George William Warren

Bei Erwachen Mord


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schritt, drehte sich Lindblad plötzlich zu ihm und nahm seine Hand. „Ich bin wirklich so froh, dass Monika bei Ihnen wohnt, Herr Bennett. Es ist eine unsichere Welt, in der wir leben. Ich verstehe vieles nicht mehr – manchmal auch mich nicht. Ich habe mich immer zu Taten hinreißen lassen, die ich dann bereut habe … das war mein ganzes Leben so. Dabei habe ich die wirklich wichtigen Dinge aus den Augen verloren.“ Er blickte Rolf geistesabwesend an. Dann strich er seine Haare nach hinten und stieg in den Wagen.

      Seltsam, dass Menschen, die ihr Leben lang nur an ihr Vergnügen und ihre Selbstverwirklichung gedacht haben, sich im Alter plötzlich um ihre Kinder sorgten. War es die Einsamkeit, die man in den späteren Jahren stärker spürte, oder das Ende des Lebens, das mehr und mehr die Gedanken der Menschen beherrschte, und ihnen ihre Versäumnisse deutlich vor Augen führte? Rolf stand noch eine Weile an der Auffahrt zu seinem Haus und starrte auf den dunklen, von Zedern umgebenen Weg, der zur Küste führte. Irgendetwas schien den Alten zu bedrücken. Welche geschäftliche Verabredung mochte er noch um diese Uhrzeit haben?

      7

       Ich fühle mich leicht und frei. – Ich gleite durch die dunklen Straßen. Meine Füße berühren den Boden kaum. Die bläulich-schwarzen Gebäude rechts und links beugen sich über mich. Aber sie können mich mit ihren schiefen Fenstern nicht sehen. Das herausdringende Licht erhellt nur spärlich die einsamen Gassen, die sich in Windungen dunkelrot vor mir hinziehen.

       Ich kann jetzt den Takt ihrer schnellen Schritte auf dem Pflaster hören. Die Dunkelheit scheint sie zur Eile anzutreiben. Aber es ist zwecklos – auch, wenn sie noch einige hundert Meter Vorsprung hat. Ich werde sie bald einholen – sehr bald. Und dann wird sie für alles bezahlen! Sie scheint stehen geblieben zu sein. Will sie es mir wirklich so einfach machen? Nein – nun ist sie in eine Seitengasse abgebogen. Ich höre wieder ihre raschen Schritte … aber diesmal viel näher. Sie hätte nicht stehen bleiben sollen. Ich kann bereites ihren Duft einatmen … den salzig dunstigen Geruch ihres Schweißes. Ich liebe den Geruch der Angst. Jetzt kann ich sie schon vor mir sehen – sie beschleunigt ihre Schritte, dreht sich mehrmals um ... Sie hat mich gesehen – sie fängt an zu rennen!

       Meine elastischen Schritte werden immer größer. Ich nehme mehrere Meter auf einmal … ich bin jetzt direkt hinter ihr … ich hole mit meinen Armen aus … greife nach ihrem Hals und drücke sie gegen mich. Sie versucht zu schreien. Meine Hände umklammern ihren Hals wie ein Schraubstock … meine Armmuskeln schwellen an. Ich fühle das Blut in ihrer Schlagader pulsieren … es kommt nur ein unterdrücktes Keuchen aus ihrem Mund, ich drücke noch fester zu. Sie windet sich, und ein Beben durchzieht ihren Körper ... ihre Hände umklammern meine Handgelenke, ihre Nägel dringen in das Leder meiner Handschuhe – ich fühle keinen Schmerz. Ihre langen, dunklen Haare verdecken ihre Augen … Ich will sie sehen … die Augen – die weit aufgerissenen Augen! Sie bäumt sich noch einmal auf, schlägt um sich, dreht ihren Kopf. Ich drücke fester zu, aber ich lasse mir Zeit. Ich bin Herr über die Sekunden, die ihr noch bleiben – ich musste ja auch leiden – Jahre des Leidens … Sie beißt mich, tritt, versucht sich freizumachen. Sie hat einen Schuh verloren, und ich kann ihren krampfhaft zuckenden Fuß sehen – ihre Zehen sind angezogen, sie strampelt heftiger … jetzt endlich sehe ich ihre dunklen Augen, die sich immer schneller hin und her bewegen. Ihre Pupillen sind erweitert. Jetzt schiebt sich die Iris nach oben, und ich kann nur noch das Weiße ihrer Augen sehen. Ich drücke noch fester zu – meine Arme sind zum Bersten gespannt, ich drücke sie zu Boden. Ihr Widerstand wird immer schwächer. Ich lege mich auf sie und fühle das Zucken ihres schweißüberströmten Körpers. Ich kann vor Erregung kaum atmen ... ich will jetzt nicht länger warten und umklammere ihren Hals noch fester. Ich fühle ein leichtes Knacken – ihr Körper erschlafft. Das Aufbäumen hat sich in ein leichtes Zittern verwandelt, ihr Blick wird immer glasiger, ich besitze sie jetzt vollkommen ... ich bin auf dem Höhepunkt angelangt. Das Leben scheint aus ihren Augen gewichen zu sein, sie starrt mich an ... aus ihrem linken Mundwinkel tropft der Speichel langsam auf ihren weißen Hemdkragen … ich vergrabe meine Zähne in ihrem Hals … das Blut strömt pulsartig über meine Lippen. Eine große Wärme überkommt mich und breitet sich in meinem Körper aus – so warm wie der Geruch, der ihrem nassen Körper entströmt.

