gespann abgeben, der kränkliche, magere Buchhalter im roten Rock und die kleine, ungezogene Brillenschlange...

      »Einen Augenblick noch, Henry!« Mornington deutete mit dem Finger auf den Papierberg auf seinem Schreibtisch. »Willst du mir weismachen, unser dummer Bruder Arthur hat das alles bewerkstelligt?« Henry Wellesley mochte es nicht, dass Richard so abfällig über Arthur sprach, denn er hatte ihn während der langen Wochen in Madras kennen und schätzen gelernt. Doch seine Angst vor Richard saß zu tief, als dass er gewagt hätte, offenen Widerstand zu zeigen. »Ja, Richard. Er hat diesen Dienst auf Geheiß von Sir John Shore aufgebaut. Lord Clive und Sir Alured Clarke sagten mir, dass er ausgezeichnet funktioniert und für die Armee geradezu unabkömmlich geworden ist.«

      Mornington grinste hinterhältig. Beinahe wie im Selbstgespräch murmelte er: »Sieh mal einer an. Vielleicht hat Papas Liebling außer Notenpapier und Musik ja doch noch etwas anderes im Kopf. Erstaunlich! Ich werde mir unseren kleinen, dummen Arthur irgendwann mal ansehen müssen. Falls er den Feldzug gegen Mysore aus Versehen überlebt...« Er wandte sich wieder an Henry. »Bitte Sir Edwin herein!«

      Oberst Allessandro Cappellini war bis an die Grenze geritten, nur von einem »Pathan«-Offizier des Sultans begleitet. Die beiden Männer hatten die kühle Nacht dem Tageslicht vorgezogen. Als sie in der reichen, fruchtbaren Ebene ankamen, konnten sie am fernen Horizont unzählige Dörfer, Zisternen und ordentlich bestellte Felder im Abendrot sehen. Cappellini hatte als Treffpunkt einen alten Hindutempel ausgewählt. Der Tempel war Balarama geweiht, einem der Brüder Krishnas. Manche glaubten, Balarama sei die siebte »avatar« Vishnus. Die Menschen kamen an hohen Festtagen zum Tempel und opferten der Gottheit, damit diese sie vor Krieg und Verwüstung beschützte und ihnen Regen und eine reiche Ernte bescherte.

      Cappellini schmunzelte, als er an diesen Aberglauben dachte. Er war hierhergekommen, um Feuer und Eisen über das Land zu bringen und einen Krieg, der Frankreichs Macht im Herzen von Britisch-Indien derart stärken würde, dass die verfluchten Engländer über kurz oder lang an diesem Dorn in ihrer Ferse verrecken mussten. Die Armee des Sultans war gigantisch; die Waffen und Ausrüstung seiner Soldaten entsprachen dem neuesten Stand der Militärtechnik; Seringapatam, die Hauptstadt von Mysore, war eine fast unbezwingbare Festung, und er, Allessandro Cappellini, war der beste Berater, den das Direktorium auf diesen Posten hatte entsenden können. Interessiert glitten seine Augen über die reichverzierten Altäre. Wenn kein religiöser Festtag war, beherbergten sie Affen, Schlangen, Skorpione und anderes Ungeziefer, das sich an den Opfergaben gütlich tat. Es war ihm unverständlich, wie eine dermaßen ausgebeutete Bauernschaft wie die von Mysore bereit sein konnte, Reis, Früchte und Eier in der Hoffnung auf ein besseres Morgen diesem Viehzeug zu überlassen, statt sich die leeren Bäuche damit zu füllen.

      »Sahib, da kommt unsere Kontaktperson!« unterbrach der Offizier des Sultans die Gedanken des Franzosen. Am Horizont konnte man eine Staubwolke ausmachen, die sich im Abendrot dem verlassenen Tempel näherte.

      »Und Ihr seid davon überzeugt, Oberst Wao, dass diese Person Licht in das Dunkel des britischen militärischen Nachrichtendienstes bringt?«

      Dhoondia Wao nickte zufrieden. Er hatte viel Zeit, Mühe und Geld seines Herrn investiert, um im Herzen von Fort St. George selbst einen Spion unterzubringen, dessen Augen und Ohren nichts verborgen bleiben konnte. Natürlich war es teuer, das feinste Hurenhaus von Madras zu unterhalten, doch in den Armen der teuren und gefügigen Schönen war so mancher britische Offizier weitaus gesprächiger als bei einem Glas Brandy.

      Der »Pathan« bedeutete seinem französischen Gefährten, ihm zu folgen. Die Staubwolke hatte sich derweil in einen einsamen Reiter verwandelt, der sein Tier an den Stufen des Tempels zügelte und behände aus dem Sattel sprang. Als er des Mannes neben Dhoondia Wao gewahr wurde, wollte er zur Waffe greifen, doch ein paar knappe Worte des »Pathans« beruhigten den Reiter wieder. Oberst Cappellini war erstaunt, als ein prächtiger, schwarzglänzender Zopf und die feinen Züge einer Frau unter dem staubigen Turban zum Vorschein kamen. »Lakshmi, ich möchte dir den Sahib vorstellen, der unserem Herrscher als Militärberater dient«, erklärte Wao in der Landessprache. Die Frau lachte verächtlich. »Spar dir dein Gerede von >unserem Herrscher<! Wenn du das Geld hast, können wir reden. Wenn nicht, soll dich der Teufel holen, Dhoondia.«

      Cappellini verstand ausreichend Kannada, um die Worte Lakshmis auch ohne Dolmetscher zu verstehen. Er lächelte freundlich und zeigte auf einen prallen Beutel, der an seinem Gürtel hing. Oberst Wao wollte seinen Agenten bereits zur Ordnung rufen, doch ein Zeichen des Franzosen überzeugte ihn davon, dass in diesem Augenblick die Informationen aus Madras wichtiger waren als sein Stolz und seine Ergebenheit dem Sultan gegenüber.

      »Also, Madame! Erzählen Sie! Wenn Ihre Geschichte gut ist, werde ich Sie fürstlich entlohnen.«

      Lakshmi blickte Dhoondia Wao triumphierend an. Fürs erste hatte sie gewonnen. Tippu war ihr gleichgültig, doch der Beutel am Sattel des Franzosen besaß Überzeugungskraft