       Ich fühle mich befreit und ruhig, mein Körper entspannt sich. Sie hat bezahlt …

      8

      Rolf fuhr mit einem Aufschrei hoch. Es hämmerte wie in einem Dieselmotor in seinem Kopf. Verschwommen erkannte er die Möbel seines Schlafzimmers, das von der Gartenbeleuchtung erhellt war. Es war nur ein Traum – nur ein Traum …

      Panik überkam ihn.

      „Monika!“ Rolf drehte sich hastig im Bett um ... Richtig, sie war ja heute in San Francisco geblieben. Sie übernachtete immer bei der Inhaberin der Galerie, wenn die monatliche Vernissage veranstaltet wurde. Er hatte ihr eingeschärft, nachts die gefährliche Küstenstraße nach El Granada zu meiden.

      Und er selbst – war gestern Nacht mit John und einem von dessen Bekannten versackt … Irgendwann hatte er aufgehört, die Gläser zu zählen. Er konnte sich gar nicht mehr an den anderen Mann erinnern.

      Rolf hielt sich seinen dröhnenden Schädel, in dem das Platzkonzert munter weiterlief.

      Eine starke Übelkeit stieg in ihm auf. Er fühlte, dass er sich gleich übergeben würde, und schaffte es gerade noch ins Badezimmer. Als Rolf sich dann im Spiegel ansah, merkte er, dass er sich noch nicht einmal ausgezogen hatte. Er schaute an sich herunter. Sein Jackett und seine Krawatte waren blutverschmiert.

      Dann entdeckte er die Platzwunde auf seiner Stirn. Er musste wohl hingefallen sein. Als er seinen Hinterkopf betastete, bemerkte er auch eine Beule. Er öffnete den Hahn und hielt seinen schmerzenden Kopf unter das kalte Wasser. Rolf starrte wieder auf die Verletzung und überlegte, ob er nicht lieber einen Notarzt rufen sollte, um die Wunde nähen zu lassen. Doch der bloße Gedanke, jetzt mit jemandem sprechen zu müssen, erfüllte ihn mit starkem Widerwillen. Die Verletzung hatte sowieso aufgehört zu bluten.

      Er versuchte krampfhaft, sich an den gestrigen Abend zu erinnern. Nichts, er sah nur Johns grinsendes Gesicht vor sich – und wer war der andere Mann gewesen?

      Die Erinnerungen an seinen Traum kamen wieder hoch.

      Rolf griff nach dem Hörer des Telefons. Er musste wissen, was er letzte Nacht getrieben hatte – John konnte ihn sicherlich aufklären. Er schaute auf seine Armbanduhr. Es war fünf – nein, er konnte jetzt seinen Partner nicht anrufen.

      Irgendwie musste er einen klaren Kopf bekommen. Mit unsicheren Schritten lief Rolf die Treppe zur Küche hinab und bewegte sich auf die Kaffeemaschine zu. Sein Blick fiel auf den Küchentisch, auf dem ein Glas und eine halbvolle Whiskyflasche standen. Bloß nicht!

      Er bemerkte, dass auch auf dem Stuhl Blut klebte.

      Er wandte sich der Espressomaschine zu und ließ sich einen Kaffee einlaufen. Dann griff er nach dem Päckchen Chesterfields.

      Rolf fühlte sich sehr schwach und hätte sich gerne wieder hingelegt. Es war Samstag. Aber er musste das alles hier und sich selbst in Ordnung bringen, bevor Monika morgens aufkreuzen würde. Und dann war ja heute diese verdammte Gartenparty. Es war wirklich nicht notwendig, John gleich zweimal innerhalb von vierundzwanzig Stunden zu sehen.

      Rolf stellte die Whiskyflasche in die Bar zurück und begann, die Küche zu reinigen. Auch unter dem Tisch fand er Blutspuren. Kaum zu glauben, dass seine Wunde so stark geblutet hatte ... Vielleicht hatte er am Hinterkopf auch eine Verletzung?

      Im Badezimmer stellte er sich mit dem Rücken zum Hauptspiegel und versuchte, mit Monikas kleinem Kosmetikspiegel seinen Hinterkopf zu untersuchen, konnte aber keine weiteren Blutspuren auf seinen Haaren entdecken. Er strich mit der Hand über die schmerzende Beule.

      Rolf betrachtete wieder die Blutspuren auf seiner Kleidung und dachte unwillkürlich an seinen Alptraum. Das Blut musste zwangsläufig von der Verletzung auf seiner Stirn kommen – er hatte doch nur geträumt!